Gastautor / 26.12.2019 / 12:00 / Foto: J.M.Garg / 48 / Seite ausdrucken

Generation wichtig-wichtig

Von Jonas Dierkopf.

Panik herrscht in Europa. „Our house is on fire“, verlautbarte Greta Thunberg. Mehrere Städte erklärten den „Klimanotstand“, und spätestens seit dem Beinahe-Sieg der AfD in Sachsen, aber eigentlich schon seit der Gründung der Partei, ist sich Deutschland sicher: Wir stehen kurz vor 1933, und „wer immer schon mal wissen wollte, wie ‚das mit den Nazis‘ in Deutschland" damals einfach so passieren konnte", lebt in der richtigen Zeit.“ (tweetete Jan Böhmermann schon vor genau drei Jahren). Die Synthese beider Panikzustände gelang einem Demonstranten, der im Oktober diesen Jahres auf einer Klimademo in Nürnberg ein Plakat hochhielt, auf dem stand: „Wäre das Klima eine Synagoge ... Was ein Aufschrei!!!“

Es ist offensichtlich, dass sich die Demonstranten in der Tradition der Studentenbewegung sehen und probieren, mittels zivilen Ungehorsams ihrer Ablehnung der „herrschenden Politik“ oder „des Establishments“ Gehör zu verschaffen. Grundsätzlich ist das auch nichts sonderlich Verwerfliches, denn ziviler Ungehorsam kann in einer westlichen Demokratie (mit besonderem Verweis auf das Frühjahr in Frankreich) durchaus politische Reformen auf den Weg bringen und Überzeugungen mündiger Bürger hinterfragen.

Doch sei es für das Klima, für Europa, für die Demokratie oder gegen rechts: Die Proteste junger Erwachsener in Deutschland sind das Symptom einer Generation, in der es en-vogue ist, politisch zu sein. Im Bewusstsein der Sinnlosigkeit des eigenen Alltags, der darin besteht, Hausarbeit- und Essaydeadlines mit der Suche nach einem Praktikumsplatz, bei dem man die nächste Station seines Lebenslaufes absitzen darf, unter einen Hut zu bringen, scheint politisches Engagement ein geeigneter Ausgleich.

Bedeutete dies früher noch, mit der politischen Avantgarde zu sympathisieren, die sich in der Tat meist gegen die politische Mehrheit stellte und konkrete Verbesserungen der eigenen Lebensumstände einforderte, so ist man heute die Mehrheit. Und die Mehrheit will: Europa. Die europäische Flagge eint, vom (linken) Internationalisten bis zum Kassenwart eines Junge-Union-Ortsverbandes, alle. Warum auch nicht? Steht die deutsche Flagge doch für ein Land, dessen Vorgänger komplett Europa zerstörte und danach – im Wissen, dass die Verursacher noch da und wieder Teil der Zivilgesellschaft sind – das Geschehene totschwieg, bevor man einem kollektiven Erinnerungskitsch verfiel.

Die Sehnsucht nach einer Nation

Dass gerade junge Deutsche so begeistert von Europa und der EU sind, vor der Europawahl stolz Europafahnen schwenkten, zwischen Business Lunch und dem nächsten Projektmeeting mit verstimmten Gitarren und – mangels Textsicherheit – spätestens ab der 2. Strophe immer leiser werdendem Gesang „Ode an die Freude“ anstimmten, ist kein Zufall. Europa bildet die geeignete Projektionsfläche für das vulgärdeutsche Nationalgefühl, das man nie haben durfte: endlich Flagge zeigen, lauthals die Nationalhymne singen, für eine starke Armee einstehen – kurzum: stolzer Repräsentant des eigenen Landes sein.

All das gehörte für den Jungeuropäer, in bezug auf Deutschland, in die Ecke des bürgerlich-konservativen Spießers, der man ja als Abonnent oder Instagram Follower der ZEIT beziehungsweise der Süddeutschen Zeitung nicht sein kann. In bezug auf Europa geht jedoch alles, denn man weiß ja, wohin der Nationalismus führte, hat daraus gelernt und ist sich sicher, dass die EU ein geeignetes Gegenmittel ist.

„System change, not climate change“, war in diesem Jahr auf den „Fridays for Future“ Demonstrationen eine beliebte Parole. Es bleibt spannend, wie dieser „System change“ aussehen wird, wo doch selbst der Umgang von Jugendlichen und jungen Erwachsenen untereinander von Arbeitsteilung und dem Streben nach Effizienz geprägt ist: Auf LinkedIn und Xing wird fleißig genetworkt, durch Links- oder Rechtswischen von Profilen bekommt man bei Tinder seine sexuellen Bedürfnisse befriedigt, und anschließend sind die „normalen“ Freunde dann dazu da, das Geschehene zu verarbeiten, indem man sich bei einer Apfelschorle gegenseitig mit Geschichten über Universität, Arbeit, Praktikum oder dem letzten Tinderdate langweilt. Taktet man all das perfekt, bleibt sogar noch Zeit, sich beim Zentrum für politische Schönheit Erde aus Auschwitz zu kaufen, damit man ja nicht vergisst, worüber man mit seinen Großeltern nicht reden will.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Generation junger Erwachsener aus Deutschland ist eine Generation von Wichtigtuern. Vielleicht aber ist das gerade der Grund zur Hoffnung. Dadurch, dass alle so wichtig sind, so viel zu tun haben und von einer scheinbaren Krise zur nächsten hetzen, verfallen sie in eine Lethargie der Selbstbeschäftigung, so dass es am Ende vielleicht doch an den einfacheren Leuten liegt, die Welt zu verändern. Denjenigen, die sich nicht so leicht von der Politik abfrühstücken lassen, denjenigen, die Wichtigeres als Wichtigtun zu tun haben.

 

Jonas Dierkopf ist Student aus Regensburg und hat beschlossen, das Jahr in Israel ausklingen zu lassen.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Jürgen Althoff / 26.12.2019

Wichtigtuer sind vor allem lächerlich. Aber diese Wichtigtuer wissen auch nicht im Entferntesten, worüber sie reden. Sie sind unwissend, ungebildet. Und bei ihnen gilt der bekannte Satz: Mach’ mal einem Bekloppten klar, dass er bekloppt ist. Ich bin sicher: keiner der Demonstranten wäre in der Lage, auch nur eine zutreffende Definition von Klima zu geben. Keiner weiß, dass Greta, FFF und die dahinter stehenden Organisationen zum Schüren der Panik mit bewussten Falschbehauptungen, neudeutsch: fake news, operieren. Im Pariser Vertrag ist so wenig von der Dringlichkeit der CO2-Reduzierung die Rede, dass man China, Indien und den Entwicklungsländern ausdrücklich gestattet, bis 2030 zusätzlich mehr CO2 zu emittieren, als die EU insgesamt durch ihre Deindustrialisierung einsparen könnte. Nein, der UN und ihrem IPCC geht es um viel Geld durch Ablasszahlungen, was Prof. Edenhofer vom PIK schon vor fast einem Jahrzehnt offen gesagt hat. Die Panikmacher haben FFF & Co geentert, weil sie hier eine Chance zur Durchsetzung des Weltkommonismus sehen. Wären die Demonstranten mit offenen Augen und offenen Sinnes durch Europa gereist, dann wäre ihnen aufgefallen, in wie vielen Ländern man auch außerhalb von Feiertagen die Landesfahnen sieht, weil die Menschen sich mit ihrem Land und ihrer Kultur identifizieren und das auch sichtbar machen. In keinem EU-Mitgliedsland gäbe es eine Mehrheit für ein Aufgehen in den Vereinigten Staaten von Europa - außer bei den deutschen Grünlinken.

H.Schmidt / 26.12.2019

” Die Generation junger Erwachsener aus Deutschland ist eine Generation von Wichtigtuern. “ Richtig erkannt! Wie die Eltern, so das Kind. Auch die Generation die diese aktuellen Kinder gezeugt hat war und ist ein Haufen Wichtigtuer. Habe das in meinem Berufsleben täglich erfahren dürfen. Und was diese Personen nun als Nachfolger in die Welt gesetzt haben ... nun ja. Das Kindergeld dafür ist es jedenfalls nicht Wert.

Gabriele Klein / 26.12.2019

“Es ist offensichtlich, dass sich die Demonstranten in der Tradition der Studentenbewegung sehen und probieren, mittels zivilen Ungehorsams ihrer Ablehnung der „herrschenden Politik“ oder „des Establishments“ Gehör zu verschaffen. ” Das was hier passiert würde ich nicht als ziviler Ungehorsam bezeichnen sondern als vorauseilenden Gehorsam im Gewande des Ungehorsams. Ich werde den Eindruck nicht los, dass Theater, Künstler wie das Zentrum für politische Schönheit von der Regierung finanziert werden, ganz so wie Stalin und Lenin diese Bereiche als AGITPROP in ihren Dienst nahmen um mit Hilfe der Kulturschaffendenjene zu diffamieren die ihnen hätten gefährlich werden können.

Heinz Becker / 26.12.2019

Ich mag ja diese Artikel, in denen dem allgegenwaertigen Wahnsinn der satirische Spiegel vorgehalten wird. Im Uebrigen vermute ich, dass die Angehoerigen der Generation Wichtig in grossen Teilen personengleich mit denen der Generation Doof sind, was wiederum - abseits aller Satire - vieles erklaert. Es gibt ja auch Stimmen, dass es in der sogenannten BRD nicht vor 1933, sondern bereits etwa 1936 ist, was Meinungsfreiheit, Gleichschaltung von Justiz, Presse und anderen Organisationen angeht… Ich wuensche dem Autor eine schoene Zeit in Israel - auch das ist ein klares Statement gegen all die Steinmeiers, Merkels, Maasens usw.

Heinrich Hein / 26.12.2019

Und eines fehlt noch: die heutige Generation junger Wichtigtuer ist regelmäßig auch eine Erbengeneration. Das bedeutet, das grossfressige und selbstbewusste Auftreten, obwohl man außer zu studieren noch nichts im Leben vollbracht hat, wird vom Erbe der Eltern finanziert. So lebt es sich gut und man kann alle anderen belehren, im stets guten Gefühl, alles richtig gemacht zu haben im Leben, indem man in die richtige Familie geboren wurde.

M. Schneider / 26.12.2019

Eine schonungslose Beschreibung, die hoffen lässt, dass es noch andere junge Menschen gibt, solche, die selber nachdenken und nicht vorgegebenen, von der Politik und ihren ergebenen Medien und NGO´s gesteuerten Ideen und Aktionen hinterherlaufen und sich dabei unendlich wichtig finden und moralisch unglaublich gut und überlegen fühlen.

Stephan Bender / 26.12.2019

Ja, sicher: Wenn sich zwei sexuell gereifte Germanen für gemeinsame Turnübungen zusammentun,  egal ob nun als Wirtschaftswundertrottel oder als staatlich anerkannter Zuchtrusse, da kommt dann am Ende so ein Wichtigtuer heraus. Dieser Wichtigtuer ist aber andererseits auch ein wertvolles Mitglied der demokratischen Gesellschaft, in der in Politik, Medien und Umweltwissenschaften sein weltweit einzigartiges Potential an unverzichtbarer Wichtigkeit zur Geltung bringen kann. Mehr noch: Das asketisch-hündische Aufschauen der völlig unbegabten, restlichen Weltbevölkerung zu einem deutschen Jungspund, dessen Wichtigkeit Kraft und Glaube der ganzen Erde sind, ist das höchste je erreichbare Ziel, welches jeglichen Glauben und Ideologien dieser Restbevölkerung überflüssig machen!  Und wie schwer es ist, sinntragende Lebensziele zu formulieren und diese dann auch noch zu reichen, wissen wir aus unserer langen Geschichte… Irren ist nämlich nur dann menschlich, solange man den Radiergummi nicht vor dem Bleistift aufbraucht!

Angela Seegers / 26.12.2019

Chapeau, junger Mann. Habe mich eben ein bisschen schlau gemacht über Jonas Dierkopf. „Band ohne Namen“, einige Auftritte vor klugem Publikum. Mehr war nicht zu finden. Werde aber die Augen und Ohren offen halten auf dem weiteren Weg…. Alles Gute.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Gastautor / 26.05.2024 / 20:00 / 0

Wer hat’s gesagt? (Auflösung)

Von Klaus Kadir. Unter dem Titel „Wer hat’s gesagt?“ konfrontieren wir Sie am Sonntagmorgen mit einem prägnanten Zitat – und Sie dürfen raten, von wem…/ mehr

Gastautor / 26.05.2024 / 09:00 / 14

„Wenn eine Partei den Staat als Beute nimmt, ist das keine Demokratie mehr“

Von Klaus Kadir. Unter dem Titel „Wer hat’s gesagt?“ konfrontieren wir Sie am Sonntagmorgen mit einem prägnanten Zitat – und Sie dürfen raten, von wem…/ mehr

Gastautor / 25.05.2024 / 10:00 / 10

​​​​​​​Weitere Kandidaten für „harte Landungen“ in Nahost

Von Michael Rubin. Das plötzliche und unerwartete Hinscheiden des iranischen Präsidenten wirft eine Frage auf: Worauf muss sich Amerika einstellen, wenn andere Führungspersönlichkeiten in Nahost…/ mehr

Gastautor / 22.05.2024 / 16:00 / 11

Radikal fürs Klima

Von Boris Blaha. Es soll mal wieder mehr revolutionäre Radikalität walten, diesmal um das dumme Volk mit Gewalt auf die heilsgewisse Klimalinie zu zwingen. Alles Nazis…/ mehr

Gastautor / 20.05.2024 / 12:00 / 23

Erdoğans Trojanisches Pferd bald in Brüssel?

Erdoğan hat einen weiteren Weg gefunden, die deutsche Demokratie zu untergraben: Die DAVA hat vom Bundeswahlausschuss die Zulassung zur Teilnahme an den EU-Parlaments-Wahlen erhalten. Von…/ mehr

Gastautor / 19.05.2024 / 20:00 / 0

Wer hat’s gesagt? (Auflösung)

Von Klaus Kadir. Unter dem Titel „Wer hat’s gesagt?“ konfrontieren wir Sie am Sonntagmorgen mit einem prägnanten Zitat – und Sie dürfen raten, von wem…/ mehr

Gastautor / 19.05.2024 / 09:00 / 17

Wer hat’s gesagt? Die Schweiz –  „Synagoge des Satans“

Von Klaus Kadir. Unter dem Titel „Wer hat’s gesagt?“ konfrontieren wir Sie am Sonntagmorgen mit einem prägnanten Zitat – und Sie dürfen raten, von wem…/ mehr

Gastautor / 12.05.2024 / 20:00 / 0

Wer hat’s gesagt? (Auflösung)

Von Klaus Kadir. Unter dem Titel „Wer hat’s gesagt?“ konfrontieren wir Sie am Sonntagmorgen mit einem prägnanten Zitat – und Sie dürfen raten, von wem…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com