„Wer sich als Herrscher über die Sprache aufspielt, hat nicht begriffen, dass es sich um das einzige Medium handelt, in dem die Demokratie schon immer geherrscht hat“, erklärte der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in einem vielbeachteten Beitrag zum Eingriff in die deutsche Sprache mit der Rechtschreibreform vor fast fünfundzwanzig Jahren durch einige Sprachwissenschaftler, die sich als besonders progressiv betrachteten, und die Kultusbürokratie.
Es war angeblich ihre Absicht, die Schriftsprache einfacher und für Schüler leichter und fehlerfreier handhabbar zu machen. Das Ergebnis ließ zu wünschen übrig, die Schüler in Deutschland machen heute mehr Fehler als vor der Reform, musste mir selbst ein eingefleischter Befürworter eingestehen, dem gegenüber ich damals schon meine Zweifel geäußert hatte. Und viele Kritiker teilten die Zweifel. In Schleswig-Holstein ging sogar eine Volksabstimmung zugunsten der alten Rechtschreibung aus, ein Ergebnis, das danach mehr oder weniger demokratisch durch das Landesparlament weggebügelt wurde. Selbst zwanzig Jahre später bemängelten Fachleute immer noch das Chaos durch die vielen möglichen Varianten der unausgegorenen, von oben oktroyierten Reform. Enzensberger stellte fest, „ein Kreis von Legasthenikern, der es zu Ministerämtern gebracht hat, deckt, vermutlich aus Größenwahn und Eitelkeit, diese Leute (die Reformer, Anm. d. Red.) und möchte uns vorschreiben, wie wir uns auszudrücken haben.“
Gerichte befassten sich mit der Angelegenheit, vielfach gewannen die Kritiker – aber die Macht der Bürokraten setzte sich durch. Heute schreiben wir nolens volens zumeist in dieser kastrierten Sprache. Den Schülern hat es nichts gebracht, Ausländern, die vieles neu lernen mussten, auch nicht; und auch das anfängliche naive Versprechen des damaligen Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz, Rolf Wernstedt, die Reform werde nichts kosten, war illusorisch, denkt man allein an die zahlenreichen Neudrucke von Büchern und Formularen, Korrekturprogramme, Veränderungen in Datenbanken etc.
Wieder eine Kaste besserwisserischer Vormünder
Wer meint, dass man aus den damaligen Irrungen und Wirrungen gelernt hat, irrt. Wieder ist eine Kaste besserwisserischer Vormünder am Werk und will uns auf eine gendergerechte Sprache einnorden. Es ist zwar eine Minderheit, die nutzt aber ihre Positionen in Hochschulen, der Politik und diversen Medien, um das Bewusstsein der Mehrheit zu indoktrinieren. Das mögen private Medien halten wie sie wollen, man muss die ja nicht kaufen oder kann sie abschalten, die öffentlich-rechtlichen Sender kann man zwar auch abschalten, aber bezahlen muss man sie trotzdem.
So machen uns Anne Will, die Deutschlandfunker*innen und auch andere „Progressive“ bei Sendern – zumeist mit grünem Bekenntnisvordergrund – vor, wie man beim Gendersternchen vor dem weiblichen Wortanhängsel eine kleine Pause macht, selbst in Bildunterschriften bei Nachrichtensendungen taucht das Gendersternchen auf, das uns an die vielen, angeblich sozial konstruierten Geschlechter erinnern soll. Einige meinen, das Sternchen könne auch durch einen Schnalzlaut, wie er vor allem in afrikanischen Sprachen genutzt wird, ausgedrückt werden.
Und an deutschen Hochschulen müssen Studenten bei ihren Arbeiten mit einer schlechteren Benotung rechnen, wenn sie nicht „gendergerecht“ schreiben. Schauen Sie sich einmal an, welche Vorschläge für vorbildliche Gendersprache an Hochschulen da existieren! Möchten Sie einen Roman oder ein Sachbuch in einer solchen Sprache lesen? Man mag sagen, dass die Professoren und Gutachter durch das Lesen der gegenderten Arbeiten bestraft genug sind, aber manche merken das wahrscheinlich gar nicht mehr.
„Mönchlein, Mönchlein, du gehst eine schweren Gang!“
Ob Gendersternchen, substantivierte Partizipialform, Sprachpause, Schnalzlaut, Binnen-I, Schräg- oder Trennstrich vor dem weiblichen Anhängsel. Unsere vermeintlich Progressiven bringen es nicht auf die Reihe, einen einheitlichen, vernünftigen Vorschlag zu machen, der hinsichtlich Spracheffizienz und Sprachästhetik mit dem generischen Maskulin konkurrieren kann. Vieles klingt nach verstockter Kanzleisprache, anderes schafft Redundanzen und ist viel zu umständlich. Daher hier (als Form des konstruktiven Journalismus) ein kleiner Ansatz zur Lösung des Problems: die Verkleinerungsform, das Diminutiv.
Jean Paul hat es uns mit seinem „Schulmeisterlein Wuz“ vorgemacht, und auch Georg von Frundsberg gab Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms mit auf den Weg: „Mönchlein, Mönchlein, du gehst eine schweren Gang!“ Wenn also schon Frundsberg, ein ausgewiesener Macho, der als „Vater der Landsknechte“ galt, vor gut 500 Jahren ganz emanzipatorisch und gendergerecht das Diminutiv gebrauchte, dann sollten wir endlich die Genderdebatte versachlichen, indem wir sie versächlichen. Wir bringen alle Personen ins Neutrum: Männlein, Weiblein, auch die vielen Geschlechter, die auf die Vorgaben der Natur als soziale Konstrukte aufmoduliert sind. Dazu bietet die Sprache eben das Diminutiv. Wir hängen jeweils an das maskuline oder feminine Wort eine entsprechende Endung. Die Verkleinerungsformen auf „-chen“ haben dann allesamt sächliches Geschlecht, sind also neutral. Als weitere Diminutivformen böten sich – eben wie bei Jean Pauls schreibwütigen Schulmeisterlein und dem Mönchlein – das „lein“ oder auch das in der Schweiz gebräuchliche „li“ beziehungsweise das schwäbische Anhängsel „le“ an.
Um es klar zu machen: Die Leipziger Universitätsprofessoren bräuchten sich dann nicht mehr „Professorinnen“ nennen, wie sie es vorschlugen und geschehen, sondern „Professörchen“, alternativ auch „Professorlein“. Wir sehen, nichts ist alternativlos, wie es unsere Kanzlerin, pardon, nach unserem Neusprech: unser „Kanzlerchen“, so oft meint. Und die Großkopferten des gendergerechten Sprachunsinns könnten sich dann auf einer Stufe begegnen. Wie wär’s mit Professörchen Stefanowitsch und Professörchen Pusch. Mit dem Diminutiv fände auch eine gewisse Demut wieder Eingang in die Wissenschaft, traditionell sind wir doch eben Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen und nur deshalb weit sehen können.
Auch die Politik könnte gewinnen. Die Ministerchen könnten, wie in Sachsen beabsichtigt, ihre Gesetze auf die Schnelle durchgendern, die Moderatorchen des öffentlich-rechtlichen Erziehungsfunks müssten keine kleine Sprechpause für das Gendersternchen mehr einlegen, auch ein Schnalzlaut wäre obsolet, ebenso gäbe es das diskriminierende weibliche Anhängsel nicht mehr. Das Gendersternchen könnte ganz entfallen, allen Geschlechtern wäre Genüge getan. Weniger einfach wäre aber das Umschreiben unseres geistesgeschichtlichen, philosophischen und literarischen Erbes. Doch dafür könnte dann ja das geniale Dichterlein Habeck zuständig sein.
Nun gut, der Vorschlag ist vielleicht noch nicht ganz zu Ende gedacht, und mancher wird sagen, dass alles sei Unsinn – ich muss zugeben, nicht zu unrecht. Aber unsinniger als das, was uns unsere genderbesessenen Sprachideologen aufzwingen wollen, ist es wiederum auch nicht. Enzensberger sprach damals von der „Skrupellosigkeit einer Mafia, die sich vor Jahren in irgendwelchen Hinterzimmern zusammengerottet hat, um mit der deutschen Sprache gründlich aufzuräumen.“ Dem ist, bei dem Vorgehen unserer Sprachideologen aktuell wenig hinzuzufügen, nur dass es heute keine Hinterzimmer sind, sondern Hochschulen, Redaktionen, politische Institutionen, und leider sind es auch die Öffentlich-Rechtlichen.
Bernd Steinbrink, Jahrgang 1951, arbeitete als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Rhetorik-Institut der Universität Tübingen, als Professor für Mediensystemtechnik an der HTWK Leipzig, anschließend hatte er eine Professur an der FH-Kiel, ist seit 2017 im Ruhestand. Er schrieb im Literaturteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter Reich-Ranicki und zahlreiche Artikel in technischen Zeitschriften (u. a. c’t, Byte, European Computer Sources, Mémoires Optiques). Er schrieb Artikel und Bücher zur Literaturgeschichte, digitalen Medien und Rhetorik.
Das Thema Sprache ist derzeit zu ernst, als daß man über Gendersternchen durchgeknallter Kampflesben Witzchen machen sollte. Professoren, die die Verwendung normaler Sprache bestrafen, gehören verklagt, daß die Schwarte kracht. Wohin die linke Manipulation von Sprache führt, ist in Esders´ "Sprachregime" anschaulich beschrieben.
Es geht noch einfacher. Viel einfacher. Bildungsferne Mitbürger verwendeten den Begriff schon vor rund 40 Jahren: Dings. Beispiel: Der Dings hat eine Affäre mit die Dings. Der Dings mit dem Polizeidings (ehemals Stern am Jackett) hat mir heute ein Knöll-chen in den Dings (Briefkasten, Hintern...) gesteckt. Das Profdings klingt auch gut. Oder Sterndings, um nur keine sexistische Neigung zu Sternen zu zeigen. Haben Sie schon mal Sterninnen gesehen? Na also, Sterndings passt. Das Bäckerdings, das die Brötchen backt. Statt Grüner und Grünen dann Arschdings. Sagt alles.
Großartig! Ich bin dafür! Allerdings muss dringend noch festgelegt werden, unter welchen Bedingungen -chen oder -lein verwendet werden darf. Zurzeit sind beide in der Regel austauschbar: Mäuschen, Mäuslein. Allerdings wird es nichts helfen. Der Genderstern ist ein moderner Gesslerhut und die (angeblich) historische Variante, wie der Gesslerhut abgeschafft wurde - nämlich durch einen Armbrustbolzen - geht heute leider nicht mehr.
Da Sie es ansprechen, Herr Steinbrink, gerade dieser Tage hatte ich gedacht, was können wir in Sachsen froh sein, dass MP Kretschmer die läppischen 27,5% der AfD bei der Bildung seiner Regierung nach der Landtagswahl 2019 ignoriert hat. So gelang es ihm, eine Koalition mit den 8,6% Grünen und der 7,7% SPD zu bilden, weshalb wir jetzt über eine grüne Justizministerin Meyer jubeln können, die - passend zur Uni Leipzig - endlich die Gesetze gendergerecht umschreiben läßt. Nee, was freu' ich mich! Nein, im Ernst, ich sehe bei dieser Sprachverhunzung nur den Grund, dass man durch Fokussieren auf das ganze Gedöns noch mehr von den Phrasen ablenken kann, die da abgesondert werden.
Ich hätte auch einen schönen Diminutiv beizusteuern: Kitt-chen. Da sollte man sie reinsperren, unsere Sprachverhunzer (nein, ich gendere das nicht!). Wobei Elias Canetti mich in seiner "Blendung" so schön verkleinert hat: Fischerle. Leider spiele ich nicht mehr Schach, und einen Buckel, den man mir runterschneiden könnte, habe ich auch nicht. Ist mir aber lieber so. Und ich lese wieder Schopenhauer: »Was, in aller Welt, soll aus der deutschen Sprache werden, wenn Sudler und Zeitungsschreiber diskretionäre [ihrer Willkür überlassene] Gewalt behalten, mit ihr zu schalten und zu walten nach Maaßgabe [damalige Originalschreibweise, J.F.] ihrer Laune und ihres Unverstandes?« (Ueber Schriftstellerei und Stil) Er war seiner Zeit so weit voraus, und doch kann er sich glücklich schätzen, nicht in unserer Zeit zu leben: da wäre er permanent am Durchdrehen. Ob wir es noch erleben dürfen, dass Horaz' Ausspruch (aus "De arte poetica") »scribendi recte sapere est et principium et fons« (Vernünftig denken ist die Grundlage rechten Schreibens) verpflichtend wird?
Wir könnten gleich damit beginnen, ein Pendant zum unsäglichen Fräulein einzuführen: Das Männlein. Das klingt dann ungefähr so: " Gehn's Männlein, bringen Sie mir bitte noch einen Kaffee."
Das einzige, was mit dem ganzen Quatsch erreicht wird, ist die Abschaffung der Vereinheitlichung der Sprache, die den Menschen in Mitteleuropa eigentlich mal so einigen Fortschritt brachte. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird es den Leuten zu anstrengend und dann egal- mit dem Ergebnis, dass jeder wieder so schreibt, wie er meint. Ich werde diesen Genderwahnsinn boykottieren. Wenn ich etwas schreibe soll man das Geschriebene verstehen - nicht falsch verstehen. Wer in einer niedergeschriebenen Bezeichnung eine Diskriminierung hineinlesen will, hat erstens selbst das Problem im Kopf und projeziert das nur auf den Text, und zweitens wird er das auch dann noch tun, wenn der Text vollkommen unlesbar aber politisch korrekt wäre. Meiner Meinung nach gibt es kein besseres modernes Wort, wie "Wohlstandsverwahrlosung". Unter dieses fallen auch die Ideen der Genderverfolgten, die ihrer Wahnideen aus lauter Langeweile heraus nicht mehr Herr werden. Was wir brauchen ist keine Sprachreform, sondern ein Heer an Psychiatern, die die Zwangsneurosen der Genderverfolgten therapieren. Die Wahrheit ist nämlich: diese Paranoiker fühlen sich nur diskrimiert, denn niemand will sie ernsthaft bewusst diskriminieren.