Quentin Quencher / 01.06.2021 / 16:00 / Foto: Carl Spitzweg / 5 / Seite ausdrucken

Gedankenwege im Mai

So viele Gedankenwege bekomme ich angeboten, jeder erzählt mir, sein Weg wäre der zur Erkenntnis. Doch ich setze mich lieber auf eine Bank, beobachte wie die Wolken vorüberziehen und lausche dem Gesang der Vögel. Ich muss keine Wege gehen, schon gar keine vorgegebenen, finde mein Ziel in mir selbst....

*

Was mich an unserem Grundgesetz stört, ist das unterschwellig vorhandene Misstrauen dem Volk gegenüber. Damit ist der Weg frei für selbsternannte Eliten, Experten oder sonstige sich selbst Berufene, die in Institutionen und Parteien Macht erlangen.

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Führende Politiker stehen immer unter dem Verdacht, wenn es notwendig ist, skrupellos zu handeln, zu lügen, zu täuschen. Dies zu können, ist geradezu ihr Befähigungsnachweis. Sich dabei aber dilettantisch anzustellen, ist ein Ausschlusskriterium.

*

Schon allein die Tatsache, dass es fossile Kohlenwasserstoffe gibt, widerlegt die Behauptung von den nachhaltigen Kreisläufen als Prinzip der Natur.

*

Was klebt an Stühlen?

Ärsche!

Sorry, ich meinte, wer klebt an Stühlen?

Sag ich doch!

*

Manchmal muss ich verurteilen, was geschieht, mein Kopf befiehlt es mir, und doch, das Grinsen kann ich mir nicht verkneifen.

*

Die Zukunftsvision von einem nachhaltigen Leben im Kreislauf der Natur ist zutiefst religiös und ganz und gar vergleichbar mit früheren Prophezeiungen vom kommenden Reich Gottes. Eiferer wollen es sofort haben, doch sie haben zu jeder Zeit nur Bestehendes zerstört und nichts geschaffen.

*

Wenn die Fragen konkret werden, verändern sich die Antworten. Allgemein gehaltene, eher abstrakte Fragen, bekommen moralische Antworten, konkrete orientieren sich an der Praxis.

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Erinnerungen aufschreiben, um sie zu vergessen. Zu lange lagen sie in der Ablage für noch nicht Erledigtes. Nun kommen sie ins Archiv.

*

Unsere Parteien-Demokratie entwickelt sich in die Richtung, dass fast jeder mit jedem koalieren kann und will. Was dann bei den Verhandlungen raus kommt, ist unsicher und vor allem, ob es Volkes Wille entspricht. Obligatorische Volksabstimmungen über Gesetze sind nun notwendig.

*

Köstlich diese Formulierung: „Wir leben in wohlpolizierten Verhältnissen“, gefunden bei Paul Heyse, der dies 1865 in der „Witwe von Pisa“ schrieb. Ich aber mache gleich eine Frage daraus: Leben wir in wohlpolizierten Verhältnissen? Und wie sollte man „wohlpoliziert“ beschreiben? Das Wörtchen wohl drückt ja das rechte Maß aus, wohlproportioniert, wohlgestaltet und dergleichen.

*

Ich wusste es nicht, da mir ihre Handtasche ein Tabu ist. „Bekomme ich Ärger mit der Polizei, weil ich eine Schere in meiner Handtasche habe?“ Ich schaute nur fragend. „Ich muss mich doch wehren können, ohne Waffe geht das nicht!“ Ich werde ihr Pfefferspray besorgen.

*

Gedanken können Menschen infizieren, die Vorsorge dagegen nennt sich Zensur und Zensoren träumen davon, eine klinisch gedankenreine Atmosphäre zu schaffen.

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Seitdem ich gezwungen bin, beim Einkaufen beispielsweise, die Mimik derer, die mir begegnen, nur aus den Augen zu lesen, alles andere vom Gesicht ist ja durch Masken verdeckt, habe ich viel Traurigkeit gesehen.

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Gerade regnet es mal nicht, also Fenster auf und dem Vogelmorgenkonzert lauschen. Ein Wunsch nach Verwandlung ergreift mich, möchte auch Flügel haben oder so schön singen können. Doch dann bekäme ich auch einen Schnabel, würde meine Lippen verlieren und kann die, die ich liebe, nicht mehr küssen.

*

Das moderne Leben in Netzen jeder Art, bringt immer die Gefahr mit sich, im Krisenfall mit Nichts in der Hand dazustehen. Nur was du im Keller, im Speicher oder im Tank hast, das hast du dann.

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Evolution funktioniert nur in Ungleichgewichten, darauf reagiert sie und schaffte neue. Das Prinzip der natürlichen Gleichgewichte ist nur in Momentaufnahmen zu erkennen und ist sowas wie ein Standfoto in einem Film.

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Ein Traum aus Kindertagen: In die Vergangenheit reisen und den Menschen erzählen, wie die Welt wirklich ist. Was ist die Sehnsucht dieses Traumes? Mit exklusivem Wissen Macht und Bewunderung erlangen? Manche versuchen das, ganz real in der Gegenwart, ohne dass sie Wissen haben.

*Das Problem des Siegers, nach dem ein Kampf mit der Vernichtung des Gegners endete, ist, dass er sich eine neue Legitimation für seine Macht, oder für sein Dasein überhaupt, suchen muss.

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Der Untergang des Landes begann, als der Politik die TV-Talkshows wichtiger wurden als das, was an den Stammtischen besprochen wird.

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Der letzte Absatz in einer Erzählung öffnet die Gedanken, gleich einer Tür in einen neuen noch unbeschriebenen Raum – oder er schließt diese Tür. Heute sind Journalisten oft Türschließer, wollen den Leser in ihrem Raum festhalten.

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Ich beginne Entschuldigungen zu schreiben, in die Zukunft hinein, an meine Nachkommen, falls die sich irgendwann später einmal fragen, was denn der Uropa in der Zeit gemacht hat, als die Freiheit in Deutschland den Bach runterging.

*

Der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, genießt größte Aufmerksamkeit. Dann wird so getan, als ob die nun entstandene Empörung ganz auf ihn zurückzuführen sei. Von all den Ereignissen, die im Fass aufgefangen wurden, die es langsam füllten, wurde zwar hin und wieder berichtet, doch nie richtig wichtig genommen.


Auswahl aus Quentin Quenchers Notizen im Mai 2021

Foto: Carl Spitzweg DIRECTMEDIA Link">via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Bernhard Lassahn / 01.06.2021

Der Gedanke mit dem Fass, das durch den letzten Tropfen zum Überlaufen gebracht wird, hat mir besonders gefallen, weil mich dieses Gedankenbild (der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt) immer ein wenig unbefriedigt gelassen hat: na und? Dann läuft eben ein Tropfen über. Ist ja nur einer. Der Rest bleibt im Fass. Besser gefällt mir das englische Sprachbild.  Da geht es um den Strohhalm, der dem Kamel das Genick bricht. Dann ist das Kamel hin. In Deutschland steht immer noch ein volles Fass rum.

dr.goetze / 01.06.2021

Habe auf “Glitzerwasser” gestöbert, weil ich durch die Gedanken hier die Anregung bekommen habe. Da ist viel zu lesen, was ich gerne so Manchem ins nicht vorhandene Poesiealbum schreiben würde! Danke für Ernstes, nachdenklich Machendes, Nachahmenswertes und auch Erheiterndes!

J.G.R. Benthien / 01.06.2021

Schöne Zusammenstellung von Gedankenschnipseln!

Jörg Themlitz / 01.06.2021

Danke für diese Gedanken zum Feierabend. Werde ich Morgen noch einmal lesen. Denn das über den Tag stapazierte Gehirn erstellt am Abend andere Verknüpfungen, als das ausgeruhte Hirn am Morgen. Vielleicht wäre noch ein erneutes Lesen unter diversen flüssigen das Gehirn katalysierenden Mittelchen aus dem Supermarkt meines Vertrauens eine Idee. Die drei Gehirne nach der jeweiligen Lektüre gemeinsam in eine Diskussionsrunde zu bringen, wäre interessant. Scheitert wohl am Raum-Zeit-Kontinuum. Ach Wissenschaft ist doch so hinderlich. Das mit dem Danke am Anfang ist ganz ehrlich gemeint!

beat schaller / 01.06.2021

Schön, sehr tiefgründig und irgendwie melancholisch oder wirklich etwas heimatlos? Vielleicht auch suchend? Danke Herr Quencher! b.schaller

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