Bernd Zeller / 19.06.2011 / 17:13 / 0 / Seite ausdrucken

Gefühlswiderstand bei der Erkenntnis antisemitischer Aggression

Würde man die Israelhasser an den Lügendetektor anschließen und fragen, ob sie antisemitisch seien, würden sie verneinen, ohne dass der Apparat Alarm schlägt; sie sind reinen Herzens, denn das Herz schlägt links, und da gibt es keinen Antisemitismus. Man könnte zwar darüber nachdenken, ob das dann wirklich noch links ist, aber: klar, steht ja auf den Fahnen. Die Antisemiten, die sind gegen Israel wegen der Juden, die Einstaatenlöser sind gegen Juden wegen Israel.
Es erstaunt womöglich die Aggressivität, die solche Gerneguten plötzlich an den Tag legen, und es ist wohl nicht zu weit hergeholt zu vermuten, dass wir es mit einer Objektverschiebung zu tun haben, die durch Verleugnung eigener Schuldgefühle, die mit dem Bild vom im Grunde guten Menschen unvereinbar wären, entstanden sind. Es kann sich dabei um tatsächliche verdrängte Schuld handeln oder auch nur um das Gefühl, dass man es zu gut hat.
Man könnte sich die Mühe machen, wenn man sie schon mal am Detektor angeschlossen hat, weiter zu fragen: wie soll die angestrebte Endlösung aussehen? Palästina statt Israel? Ja. Und was ist mit den israelischen Juden, die werden deportiert? So heißt das nicht. Und wieviele von ihnen werden schätzungsweise ermordet oder bei Zusammenstößen umkommen, in Milliströbele gemessen? Wollen wir nicht, wir wollen ein multikulturelles Palästina. Ist das ohne Vertreibung und Mord möglich? Werden wir sehen. Ist das dann ein holocaustmäßiger Vorgang? Niemals. Ab wann dann? Also werden es nur Pogrome sein? Vereinzelt vielleicht, ja. Und du willst immer noch behaupten, nicht antisemitisch zu sein?
So einfach kann es leider nicht gehen, denn eine Gefühlsblockade verhindert den Blick in den eigenen Abgrund. Diese Vermeidung ist es ja gerade, die den israelkritischen Antisemiten antreibt. Mit jedem Akt des Hasses, sagen wir der Kritik, verschlimmert sich sein Feindbild, denn er kann es nicht zulassen, einmal falsch gelegen oder übertrieben zu haben. „Wie sehr ich gegen Israel bin, zeigt, wie schlimm es ist, und jetzt schon wieder ist etwas addiert.“
Einer gängigen Vermutung zufolge liegt der Lustgewinn in der vermeintlich verminderten Schuld gegenüber den Juden, wenn sie einen so bösen Staat hervorgebracht haben und dasselbe mit anderen anstellen. Doch Linke geben sich nicht mit verminderter Schuld zufrieden.
Die Attraktivität des Israelhasses mag darin bestehen, dass es sich um Juden handelt, aber das ist nur die Hälfte und fußt in der Vergangenheit. Richten wir den Blick auf die, mögliche, Zukunft, steuern die Palästinenser und sonstigen Araber und Achmadinedschads einen Großteil der Attraktivität bei; der im Dritten Reich begonnene Holocaust wird zu Ende gebracht. Und diesmal – jetzt kommt der große emotionale Gewinn – sind die Täter andere. Man hat in Echtzeit von nichts gewusst, man hat nur Hilfslieferungen unterstützt. Die Tat hat jemand anderes beendet, ein stichhaltigeres Alibi, einen besseren Unschuldsbeweis kann es nicht geben.

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