An sich sind die Sommerinterviews für mich genauso tabu wie jedwede Talkshow. Ich bringe es einfach nicht (mehr) über mich, die ewig gleichen Floskeln und Phrasen unserer politischen „Eliten“ anzuhören. Bei Gauland habe ich am Sonntag eine Ausnahme gemacht, weil meine Neugier größer war als meine Abneigung, und ich wurde nicht enttäuscht. Der Mann hat eine Eigenschaft gezeigt, die ich bei Politikern für abtrainiert hielt: Er war ehrlich und gab bei mehreren Punkten zu, dass er beziehungsweise seine Partei keine Lösung parat hat. Letzteres unterscheidet die AfD zwar nicht von den anderen Parteien, doch die tun trotzdem so, als wüssten sie alles. Der Interviewer Thomas Walde war offenbar genauso verblüfft wie ich und ließ Gauland trotz erkennbar gegenteiliger Absicht relativ ungeschoren davonkommen.
Was machte der Mainstream daraus? Focus titelte: „Klima? Rente? Digitales? ZDF-Sommerinterview offenbart: Die AfD hat keine Antworten“. Stimmt. Aber wo liegt der Unterschied zu den anderen Parteien? In die gleiche Richtung ging das Handelsblatt: „Die AfD erreicht Umfragewerte einer Volkspartei – doch sie hat keine Antworten auf drängende Probleme. Das zeigt das ZDF-Sommerinterview mit Parteichef Gauland.“ Auch die Stuttgarter Zeitung konstatierte: „Keine Antworten auf Zukunftsfragen“. Wer hat die denn? Nehmen wir noch den Tagesspiegel: „AfD-Chef Alexander Gauland räumt ein, dass seine Partei keine abgestimmten Strategien für Rente, Wohnungsbau und Digitalisierung hat. Zum Klimawandel sagt er: Wir können nichts tun.“ Schauen wir uns die einzelnen Punkte der Reihe nach an:
Klimawandel. Gauland: „Man kann keine Lösungsvorschläge bringen ... Ja, es gibt einen Klimawandel ...Ich glaube, da ist viel Lobbyismus unterwegs ... Ich glaube nicht, dass es gegen den Klimawandel irgendetwas gibt, was der Mensch machen kann". ... Auf den Einwurf von Walde „Dann sollte man’s bleiben lassen?“: "Natürlich sollte man nicht Umweltschutz bleiben lassen, aber ich glaube nicht, dass man irgendetwas sinnvoll bewirken kann mit einer Klimapolitik".
Diese Aussagen hinderten „bento“, einen Spiegel-Online-Ableger, nicht an folgender Feststellung: „Alexander Gauland leugnet den Klimawandel – und beweist damit, dass er absolut keine Ahnung hat.“ Mich erinnert das sehr, an die wahrheitswidrige Berichterstattung über einen „Schießbefehl“, den angeblich die damalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry im Januar 2016 gefordert hätte (s. hier und hier; aber auch hier und hier).
Gauland in besserer Gesellschaft, als er vermutlich ahnte. The Heidelberg Appeal von 1992 gegen die These vom menschengemachten Klimawandel, wurde unterschrieben von rund 4.000 Wissenschaftlern aus über 100 Ländern: “The greatest evils which stalk our Earth are ignorance and oppression, and not Science, Technology, and Industry, whose instruments”. – Die größten Übel, die unsere Erde bedrohen, sind Unwissenheit und Unterdrückung und nicht Wissenschaft, Technologie und Industrie.
Altersvorsorge/Rentenkonzept. Walde: Ihre Partei hat bisher kein Konzept zur Rente vorgelegt. Warum haben Sie sich die Mühe nicht gemacht? Gauland stellt klar, dass es mehrere Konzepte gebe, die auf einem Parteitag im nächsten Jahr diskutiert werden sollen, und danach werde es auch ein Rentenkonzept der AfD geben. „Ich glaube, dass Ganze ist sehr viel schwieriger, das sehen Sie ja auch daran, dass die anderen Parteien Mühe haben, ein so genanntes Rentenkonzept vorzulegen.“ Wie sagte doch einst Nobert Blüm: „Die Rente ist sicher.“ Wozu brauchen wir dann überhaupt ein „Rentenkonzept“?
Digitalisierung. Gauland bekennt hier etwas, was viele Politiker mit ihm gemeinsam haben, aber hinter hohlen Ausführungen zu verbergen suchen, nämlich die fehlende Kompetenz bei diesem Thema. Es werde zwar durchaus über Alternativen innerhalb der Partei diskutiert, aber von einer „Strategie zur Digitalisierung“ könne nicht die Rede sein. Er hat aber durchaus erkannt, worum es unter anderem bei diesem Thema geht: „Wie kann man die Auswirkungen technischer Veränderungen auf die Menschen abbremsen und sozial verträglich machen, dass eben nicht Arbeitsplätze verloren gehen.“ Wie sagte doch die Physikerin Angela Merkel 2013: „Das Internet ist für uns alle Neuland“.
Mietwohnungsmarkt. Wir sind für stärkeren Wohnungsbau, vor allen Dingen für sozial Schwache. Eine Regulierungsmöglichkeit haben wir auch nicht gefunden. Zwischenfazit von Walde: Kann es sein, Herr Gauland, dass Sie mit diesen Zukunftsthemen überfordert sind? Antwort Gauland: Wir sind nicht überfordert, aber nicht bereit, irgendwelche Kurzschlussreaktionen mitzumachen. Was sichert bezahlbaren Wohnraum? Die Mietpreisbremse! Es folgte abschließend ein Blick in die Vergangenheit, den ich hier überschlage, weil er in der Berichtserstattung keine Rolle spielt.
Der Versuch von Walde, die Alternative für Deutschland als Partei ohne Alternativen für Deutschland darzustellen, war sicher legitim und teilweise auch erfolgreich. Seine unterschwellige Annahme, die anderen Parteien verfügten über solche Alternativen, lässt sich jedoch mit Fakten nicht belegen und entwertet seine „Demaskierung“ der AfD. Wer kann denn schon dem kleinen Mann Sicherheit für die Zukunft bieten? Welche Partei oder Person ist in der Lage, die drängenden Zukunftsfragen zu beantworten?
Der große Wilhelm von Humboldt hat gesagt: „Man muss die Zukunft abwarten und die Gegenwart genießen oder ertragen.“ Und Astrid Lindgren hat ergänzt: „Wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt in großem Maß von der Einbildungskraft jener ab, die gerade jetzt lesen lernen.“ Und der scharfsinnige Karl Kraus hat wieder mal den Nagel auf den Kopf getroffen: „Gute Ansichten sind wertlos. Es kommt darauf an, wer sie hat.“
Bemerkenswert war die völlige Ausklammerung der Flüchtlingskrise. Gauland gebrauchte diesen Begriff zwar einmal, in dem Interview spielte er aber keine Rolle. Für mich die größte Schwäche der Gesprächsführung, aber keineswegs überraschend.
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Gauland ist nicht der Richtige an der Spitze einer Partei, die Alternative sein will und den Umbruch in der derzeitigen versifften Regierungspolitik. Für junge Menschen ist der Herr vollkommen inakzeptabel und als Spitzenkandidat unwählbar. Ein Mitkommentator hat's schon geschrieben: Gauland sollte sich in die zweite Reihe der Parteiführung zurückziehen. Mit ihm ist für die AfD, wie man so sagt, kein Blumentopf zu gewinnen.
An die Frau Weidel hat er sich scheinbar nicht herangetraut, der feine Herr Walde!
Und was habe ich jetzt davon? Die einen haben keine Konzepte und keine Lösungsansätze und geben das auch zu. Die anderen haben auch keine, behaupten aber das Gegenteil. Was nutzt es, wenn einer so kompetent ist, seine Inkompetenz zuzugeben? Ist damit etwas gewonnen? Finks Krieg wird der Mann so auch nicht mehr gewinnen, den hat er schon vor Jahren verloren.
In einer Gesellschaft, in der zunehmend das Recht des Stärkeren und Präpotenteren gilt und man das auch noch gut findet, kommt die defensive und nachdenkliche Art von Gauland nicht gut an. Und da für die Gutmenschen bekanntlich gilt, gegenüber "Rechten " ist alles an Methoden erlaubt, was man ansonsten verabscheut, so hat gestern Gauland tatsächlich eine zu leichte Beute für diesen Walde abgegeben. — Das sollte sich die AfD künftig nicht mehr bieten lassen und jemanden schicken, der offensiver agiert. — Und was diesen "Journalisten" angeht: früher hätten solche Leute gehunken!
Gauland wirkt zu wenig angriffslustig, um sich mit linken Journo-Aktivisten abzuplagen. Er sollte es vielleicht lassen. Merkelgegner schauen sowieso kein Merkelfernsehen, vielleicht von Parlamentsdebatten auf Phoenix abgesehen. Ich seke keinen Grund, wieso die AfD ein Rentenkonzept für das linksradikale Gesellschaftsexperiment, das hier stattfindet, entwickeln sollte. Mir persönlich sind die Rentenprobleme des neuen, fremden Deutschlands total egal. Die "Digitalisierung" braucht kein politisches Konzept. Die Deutschen bräuchten Bildung, um sich daran wirtschaftlich zu beteiligen. Aber, der Linksstaat ist eben bildungsfern. Ich halte es durchaus für möglich, dass ein Teil des permanenten Klimawandels menschengemacht ist- auf diesem völlig überbevölkertem Planeten. Wie hoch der ist, weiß niemand. Ob es eher am CO2 liegt oder an Flächenversiegelung, Abholzung, Nassreisanbau ... weiß niemand. Da hat Gauland absolut Recht. Wir können nichts daran ändern. Die Aufgabe der AfD liegt nur darin, dass dem linken Deutschland die selbstgemachten linken Probleme vor die Füsse fallen. Warum sollte man sich hier noch engagieren?
Im ersten Moment war ich enttäuscht über den Auftritt von Herrn Gauland. Kein Augenkontakt zu dem Herrn Walde, ausweichende Antworten, das Einräumen von Nichtwissen. Dann kamen die inszenierten Buh-Rufe. Von da an wurde ich den Verdacht nicht los, das hier eine ÖR-Propagandasendung lief, mit dem ÖR-Büttel Walde. Und von da an gefiel mir auch, dass es tatsächlich noch einen Politiker gibt, der Nichtwissen zugibt und viel Arbeit zu den aufgerufenen Themen ankündigt, um womöglich Konsens in der Partei zu finden. Oder auch nicht. Herrscht etwa beispielsweise in der SPD Konsens, außer dem Machterhalt-Willen? Oder wird eine Partei dann attraktiv für die Wähler, wenn alle Präsidiumsmitglieder zu Lemmigen der Kanzlerin mutieren? Sicher hätte Frau Weidel didaktisch wirkstärker geantwortet, hätte nicht als etwas aus-der-Zeit-gefallen gewirkt. Inhaltlich traue ich der wirklich noch sehr jungen Partei aber durchaus zu, Antworten zu den aufgerufenen Themen zu erarbeiten. Und sicher vor den nächsten BTW-Wahlen.
es tut mir ja wirklich leid, aber ich als AFD-Sympathisant kann diese positive Einschätzung von Herr Grell und der Leserbriefscheiber nicht teilen ! Politiker sind nicht dazu da, der Bevölkerung mitzuteilen, sie haben keinen Plan, keine Ahnung und keine Perspektive für die Zukunft. Politiker sollen bewegen, die Weichen für die Zukunft stellen und in konservativem Falle das Gute bewahren. Eine Oppositionspartei muss natürlich auch Fehlentwicklungen klar zur Sprache bringen und im besten Fall Alternativvorschläge formulieren. Nichts davon habe ich in diesem Interview wahrgenommen. Meine Bitte an Herr Dr. Gauland: bitte in die zweite Reihe abtreten und jungen und ehrgeizigen Parteifreunden zumindest in öffentlichen Auftritten den Vortritt lassen (z.B. Dr. Curio, Frau Weidel oder Herr Dr. Meuthen).