Annette Heinisch / 28.03.2019 / 06:15 / Foto: Pixabay / 46 / Seite ausdrucken

Gemeinschaftsseele? Nein danke!

So manchen von uns beschleicht ja ziemlich regelmäßig, meistens von montags bis sonntags, das Gefühl, ohne Gerichtsverfahren zu einer lebenslänglichen Haft in einem Käfig voller Narren verurteilt worden zu sein. Der Westen, dessen Markenzeichen und ursprüngliches Alleinstellungsmerkmal der Einsatz des Verstandes und der Vernunft war, scheint – in einen Wirrwarr unausgegorener Gefühle verwickelt – Selbstmord auf Raten zu begehen. Sinnbild dieser infantilen, vernunftfreien Zeit ist Greta, ein pubertierendes Mädchen, das dazu aufruft, in Panik zu verfallen und dementsprechend zu handeln. Sie wird dafür gefeiert.

Der „alte weiße Mann“ hingegen, der als Gegenpol sinnbildlich für erwachsenes, rationales Handeln steht, wurde als Feindbild aufgebaut. Der alte weiße Mann ruft typischerweise dazu auf, bei allgemeiner Panik Ruhe zu bewahren, wohlwissend, dass Panik blind macht und Handlungen, die von Panik gekennzeichnet sind, oft mehr Unheil bringen, als sie vermeiden sollen. Ruhe bewahren und das Prinzip „Erst denken, dann handeln“ sind seine Devisen. Damit gibt er dem Verstand zumindest eine faire Chance. Ganz ehrlich: Wenn es in meinem Leben hart auf hart käme, zum Beispiel die Folgen panikblinden Verhaltens beseitigt werden müssten, hoffte ich sehr, alte weiße Männer an meiner Seite zu haben. 

Wie konnte es so weit kommen? Kürzlich gab Cora Stephan ein sehr sehenswertes Interview, indem sie unter anderem kritisiert, dass die Politik offenbar nur noch aus Gefühlen zu bestehen scheint. Gefühle gehörten jedoch ins Wohnzimmer, nicht in die Politik. Auch wenn ich eine Frau bin und damit nach dem Stereotyp der Gläubigen der „Politischen Korrektheit“ nicht für den Verstand, sondern für „das Gefühlige“ zuständig bin, stimme ich ihr voll zu. Sorry an dieser Stelle, dass ich das Klischee der gefühligen Frau nicht so recht bedienen mag, und das, obwohl ich als Kind einen pinkfarbenen Anorak hatte und mit Barbie-Puppen spielte! Aber auch für mich hat alles seine Zeit und seinen Platz.

Im Flugzeug finde ich es zum Beispiel überaus begrüßenswert, dass nicht aus der Menge der Passagiere ein Pilot gewählt wird, der sich zum Führen eines Flugzeugs berufen fühlt, weil er sich für einen Alleskönner hält und schon immer mal gestalten wollte. Es gibt Bereiche, in denen Verstand und Können für den Erfolg entscheidend sind. Kein Mensch, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde sich in ein Flugzeug setzen, wenn er sich nicht darauf verlassen könnte, dass die da vorne im Cockpit wissen, was sie tun, können, was sie tun und nicht lebensmüde sind. Was aber ist, wenn sich eine Flugreise anscheinend unaufhaltsam zu einem Flug Marke „Disast Air“ entwickelt? So kann man sich derzeit in unserem Land fühlen, sicherlich auch manche Briten oder Franzosen in ihrem.

Von der Hochkultur zur Barbarei

Wenn wir die These aufstellen, dass Vernunft, Können und Verantwortungsbewusstsein wesentliche Grundlagen nicht nur des Fliegens, sondern auch guter Regierungsführung sind, wieso hat die Gefühligkeit das Steuer übernommen? Da stellen wir uns mal ganz dumm: Wie funktioniert denn so ein Volk eigentlich? Bereits vor ziemlich vielen Jahren, genau 1895, veröffentlichte Gustave Le Bon das Grundlagenwerk der Sozialpsychologie, die „Psychologie der Massen“. Anlass war die damalige Transformationsphase von der Klassen- zur Massengesellschaft. Le Bon erklärt es so:

„Die organisierten Massen haben zu allen Zeiten eine wichtige Rolle im Völkerleben gespielt, niemals aber in solchem Maße wie heute. Die unbewusste Wirksamkeit der Massen, die an die Stelle der bewussten Tatkraft des einzelnen tritt, bildet ein wesentliches Kennzeichen der Gegenwart … Je weniger die Masse vernünftiger Überlegung fähig ist, umso mehr ist sie zur Tat geneigt. Die Organisation hat ihre Kraft ins Ungeheure gesteigert.“

Le Bon fragt sich, wohin diese Umwälzung führen möge und ist skeptisch:

“Vielleicht bedeutet der Aufstieg der Massen eine der letzten Etappen der Kulturen des Abendlandes, die Rückkehr zu jenen Zeiten verworrener Anarchie, die stets dem Aufblühen einer neuen Gesellschaft voranzugehen scheinen. Aber wie wäre er zu verhindern? Bisher bestand die Aufgabe der Massen offenbar in diesen großen Zerstörungen der alten Kulturen. Die Geschichte lehrt uns, dass in dem Augenblick, da die moralischen Kräfte, das Rüstzeug einer Gesellschaft, ihre Herrschaft verloren haben, die letzte Auflösung von jenen unbewussten und rohen Massen, welche gut als Barbaren gekennzeichnet werden, herbeigeführt wird. Bisher wurden die Kulturen von einer kleinen, intellektuellen Aristokratie geschaffen und geleitet, niemals von den Massen. Die Massen haben nur Kraft zur Zerstörung. Ihre Herrschaft bedeutet stets eine Stufe der Auflösung. Eine Kultur setzt feste Regeln, Zucht, den Übergang des Triebhaften zum Vernünftigen, die Vorausberechnung der Zukunft, überhaupt einen hohen Bildungsgrad voraus – Bedingungen, für welche die sich selbst überlassenen Massen völlig unzugänglich sind.“

Le Bon vertritt die Auffassung, dass der Einzelne, auch der Angehörige einer Hochkultur, unter bestimmten Umständen in der Masse seine Kritikfähigkeit verliert und sich affektiv, zum Teil primitiv-barbarisch, verhält. Damit hat er fast prophetisch die politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts vorausgesehen. Massen übten ihre Wirkungskraft stets unbewusst aus. „Der Gebrauch der Vernunft ist für die Menschen noch zu neu und zu unvollkommen, um die Gesetze des Unbewussten enthüllen zu können und besonders, um es zu ersetzen. Der Anteil des Unbewussten an unseren Handlungen ist ungeheuer und der Anteil der Vernunft sehr klein“.  

Verantwortungslosigkeit des Kollektivs

Kein Staatsmann könne die Massen beherrschen, das letzte Hilfsmittel sei zumindest das Verständnis der Massen, um nicht allzu sehr von ihnen beherrscht zu werden. Das ist der Grund für Le Bons empirische Analyse der Massen und ihrer Beweggründe. Er kommt zu folgenden Ergebnissen:

Die Masse ist – wenn organisiert, also nicht nur eine zufällige Ansammlung von Menschen ohne bestimmten Zweck – nicht die Summe der Einzelteile, sondern eine neue, eigene Gesamtheit. Sie ist weder mehr noch weniger als die Gesamtheit der Einzelteile, sie ist etwas anderes. Die bewusste Persönlichkeit der Individuen schwindet und wird ersetzt durch eine Gemeinschaftsseele. Le Bon vergleicht dies mit dem Zusammenfügen von Stoffen in der Chemie, die nach Verschmelzung einen gänzlich anderen Stoff bilden. Durch die Verschmelzung erfolge zunächst eine Durchschnittsbildung:

„Eben die Vergemeinschaftlichung der gewöhnlichen Eigenschaften erklärt uns, warum die Massen niemals Handlungen ausführen können, die besondere Intelligenz beanspruchen.“

Die Masse kann logisch zwingend niemals schlauer sein als die (wenigen) klugen Mitglieder derselben, sondern immer nur dümmer. Zusätzlich zu diesem Aspekt der Durchschnittsbildung bewirken drei Komponenten das Auftreten der spezifischen Eigenart der Gesamtheit: Erstens das Gefühl der unüberwindlichen Macht durch die Menge, wodurch Triebe ausgelebt werden können, die das Individuum zügeln würde, verstärkt durch die Verantwortungslosigkeit des Kollektivs. Zweitens ist durch geistige, hypnoseähnliche Übertragung („contagion mentale“) in der Masse jedes Gefühl, jede Handlung übertragbar und zwar in so hohem Maße, dass der Einzelne seine Wünsche den Gesamtwünschen opfert und sich alles in eine Richtung bewegt. Drittens weist die Masse eine hohe Beeinflussbarkeit und Leichtgläubigkeit auf. Die Masse hält die vor ihrem inneren Auge durch Worte hervorgerufenen Bilder für wahr und folgt der Täuschung, die sie stets der Wahrheit vorzieht. Le Bon beschreibt umfangreich die Macht der Worte, die – wenn geschickt gewählt – die Massen in eine Art Rausch versetzen können, wobei die Massen stets zu extremen Gefühlsäußerungen neigten, so dass sie zu besonders guten wie schlechten Taten fähig sind.

Massen sind für Logik unempfänglich

Le Bon schildert, dass die Überzeugungen der Massen „stets eine besondere Form aufweisen, die ich nicht besser zu bezeichnen weiß als mit dem Namen religiöses Gefühl.“ Ohne Religion, die keinesfalls zwingend die Anbetung einer Gottheit voraussetzt, sei die Masse nicht zu lenken. Dabei verweist er darauf, dass ganz Gallien, vertreten durch sechzig Städte, Kaiser Augustus einen Tempel bei Lyon errichtete, dessen Priester die führenden Persönlichkeiten des Landes waren. Der römische Kaiser sei wie ein Gott verehrt worden, was erkläre, dass dreißig Legionen des Kaiserreichs hundert Millionen Menschen zum Gehorsam zwingen konnten. Le Bons Fazit: „Für die Massen muss man entweder ein Gott sein oder man ist nichts.“ 

Was beeinflusst die Masse denn, wodurch wird sie bewegt? Er kommt zu dem verstörenden Ergebnis – Vernunft und Fakten sind es nicht.

„Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer … Bei der Aufzählung der Faktoren, die imstande sind, die Massenseele zu erregen, können wir uns die Erwähnung der Vernunft ersparen, wenn man nicht den negativen Wert ihres Einflusses aufzeigen müsste. Wir haben bereits festgestellt, dass die Massen durch logische Beweise nicht zu beeinflussen sind und nur grobe Ideenverbindungen begreifen. Daher wenden sich auch die Redner, die Eindruck auf sie zu machen verstehen, an ihr Gefühl und niemals an die Vernunft.“

Bingo! Hier haben wir es nun, das Gefühl. Jemand, der die Massen beeinflussen will, muss mit seinen Worten das Gefühl ansprechen, nicht den Verstand. An diesem Punkt angelangt, empfinde ich plötzlich sehr viel Verständnis für die Masse, denn nichts wäre mir lieber, als mich von diesen Tatsachen, die mir komplett missfallen, abzuwenden. Nicht nur, weil ich persönlich viel von Vernunft halte, sondern vor allem, weil unser gesamtes politisches System auf der These beruht, dass Menschen rational denkende und handelnde Wesen sind. Schon beim Einzelnen scheint das nicht immer der Fall zu sein, wenn es aber bei organisierten Massen nie klappt, Demokratie aber nun einmal auf organisierten Massen beruht, dann haben wir ein Problem. Und zwar ein großes.

Bildungssystem – Erwerb unnützer Kenntnisse

Die Bildung wird nach Le Bon nicht nur in ihrer Wirkung überschätzt, sondern sie trägt zu dem Problem bei, jedenfalls das „lateinische“ Bildungssystem mit seiner Praxisferne. Es sei ein psychologischer Grundirrtum, zu meinen, die Intelligenz entwickle sich durch Auswendiglernen. Urteilsfähigkeit und Entschlusskraft würden so jedoch nicht geübt, diese können nur in der Praxis erworben werden. Die Praxis würde zudem viele „Sonderwahrnehmungen“ bieten, durch die ein Mehr an Lernen durch einen „genauen und lebendigen Begriff von den Dingen, den Menschen und den verschiedenen Umgangsformen“ ermöglicht würde. 

Das Bildungssystem sei aber nicht nur nutzlos, es sei schädlich, denn der Erwerb unnützer Kenntnisse sei ein sicheres Mittel, einen Menschen zum Empörer zu machen. Die Schule „erzeugt am Fuße der sozialen Leiter die proletarischen Heere, die mit ihrem Los unzufrieden sind; oben aber unsere leichtfertige, zugleich skeptische und gläubige Bourgeoisie, mit ihrem übertriebenen Vertrauen zur Staatsvorsehung, die sie gleichwohl unaufhörlich beschimpft, weil sie stets ihre eigenen Fehler der Regierung zuschiebt und unfähig ist, ohne die Vermittlung der Obrigkeit etwas zu unternehmen.“

Wohlgemerkt – dies schrieb er nicht gestern, sondern 1895. Über die unbewussten Triebkräfte der Massen, die tatsächlich deren Verhalten erklären, schrieb Le Bon nicht viel. Darüber wisse man zu wenig, sodass man lediglich Vermutungen anstellen könne. Aus seiner Sicht ist eine wesentliche Quelle der Überzeugungen und des Habitus die Rasse, wobei er diese in einem nicht genetischen Sinn definierte, sondern als rein seelisch-geistige Grundhaltung eines Volkes, die aus der Vergemeinschaftung im Zuge der Zivilisations-, Moral- und Kulturentwicklung entstünde und der Überlieferungen, welche die Ideale weitergebe. Daher seien auch verschiedene Massen unterschiedlich geprägt, Begriffe würden unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Als Beispiel nennt er die Begriffe „Demokratie“ und „Sozialismus“, die unterschiedliche Bedeutungen haben:

„Sie entsprechen in Wirklichkeit für die lateinische und die angelsächsische Seele inhaltlich und bildlich völlig entgegen gesetzten Vorstellungen. Bei den lateinischen Völkern bedeutet das Wort Demokratie vor allem die Auslöschung des Willens und der Tatkraft des einzelnen vor dem Staat. Dem Staat wird immer mehr aufgeladen, er soll führen, zentralisieren, monopolisieren, fabrizieren. An ihn wenden sich beständig alle Parteien ohne Ausnahme: Radikale, Sozialisten, Monarchisten. Bei den Angelsachsen, namentlich den Amerikanern, bedeutet dasselbe Wort im Gegenteil die angespannteste Entfaltung des Willens und der Persönlichkeit, das mögliche Zurücktreten des Staates, den man mit Ausnahme der Polizei, des Heeres und der diplomatischen Beziehungen nichts leiten lässt, nicht einmal den Unterricht.“

Auch dieses schrieb Le Bon, ohne den Brexit auch nur zu erahnen.

Der Einzelne ist ein Automat geworden

Die vorübergehenden Meinungen der Massen seien leicht veränderbar, die Grundeinstellung jedoch nur schwer. Sie sei durch die Zeit geformt, die allerdings ebenso die Einführung der Glaubenslehren wie auch ihren Untergang vorbereite. Dabei reiche die Erfahrung einer Generation allein nicht aus, weil die nächste sie vergessen habe, zur Veränderung bedürfe es einer Vertiefung. Als wenig bedeutsam sieht er die politischen und sozialen Einrichtungen an, die Folge der Einstellungen seien, quasi aufgeklebte Etiketten, selber aber wenig Rückwirkung hätten.

Da die verbindenden alten Glaubenslehren zunehmend ihre richtungsgebende Kraft verlören, gäbe es Raum für eine Menge Sonderanschauungen ohne Vergangenheit und Zukunft, die sich im Bereich der vorübergehenden Meinungen ausbreiten. Dabei würde die Presse verstärkend wirken, was letztlich zu einer Unfähigkeit der Regierung führen würde, die Meinungen zu lenken. 

„Heuzutage haben die Schriftsteller ihren Einfluss eingebüßt, und die Zeitungen spiegeln nur die öffentliche Meinung wider. Und was die Staatsmänner anbelangt, so denken sie nicht daran, sie zu lenken, sondern suchen ihr nur zu folgen. Ihre Furcht vor der öffentlichen Meinung ist fast schon Schrecken und raubt ihrer Haltung jede Festigkeit.“

Die Mittel, mit denen man die Triebkräfte der Massen steuert, beschreibt er nur kurz. Es sei ein Führer nötig, dessen Wirkmittel die Behauptung, Wiederholung und Übertragung seien und der über einen erworbenen oder persönlichen Nimbus verfügen müsse. Sein Fazit zur Massengesellschaft:

 „Der einzelne ist nicht mehr er selbst, er ist ein Automat geworden, dessen Betrieb sein Wille nicht mehr in der Gewalt hat. Allein durch die Tatsache, Glied einer Masse zu sein, steigt der Mensch also mehrere Stufen von der Leiter der Kultur hinab. Als einzelner war er vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Triebwesen, also ein Barbar. Er hat die Unberechenbarkeit, die Heftigkeit, die Wildheit, aber auch die Begeisterung und den Heldenmut ursrpünglicher Wesen, denen er auch durch die Leichtigkeit ähnelt, mit der er sich durch Worte und Vorstellungen beeinflussen und zu Handlungen verführen lässt, die seine augenscheinlichen Interessen verletzten. In der Masse gleicht er einem Sandkorn in einem Haufen anderer Sandkörner, das der Wind nach Belieben emporwirbelt.“

So weit war man 1895. Und was machte man mit dem Wissen?

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über Gustave Le Bons "Psychologie der Massen"

Teil 2 finden Sie hier.

Teil 3 finden Sie hier.

Teil 4 finden Sie hier.

Teil 5 finden Sie hier.

Teil 6 finden Sie hier.

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Leserpost

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Matthias Braun / 28.03.2019

In dem Film “DIE WELLE” wird sehr anschaulich gezeigt,wie das Individuum sich verführen lässt und zur gelenkten Masse wird.

Rolf Lindner / 28.03.2019

“Die Psychologie der Massen” wurde 1895 veröffentlicht. 1844 hatte Karl Marx schon geschrieben: “... allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.” Wobei er ganz sicher die Theorie nicht gemeint haben kann, weil Theorien generell Massen nicht zugänglich sind, die schon allein mit der Prozentrechnung Probleme haben. Wahrscheinlich haben Sumerer, die alten Griechen, Konfuzius usw. ähnliches aufgeschrieben, aber nehmen wir nur einmal Le Bons Werk von 1895. Was war seitdem bis heute allein in Deutschland geschehen? Die Massen wurden nicht mit Theorien sondern mit den propagandistischen Mitteln der Schlagwörter aufgewiegelt, die die in den untersten Etagen des menschlichen Gefühlsgebäudes angesiedelten Gefühle ansprechen. Wie das funktioniert, weiß kaum jemand besser als Werbepsychologen. Allein das Phänomen, dass man mit politischer Propaganda den nach Freud stärksten Trieb, den Selbsterhaltungstrieb, bei einer riesengroßen Anzahl von Menschen, ausschalten kann, dokumentiert die Anfälligkeit der Masse für Heilslehren. Niemand missbraucht die uralte Ansprechbarkeit der Massen für einfache Gefühle mehr, als die Ideologen, die für sich in Anspruch nehmen, den neuen Menschen schaffen zu können. Man kann daraus nur lernen, dass man den Verführern mit den gleichen Mitteln antworten muss. Wie wäre es mit “Verstand statt Grün”, “Vernunft statt Merkel” oder “Greta ist Opium für das Volk”.

Albert Pflüger / 28.03.2019

Das eigentliche Problem ist dennoch die Dummheit, das Bildungswesen hielt Le Bon vermutlich nur deshalb für irrelevant, weil es zu seiner Zeit nicht eine so wichtige Rolle spielte, wie derzeit. Kluge Führer könnten auf dem Klavier der Massen spielen und ihre Macht sichern, ohne dabei das ganze Land ins Elend zu stürzen. Mit Hilfe der Emotionen der Masse kann ja auch in die richtige Richtung gesteuert werden. Wer früher Western geschaut hat, kennt noch die Stampede, das Durchgehen der Herde. Sie wird, um eine Katastrophe zu verhindern, von beherzten Cowboys durch Eingriffe an der Spitze umgelenkt und in seiner Gefährlichkeit neutralisiert. Solche Leute brauchen wir, und wir brauchen sie dringend und schnell!

Wolfgang Kaufmann / 28.03.2019

@Petra Schwerdtfeger – An der Herstellung einer patriarchalischen Unterdrückung, totaler als wir uns sie vorstellen können, arbeitet das Kollektiv seit 1968 völlig unbewusst, ja im Gegensatz zu seinen Bekenntnissen; jedoch äußerst zielstrebig und konsequent. Wie im Insektenstaat werden an den Irrungen und Wirrungen viele Einzelne untergehen und nachher will es keine gewesen sein…

Karsten Dörre / 28.03.2019

Massen zu beeinflussen bedarf es Strukturen zur Informationsverbreitung. Heutige Medien kommen faktisch per Internet kostenlos in die Wohnungen. Die Qualität der Medien ist der Knackpunkt. Wenn “Qualitätsmedien” so etwas verbreiten wie “Greta hat was zur Atomenergie gesagt” oder “Greta hat sich zum deutschen Kohleausstieg geäußert”, dann kommen mir Filmszenen aus “Das Leben des Brian” in den Sinn, wo eine Sandale hochgehalten wird, die Brian auf der Flucht vor seinen unerwünschten Jüngern verloren hat und diese Sandale als Zeichen Brians gedeutet wird. Es geht auch noch eine Nummer schärfer, wenn schwedische Medien ein minderjähriges Mädchen zur “Frau des Jahres” machen. Der latente Kindesmissbrauch bleibt ohne Folgen.

Wolfgang Kaufmann / 28.03.2019

Doch, genau das will die schnatternde Masse. Der Pöbel hält sich, dank medialer Dauerbeschallung, für besser informiert und moralisch kompetenter als die tatsächliche Crew. Also wählt man eine Pilotin, am besten eine von uns, nicht zu dumm und nicht zu klug. Und dann können die Passagiere den ganzen Tag darüber diskutieren und WhatsAppen, welchen Kurs ihr persönliches Bauchgefühl bevorzugt; doch wir wollen nichts überstürzen, daher müssen täglich 23 Stunden Pause für Kätzinnenvideos drin sein. – Solche Experimente macht man am besten im Flugsimulator. Entsprechend kommt unsere Politik keinen Schritt voran, während die Amerikaner und Chinesen Nägel mit Köpfen machen. Unfeministisch zwar, aber höchst wirkungsvoll.

Michael Sander / 28.03.2019

Liebe Frau Hainisch, Ihr Misstrauen gegenüber “den Massen” in Ehren, doch die gegenwärtige Krise der Politik ist doch wohl eher eine Krise der sogenannten politischen Eliten, die sich in ihrem Wolkenkukuksheim verschanzt haben und nur noch einen sehr eingeschränkten Zugang zur Realität haben. Der “Masse” kann man vorwerfen, dass sie unpolitisch ist und den einfältigen Propagandabotschaften der Gemeinwohlmedien auf den Leim geht. All die panikhaften politischen Fehlentscheidungen, von der Euro Rettung, über die Energiewende, zur Migrationskatastrophe, bis zur gegenwärtigen Deindustrialisierungsagenda, gehen gewiss nicht vom Volk, also der Masse aus, sondern von einer unfähigen und unwilligen politischen Klasse. Es ist eher ein Wunder der politischen Propaganda, dass diese Entscheidungen, zumindest in Deutschland ohne erkennbare Aufstände vonstatten gehen konnten. Aber das ist wohl ein sehr spezifisch deutsches Problem. In anderen Ländern regt sich der Unmut lauter.

Karsten Paulsen / 28.03.2019

Herzlichen Dank für die kleine Zeitreise. Vor 40 Jahren war le Bon meine zweite psychologische Lektüre nach Freuds “Massenpsychologie und Ich-Analyse”, da Freud laufend le Bon zitiert. Die Aktualität überrascht.

J. Polczer / 28.03.2019

Sehr geehrte Frau Heinisch, ich muss Ihnen da leider widersprechen. Zum einen habe ich sehr wohl auch diskutieren und über gewisse Sachverhalte nachdenken gelernt im Gymnasium. Tatsächlich forderten unsere Lehrer uns im Ethik- oder Deutschunterricht auf selbstständig über gewisse Sachverhalte nachzudenken. Zum Beispiel wurde dort einmal erörtert, ob Todesstrafe eine angemessene Art der Bestrafung darstellt oder dies nicht der Fall war. Dies war freilich noch bevor G8 eingeführt worden ist. Ich stimme Ihnen allerdings zu, wenn sie pures Auswendiglernen für wenig sinnvoll erachten, aber ohne das geht es leider nicht. Gerade durch die Literatur im Deutschunterricht wurde ich schon damals animiert über gewisse Dinge mir Gedanken zu machen. Auch glaube ich, dass es schlecht wäre, das Gefühl vollkommen auszuklammern. Die Welt erscheint in unterschiedlichen Farben, je nachdem wie wir für etwas fühlen. Denken und Fühlen sind miteinander verflochten und wer sich nur auf die Vernunft und das Rationale einlässt, vernachlässigt den irrationalen Anteil. Das wäre gefährlich, da man sich unter Umständen der eigenen Beweggründe nicht mehr ganz klar ist. Ich glaube deshalb, dass die jetzige Situation zum Teil mit einem Nicht-Bewusstmachen des irrationalen Anteils in uns zu tun hat und das pure Versteifen auf den Verstand auch nicht weiter hilft. Dieses ungute Gefühl, wenn man an die heutigen Zustände denkt, stellen eine Warnung dar, vorsichtig zu sein. Dieses Warnsystem ist leider nicht bei allen Menschen aktiv. Auch Sie bemerken Folgendes: “So manchen von uns beschleicht ja ziemlich regelmäßig, meistens von montags bis sonntags, das Gefühl, ohne Gerichtsverfahren zu einer lebenslänglichen Haft in einem Käfig voller Narren verurteilt worden zu sein. ” Es sieht also aus, als ob dieser irrationale Teil nicht nur entscheidend ist, sondern auch eine sinnvolle Aufgabe in der Warnung vor bestimmten Zuständen einnimmt.

Yvonne Flückiger / 28.03.2019

Gravitation! Abwärts geht immer schneller als aufwärts. Dass Rückwärts an die Wand jedoch auch schneller geht, hätte ich noch vor 10 Jahren nie gedacht.

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