In den vergangenen Tagen gab es einige antisemitische Ausschreitungen in Deutschland, auch vor Synagogen. Vornehm zurückhaltend berichteten viele Medien zunächst von Protest gegen Israel, obwohl die Versammelten u.a. deutlich „Scheißjuden“ skandierten, um keine Unklarheiten aufkommen zu lassen. Auch wer da Steine gegen Synagogen warf oder israelische Flaggen verbrannte, darüber wurde mehr verhalten angedeutet als berichtet. Mal wurden arabisch aussehende Männer erwähnt, auf der anderen Seite wurde in einem Bericht auch an den Überfall auf eine Synagoge in Halle im Oktober 2019 durch einen Rechtsextremisten erinnert, als wolle man insinuieren, dass hier auch wieder heimische Neonazis die Hände mit im Spiel gehabt haben könnten. Der muslimische Antisemitismus, die tief verwurzelte Judenfeindschaft in bestimmten Migranten-Milieus aus dem islamischen Kulturraum, wird eher ungern erwähnt. Das ist nicht neu, aber immer wieder ärgerlich, da Probleme bekanntlich nicht durch konsequentes Ignorieren ihrer Existenz verschwinden. Auch dann nicht, wenn die partout nicht ins eigene Weltbild passen wollen.
Viele der antisemitischen Ausschreitungen und Aktionen der letzten Tage ereigneten sich in Nordrhein-Westfalen. Kein Wunder, dass sich auch der Innenminister des Landes, Herbert Reul (CDU), dazu äußerte. Zu den Tätern in seinem Land sagte er am Freitag auf WDR 5: „Das sind nicht nur palästinensische Gruppen“. Das bedeutet, es sind zumindest auch palästinensische Gruppen. „Da mischt sich unheimlich viel zusammen“, hieß es von ihm, wie auch welt.de berichtet. Allerdings so vielfältig ist das Täterspektrum nun doch nicht. Zwar seien die Fälle noch nicht zu 100 Prozent ermittelt, es gehe aber insgesamt um Menschen aus dem arabischen Raum, aus Syrien etwa und im Fall eines Verdächtigen aus Gelsenkirchen um einen Deutsch-Libanesen, heißt es weiter. Der 26-Jährige sei nach antisemitischen Sprechchören nahe der Synagoge in Gelsenkirchen am Donnerstag als erster Tatverdächtiger identifiziert worden, nachdem eine Polizeikette am Mittwochabend einen antisemitischen Demonstrationszug an der Synagoge gestoppt habe.
In einem auf Twitter verbreiteten Video des Zentralrats der Juden seien Sprechchöre mit antisemitischen Inhalten zu hören. Zu sehen waren Menschen mit palästinensischer, türkischer und tunesischer Flagge.
In der Nacht zu Mittwoch waren bekanntlich vor Synagogen in Münster und Bonn israelische Flaggen angezündet worden. In Solingen hätten Unbekannte eine vor dem Rathaus gehisste israelische Flagge verbrannt.
Im niedersächsischen Sarstedt habe am Donnerstag ein Unbekannter eine Fensterscheibe in einem Mehrfamilienhaus eingeworfen, in dem eine israelische Flagge hing, in Nordhausen in Thüringen hätten Unbekannte versucht, die Flagge vor dem Rathaus anzuzünden.
Reul nutzt die üblichen Textbausteine deutscher Politiker und erklärt die Vorfälle als „erschreckend, nicht akzeptabel, unerträglich, wenn auf deutschem Boden antisemitische Parolen skandiert werden“. Das ist unzweifelhaft richtig, doch sind die allzu leisen Töne gegenüber bestimmten Tätern durchaus beunruhigend.
Die Vorsitzende der von einem der antisemitischen Aufmärsche betroffenen Synagogengemeinde Bonn, Margaret Traub, erlebt Antisemitismus aus den verschiedensten Richtungen, wie die WELT berichtet. Doch sie sagt der Zeitung auch ganz klar: „Es ist mir egal, woran die Leute glauben. Aber leider sind es immer wieder junge islamistische Männer, die uns Juden angreifen.“
