Das Folgende hätten wir gern in der ZEIT richtig gestellt. 50 Zeilen wollte man uns dafür geben – etwa ein Sechstel des Platzes, den Frank Sieren in der aktuellen Ausgabe auf Seite 22 bekam, um uns frontal anzugreifen, falsche Tatsachenbehauptungen aufzustellen und für Journalisten durchaus ehrabschneidende Vorwürfe in den Raum zu stellen. Der „Kollege“ hat keinen Versuch unternommen, uns um eine Stellungnahme zu bitten oder gar mal zu fragen, ob das alles stimmt, was er da so von wem auch immer gehört hat. Zitat einer Redakteurin: „Wir können Ihnen dafür doch keine ganze Seite geben!“
Niemand weiß mehr so genau, wie es zu dem Artikel kam. Manche mutmaßen, bei der Deutschen Welle hätten die Chefdenker zusammen gesessen, um eine Abwehrstrategie zu entwickeln. Gerade hatten eine Personalie von Deutschlands „Visitenkarte im Ausland“ und die Offenen Briefe chinesischer Dissidenten und des Autorenkreises der Bundesrepublik an den Bundestag für heftige öffentliche Reaktionen gesorgt. Selbst Politiker zweifelten an der Unabhängigkeit der Berichterstattung des chinesischen Programms. Und aus China brandete eine hässliche Medienkampagne gegen deutsche Medien. Nun hatte auch noch einer der international einflussreichsten Dissidenten Chinas sich aus dem Exil in Washington an den Bundestag gewandt und Klärung gefordert. Es musste also etwas geschehen. Zur Beendigung der vielfach geäußerten Kritik sollen die Strategen sich auf Zersetzung festgelegt haben: Personalisierung der Debatte, Diskreditierung der Kritiker, Aktivierung namhafter Fürsprecher. Und was da wo sonst noch so ausgeheckt wurde, lässt sich ebenfalls nur mutmaßen.
Etwa auf diesem konspirativen Level funktioniert offenbar der Bestsellerautor Frank Sieren. Jetzt greift er mit einem sagenhaften Groschenroman in die Debatte um das China-Programm der Deutschen Welle ein. Unter der Überschrift „Die Phantom-Agentin“ lieferte der von seiner Titelheldin Zhang Danhong bei der Deutschen Welle gern interviewte China-Experte in der ehrenwerten ZEIT einen Artikel ab, der sich locker in die gegenwärtige Desinformationskampagne der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua gegen westliche Medien einpasst. Lügen, Unwahrheiten, Unterstellungen, falsche Tatsachenbehauptungen, selbst die Chronologie der Ereignisse wird kunterbunt gemixt. Mit der Einhaltung journalistischer Grundregeln hält sich der „berühmte Journalist“, der „seine Stimme gegen Zhang Danhong erlittenes Unrecht“ erhebt – wie Xinhua nach Erscheinen des Elaborats jubelte -, denn auch nicht auf.
Wir basteln uns eine Kampagne
Sieren behauptet, die Debatte um die Deutsche Welle sei durch einen „Krieg der Kölner Exildichterin Xu Pei und der Bonner Deutsche-Welle-Journalistin Zhang Danhong angefacht worden. Belege dafür nennt er nicht. Die in der chinesischen Bürgerrechtsbewegung aktive Dichterin Xu Pei hatte Ende Mai nach einer Diskussion beim Kölner Stadt-Anzeiger, bei der die stellvertretende Leiterin der chinesischen Redaktion der Deutschen Welle mit dem Menschenrechtler Wu Manyan diskutiert hatte, Zhangs Äußerungen in einer Email kritisiert und Zhang um ein Gespräch gebeten. Die lehnte ab. In einer Rede vor Journalistinnen machte Xu ihre Kritik dann erstmals öffentlich. Von Zhang erfolgte keinerlei Reaktion. Ein Krieg?
Sieren weiß noch mehr. Die Dichterin, deren Werke von nicht ganz unbekannten Künstlern wie Markus Lüpertz und Jörg Immendorf illustriert wurden, habe uns dann davon überzeugt, eine „Artikelserie“ zu starten. Gefragt hat er uns nicht. Sonst hätte er erfahren, dass wir von Xus Kritik an Zhang erst erfuhren, nachdem unser erster Artikel im August erschienen war. Der Bestsellerautor Sieren hat zudem bemerkenswerte Vorstellungen von unserer Macht im deutschen Mediensystem. Noch können wir niemanden zur Veröffentlichung ganzer Artikelserien zwingen, selbst, wenn wir das ganz leidenschaftlich wollten. Interessant wird sein Vorwurf, man könne einfach mal so eine Kampagne beschließen und gleich in diversen Medien starten, weil ihm selbst diese Möglichkeit ganz offensichtlich zur Verfügung steht.
Am 24. Juli trat Zhang in der ZDF-Talkshow Maybrit Illner auf, wo uns ihre Einlassungen erstmals und noch unabhängig voneinander auffielen. Statt eine an sie gerichtete Frage zu beantworten, gab sie ein langes Statement ab, indem sie Kritik an China als pauschal zurückwies, die Errungenschaften der KPC für das chinesische Volk pries und ziemlich offensichtlich Schleichwerbung für ein aktuelles Buch des ZEIT-Korrespondenten Georg Blume betrieb. Dann griff sie Angela Merkel an. Diese habe Deutschland und China auf Konfrontationskurs gebracht. Damit spielte die Journalistin auf den Besuch des Dalai Lama an. Das alles klang wie eine amtliche chinesische Stellungnahme. Tags darauf stand in der WELT: „Das konnte der Innenminister dann doch nicht auf sich sitzen lassen und wurde deutlich: „Man muss dafür eintreten, dass Menschenrechte überall auf der Welt gelten.“ Der WELT-Autor kritisierte, dass fast alle Teilnehmer der Diskussion bei Illner die Probleme um Menschenrechte und Pressefreiheit in China herunterspielten.
Schon nach dieser Sendung gingen Beschwerden bei der Deutschen Welle ein. Dass Zhang schon damals von der Intendanz aufgefordert wurde, nicht mehr ohne Rücksprache öffentlich als Vertreterin der Deutschen Welle aufzutreten, wollte uns ein DW-Sprecher später weder bestätigen noch dementieren. Am 4. August war Zhang dann im Deutschlandfunk zu hören. Sieren unterschlägt, dass laut Auskunft der Deutschen Welle die im Deutschlandfunk gemachten Äußerungen zur Entbindung Zhangs von ihren Leitungsfunktionen führten. Zhang hatte, wieder als Vertreterin der Deutschen Welle, unter anderem geäußert: „Ich habe vorhin die Seiten genannt, für die es wirklich keinen Grund gibt, die zu sperren. Die Deutsche Welle zum Beispiel betreibt eine möglichst objektive Berichterstattung über China. Aber zum Beispiel Free Tibet oder die Seite von Falun Gong. Ich denke, hier in Deutschland kann man auch nicht jede Seite aufrufen. Da gibt es auch bei Kinderpornografie oder Rechtsextreme, also, inwieweit die Berichterstattung mit Falun Gong oder Tibet zu tun hat, also, da rufe ich zu Besonnenheit auf. [...] Chinesen wollen keine Meinungsfreiheit.“ Die Forderungen nach Meinungsfreiheit kämen aus dem Ausland. Das Gros der Bevölkerung strebe nach Wohlstand. Schon in der Sendung wurde ihr sowohl von der Moderatorin also auch den Mitdiskutanten heftig widersprochen. In der Live-Sendung, bei der Hörer Fragen an die Diskutanten richten können, rief auch der stellvertretende Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen an. Siegfried Reiprich wollte wissen, ob Zhang Mitglied der KP Chinas sei, wurde aber nicht durchgestellt. Am 11. August erschien im Focus eine kurze Meldung, die neben dem Parteilob das Statement über die Internetzensur enthielt. Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz äußerte heftige Kritik an Zhang.
Bei der Recherche stießen wir dann auf die Diskussionsveranstaltung beim Kölner Stadt-Anzeiger, die als Video abrufbar ist. Hier wird nun interessant, wie Sieren, der uns vorwirft, Zitate zu entstellen, die Kernaussagen Zhangs selbst verfälscht. Sein Trick ist recht einfach: Er kritisiert, ein Ausgangszitat sei sinnentstellt wiedergegeben. Er selbst lässt dann in seiner vermeintlichen Korrektur genau das weg, was die von uns berichtete Beleglage fundiert. Beispiel: Wir zitierten Zhangs Aussagen: „Es gibt gewisse Grenzen der chinesischen Regierung, die nicht überschritten werden dürfen. Und das wissen die Dissidenten.“ Daraus hätten wir versucht, Zhang „einen Strick zu drehen“, schreibt Sieren, indem wir fragend herausstellten, ob dann Dissidenten selbst schuld an ihrer Verfolgung seien. Nach Sieren widerlegt der folgende Satz die Kritik: „In akademischen Kreisen kann man über die Todesstrafe diskutieren. Man kann sie auch scharf verurteilen. Das ist erlaubt. Natürlich hat man nicht die akademische Freiheit wie hier im Westen. Es gibt gewisse Grenzen…“ Warum das dem von uns Gesagten widerspricht, legt Sieren nicht dar. Weggelassen hat er dieses Zhang-Zitat: „Rote Linie ist für die chinesische Regierung eben, die Herrschaft der kommunistischen Partei nicht heraus zu fordern. Das heißt, wenn jemand dann Flugblätter verteilt oder dann wirklich politisch agiert. Diejenigen werden verfolgt und das ist dann wirklich ein kleiner harter Kern in China.“ Sieren unterlässt auch, zu erwähnen, dass Zhang dies als Vertreterin der Deutschen Welle einem chinesischen Menschenrechtler in einer Diskussion über Menschenrechtsverletzungen entgegen hielt.
Weiter behauptet Sieren, wir hätten Zhangs Zitat „Die KP Chinas hat mehr als alle jede politische Kraft auf der Welt für die Verwirklichung des Artikels 3 der Menschenrechte getan“ verfälscht. Wir hätten den Satz weggelassen, der das Zitat einleitete. „Es ist China gelungen, 400 Millionen Menschen aus der absoluten Armut zu holen.“ Das Zitat wurde jedoch vollständig abgedruckt oder bei Spiegel Online gebracht. Zudem lässt Sieren auch hier wieder weg, dass wir diese Aussagen der Deutsche Welle-Vertreterin vor dem Hintergrund des Programmauftrags der Deutschen Welle hinterfragten.
Und dann führt Sieren an, man müsse nur Zhangs Lob für den inhaftierten chinesischen Menschenrechtsanwalt Gao Zhisheng studieren, um zu erkennen, wie abwegig die Vorwürfe seien. Vielleicht nimmt er an, das tue sowieso niemand. Zhang wertet Gao nämlich durchaus zwiespältig. „Dass er und sein junger Mandant diesen Bekanntheitsgrad erlangt haben, verdanken sie den lokalen Medien, die den Fall von Anfang bis Ende begleitet haben. Dennoch lässt Gao Zhisheng an den chinesischen Medien kein gutes Haar:Die Verantwortungslosigkeit und Skrupellosigkeit der Medien ist eine ständige Quelle der Schmerzen für mich. Er macht das Schweigen der Medien mitverantwortlich für die missliche Lage der Falun Gong-Anhänger. Genau hier liegt aber die Tragik seines eigenen Schicksals. Als Rechtsanwalt sollte er zu seinen Mandanten auch eine gewisse Distanz wahren. Gao Zhisheng identifizierte sich aber zusehends mit den Opfern und sah die chinesische Gesellschaft durch ihre Brille.“
Was sind schon Zeit und Raum
Was die Chronologie der „Kampagne“ angeht, stellt Sieren einen Ablauf dar, der mit dem tatsächlichen Ablauf kaum peripher zu tun hat. Am 20. August veröffentlichten wir einen Artikel über die Kritik an Zhang in der Berliner Zeitung, in dem Zhang selbst auch zu Wort kam. Zwei Tage später meldete die Berliner Zeitung, dass die Deutsche Welle Zhang vorerst vom Sender genommen hatte und ihr Pressekontakte bis zur Klärung der Angelegenheit untersagt habe. Von einem Sprecher der Deutschen Welle erfuhren wir, dass sie wegen ihrer Äußerungen im Deutschlandfunk selbst an die Leitung heran getreten war und sich für den Kinderpornografie-Vergleich entschuldigt hatte.
Sieren stellt die Abfolge der Ereignisse so dar, als sei zuerst eine Artikelserie gestartet worden, in der der Vorwurf erhoben wurde, Zhang habe durch ihre Pro-China-Äußerungen als eine Art Agentin der Kommunistischen Partei die deutsche Medienlandschaft unterwandert. Das ist glatt gelogen. Sieren unterschlägt, dass die Kritik an Zhangs Äußerungen ausschließlich mit dem Programmauftrag der Deutschen Welle begründet wurde. Die hat, entgegen Sierens Darstellung in der ZEIT, nicht den primären Auftrag, pluralistisch zu berichten, sondern Deutschland und die deutsche Kultur in der Welt zu präsentieren. Dabei soll sie das christlich-europäische Wertesystem vermitteln und Demokratie und Menschenrechte fördern. Zu diesem Wertesystem gehören auch der Pluralismus und die Wiedergabe von Sichtweisen aus anderen Kontinenten, wie Sieren anführt. In den Statuten steht allerdings nirgends, dass man diese anderen Sichtweisen nach außen vertreten soll.
In Sierens Chronologie ist Wiefelspütz „auf die Kampagne aufgesprungen“. Das war zum Zeitpunkt von dessen Meinungsäußerung logisch unmöglich. Nachdem also in dieser Rabulistik der Politiker schon vor Beginn der Kampagne auf dieselbe aufgesprungen ist, schrieben auch noch „hysterische“ Dissidenten und Autoren an den Bundestag und warnten, so Sieren , vor „einer politisch verwirrten Journalistin“. Bis dahin hätte die Deutsche Welle noch hinter Zhang gestanden. Zur Erinnerung: Zhangs Suspendierung wurde am 22. August bekannt. Der Offene Brief der Dissidenten ging am 16. September an den Bundestag, der Offene Brief des Autorenkreises am 23. September. Die gesamte Berichterstattung drehte sich zu der Zeit nur noch um die extremen Reaktionen aus China. Die Dissidenten und Autoren warnten auch nicht den Bundestag von Zhang, sondern betonten gerade, dass sie kein Einzelfall sei. Es wurde eine Überprüfung der gesamten China-Redaktion gefordert, unter anderem mit dem Hinweis, dass aktuell Anzeichen dafür vorhanden seien, dass ein Re-Import kommunistischer Propaganda nach China nicht auszuschließen sei. Trotzdem behauptet Sieren, erst der durch die offenen Briefe und die darauf erfolgten Reaktionen entstandene politische Druck habe bewirkt, dass Zhang ihre Position als stellvertretende Leiterin des chinesischen Programms verloren hat. Eine glatte Lüge.
Auch die Kampagne aus China stellt er falsch dar. Die begann am 27. August und berief sich auf Äußerungen von Zhang gegenüber chinesischen Medien vom 26. August. Zhang bestritt diese Kontakte später. Die Kampagne schaukelte sich auch nicht hoch, bis „schließlich ein chinesischer Journalist behauptete“, wie Sieren schreibt, „das Nazigespenst“ tauche in Deutschland wieder auf. Die Nazi-Vorwürfe prägten den Anfang der Kampagne der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua am 28. August. Sieren verschweigt auch, dass die massive Kampagne aus China sich nicht nur gegen die Deutsche Welle, sondern auch gegen den Spiegel für seine Serie „Die gelben Spione“ und die ARD für ihre Dokumentation über Doping in China richtet.
Anschließend wurde die Personalie Zhang in China benutzt, um eine Hetzkampagne gegen westliche Medien und die westliche Demokratie zu beginnen. Dass inzwischen mit Wei Jingsheng einer der bekanntesten und angesehensten chinesischen Dissidenten sich aus Washington ebenfalls an den Bundestag gewandt hat, um an den Sendeauftrag der Deutschen Welle zu erinnern, verschweigt Sieren – natürlich – auch. Wei macht darauf aufmerksam, dass auch Radio France, die BBC und Voice of America seit Beendigung des Kalten Krieges nachlässig bei der Verwirklichung ihre Aufgabe wurden, Demokratie und Menschenrechte in der Welt zu fördern. Dissidenten haben sich seit mehreren Jahren immer wieder direkt an die Deutsche Welle gewandt mit ihrer Kritik an der Berichterstattung des chinesischen Programms, erhielten aber nie Antwort.
Der Intendant der Deutschen Welle, Erik Bettermann, hat am 26. September in einem Interview im Deutschlandradio bestätigt, dass die Deutsche Welle wie alle Auslandssender das Objekt der Begierde propagandistischer Interventionen autoritärer Staaten sei. Bettermann zählte dann diverse Sicherungsmaßnahmen auf, die diese Unterwanderung bei der Deutschen Welle ausschlössen. Das erwähnt Sieren natürlich auch nicht. Ach ja, und da ist ja noch etwas. Laut „Journalist“ Sieren hat sich der Bundestag mit der „Geschichte“ befasst. Nee. Hat er nicht und es ist auch noch nicht entschieden, ob er das tun wird. Aber was scheren die ZEIT schon Fakten. Sabine Pamperrien / Jan-Philipp Hein