Archi W. Bechlenberg / 01.04.2020 / 11:00 / 16 / Seite ausdrucken

Geburtstagsständchen für Eric Idle

Ich liebe es, Nachrufe zu schreiben. Zum einen kommen sie meinem Hang zur Melancholie sehr entgegen, zugleich erlauben sie mir, mich gedanklich zurück in glücklichere Zeiten zu begeben, also in Zeiten, in denen vieles besser war. Ich denke, ich muss keine Beispiele dafür aufzählen, die werden Ihnen auch ohne meine Hilfe zu Dutzenden einfallen.

Wenn dieser Text hier kein Nekrolog ist, sondern ein Geburtstagsständchen, muss es dafür gewichtige Gründe geben. Und die gibt es, und nicht zu wenig. Und zwei Tage später darf man auch noch gratulieren, besonders an einem 1. April.

Am 29. März 1943, also in dieser Woche vor 77 Jahren, wurde Eric Idle im britischen South Shields am River Tyne geboren. „Im selben Hospital wie meine Mutter“, erzählt Idle und beeilt sich mit der Ergänzung „aber nicht im selben Jahr“. Er teilt dieses Geburtsdatum mit vielen weiteren wichtigen Personen. Ernst Jünger wurde an einem 29. März geboren, auch Castruccio Castracani, Zaccaria Dolfin, Tshülthrim Gyatsho, Reginald Goss-Custard und Nana Addo Dankwa Akufo-Addo taten da ihren ersten Schrei, wenn auch nicht im selben Hospital, ja nicht einmal im selben Jahr. Nur bei Ernst Jünger findet man eine bemerkenswerte Koinzidenz: Die Königsberger Zellstoff-Fabrik wird gegründet, nicht nur am Tag, sondern sogar im Jahr seiner Geburt.

Zurück nach England. 1943 herrschte Krieg, nicht ohne Folgen: Baby Idle wurde ernsthaft traumatisiert, woran er sich lebhaft erinnert: „Ich bekam einmal eine Micky Maus Gasmaske übergezogen. Seitdem habe ich mein Leben lang Angst vor Gummimasken und Micky Maus.“

Eric Idle ist – auch wenn er vieles andere in seinem Leben gemacht hat – den meisten aus seiner Zeit beim Monty Python Flying Circus bekannt. Dass er heute, mit 77, im Vergleich mit den anderen Pythons (jedenfalls den noch lebenden) besonders zerknittert ausschaut, liegt weniger an einem ungesunden Lebenswandel als vielmehr daran, dass er Ende der 1960er Jahre, als Monty Python bei der BBC für die politische Unkorrektheit sorgen durfte, gerade mal Mitte 20 war und über ein dementsprechendes jugendliches Äußeres verfügte. Da fällt der Unterschied zu heute natürlich mehr auf.

Idle beließ es bisher bei zwei Ehen

Für Monty Python Verhältnisse lebte und lebt Idle ein erstaunlich unspektakuläres Leben. Weder ruinierte er sich finanziell durch zahlreiche Ehen wie John Cleese, noch ging er bei Dreharbeiten tagelang verloren wie Graham Chapman, der stets auf der Suche nach knackigen Jungs und Alkoholika war. Idle beließ es bisher bei zwei Ehen – beide mit Frauen – und war geradezu unanständig solide. Als die Monty Python Truppe einmal von Hugh Hefner in dessen legendäres Playboy Mansion eingeladen wurde, brachte Idle seine Ehefrau mit.

Dennoch liebten ihn seine Kollegen heiß und innig. Was mehrere Gründe hatte. Er schrieb, im Gegensatz zu den Anderen, seine Sketche alleine und nicht im Team, was für die Vermeidung von Streit untereinander eine wichtige Rolle spielte. Stets war Idle zur Stelle, wenn es galt, sich nützlich zu machen. So beantwortete er, zumindest in der Anfangszeit der Monty Python Serie, persönlich die eintrudelnden Zuschauerzuschriften. Einmal, so erzählt er, habe es eine Beschwerde von einer bibelfesten Dame gegeben. Es sei ihr zu Ohren gekommen, dass einer der Pythons homosexuell sei, und Schwule, das stehe in der Bibel, müssten gesteinigt werden. Idle schlug die entsprechende Stellen nach, sah, dass die Zuschauerin recht hatte und antwortete ihr, man sei der Sache nachgegangen, habe den Sünder entlarvt und umgehend gesteinigt.

Mit den anderen Mitgliedern der Truppe teilte Eric Idle die beeindruckende Wandlungsfähigkeit. Häufig trat er in Frauenkleidern auf, was dank seiner jugendlichen Erscheinung für den Maskenbildner weitaus leichter zu bewerkstelligen war als bei John Cleese, Graham Chapman, Michael Palin, Terry Jones oder Terry Gilliam (womit ich alle genannt habe). Man denke nur an seine Darstellung der Rita Fairbanks, Sprecherin der Batley Townswomen's Guild, die eine Nachstellung der Schlacht von Pearl Harbor aufführt. Selbst den verschämten Augenniederschlag einer im ländlichen England lebenden Dame bekommt er so perfekt hin, dass selbst Lady Diana davon noch etwas hätte lernen können. Ich vermute allerdings, dass die spätere Princess of Wales diese Sendung nicht sehen wollte oder durfte; im zarten Alter von 8 Jahren war sie vermutlich mehr mit dem Striegeln von Pferden und dem Gassigehen mit ihrem Dobermann beschäftigt als mit albernen Fernsehsendungen.

Die Verkörperung von Schmierlappen

Zu Idles legendären Frauenrollen gehört auch die der protestantischen Ehefrau, die in „The Meaning of life“ ihrem Mann dezent Paroli bietet, als dieser schnauft, die Katholiken hätten so viele Kinder, weil die Frauen bei jedem Geschlechtsverkehr schwanger würden. „Das ist doch genau wie bei uns“ sagt sie. „Wir haben zwei Kinder.“

Neben der Darstellung von Frauen (oder Männern, die Frauen sein wollen) beherrschte Eric Idle ganz besonders gut die Verkörperung von Schmierlappen, seien es Showmaster, Moderatoren, Bartverkäufer, Nachrichtensprecher, Kneipenbekanntschaften oder philosophische Kellner

Nach dem Ende von Monty Pythons Flying Circus und dem Abdrehen einiger abendfüllender Spielfilme mit seinen Kollegen betätigte er sich weiterhin solo in vielerlei Gewerken, als Schauspieler, Drehbuchschreiber, Buchautor, Musicalkomponist, Synchronsprecher. Und was weiß ich sonst noch. Ach ja, die großartige Fakedoku „The Rutles – All you need is Cash“ ist ebenfalls auf seinem Mist gewachsen

Vor allem aber – und deshalb schreibe ich dieses Geburtstagsständchen mit großer Freude – ist Eric Idle für eine beeidruckende Anzahl großartiger Songs verantwortlich. Sei es der „Galaxy Song“, sei es das feierliche „F*** Christmas“, sei es der „Penis Song“ im Stil von Cole Porter.

Eric Idles musikalisches Meisterstück ist ohne Zweifel „Always Look at the Bright Side of Life“, die Hymne aller Optimisten und laut meinen Informationen eines der beliebtesten Beerdigungs-Lieder, zumindest im angelsächsischen Raum. Dieser Song, erstmals vom gekreuzigten Idle aufgeführt im Film „Das Leben des Brian“, besitzt Gültigkeit für alle Zeiten, auch wenn seine Botschaft („If life seems jolly rotten / There's something you've forgotten! / And that's to laugh and smile and dance and sing“) nicht immer ohne Weiteres umzusetzen ist. Aber wenn man sich ein wenig Mühe gibt, klappt das schon.

Alleine für dieses Lied hat Eric Idle diesen Geburtstagsgruß verdient, auch wenn ich eigentlich viel lieber Nekrologe schreibe. Aber er hat es mehr als redlich verdient! Und so: „Happy Birthday, old Chap! Es lebe der 29. März! An diesem Tag jährt es sich zum 50. Mal, dass die deutschen Fernsehzuschauer erstmals bei ARD und ZDF die Nachrichten in Farbe empfangen konnten!“

Eric Idle über seine wichtigsten Rollen

Eric Idle singt live „Life will get you in the end“ 

Eric Idle als Loretta im Leben des Brian

Eric Idle „I like Chinese“ 

The Rutles - Piggy in the Middle 

John Cleese and Eric Idle's  Secrets To A Perfect Marriage

Always look at the bright side of life 

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Manni Meier / 01.04.2020

“Am 29. März 1943, wurde Eric Idle im britischen South Shields am River Tyne geboren. ... auch Castruccio Castracani, Zaccaria Dolfin, Tshülthrim Gyatsho, Reginald Goss-Custard und Nana Addo Dankwa Akufo-Addo taten da ihren ersten Schrei,” Es ist das Verdienst der großen Autoren der Achse, uns an die Jahrestage der uns allen bekannten wichtigen Persönlichkeiten zu erinnern. In ihrer Bescheidenheit unterschlagen sie dabei leider oft die Erinnerung an die von ihnen geschaffenen Protagonisten am Rande der Welt und der Weltgeschichte. An diese und ihr Schicksal möchte ich gern erinnern - sie haben es verdient! Da ist zum einen der erste Hochzeitstag von Ellias Beinhoern, dem Hubschrauberpilot von Bitipoelser, der am 29. März 2019 in der Kirche von Hypohytta seiner Anna-Gunilla Undqvist, Assistentin von Dr. Wolfson, sein Jahrwort gab. Selbst die beiden hartgesottenen Trauzeugen, die Gebrüder Torkel Thorfinn und Tryggve Thorfinn konnten dabei ihre Rührung kaum verbergen. Leif-Lasse Thorenson, der Gesetzeshüter von Hypohytta ließ sich darauf hin wieder nach Stockholm versetzen, wo er seinen Kummer mit Unmengen selbstgebranntem Valhalla Mjöd Met betäubte. Ebenfalls am 29. März schenkte dieses Jahr Erika-Erdmute nach ihrer Rückkehr von Mykonos, wo sie wegen Μίκης Θεοδωράκης, angeblich ein Großneffe des gleichnamigen griechischen Anarchisten, Komponisten (“Alexis Sorbas”, “Z” und “Serpico”), Schriftstellers und Politikers, länger als geplant verweilte, einem gesunden Knaben das Leben. Nur von Brynjolf Kjellbarn, dem Fallensteller von Riksgränsen, gibt es nichts Neues zu berichten. Er fängt noch immer seine Berglemminge und bereitet sie mit einer Sauce aus Preiselbeeren und fermentierter Gerbrindenrinde nach altem Rezept zu. Merkwürdigerweise hat man auch von dem Herrn Laus nie wieder etwas gehört. Vielleicht war er ja doch nicht Linus-Leander Laus sondern in Wirklichkeit der Snälleröd!? Wer weiß das schon!

Rainer Grell / 01.04.2020

Danke, lieber AWB, für diesen grandiosen Beitrag (und die Links). Wenn er vermutlich auch nicht jedermanns Sache ist. Mir haben Sie eine Riesenfreude gemacht. Herzlichst Ihr RWWG

Heiko Engel / 01.04.2020

...und er war Freimaurer; was als solches, bei korrekter Anwendung und Demut, schon für eine aussagekräftige Persönlichkeit steht. Heute begnügt Plebs sich ja mit Roundtablern, Lionsclubbern, Rotariern etc.. Da wird die aktuelle Situation und Krise greifbar und es wird verständlich, warum wir uns überhaupt in einer solchen befinden. Die Gesellschaftsclubs sind schon ein gravierendes gesellschaftliches Gesamtproblematik. Um mal bei den drei G‘s im maurerischen Sinne zu bleiben. Gott will es !

Bernd Ackermann / 01.04.2020

Unvergessen auch Eric Idle im “Spot the Loony”-Sketch, der heute anscheinend als Vorlage für jede Nachrichtensendung im GEZ-TV dient. Angesichts der dort präsentierten Personen (incl. Moderatoren) hat man ständig das Verlangen zum Hörer zu greifen und dem Sender mitzuteilen, dass man den Bekloppten gefunden hat. “Yes, well done, Mrs Nesbitt of York spotted the loony in 1,8 seconds…”

Alexander Schilling / 01.04.2020

Danke für das Geburtstagsständchen, sehr geehrter Herr Bechlenberg (in Zeiten, in denen eine gewisse People’s Front die berühmte suicide squad-Nummer des “Life of Brian” neu aufzulegen scheint). Und noch ein weiteres Jubiläum—vor fünfzig Jahren “erstmals bei ARD und ZDF die Nachrichten in Farbe”? Der Ball ist leicht weiterzuspielen: Seit wann wieder in s/w, dafür allerdings gemalt?

Sabine Lotus / 01.04.2020

Wenn ich derzeit vom Einkaufen nach Hause fahre, drehe ich freitags immer eine Extrarunde um die örtliche Moschee und drehe “Always look on the bright side of life” richtig schön laut auf. Meine persönliche Danksagung für das Hupkonzert am Ostersonntag vor drei Jahren, als unsere Neubürger die Wahl ihres Sultans feierten. Ohne Idle hätte ich keinen Soundtrack. Daher ein dreifaches: “For he’s a jolly good fellow, for he’s a jolly good fellow…which nobody can deny”

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