Der Volkswagen Golf ist für die Bundesrepublik ein wirtschaftliches Symbol und auch eine kulturelle Verortung. Mit einem unfreiwilligen Produktionsstopp wegen der Abhängigkeit von China trifft die "Generation Golf" nun auf den harten Boden der Realität. Die als "vorgesehene Inventurmaßnahme" euphemistisch verklärte Katasthrophe führt nun dazu, dass die Produktion "temporär ruht". Die Bänder stehen also nicht still, sondern haben nur aufgehört zu produzieren, wie Robert Habeck es formulieren würde. Der wurde am 2. September als Angehöriger der "Generation Golf" 1969 in Lübeck geboren, die "Generation Golf" ist endlich angekommen. Die Sätze des Klappentextes für das gleichnamige Buch von Florian Illies bekommen plötzlich eine nahezu prophetische Dimension:
"Die achtziger Jahre waren das langweiligste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts. Nicole sang von ein bißchen Frieden, Boris Becker spielte ein bißchen Tennis, Kaffee hieß plötzlich Cappuccino und Raider Twix. Aber sonst änderte sich nix. Noch ahnten die zwischen 1965 und 1975 Geborenen nicht, daß sich das ganze Leben anfühlte wie die träge Bewegungslosigkeit eines gut gepolsterten Sonntagnachmittags. Ja, noch ahnte man nicht einmal, daß man einer Generation angehörte, der Generation Golf..."
Florian Illies, so die Beschreibung, beschäftigt sich in seinem Buch mit dem Lebensgefühl der zwischen 1965 und 1975 Geborenen, "das vom ersten Besuch eines Ikea-Kinderparadieses nachhaltig geprägt wurde". Das Buch-Cover zeigte ein hübsches Zimmer-Aquarium, an dessen Boden ein kleiner Golf blubbert. Jetzt strebt die Generation Golf der Frühverrentung repektive Spät-Arbeitslosigkeit entgegen und darf die Ergebnisse ihres Wirkens zur Kenntnis nehmen.
Die, die alles hatten, müssen nun erleben, wie sie möglicherweise das meiste verlieren. Es ist kein Wasser mehr drin im Aquarium, doch die Deutschen springen munter weiter vom Dreimeter-Brett. Der Glaube, alle Probleme mit Geld und ohne eigene Anstrengung lösen zu können, ist der rote Faden, der sich durch die deutsche Politik zieht wie ein Rallyestreifen über das Dach eines Golf-GTI. Gestern stoppte VW die Golf-Produktion, und am kommenden Samstag wird in Gundremmingen das einst größte Kernkraftwerk der Bundesrepublik ersatzlos und sinnlos in die Luft gesprengt. Dies sind zwei Seiten der gleichen Medaille.
Im Sandkasten ist die Hölle los und die Generation Golf wird aus der Kurve getragen, wie die Passagiere eines Kettenkarussels, die sich nicht angeschnallt haben. Nexperia, einst Teil des niederländischen Philips-Konzerns, aber mittlerweile in Händen des halb-staatlichen chinesischen Unternehmens Wingtech, liefert sehr viele der sogenannten diskreten Halbleiter. Das sind einfache elektronische Bauteile wie Dioden, Transistoren oder sogenannte MOSFETs (Leistungstransistoren, die Stromflüsse schalten und regeln). Die unscheinbaren Komponenten sind in nahezu jedem Steuergerät eines Autos verbaut. China blockierte jetzt die Ausfuhr bestimmter, in China montierter Nexperia-Chips. Wenn China es will, stehen alle Räder still.
Absolventen der Gender-Studies werden das Volkswagen-Halbleiter-Problem nicht lösen
Atomausstieg, Verbrenner-Ausstieg, Düngemittel-Ausstieg, Fleischproduktions-Ausstieg, Kohle-Ausstieg, Chemie-Ausstieg und so weiter und so fort: Alle diese Überdruss-Erscheinungen aus dem Kinder-Paradies rächen sich jetzt bitter. Und dazu gehört auch der Glaube an die eigene Grandiosität, die den Rest der Welt auf ewig in den Schatten stellen würde. Energiepolitisch, wirtschaftspolitisch und industriepolitisch macht sich dieses Land seit geraumer Zeit vom Ausland abhängig, zuvorderst vom nicht eben als besonders anteilnehmend bekannten China.
Und die Verantwortlichkeit dafür wurde längst an der Brüsseler Garderobe abgegeben. Bedauerlicherweise ist die Wirtschafts-Kompetenz der kommunistischen Kavallerie Chinas der Voltigier-Truppe von Ursula von der Leyen um mehrere Oxer überlegen: Die einen sind halt Strategen, die anderen strunzdumm. Oder wie der gute alte Konfuzius zu sagen pflegte: "Dummheit ist nicht wenig wissen, auch nicht wenig wissen wollen, Dummheit ist glauben, genug zu wissen". Die unangenehme Frage lautet unter den gegebenen Umständen, ob sich Deutschland gleich dem chinesischen Wirtschaftsraum anschließen sollte, oder noch ein bisschen warten.
Ausgerechnet der VW-Golf, das Auto, das einst für deutsche Verlässlichkeit, technische Unabhängigkeit und industrielle Stärke stand, wird nun stillgelegt, weil man sich nicht nur von materiellen Ressourcen jenseits unserer Grenzen abhängig machte, sondern auch glaubte, auf eigene technische Kompetenzen vertrauen zu können, die die Verantwortlichen bedauerlicherweise nur geträumt haben. Die Ausbildung qualifizierten Nachwuchses in den entsprechenden technisch-naturwissenschaftlichen Fächern ruht seit dem letzten Jahrezehnt leider aufgrund einer Inventurmaßnahme temporär. Zuwanderer aus dem Mittelalter und Absolventen der Gender-Studies werden das Volkswagen-Halbleiter-Problem jedenfalls nicht lösen, obwohl die Opportunisten in den Chef-Etagen dieses Lied nun jahrelang mitgesungen haben.
Der Golf war gesellschaftlicher Kitt
Die Geschichte des Golf beginnt übrigens ebenfalls mit einer Krise. Anfang der 1970er Jahre stand Volkswagen am Abgrund. Der Käfer, Symbol des Wirtschaftswunders, war technisch überholt, doch der Konzern hielt zu lange am Mythos fest. Erst Rudolf Leiding, ein zackiger Ex-Offizier wie Helmut Schmidt, machte dem Drama ein Ende. Er wurde von den Mitarbeitern „Hühner-Rudi“ genannt, weil keiner ungeschoren aus seinem Büro kam. Leiding sprengte kein Kraftwerk in die Luft, sondern den selbstzufriedenen Wolfsburger Filz.
Volkswagen brillierte vor Leidings Ankunft mit Innovationen wie dem "Jeans-Käfer". Hühner-Rudi griff zum Entsetzen der Gralshüter einfach ins Regal der gerade aufgekauften Firma Audi, mit Frontantrieb, wassergekühltem Motor, Heckklappe und Schrägheck. Und dann gab er ohne irgendjemand zu fragen bei einem Gastarbeiter namens Giorgetto Giugiaro in Turin auch noch eine schnörkellos-schicke Karosse in Auftrag, die dieser in wenigen Monaten lieferte und damit sowohl zur Legende des Golf als auch zu seiner eigenen Heiligsprechung beitrug. Volkswagen, das dessen Firma unter Ferdinand Piech dankbar übernahm, will sie nun neben anderen Latifundien schnöde verhökern, um ein plötzlich und unerwaretet aufgetretenes Finanzierungs-Schlagloch von 12 Milliarden Euro zu stopfen.
1974 rollte der "Golf I" vom Band: Mit 1,1 Litern Hubraum, 50 PS, rund 790 Kilogramm Gewicht und einem Verbrauch von etwa 8 Litern auf 100 Kilometer. Er kostete etwa 8.000 D-Mark (laienhaft umgerechnet 4.000 Euro) also rund drei Monatsgehälter eines durchschnittlichen Angestellten seiner Zeit. Und der Golf bot das, was die Deutschen suchten: Fortschritt ohne Risiko, Mobilität ohne Übermaß, große Scheiben aus denen man dank einer wirksamen Heizung sogar im Winter herausgucken konnte. Er war flott wie ein Wiesel und dank Heckklappe für den Camping-Urlaub tauglich.
Der Erfolg des Golf basierte zunächst einmal auf der recht schlichten Tatsache, dass jeder Käfer-Fahrer nach zwei Minuten begriff, was für ein überholtes Ungetüm er bislang bewegt hatte. Das ging sogar mir so, also jemanden, dem es sogar schwer fällt, alte Pantoffeln zu entsorgen. Ich erinnere mich daran, dass ich damit eine auf einem Budapester Flohmarkt erstandene Standuhr sicher nach Hause brachte, was in einem Käfer ein absolutes Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre.
Der Golf wurde schnell mehr als ein Auto. Er war gesellschaftlicher Kitt – das klassenlose Vehikel der damals breiten Mittelschicht, das in jeder Einfahrt stehen konnte. Der Golf-GTI mit damals sensationellen 110 PS wurde zum Traum der Jugend, der Diesel-Golf zum Symbol für Fleiß und Effizienz. Der Begriff „Golfklasse“ ging in die Alltagssprache ein – ein seltenes Beispiel, wie ein Produkt zu einer kulturellen Maßeinheit wird. Für Florian Illies stand der Golf für eine Generation, die in Sicherheit aufwuchs, die Welt in Pastelltönen sah und Stabilität für selbstverständlich hielt. Der Golf war ihr Spiegel: pragmatisch, ordentlich, unauffällig glücklich.
Nur ein Regal in China
Kaum ein anderes Auto ist so treu, so unaufgeregt, und in vielen Ländern so sehr Teil des Alltags geworden. Er begleitet Menschen durch Jahrzehnte – vom Führerschein bis zur Familiengründung, vom ersten Job bis zur Rente. Er ist der Freund, der immer anspringt, selbst an kalten Wintermorgen. Ein Golf fällt nicht auf, aber er fehlt, wenn er nicht da ist. Sogar Berühmtheiten haben dieses Understatement geschätzt. Papst Benedikt XVI. fuhr vor seiner Wahl einen blauen Golf IV – ein schlichtes Auto für einen bescheidenen Theologen. Angela Merkel, als sie noch alle Tassen im Schrank hatte, soll zeitweise einen Golf Diesel gefahren haben, ganz pragmatisch, der Golf kann ja nix dafür. Der Golf ist das schlichte Gegenteil heutiger Politik-Pappnasen, er will niemandem imponieren, er will einfach funktionieren – und tut es.
Allerdings ist der Golf mit den Jahrzehnten immer fetter, größer und überladener geworden. Heute wiegt ein Golf fast doppelt so viel wie das zierliche Original von 1974, nämlich rund 1.600 Kilogramm, eine Entwicklung die man im Allgemeinen als adipös bezeichnet. Der Golf kostet heute etwa 30.000 Euro, also etwa sieben- bis achtmal so viel wie der Ur-Golf. Die einstige Leichtigkeit und Übersichtlichkeit sind verschwunden, auch die Möglichkeit der breiten Masse, sich einen Golf zu leisten. Ansonsten toben sich Bildschirme, Sensoren und elektronische Assistenten aus, aber das wird angeblich von der Generation Spielekonsole gewünscht, die transportiert nämlich keine Standuhren mehr.
Außerdem tut die Europäische Union wirklich alles dafür, die Chips, die gerade leider vergriffen sind, für jedes neue Auto vorzuschreiben, ein wirksamerer Erfüllungsgehilfe der Infiltrations-Strategie der KP-Chinas findet sich nirgendwo auf der Welt. Überwachungs-Fetischisten aller Länder vereinigt euch! Seien Sie also versichert: China ist nicht nur in der Lage, die Volkswagen-Bänder anzuhalten, sondern wohl auch ihren neuen Golf abzustellen, wenn Xi Jinping schlecht geträumt hat.
So wird der Golf zum Zeichen eines eher unguten Paradigmenwechsels: Aus dem Symbol individueller Unabhängigkeit ist ein Symbol kollektiver Abhängigkeit geworden. Ob der politisierte Staatskonzern Volkswagen und dieses Land in toto in der Lage sind, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, wird sehr bald über unsere Zukunft entscheiden. Und was Volkswagen selbst anbetrifft: Leider steht kein Rudolf Leiding mehr zur Verfügung und auch kein Audi-Regal, sondern nur eines in China.
Dirk Maxeiner ist einer der Herausgeber von Achgut.com.

Ein Spitzen-Super-Artikel Herr Maxeiner, der geht in die Geschichte der Publizistik ein.
Angesichts immer mehr nicht lieferbarer Medikamente habe ich kürzlich mit der Apothekerin überlegt, dass wir besser nie echte Differenzen mit China riskieren sollten. Die könnten hier nicht nur Produktionen stilllegen, sondern durchaus auch massenhaft Menschen sterben lassen. (Erboste Zungen in den USA werten ja die Überschwemmung des Landes mit Fentanyl als kriegerischen Akt Chinas gegen Nordamerika.) Ich konnte unter erheblichem Aufwand ein wichtiges Medikament aus dem Ausland beschaffen. Aber nur eine kleine Menge, denn die haben auch nicht mehr genug davon. Demnächst dann vielleicht im Darknet.
@Franz Klar: Internationale Arbeitsteilung ist so lange schön, wie sie funktioniert. Ansonsten nennt man sie: Abhängigkeit ohne Ausweg. Das hat der Autor gemeint. Noch ein kleiner Tipp: Wenn Sie auf einen Golf am Ende ähnlich lange warten müssen wie auf einen Trabbi, oder wenn ein gebrauchter teurer ist als ein neuer, weil man den neuen sowieso nicht bekommt, wie wichtig ist es Ihnen dann, ob es an der Abhängigkeit von fremden Chips oder an Fehlplanung liegt? Noch mehr: Ist die Kombination von fehlenden Chips und Fehlplanung besser? Noch viel mehr: Diese Chips sind so einfach, dass man einen Raspberry Pi Zero dafür programmieren könnte. Der muss dann allerdings ein halbes Jahr durch die Zertifizierung für PKW – und kommt auch aus China. – Ihre Lösung?
Der VW-Abgas-Skandal war gar keiner. Tatsächlich ist VW der sozialdemokratischen Rechthaberei zum Opfer gefallen, denn es gab kein Gesetz, das die Software verboten hätte. Wer schlauer ist als die Genossen, der kriegt eins mit der Keule. Jährlich werden dicke Bücher zur „Steuervermeidung“ veröffentlich, die suchen auch Gesetzeslücken, die werden auch nicht verboten. Angebracht wäre eine Schadensersatzklage. Und der Windkanal macht aus jedem Auto dieselbe Kartoffel. Ich habe nur uralte charaktvervolle Maschinen im Haushalt, Röhrenempfänger, die Waschmaschine ist noch von meiner Oma, den Kühlschrank habe ich geerbt, und trotzdem habe ich den geringsten Energieverbrauch von allen. Dabei muß ich auf nichts verzichten.
Wir sollten uns ehrlich machen. Der Trabi muss wieder her.
In WELT+ schrieb Benedikt Fuest >>Für ein paar Cents mehr Gewinnmarge begab sich der Chip-Konzern in die China-Falle<< und >>Der fatale Verkauf nach China stürzt die deutschen Autohersteller in eine Krise<<, so als wenn es gerade gestern gewesen wäre. Gerade die neoliberalen Quatschköppe haben es nötig, hinter der Bezahlschranke die Leichtgläubigen zu verängstigen, so als hätten sie nicht selbst den größeren Anteil an der irren Ideologie gehabt.
Die Chips kommen doch aus den Niederlanden, die den chinesischen Eigentümer enteignet haben. Es sind auch die Niederländer, die danach das Exportverbot der Chips verhängt haben, nicht die Chinesen. Das richtet sich gegen die europäische Fahrzeugindustrie in Spanien, GB und Deutschland und ist ein Angriff, der von Amsterdam aus geführt wird. Hintergrund unklar. Innerhalb der EU entwickelt sich eine Krise, in der sich direkte Nachbarn (Niederlande, Polen) offen mit teils feindseligem Auftreten gg die Bundesrepublik wenden. Merz solllte hierzu Stellung beziehen, statt irgendwelche Sinnlos-Debatten über das Bild von Fussgängerzonen zu führen.