Annette Heinisch / 28.03.2019 / 06:15 / Foto: Pixabay / 46 / Seite ausdrucken

Gemeinschaftsseele? Nein danke!

So manchen von uns beschleicht ja ziemlich regelmäßig, meistens von montags bis sonntags, das Gefühl, ohne Gerichtsverfahren zu einer lebenslänglichen Haft in einem Käfig voller Narren verurteilt worden zu sein. Der Westen, dessen Markenzeichen und ursprüngliches Alleinstellungsmerkmal der Einsatz des Verstandes und der Vernunft war, scheint – in einen Wirrwarr unausgegorener Gefühle verwickelt – Selbstmord auf Raten zu begehen. Sinnbild dieser infantilen, vernunftfreien Zeit ist Greta, ein pubertierendes Mädchen, das dazu aufruft, in Panik zu verfallen und dementsprechend zu handeln. Sie wird dafür gefeiert.

Der „alte weiße Mann“ hingegen, der als Gegenpol sinnbildlich für erwachsenes, rationales Handeln steht, wurde als Feindbild aufgebaut. Der alte weiße Mann ruft typischerweise dazu auf, bei allgemeiner Panik Ruhe zu bewahren, wohlwissend, dass Panik blind macht und Handlungen, die von Panik gekennzeichnet sind, oft mehr Unheil bringen, als sie vermeiden sollen. Ruhe bewahren und das Prinzip „Erst denken, dann handeln“ sind seine Devisen. Damit gibt er dem Verstand zumindest eine faire Chance. Ganz ehrlich: Wenn es in meinem Leben hart auf hart käme, zum Beispiel die Folgen panikblinden Verhaltens beseitigt werden müssten, hoffte ich sehr, alte weiße Männer an meiner Seite zu haben. 

Wie konnte es so weit kommen? Kürzlich gab Cora Stephan ein sehr sehenswertes Interview, indem sie unter anderem kritisiert, dass die Politik offenbar nur noch aus Gefühlen zu bestehen scheint. Gefühle gehörten jedoch ins Wohnzimmer, nicht in die Politik. Auch wenn ich eine Frau bin und damit nach dem Stereotyp der Gläubigen der „Politischen Korrektheit“ nicht für den Verstand, sondern für „das Gefühlige“ zuständig bin, stimme ich ihr voll zu. Sorry an dieser Stelle, dass ich das Klischee der gefühligen Frau nicht so recht bedienen mag, und das, obwohl ich als Kind einen pinkfarbenen Anorak hatte und mit Barbie-Puppen spielte! Aber auch für mich hat alles seine Zeit und seinen Platz.

Im Flugzeug finde ich es zum Beispiel überaus begrüßenswert, dass nicht aus der Menge der Passagiere ein Pilot gewählt wird, der sich zum Führen eines Flugzeugs berufen fühlt, weil er sich für einen Alleskönner hält und schon immer mal gestalten wollte. Es gibt Bereiche, in denen Verstand und Können für den Erfolg entscheidend sind. Kein Mensch, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde sich in ein Flugzeug setzen, wenn er sich nicht darauf verlassen könnte, dass die da vorne im Cockpit wissen, was sie tun, können, was sie tun und nicht lebensmüde sind. Was aber ist, wenn sich eine Flugreise anscheinend unaufhaltsam zu einem Flug Marke „Disast Air“ entwickelt? So kann man sich derzeit in unserem Land fühlen, sicherlich auch manche Briten oder Franzosen in ihrem.

Von der Hochkultur zur Barbarei

Wenn wir die These aufstellen, dass Vernunft, Können und Verantwortungsbewusstsein wesentliche Grundlagen nicht nur des Fliegens, sondern auch guter Regierungsführung sind, wieso hat die Gefühligkeit das Steuer übernommen? Da stellen wir uns mal ganz dumm: Wie funktioniert denn so ein Volk eigentlich? Bereits vor ziemlich vielen Jahren, genau 1895, veröffentlichte Gustave Le Bon das Grundlagenwerk der Sozialpsychologie, die „Psychologie der Massen“. Anlass war die damalige Transformationsphase von der Klassen- zur Massengesellschaft. Le Bon erklärt es so:

„Die organisierten Massen haben zu allen Zeiten eine wichtige Rolle im Völkerleben gespielt, niemals aber in solchem Maße wie heute. Die unbewusste Wirksamkeit der Massen, die an die Stelle der bewussten Tatkraft des einzelnen tritt, bildet ein wesentliches Kennzeichen der Gegenwart … Je weniger die Masse vernünftiger Überlegung fähig ist, umso mehr ist sie zur Tat geneigt. Die Organisation hat ihre Kraft ins Ungeheure gesteigert.“

Le Bon fragt sich, wohin diese Umwälzung führen möge und ist skeptisch:

“Vielleicht bedeutet der Aufstieg der Massen eine der letzten Etappen der Kulturen des Abendlandes, die Rückkehr zu jenen Zeiten verworrener Anarchie, die stets dem Aufblühen einer neuen Gesellschaft voranzugehen scheinen. Aber wie wäre er zu verhindern? Bisher bestand die Aufgabe der Massen offenbar in diesen großen Zerstörungen der alten Kulturen. Die Geschichte lehrt uns, dass in dem Augenblick, da die moralischen Kräfte, das Rüstzeug einer Gesellschaft, ihre Herrschaft verloren haben, die letzte Auflösung von jenen unbewussten und rohen Massen, welche gut als Barbaren gekennzeichnet werden, herbeigeführt wird. Bisher wurden die Kulturen von einer kleinen, intellektuellen Aristokratie geschaffen und geleitet, niemals von den Massen. Die Massen haben nur Kraft zur Zerstörung. Ihre Herrschaft bedeutet stets eine Stufe der Auflösung. Eine Kultur setzt feste Regeln, Zucht, den Übergang des Triebhaften zum Vernünftigen, die Vorausberechnung der Zukunft, überhaupt einen hohen Bildungsgrad voraus – Bedingungen, für welche die sich selbst überlassenen Massen völlig unzugänglich sind.“

Le Bon vertritt die Auffassung, dass der Einzelne, auch der Angehörige einer Hochkultur, unter bestimmten Umständen in der Masse seine Kritikfähigkeit verliert und sich affektiv, zum Teil primitiv-barbarisch, verhält. Damit hat er fast prophetisch die politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts vorausgesehen. Massen übten ihre Wirkungskraft stets unbewusst aus. „Der Gebrauch der Vernunft ist für die Menschen noch zu neu und zu unvollkommen, um die Gesetze des Unbewussten enthüllen zu können und besonders, um es zu ersetzen. Der Anteil des Unbewussten an unseren Handlungen ist ungeheuer und der Anteil der Vernunft sehr klein“.  

Verantwortungslosigkeit des Kollektivs

Kein Staatsmann könne die Massen beherrschen, das letzte Hilfsmittel sei zumindest das Verständnis der Massen, um nicht allzu sehr von ihnen beherrscht zu werden. Das ist der Grund für Le Bons empirische Analyse der Massen und ihrer Beweggründe. Er kommt zu folgenden Ergebnissen:

Die Masse ist – wenn organisiert, also nicht nur eine zufällige Ansammlung von Menschen ohne bestimmten Zweck – nicht die Summe der Einzelteile, sondern eine neue, eigene Gesamtheit. Sie ist weder mehr noch weniger als die Gesamtheit der Einzelteile, sie ist etwas anderes. Die bewusste Persönlichkeit der Individuen schwindet und wird ersetzt durch eine Gemeinschaftsseele. Le Bon vergleicht dies mit dem Zusammenfügen von Stoffen in der Chemie, die nach Verschmelzung einen gänzlich anderen Stoff bilden. Durch die Verschmelzung erfolge zunächst eine Durchschnittsbildung:

„Eben die Vergemeinschaftlichung der gewöhnlichen Eigenschaften erklärt uns, warum die Massen niemals Handlungen ausführen können, die besondere Intelligenz beanspruchen.“

Die Masse kann logisch zwingend niemals schlauer sein als die (wenigen) klugen Mitglieder derselben, sondern immer nur dümmer. Zusätzlich zu diesem Aspekt der Durchschnittsbildung bewirken drei Komponenten das Auftreten der spezifischen Eigenart der Gesamtheit: Erstens das Gefühl der unüberwindlichen Macht durch die Menge, wodurch Triebe ausgelebt werden können, die das Individuum zügeln würde, verstärkt durch die Verantwortungslosigkeit des Kollektivs. Zweitens ist durch geistige, hypnoseähnliche Übertragung („contagion mentale“) in der Masse jedes Gefühl, jede Handlung übertragbar und zwar in so hohem Maße, dass der Einzelne seine Wünsche den Gesamtwünschen opfert und sich alles in eine Richtung bewegt. Drittens weist die Masse eine hohe Beeinflussbarkeit und Leichtgläubigkeit auf. Die Masse hält die vor ihrem inneren Auge durch Worte hervorgerufenen Bilder für wahr und folgt der Täuschung, die sie stets der Wahrheit vorzieht. Le Bon beschreibt umfangreich die Macht der Worte, die – wenn geschickt gewählt – die Massen in eine Art Rausch versetzen können, wobei die Massen stets zu extremen Gefühlsäußerungen neigten, so dass sie zu besonders guten wie schlechten Taten fähig sind.

Massen sind für Logik unempfänglich

Le Bon schildert, dass die Überzeugungen der Massen „stets eine besondere Form aufweisen, die ich nicht besser zu bezeichnen weiß als mit dem Namen religiöses Gefühl.“ Ohne Religion, die keinesfalls zwingend die Anbetung einer Gottheit voraussetzt, sei die Masse nicht zu lenken. Dabei verweist er darauf, dass ganz Gallien, vertreten durch sechzig Städte, Kaiser Augustus einen Tempel bei Lyon errichtete, dessen Priester die führenden Persönlichkeiten des Landes waren. Der römische Kaiser sei wie ein Gott verehrt worden, was erkläre, dass dreißig Legionen des Kaiserreichs hundert Millionen Menschen zum Gehorsam zwingen konnten. Le Bons Fazit: „Für die Massen muss man entweder ein Gott sein oder man ist nichts.“ 

Was beeinflusst die Masse denn, wodurch wird sie bewegt? Er kommt zu dem verstörenden Ergebnis – Vernunft und Fakten sind es nicht.

„Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer … Bei der Aufzählung der Faktoren, die imstande sind, die Massenseele zu erregen, können wir uns die Erwähnung der Vernunft ersparen, wenn man nicht den negativen Wert ihres Einflusses aufzeigen müsste. Wir haben bereits festgestellt, dass die Massen durch logische Beweise nicht zu beeinflussen sind und nur grobe Ideenverbindungen begreifen. Daher wenden sich auch die Redner, die Eindruck auf sie zu machen verstehen, an ihr Gefühl und niemals an die Vernunft.“

Bingo! Hier haben wir es nun, das Gefühl. Jemand, der die Massen beeinflussen will, muss mit seinen Worten das Gefühl ansprechen, nicht den Verstand. An diesem Punkt angelangt, empfinde ich plötzlich sehr viel Verständnis für die Masse, denn nichts wäre mir lieber, als mich von diesen Tatsachen, die mir komplett missfallen, abzuwenden. Nicht nur, weil ich persönlich viel von Vernunft halte, sondern vor allem, weil unser gesamtes politisches System auf der These beruht, dass Menschen rational denkende und handelnde Wesen sind. Schon beim Einzelnen scheint das nicht immer der Fall zu sein, wenn es aber bei organisierten Massen nie klappt, Demokratie aber nun einmal auf organisierten Massen beruht, dann haben wir ein Problem. Und zwar ein großes.

Bildungssystem – Erwerb unnützer Kenntnisse

Die Bildung wird nach Le Bon nicht nur in ihrer Wirkung überschätzt, sondern sie trägt zu dem Problem bei, jedenfalls das „lateinische“ Bildungssystem mit seiner Praxisferne. Es sei ein psychologischer Grundirrtum, zu meinen, die Intelligenz entwickle sich durch Auswendiglernen. Urteilsfähigkeit und Entschlusskraft würden so jedoch nicht geübt, diese können nur in der Praxis erworben werden. Die Praxis würde zudem viele „Sonderwahrnehmungen“ bieten, durch die ein Mehr an Lernen durch einen „genauen und lebendigen Begriff von den Dingen, den Menschen und den verschiedenen Umgangsformen“ ermöglicht würde. 

Das Bildungssystem sei aber nicht nur nutzlos, es sei schädlich, denn der Erwerb unnützer Kenntnisse sei ein sicheres Mittel, einen Menschen zum Empörer zu machen. Die Schule „erzeugt am Fuße der sozialen Leiter die proletarischen Heere, die mit ihrem Los unzufrieden sind; oben aber unsere leichtfertige, zugleich skeptische und gläubige Bourgeoisie, mit ihrem übertriebenen Vertrauen zur Staatsvorsehung, die sie gleichwohl unaufhörlich beschimpft, weil sie stets ihre eigenen Fehler der Regierung zuschiebt und unfähig ist, ohne die Vermittlung der Obrigkeit etwas zu unternehmen.“

Wohlgemerkt – dies schrieb er nicht gestern, sondern 1895. Über die unbewussten Triebkräfte der Massen, die tatsächlich deren Verhalten erklären, schrieb Le Bon nicht viel. Darüber wisse man zu wenig, sodass man lediglich Vermutungen anstellen könne. Aus seiner Sicht ist eine wesentliche Quelle der Überzeugungen und des Habitus die Rasse, wobei er diese in einem nicht genetischen Sinn definierte, sondern als rein seelisch-geistige Grundhaltung eines Volkes, die aus der Vergemeinschaftung im Zuge der Zivilisations-, Moral- und Kulturentwicklung entstünde und der Überlieferungen, welche die Ideale weitergebe. Daher seien auch verschiedene Massen unterschiedlich geprägt, Begriffe würden unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Als Beispiel nennt er die Begriffe „Demokratie“ und „Sozialismus“, die unterschiedliche Bedeutungen haben:

„Sie entsprechen in Wirklichkeit für die lateinische und die angelsächsische Seele inhaltlich und bildlich völlig entgegen gesetzten Vorstellungen. Bei den lateinischen Völkern bedeutet das Wort Demokratie vor allem die Auslöschung des Willens und der Tatkraft des einzelnen vor dem Staat. Dem Staat wird immer mehr aufgeladen, er soll führen, zentralisieren, monopolisieren, fabrizieren. An ihn wenden sich beständig alle Parteien ohne Ausnahme: Radikale, Sozialisten, Monarchisten. Bei den Angelsachsen, namentlich den Amerikanern, bedeutet dasselbe Wort im Gegenteil die angespannteste Entfaltung des Willens und der Persönlichkeit, das mögliche Zurücktreten des Staates, den man mit Ausnahme der Polizei, des Heeres und der diplomatischen Beziehungen nichts leiten lässt, nicht einmal den Unterricht.“

Auch dieses schrieb Le Bon, ohne den Brexit auch nur zu erahnen.

Der Einzelne ist ein Automat geworden

Die vorübergehenden Meinungen der Massen seien leicht veränderbar, die Grundeinstellung jedoch nur schwer. Sie sei durch die Zeit geformt, die allerdings ebenso die Einführung der Glaubenslehren wie auch ihren Untergang vorbereite. Dabei reiche die Erfahrung einer Generation allein nicht aus, weil die nächste sie vergessen habe, zur Veränderung bedürfe es einer Vertiefung. Als wenig bedeutsam sieht er die politischen und sozialen Einrichtungen an, die Folge der Einstellungen seien, quasi aufgeklebte Etiketten, selber aber wenig Rückwirkung hätten.

Da die verbindenden alten Glaubenslehren zunehmend ihre richtungsgebende Kraft verlören, gäbe es Raum für eine Menge Sonderanschauungen ohne Vergangenheit und Zukunft, die sich im Bereich der vorübergehenden Meinungen ausbreiten. Dabei würde die Presse verstärkend wirken, was letztlich zu einer Unfähigkeit der Regierung führen würde, die Meinungen zu lenken. 

„Heuzutage haben die Schriftsteller ihren Einfluss eingebüßt, und die Zeitungen spiegeln nur die öffentliche Meinung wider. Und was die Staatsmänner anbelangt, so denken sie nicht daran, sie zu lenken, sondern suchen ihr nur zu folgen. Ihre Furcht vor der öffentlichen Meinung ist fast schon Schrecken und raubt ihrer Haltung jede Festigkeit.“

Die Mittel, mit denen man die Triebkräfte der Massen steuert, beschreibt er nur kurz. Es sei ein Führer nötig, dessen Wirkmittel die Behauptung, Wiederholung und Übertragung seien und der über einen erworbenen oder persönlichen Nimbus verfügen müsse. Sein Fazit zur Massengesellschaft:

 „Der einzelne ist nicht mehr er selbst, er ist ein Automat geworden, dessen Betrieb sein Wille nicht mehr in der Gewalt hat. Allein durch die Tatsache, Glied einer Masse zu sein, steigt der Mensch also mehrere Stufen von der Leiter der Kultur hinab. Als einzelner war er vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Triebwesen, also ein Barbar. Er hat die Unberechenbarkeit, die Heftigkeit, die Wildheit, aber auch die Begeisterung und den Heldenmut ursrpünglicher Wesen, denen er auch durch die Leichtigkeit ähnelt, mit der er sich durch Worte und Vorstellungen beeinflussen und zu Handlungen verführen lässt, die seine augenscheinlichen Interessen verletzten. In der Masse gleicht er einem Sandkorn in einem Haufen anderer Sandkörner, das der Wind nach Belieben emporwirbelt.“

So weit war man 1895. Und was machte man mit dem Wissen?

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über Gustave Le Bons "Psychologie der Massen"

Teil 2 finden Sie hier.

Teil 3 finden Sie hier.

Teil 4 finden Sie hier.

Teil 5 finden Sie hier.

Teil 6 finden Sie hier.

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Leserpost

netiquette:

Hjalmar Kreutzer / 28.03.2019

Gegenrede Kurt Tucholsky, schon am 28.10.1930, Weltbühne: „... Und wenn alles vorüber ist –; wenn sich das alles totgelaufen hat: der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen aufzutreten, in Massen zu brüllen und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn diese Zeitkrankheit vergangen ist,... Dann wird einer kommen, der wird eine gradezu donnernde Entdeckung machen: er wird den Einzelmenschen entdecken. Er wird sagen: Es gibt einen Organismus, Mensch geheißen, und auf den kommt es an. Und ob der glücklich ist, das ist die Frage… Es kommt nicht darauf an, dass der Staat lebe – es kommt darauf an, dass der Mensch lebe.“ Wer bestimmt denn, ob der Pilot oder der Herzchirurg oder der Politiker oder „die Eliten“ für ihren Job qualifiziert sind? Ist Politiker ein Ausbildungsberuf? Eine gute Annäherung wären schon die Worte Helmut Schmidts, das jemand nicht nur einen Beruf erlernt, sondern auch erfolgreich ausgeübt haben sollte, bevor sie oder er politische Ämter übernimmt.

Johannes Schuster / 28.03.2019

Willkommen in der Welt, bei deren Entstehung alle mit bester Qualifikation zusahen. Jeder hat seine Abschlüsse durch das Nachschwätzen erhalten, selten durch eigene und radikal andere Ansichten. So, und jetzt bekommen sie halt die Quittung für den leichten Weg der reziproken Anerkennung und das Zunicken in akademischer Wichtigtuerei ohne Gehalt. Und jetzt kann ich mir jeden Tag das Geschrei der Eltern dieser Misere anhören, diese unendlichen Variationen auf Goethes Zauberlehrling.

Lars Schweitzer / 28.03.2019

Man gibt sich aufgeklärt, dahinter verbergen sich aber dann doch nur Tribalismus und Aberglaube. Erschütternd, aber zur Zeit überall zu beobachten. Seit 1895 sind wir kein Stückchen weitergekommen.

Hans Meier / 28.03.2019

Die gegenwärtige Form von Demokratie setzt voraus, daß es eine Verwaltung gibt, die aus “Piloten” besteht, die wissen und können, was sie tun. Der jeweils amtierende Minister-Darsteller beschränkt sich dann darauf, die Verwaltungsspitzen auszuwählen und die politische Verantwortung zu tragen. “Politiker kommen und gehen, das Berufsbeamtentum bleibt bestehen.” Die Beamten müssen also ihr Arkanum gegen die Einflüsse aus der Politik abschirmen. Gewaltenteilung nennt man das.

sybille eden / 28.03.2019

Jetzt wird mir auch klar warum unsere Sonnenkönigin Angela in jedem zweiten Satz das Wort ““GEMEINSAM” benutzt. Sie ist eine Kollektivistin, durch und durch. Zum Demokratieproblem kann ich mir es mal wieder nicht verkneifen ein vorzügliches Buch zu empfehlen, mit Verlaub. Es heisst “Die DEMOKRATIE, der GOTT DER KEINER IST”, und ist von Hans Herrmann Hoppe, einem liberalem Freidenker. Auch hier werden die Phänomene der Massensugesstion und ihre Ursachen eigehend beleuchtet. Gruss an alle kritischen Geister der Achse !

Lutz Gerwig / 28.03.2019

@Dieter Weingardt Warum die Mehrheit an falschen Göttern klebenbleibt? Le Bon erklärt auch das. Die Mehrheit will eben zur Mehrheit gehören, sie fühlt sich in der Masse geborgen und hat Angst, aus ihr herauszutreten. Dass daran einiges Lebenskluge ist, weiß sogar ein emeritierter Medienprofessor zu bestätigen (Norbert Bolz bei Steingart). Wer sich heutzutage auf Meinungsfreiheit beruft, darf das gerne tun, einmal in Freiheit, doch dann muss er mit Konsequenzen der Ausgrenzung aus der Herde der Angepassten leben. Außer eben, er bestätigt die Herde. Dann darf er bleiben. Le Bon spricht auch von langen Entwicklungsteppichen, die die Möglichkeit der Ernte durch Führungsleute ermöglichen. Ein solcher Teppich ist z. B. die Klimareligion, die als säkulare Glaubensgemeinschaft, ähnlich Apple übrigens, einen blinden Gehorsam der Jünger nach sich zieht. Kaufen, ohne vorher zu gucken, weil man dann nicht alleine bleibt.

Lutz Gerwig / 28.03.2019

In diesem hervorragenden Artikel wird grundsätzliche Aufklärungsarbeit geleistet, die mich sehr freut. Denn die Mechanismen zu verstehen hilft, sich ihnen zu entziehen oder sie selbst zu nutzen. Die Arbeit der Achse ist hier Mittel zur Rückgewinnung persönlicher Freiheit. Vielen Dank dafür. Wir sollten nicht glauben, dass alles, was uns am aktuellen Geschehen stört, Zufall oder Unwissenheit der Organisatoren ist. Da sind auch Macher am Werk, die ihr Handwerk verstehen. Es gibt Propaganda-Technik, die auf Le Bon, Freud und den späteren Bernays, Neffe Freuds, zurückgeht und nach WK II zur Public Relations umfunktioniert wurde. Ergo, die Nutzung dieser Techniken erfolgt bewusst, Kriegslügen funktionieren nach diesem System genauso wie Regime Changes und “Framing”-Aktivitäten wie “Europa = EU = Europa = Euro = Frieden” oder “Briten machen ihre Demokratie kaputt, die sind ja dumm” oder “unsere Medien sind frei und brauchen deshalb immer mehr Geld von Dir, dem nach Nudging verlangenden Bürger”. An dieser Medienfront sind NGOs und Institutionen durchaus belesen und tun, was in ihrem Sinne funktioniert. Es ist deren Arbeit. Verschwörungstheorie als Begriff entspringt exakt diesen Mechanismen. @J. Polczer: ich denke, Sie liegen gar nicht so sehr auseinander beim Thema Lernen. Unser Hirn hat zwei Seiten, die zwei Perspektiven anbieten, eigenständig entwickeln, aber kommunizieren! Ziel dieser Urprinzipien: Chaos, Explorationsdrang und Ungewisses mit Tradition, Bewährtem und ausgleichender Ordnung sowie Sicherheit in die Waage zu bringen. Demzufolge können Sie diesen Thesen wahrscheinlich beide zustimmen: gut: ein Gerüst von verinnerlichtem Wissen aufbauen, um überhaupt frei andere Thesen prüfen zu können. gut: über alles (!) frei mit seinen beiden Hirnseiten, per Pro und Contra sprechen, ergebnisoffen (!) und mit Andersdenkenden. gut: wissen, dass Motivation und Leidenschaft die Energie bereitstellen können, um vernünftige Dinge zu tun.

Werner Arning / 28.03.2019

In Deutschland hat sich die Vorstellung eines versorgenden Staatsgebildes durchgesetzt. Sie hat sich der „lateinischen“ Vorstellung von Demokratie angeglichen. Man könnte sagen, es ist eine linke Vorstellung. Der Staat als eine Art Riesen-Mama. Sich der Riesen-Mama zu entziehen, fällt dem Angelsachsen leichter. Der Engländer versucht es mit seinem Brexit. Die Amerikaner haben Trump gewählt. Der Angelsachse möchte an keiner Brust saugen. Nach seinem Staatsverständnis erledigt der Staat seine ihm zugewiesenen Aufgaben und das war es dann aber auch. Der „Lateiner“ und mittlerweile auch der „Deutsche“ erwarten vom Staat alles. Sie möchten gefüttert und gelenkt werden. Auch das Denken delegieren sie an einen aufgeblähten Staat. Nur das Schimpfen können die echten Lateiner besser. Da haben die Deutschen noch Nachholbedarf. Die echten Lateiner verhalten sich derweil wie ungezogene Jugendliche, der Deutsche verschmilzt artig mit seiner Mama (der Staat im weitesten Sinne, inklusive Medien usw,) Er saugt ihre „Weisheit“ mit der Milch auf, die er aus ihrer Brust saugt. Diese ist ihm Religion und Lebenselixier.

Dr. J. Commentz / 28.03.2019

@Michael Sander: Die politischen Fehlentscheidungen sind ja der Angst der politischen Klasse vor den Massen geschuldet, da sie von diesen durch Wahlen abhängig sind. Nachdem Frau Merkel ein Flüchtlingskind mit der simplen Wahrheit konfrontierte, daß nicht jeder bleiben könnte, erfuhr sie umgehend den irrationalen Liebesentzug der Massen; seit dem denkt sie alles vom Ende her: wie kann ich mein Streben nach Machterhalt mit den (gesteuerten) Gefühlen der Masse in Einklang bringen. Das dabei der Eid auf die Verfassung irrelevant wird, ist zwangsläufig.

Karl Schmidt / 28.03.2019

Ich denke, der Begriff “Religion” (oder im politischen Kontext meist Ideologie) ist nur ein anderer Begriff für die von Ihnen geschilderte “Gemeinschaftsseele”. Darin liegt in der Regel einfach der Verzicht auf eigene Prüfung von Behauptungen/Tatsachen sowie einer eigenen Entscheidungsfindung. Das alles wird an die Führer der Masse delegiert, die sich insbesondere durch Ansprache der Gefühlseben, der Stimmungen etablieren; später durch Bildung von Netzwerken. Daher sind moderne Demokratien auf Teilung der Macht angelegt - und damit auch auf Teilung der Menge. Sie beruht darauf, die Menschen gemäß ihren (Eigen-) Interessen anzusprechen und zu organisieren. Auch staatliche Macht wird aufgeteilt und nicht zentralisiert. Die Stigmatisierung von (stets berechtigten) Eigeninteresse ist ein Kennzeichen aller autokratischen Systeme. Die Teilung der Macht, das Ausbalancieren der Interessen entfällt, wenn das gelingt. Warum verzichten Menschen auf das (auch für die Gesamtheit) gesunde Eigeninteresse (, das jedoch nicht im Interesse der herrschenden Gruppe ist)? Die einen aus Mangel an Urteilskraft: Ihnen gefällt die Idee, Teil an etwas Besonderem zu sein, was (in ihrer Vorstellung) die Zeit überdauert. Es hat auch etwas Narzisstisches. Wer ist nicht gerne Vorreiter? Es fällt so leicht, von anderen Lob anzunehmen; das schmeichelt. Nicht jeder findet das verdächtig oder gar unangenehm. Die anderen aus Mutlosigkeit oder Trägheit für die eigenen Interessen zu kämpfen. Zudem tun sich Individualisten, die so dringlich als Gegenkraft gebraucht werden, schwer mit Bündnissen. Irgendetwas gefällt ja immer nicht an der Opposition. Sie ist nie makellos genug. Damit spielt die herrschende Gruppe natürlich auch nur zu gerne.

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