Der heutige Tag ist für mich ein Gedenktag. Es geht dabei nicht um eine Celebrity, sondern die Person meines heutigen Gedenkens wäre sogar entsetzt, in irgendeiner Form im Rampenlicht zu stehen. Daher soll hier eine (glücklicherweise noch lebende) Person, die seit Jahrzehnten auf deutschen Bühnen brilliert, gleichzeitig herzlichst einen seit Jahrzehnten fälligen Dank erfahren.
Die Generation der Boomer war angetan von seinem Witz und jeder, der ein bisschen cool sein wollte, imitierte seine Blödeleien. Seine Sketche erreichten nicht die Perfektion eines Frankenfeld, seine Show hatte nicht das Niveau von Carell, aber er füllte für uns Jugendliche eine Lücke: sprechen wir also über den Friesenjung, den Vater der Ottifanten. Otto Waalkes. Otto war Kultur, nicht nur Kult.
Ich möchte an dieser Stelle einen sehr persönlichen Aspekt schildern, den ich seit Jahrzehnten mit dem Gedanken an Otto Waalkes verbinde. Meine Geschichte beginnt vor 123 Jahren. Mein Großvater wurde am 14. April 1903 in Oberschlesien geboren. Einer seiner Vornamen war Adolf, und ich werde diesen Namen hier verwenden, um deutlich zu machen, in was für Zeiten er lebte. 1917 kam er in die Lehre. Er arbeitete als Grubenmaurer, das heißt dass er bereits als Jugendlicher untertage die Gänge ausmauern musste. Die dafür erforderlichen Steine wurden den jungen Männern auf die Schultern gewuchtet, und diese schleppten diese schweren Gewichte dann über Leitern zunächst nach nach unten und dann tiefer in den Tunnel, um sie dort zu vermauern. Das war körperzerstörende Schwerstarbeit. Als junger Erwachsener heiratete er meine Großmutter, die von einem Bauernhof kam. Adolf schulte also um zum Landwirt. Der erste Sohn wurde 1926 geboren.
Es sei daran erinnert, dass die Generation von Adolf bereits alle Widrigkeiten, die mit dem Ersten Weltkrieg, den Reparationsleistungen und den anschließenden bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen entstanden waren, zu überstehen gehabt hatte. Und die Inflation: hatte der Dollar zunächst 45 Mark gekostet, lag dessen Gegenwert Ende 1923 bei 4,2 Billionen Mark, ein Brot kostete 200 Milliarden Mark.
Kein fließend Wasser und kein Klo
Generation „No Future“: das gab es vor 100 Jahren bereits, und zwar im Überangebot! Dieser Hoffnungslosigkeit konnte man ausschließlich mit mehr Fleiß begegnen, denn nur die Arbeit mit der Kraft der eigenen Hände sicherte vielleicht das Überleben.
Auf dem Hof gab es kein fließend Wasser, und die einzige Glühbirne hing im Kuhstall, um gegebenenfalls nachts schnell auf das einzig wirklich wichtige Problem reagieren zu können, Erkrankungen des Viehs. Im Wohnhaus gab es kein elektrisches Licht und natürlich auch kein Klo.
Die Feldarbeiten erfolgten mit Pferd und Wagen, im Winter wurden Bäume gefällt und mit dem Pferd aus dem Wald geholt. Motorsägen gab es selbstverständlich nicht, Männerarbeit. Ich weiß von meiner Großmutter, dass die Frauen und älteren Kinder während der Ernte mit blutverschmierten Händen die Getreidegarben manuell banden: die rauhen Stängel hatten die Haut von den Händen gerissen, Frauenarbeit. Aufhören, das gab es trotzdem nicht, denn die Ernte musste unter Dach.
Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges bekamen Adolf und seine Ehefrau vom Herrgott (so sahen sie das) vier Kinder geschenkt. Eines dieser Geschenke forderte der Herr aus Gründen, die niemand begreifen kann, nach neun Monaten wieder zurück (der Geistliche wird dies wohl erklärt haben). Selbst in Berlin lag die Kindersterblichkeit in einigen Kiezen bei über 330 pro 1.000 Geburten.
In „den Rock der Ehre“ gezwungen
Kurzum, als Großvater Adolf fast 40 Jahre alt war und der Zweite Weltkrieg ausbrach, hatten er und seine Frau bereits ein arbeits- und entbehrungsreiches Leben geführt. Dann kam der andere Adolf, und die Lage wurde echt beschissen. Ich weiß nicht, wann Großvater Adolf eingezogen wurde. Er selber hat nie (mit einer Ausnahme, darüber mehr am Ende dieses Textes) von seiner Zeit im Krieg gesprochen. Ich denke jedoch, dass ein Mensch, der daran gewohnt ist, sein Vieh anständig zu versorgen und die Ernte sorgsam vorzubereiten, wenig Verständnis dafür haben wird, Leben zu vernichten
Familienvater Adolf wurde im Osten verwundet und ich weiß das deswegen, weil mein Vater erzählte, wie er sich als Elfjähriger einmalig mit einem Fresspaket und frischer Wäsche zum Lazarett durchgeschlagen hatte, weil Opas Versorgung ansonsten nicht sichergestellt gewesen wäre.
Als der Krieg endete, lag Adolf im Lazarett und wurde dort russischer Kriegsgefangener, glücklicherweise, muss man sagen, denn alternativ hätte man ihn auch sofort im Bett totschlagen können. Die russischen Sieger stuften gefangene Soldaten als Kriegsverbrecher ein, die dann in Arbeitslager verfrachtet wurden (bei „nur“ Kriegsgefangenen wäre das verboten gewesen), um mittels harter Zwangsarbeit einen kleinen Teil der Reparationen erwirtschaften zu lassen. Adolf war bei seiner Freilassung ungefähr 50. Was für eine Zukunftsperspektive hat man in diesem Alter in einem vollständig zerstörten Land? Und dies zum zweiten Mal!
Im ersten Nürnberger Prozess wurden von den 22 Angeklagten immerhin drei vom Vorwurf eines Kriegsverbrechens freigesprochen; einen solchen Luxus gab es für einfache Soldaten augenscheinlich nicht. Diese wurden vielmehr von den 68ern als Nazis beschimpft, nachdem der NS-Staat sie gegebenenfalls mit viel Repression in „den Rock der Ehre“ gezwungen und damit um einen großen Teil ihres Lebens betrogen hatte. Die Kleinen fängt man …
Zum Krieg gezwungen zu werden, die Frau allein auf dem Hof lassen zu müssen, die eigenen Kinder nicht aufwachsen zu sehen, Haus und Hof zu verlieren, Zwangsarbeit verrichten zu müssen, ständig konkrete Todesangst zu erdulden, angefeindet zu werden von der eigenen Seite – aber wie wir seit Tucholsky pauschal wissen, sind ja alle Soldaten Mörder.
Ein Wunder, das Überleben
Adolfs Frau war während dieser Jahre auf der Flucht. Sie war zu Fuß (die Pferde des Hofes waren von der Wehrmacht requiriert worden) mit den kleinen Kindern und ihrem Vater 300 Kilometer nach Westen gelaufen, wo sie (auf damals noch deutschem Gebiet) gezwungen wurde, mit der ganzen Restfamilie zu ihrem Wohnort zurückzukehren. Flüchtende Frauen passten nicht in das Weltbild der Kettenhunde, sondern wichtig war die Illusion des Endsieges dank Wunderwaffen. Sie fand ihren Hof bei ihrer Ankunft besetzt – praktisch enteignet – vor und musste bereits am Tag der Ankunft erneut fliehen, um Racheakten der neuen Bewohner zu entgehen. Bis sie dann schließlich den Wohnort erreichte, in dem später ich geboren wurde, hatte sie insgesamt etwa 1.500 Kilometer weitgehend zu Fuß zurückgelegt.
Mein Urgroßvater war während der Flucht gestorben; angemessen bestattet wurde Urgroßvater sicherlich nicht, vermutlich war irgendein Straßengraben seine letzte Ruhestätte. Das jüngste Kind war mittlerweile zehn Jahre alt geworden und hatte schon viel mehr als nur zehn Christbäume erlebt – ein Wunder, das Überleben.
Im Mai 1945 war der Krieg für Deutschland beendet. Wenige Monate vorher, im Januar 1945, endete das Leben des zweiten der Söhne meiner Großeltern. Er fiel im 18. Lebensjahr in Frankreich. Es gab einen Brief des Kompaniechefs, in dem dieser den Dank des Reiches an die Eltern für seinen heldenhaften Einsatz ausspricht. Mehr war nicht drin an Trost von Führer Adolf an Vater Adolf. Leider weiß ich nicht, wo dieser Brief verblieben ist oder wann und auf welche Weise erst Oma und dann Opa diese Nachricht erhielten.
Gleichzeitig wird auch ein Geistlicher seinen Beistand angeboten haben, um mit dem Gedanken an Gott die Erinnerung an das tote Kind zu übertönen. Einer jener Prediger, die zu Beginn des Krieges auf beiden Seiten des Rheins in zwei verschiedenen Sprachen und in zwei verschiedenen christlichen Religionen bereit gewesen waren, die Waffen zu segnen, mit denen sich die Söhne der zwei Staaten gegenseitig abknallen sollten. Erneut bewies sich, dass man an Autoritäten lieber rechtzeitig zweifeln als nachträglich verzweifeln sollte.
Die Ablehnung der Flüchtlinge aus dem Osten
Wann Opa aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, weiß ich auch nicht. Er nahm dann in einem ortsansässigen Betrieb die Arbeit mit 48 Wochenstunden auf und wurde als Ungelernter in seiner neuen Arbeit (die Bezeichnung „Job“ hätte er abgelehnt, weil dieser Begriff zu wenig Arbeitsmoral widerspiegelt) lebenslang schlechter bezahlt als die sonstigen Kollegen. Wie Flüchtlinge aus dem Osten seinerzeit von den Westlern behandelt wurden, wäre ein eigenes Thema. Auch mein anderes Großelternpaar, welches ebenfalls geflohen war, äußerte sich sehr negativ über die Aufnahmebereitschaft vor Ort.
Es wird daher nicht verwundern, dass ich Großvater Adolf als ernsten und schweigsamen Menschen in Erinnerung habe. Trubel hatte er genug gehabt in seinem Leben. Er wühlte möglichst oft in seinem Schrebergarten, hörte sonntags den Landfunk, blickte versonnen den schweigsamen Fischen in seinem Aquarium zu und schmauchte dabei seine Pfeife (ein Utensil, das meine Großmutter stets zornig „verknuchter Rotzekocher“ nannte). Er war extrem kräftig, mit gewaltigen Händen, fuhr lebenslang Fahrrad und besaß kein einziges Motorgerät in seinem großen Garten.
Ende der Siebziger bekamen meine Großeltern vom Sohn ein Fernsehgerät geschenkt. Eigentlich lehnten beide Fernsehen ab und verließen sich auf Radio und Bild-Zeitung. Es entwickelte sich aber mit dem Fernseher das Ritual, pünktlich um 20:00 Uhr die Nachrichten einzuschalten. Oma weigerte sich, dieses Teufelswerkzeug TV anzufassen, sodass Opa herbeizitiert wurde, kurz bevor Köpke on air ging. Beide vertrauten dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der frischen BRD kritiklos, obwohl sie jahrelang staatliche Propaganda erlebt hatten.
Hinzugefügt sei, dass Opa sich standhaft weigerte, das in etwa zeitgleich angeschaffte Telefon zu bedienen. Wenn es klingelte, nahm er nicht ab, sondern rief seine Frau. Die Geschlechterrollen waren offenbar klarer abgegrenzt als es heute üblich und gewünscht ist.
Ausgerechnet Otto brachte Opa zum Lachen
Und mit dem klobigen schwarz-weiß-Fernseher komme ich endlich zum Thema „Otto“. Die Otto-Show war meines Wissens die einzige Sendung, die dem Adolf gefiel; üblicherweise wurde das TV-Gerät ansonsten um 20:15 Uhr wieder ausgeschaltet (es konnte ohnehin ja nur ARD empfangen werden).
Wenn ich am Sonntag den gewohnten Weg zu meinen Großeltern machte, dann quoll der weißhaarige alte Herr nahezu über mit dem Erzählen, was Otto wieder alles zustande gebracht hatte. Adolf, dessen Wortschatz sich überwiegend auf „Ja, nu“ beschränkte, konnte dann ganze Passagen wiedergeben und lachte von Herzen. (Ich glaube nicht, dass er jemals einen der abendfüllenden Filme von Otto gesehen hat).
Sein spontanes Lachen in diesen Momenten wärmte mir damals schon das Herz, und so ist es bis heute geblieben, wenn ich Otto sehe und an Opa denke. Jene Person, die ihm so viel Freude schenkte (was angesichts Opas Lebensweges eine hohe Anerkennung für den Künstler war und ist), war regelmäßig „der kleine Ottili“ mit seinem Programm.
Selbstverständlich könnte ich auch über meine anderen Großeltern ähnliche Geschichten erzählen. Was meine Eltern mir in seltenen Momenten über ihre Fluchterfahrungen erzählten, braucht hier jedoch nicht erwähnt zu werden, denn es gibt genug (schlimme) Literatur darüber. Hier aber soll es nicht um Familiengeschichten gehen, sondern um Otto Waalkes. Von einem Bekannten, der mit Otto zur Schule ging, weiß ich übrigens, dass die Ottifanten kein Marketingprodukt sind, sondern sich schon in den Schulheften des Friesenjung befanden.
Ein Mensch, der Musik machen kann, der vertreibt die Depression
Wie oben gesagt, sprach Opa eigentlich nie vom Krieg. Zwei Lehren von ihm sind mir jedoch im Gedächtnis geblieben. Der erste Gedanke betrifft den Intellekt und ist eigentlich banal: lerne, so lange und so oft du nur kannst! Wissen kann dir keiner mehr nehmen, alles andere kann dir geraubt werden. (Ich bin davon überzeugt, dass Opa Adolf nicht den Diebstahl einzelner Gegenstände meinte, sondern insbesondere die Begehrlichkeiten der Mächtigen, den kleinen Leuten wirklich alles wegzunehmen.)
Sein zweiter Ratschlag war ein emotionaler: mache Musik! Sowohl als Soldat als auch in der Kriegsgefangenschaft habe es glücklicherweise einige Kameraden gegeben, die ein Musikinstrument beherrschten – wie zerschlissen ein solches in der damaligen Situation auch gewesen sein mag. Ein Mensch, der Musik machen kann, der vertreibt die Depression, der hält Gruppen solidarisch zusammen und wird zum Freund.
Wir als Enkel haben dann gelernt, Musikinstrumente zu bespielen (eines davon war die Leninraupe, falls dieser Begriff einem der Leser etwas sagt) und haben unseren Großeltern gelegentlich ein Ständchen gebracht. Ich möchte heute vermuten, dass sie diese Kunstfertigkeit stolzer gemacht hat als das bestandene Abitur – das soll schon was heißen!
Das Erlernen eines Musikinstruments ist nicht immer einfach, aber diese Weisheiten meines Großvaters, die aus persönlicher Erfahrung in tiefstem Elend herrührten, waren eine von mehreren, häufig dringend erforderlichen „Anstößen“, Motivation, Schule und Musikschule trotz gelegentlichen Frustes bis zum Erfolg durchzustehen.
„Nie wieder Krieg! Bloß nie wieder Krieg!“
Am Ende seines Lebens war Opa Adolf etwas tüdelig. Dies war auf den erforderlichen Konsum von starken Schmerzmitteln zurückzuführen. Ein Körper, der viele Jahrzehnte Schwerstarbeit geleistet hatte, kann an mehr als nur einer Stelle gleichzeitig schmerzen. Wenn er erkennbar völlig durcheinander war, dann wiederholte er ständig einen kurzen Satz: „Nie wieder Krieg! Bloß nie wieder Krieg!“
Nein, dieses Verhalten als „völlig durcheinander“ zu beschreiben, das stimmt nicht, denn mit dieser Äußerung war er, der sich selber als „dummer Bauer“ verstand, weiser als viele derjenigen Anführer, Verführer oder Führer, die die Geschicke der Völker bestimmten oder diese heute (und mit Sicherheit auch morgen) lenken, zumindest als Geisterfahrer. Ich möchte Otto himself zitieren, auch wenn dieser nicht unbedingt Politiker gemeint haben mag: „Wie kann man an einem einzigen Tag so viel Scheiß reden?“ – „Ich habe ganz früh angefangen.“
Eigentlich ging es in diesem Text um Otto. Genauer gesagt ging es darum, dass ich ihm zutiefst dankbar dafür bin, dass er meinen stets in sich gekehrten Opa zum Lachen gebracht hat. Otto, am Ende Deiner Karriereleiter wirst Du ganz klar letztlich im Himmel landen, und dann rufe einmal in die Runde: „Wo ist hier derjenige, der irgendwo im Vornamen auch Adolf heißt und seit dem 30. Juni 1986 hier auf mich wartet?“, und dann schau dich um, wer sich meldet. Wenn sich da ein abgearbeiteter wortkarger Mann erhebt und von Herzen zu lachen beginnt, wenn er Dich erkennt, dann wirst Du wissen, was ich mit diesem Text ausdrücken wollte.
Du gehörst zu den wenigen Menschen, die er in seinem Leben emotional an sich herangelassen hatte, Hut ab! Ik tankje jo fanút de djipte fan myn hert, lieve fries Jonge.
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@Gille. Da bin ich ganz bei Ihnen. Was mich immer wieder schockiert, wie viele meinen, die Kontrolle über die eigene Geschichte sei irrelevant.
Danke! Es wird Zeit, endlich über unsere Großeltern zu sprechen. Denn die meisten waren eben doch nur normale Menschen, die mit der Politik gar nicht viel am Hut hatten und einfach überleben wollten, so wie die Menschen heute. Und sie wurden in diesen Zeiten ständig herumgeschubst, wie es die Obrigkeit gerade wollte und Widerspruch konnte da und dort sogar lebensgefährlich sein. Mein Großvater war einer der Letzten, der wegen einer Bauchverletzung aus Stalingrad ausgeflogen worden war. Und ich hörte ihn auch nie über das sprechen, was er damals erlebt hatte, aber es muss grauenhaft gewesen sein. Und ich kannte die Fluchtgeschichte meiner Großmutter auf der anderen Seite, wie sie versuchte, irgendwie ihre Kinder durch die Wirren des Rückmarsches zu retten. Es wird Zeit, die Geschichte neu zu beleuchten aus der Sicht der einfachen Menschen.
@M. Müller, „Bitte um Aufklärung: Was ist denn nun die Leninraupe?“ – Ein Akkordeon. Ein eher im alten und neuen Ostdeutschland gebräuchlicher Name des Akkordeons. Das russische Akkordeon und mit diesem gespielte russische Lieder war die stärkste Waffe gegen deutsche Bevölkerung in sowjetisch besetzten Gebiet.
Danke dafür. Ja etwas DEMUT täte uns allen gut, vor allem wenn man bedenkt, dass das alles ERST „vor kurzem“ so war ! PS: Handarbeit auf dem Feld war noch in den 50ern ja den 60ern durchaus üblich !
Ja, es war eine andere Zeit, die Nachkriegszeit. Kein Fernseher, kein Telefon, kein Auto, das Toilettenhäuschen auf dem Hof und Heizung als Holzöfen im Zimmer. Danach kamen die Ölöfen im Zimmer, und wenn der Wind in den Schornstein blies flog der Deckel des Ölofens hoch. Meine Großväter erzählten mir vom Krieg, aber die Schilderungen klangen gar nicht so schrecklich. Was in den KZ geschah war offensichtlich der Bevölkerung nicht bekannt und wurde erst nach dem Krieg öffentlich gemacht. Mein Onkel starb mit 18 Jahren in Frankreich an Weihnachten 1944, und als mein 14 jähriger Vater dann eingezogen werden sollte hat mein Großvater das abgelehnt, er wollte nicht noch ein Kind verlieren. Und zwei Wochen später waren dann die Amerikaner da und der ganze Spuk war vorbei. Das Kriegsende wurde offensichtlich wie eine Befreiung von der deutschen Bevölkerung wahrgenommen, endlich keine Bombardierungen mehr. Als wir dann in den 70er Jahren einen eigenen Fernseher bekamen (schwarz/weiß) ging das Programm immer so bis ca. 1 Uhr nachts, dann hat Hans Joachim Kuhlenkampff noch eine kurze gute Nacht Geschichte vorgelesen, dann kam die Deutschlandhymne und dann war Feierabend ! Es war eben eine andere Zeit damals, ruhiger, beschaulicher, langsamer und weniger informativ.
Bitte um Aufklärung: Was ist denn nun die Leninraupe?
Und danke für den tollen Text!
Was in einhundert Jahren aufgebaut und – gerade auch für die Ärmsten und Benachteiligten – erreicht wurde, könnte in deutlich weniger Zeit verlorengehen. Danke für diese spannende Zeitreise, die einen demütig und bescheiden werden lässt.