Von Jonas Dierkopf.
Panik herrscht in Europa. „Our house is on fire“, verlautbarte Greta Thunberg. Mehrere Städte erklärten den „Klimanotstand“, und spätestens seit dem Beinahe-Sieg der AfD in Sachsen, aber eigentlich schon seit der Gründung der Partei, ist sich Deutschland sicher: Wir stehen kurz vor 1933, und „wer immer schon mal wissen wollte, wie ‚das mit den Nazis‘ in Deutschland" damals einfach so passieren konnte", lebt in der richtigen Zeit.“ (tweetete Jan Böhmermann schon vor genau drei Jahren). Die Synthese beider Panikzustände gelang einem Demonstranten, der im Oktober diesen Jahres auf einer Klimademo in Nürnberg ein Plakat hochhielt, auf dem stand: „Wäre das Klima eine Synagoge ... Was ein Aufschrei!!!“
Es ist offensichtlich, dass sich die Demonstranten in der Tradition der Studentenbewegung sehen und probieren, mittels zivilen Ungehorsams ihrer Ablehnung der „herrschenden Politik“ oder „des Establishments“ Gehör zu verschaffen. Grundsätzlich ist das auch nichts sonderlich Verwerfliches, denn ziviler Ungehorsam kann in einer westlichen Demokratie (mit besonderem Verweis auf das Frühjahr in Frankreich) durchaus politische Reformen auf den Weg bringen und Überzeugungen mündiger Bürger hinterfragen.
Doch sei es für das Klima, für Europa, für die Demokratie oder gegen rechts: Die Proteste junger Erwachsener in Deutschland sind das Symptom einer Generation, in der es en-vogue ist, politisch zu sein. Im Bewusstsein der Sinnlosigkeit des eigenen Alltags, der darin besteht, Hausarbeit- und Essaydeadlines mit der Suche nach einem Praktikumsplatz, bei dem man die nächste Station seines Lebenslaufes absitzen darf, unter einen Hut zu bringen, scheint politisches Engagement ein geeigneter Ausgleich.
Bedeutete dies früher noch, mit der politischen Avantgarde zu sympathisieren, die sich in der Tat meist gegen die politische Mehrheit stellte und konkrete Verbesserungen der eigenen Lebensumstände einforderte, so ist man heute die Mehrheit. Und die Mehrheit will: Europa. Die europäische Flagge eint, vom (linken) Internationalisten bis zum Kassenwart eines Junge-Union-Ortsverbandes, alle. Warum auch nicht? Steht die deutsche Flagge doch für ein Land, dessen Vorgänger komplett Europa zerstörte und danach – im Wissen, dass die Verursacher noch da und wieder Teil der Zivilgesellschaft sind – das Geschehene totschwieg, bevor man einem kollektiven Erinnerungskitsch verfiel.
Die Sehnsucht nach einer Nation
Dass gerade junge Deutsche so begeistert von Europa und der EU sind, vor der Europawahl stolz Europafahnen schwenkten, zwischen Business Lunch und dem nächsten Projektmeeting mit verstimmten Gitarren und – mangels Textsicherheit – spätestens ab der 2. Strophe immer leiser werdendem Gesang „Ode an die Freude“ anstimmten, ist kein Zufall. Europa bildet die geeignete Projektionsfläche für das vulgärdeutsche Nationalgefühl, das man nie haben durfte: endlich Flagge zeigen, lauthals die Nationalhymne singen, für eine starke Armee einstehen – kurzum: stolzer Repräsentant des eigenen Landes sein.
All das gehörte für den Jungeuropäer, in bezug auf Deutschland, in die Ecke des bürgerlich-konservativen Spießers, der man ja als Abonnent oder Instagram Follower der ZEIT beziehungsweise der Süddeutschen Zeitung nicht sein kann. In bezug auf Europa geht jedoch alles, denn man weiß ja, wohin der Nationalismus führte, hat daraus gelernt und ist sich sicher, dass die EU ein geeignetes Gegenmittel ist.
„System change, not climate change“, war in diesem Jahr auf den „Fridays for Future“ Demonstrationen eine beliebte Parole. Es bleibt spannend, wie dieser „System change“ aussehen wird, wo doch selbst der Umgang von Jugendlichen und jungen Erwachsenen untereinander von Arbeitsteilung und dem Streben nach Effizienz geprägt ist: Auf LinkedIn und Xing wird fleißig genetworkt, durch Links- oder Rechtswischen von Profilen bekommt man bei Tinder seine sexuellen Bedürfnisse befriedigt, und anschließend sind die „normalen“ Freunde dann dazu da, das Geschehene zu verarbeiten, indem man sich bei einer Apfelschorle gegenseitig mit Geschichten über Universität, Arbeit, Praktikum oder dem letzten Tinderdate langweilt. Taktet man all das perfekt, bleibt sogar noch Zeit, sich beim Zentrum für politische Schönheit Erde aus Auschwitz zu kaufen, damit man ja nicht vergisst, worüber man mit seinen Großeltern nicht reden will.
Lange Rede, kurzer Sinn: Die Generation junger Erwachsener aus Deutschland ist eine Generation von Wichtigtuern. Vielleicht aber ist das gerade der Grund zur Hoffnung. Dadurch, dass alle so wichtig sind, so viel zu tun haben und von einer scheinbaren Krise zur nächsten hetzen, verfallen sie in eine Lethargie der Selbstbeschäftigung, so dass es am Ende vielleicht doch an den einfacheren Leuten liegt, die Welt zu verändern. Denjenigen, die sich nicht so leicht von der Politik abfrühstücken lassen, denjenigen, die Wichtigeres als Wichtigtun zu tun haben.
Jonas Dierkopf ist Student aus Regensburg und hat beschlossen, das Jahr in Israel ausklingen zu lassen.
Beitragsbild: J.M.Garg CC BY 3.0 via Wikimedia Commons
Die Ueberreaktion - um nicht zu sagen die Hysterie - gehört doch zur deutschen DNA. Diese Generation setzt doch nur das fort was immer war: Einmal strebt man die Weltherrschaft an um dann wieder die moralische Instanz zu markieren. Deutschland über alles! Das ist die Konstante.
Wichtigtuer: Nervtötende Zeiträuber, die aus einer Laus einen Elefanten machen. Wenig zu sagen, aber das bei jeder Gelegenheit und ausführlichst. Lästig wie eine Fliege im stillen Zimmer. Ich blicke auf 40 Jahre Lehrertätigkeit zurück, weiß also, wovon ich rede. Dabei waren die verbliebenen restlichen Männer z.T. genauso unerträglich wie die sich wichtig tuenden Frauen. Hauptsache reden, seinen Senf zu allem dazugeben und dadurch dafür sorgen, dass Konferenzen meist mindestens doppelt so lange gedauert haben, wie es nötig gewesen wäre. - Viele Kinder und Jugendliche sind Wichtigtuer, weil ihnen von ihren Helikoptereltern vermittelt wird, dass sie etwas ganz Besonderes sind - vor allem, weil sie mehr Materielles haben als andere. Klappt's dann mit der Leistung nicht so ganz, wird das 2beinige Küken, das nie selbständig werden darf, solange Mami und Papi noch leben, flugs zum Psychologen geschleppt, der dem Kind bescheinigt, dass es hochbegabt ist. Was tut man nicht alles für eine saftige Privatrechnung! So kann sich der kleine Wichtigtuer bis zum Dumping-Abi durchmogeln, mit großer Klappe und nichts dahinter - aber mit der Bestätigung, dass er hochintelligent ist, was natürlich die blöden Lehrer nicht erkannt haben. Über eine wachsende Gattung erwachsener Wichtigtuer schmunzele ich in mich hinein: Die Kreuzfahrer, die noch in den letzten, einst einsamen Fjord einfahren, die ganze Welt sehen - aber überwiegend lautstark und ausführlichst vom Essen auf dem Schiff und dem Unterhaltungsprogramm erzählen. Landschaft, Leute - meist nur nebensächlich. Nicht zu vergessen: Die getätigten Einkäufe sind noch wichtig! Nervtötend! Wichtigtuer par excellence!
"Das Jahr in Israel ausklingen zu lassen", hat natürlich Stil und fällt allein schon deshalb in die Kategorie der "politischen Schönheit" , - Klugheit oder - Gutheit. Oder aber vielleicht sogar derWichtigtuerei, von der der Verfasser nicht so recht zu wissen scheint, ob sie gut oder von übel ist. Zum Schluss besteht irgendwie ja Hoffnung für die Welt. Macht durchaus Sinn, denn er selbst ist Element der Kategorie Lernende. Hoffentlich gelingt ihm das auch ( bei einer Apfelschorle :) - brav! brav! darauf muss man sich doch einen Schnaps genehmigen, Prosit, Jergen Puckel! ). Bierernst ohne Bier - geht das ?
@F. Hoffmann es kommt aber auch zweimal der Wicht darin vor. Sprache ist mächtig. :-)
Kein junger Mensch will Europa. Kein Mensch der nachdenkt will das. Wartet den kommenden Crash ab, dann verfliegt die Jugendliche Dekadenz.
Generation Dunning-Kruger. Im täglichen Umgang extrem anstrengend, bei uns läuft so jemand als junge Führungskraft herum.
In den meisten Kulturen der Welt gehört ein gewisser Respekt der Jugend vor dem Alter zum guten Ton, da eine gewisse Lebenserfahrung ja oft einen Gewinn an Weisheit darstellt. Die Jugend wird notfalls von den Eltern autoritär dazu angehalten, ihre Großeltern zu respektieren. Aber die Generation "richtig wichtig" (in leichter Abwandlung des Titels) wurde antiautoritär von Eltern erzogen, die antiautoritär erzogen wurden. Heute bedankt sich die Jugend für die Lebenserfahrung ihrer Großeltern mit einem charmanten "Hey, was redet ihr uns rein, ihr seid ja eh bald nicht mehr dabei". Da könnte man beinahe meinen, es müsste wieder etwas Autorität her. Bei einem noch leeren Hirn hilft gutes Zureden nicht immer.