Worte reichen nicht aus, um Aschchabad, die Hauptstadt Turkmenistans zu beschreiben - ich versuch’s trotzdem:
Nachts. Woksal Ashgabad. Ein Bahnhof wie jeder andere. Letzte Station unserer Reise.
Der Bus setzt sich in Bewegung und nimmt uns mit auf eine Fahrt in die Unwirklichkeit. Um uns herum wird es taghell. Kristall und Marmor, so weit das Auge reicht. Mancher Berliner erinnert sich an den Palast der Republik. Dies hier ist die Republik der Paläste. Menschen? Fehlanzeige. Ab und zu ein Uniformierter. Akkurat und steif stehen sie da. Sie sind die Bauwerke, das Geschaffene. Und die Marmortitanen sind ihre Schöpfer. Lebende, atmende Wesen, die die Menschen nach ihrem Willen formen. Man möchte die weißen Riesen ergründen, sie verstehen. Was ist ihre Geschichte, ihre Natur? Sie haben keine. Keine, die wir erfassen können. Sie stehen über menschlichem Empfindungsvermögen.
Schließlich biegen wir auf die Hauptstraße ein. Die Welt um uns herum explodiert. Das gleißende Licht wird von einem Wald aus Marmor, Gold und Alabaster reflektiert und prallt auf den bedauernswerten Beobachter. Wald? Eher ein endloser, minutiös angelegter Park aus Wolkenkratzern. Eine 130 Meter hohe Fahne weht dazwischen.
Mein Verstand sucht noch mit den letzten Gedanken nach Maßstäben, nach Analogien. Las Vegas mal Dubai hoch zehn. Alles Quatsch. Las Vegas ist etwas Spielerisches, ein Disneyland für ewig jung Gebliebene. Diese Stadt ist todernst. Dubai ist das Produkt aus mittelalterlichen Piratenschätzen, neuzeitlichem Ölreichtum und postmoderner Finanzanarchie. Diese Stadt jedoch entzieht sich jeder Biographie, jeder Wirtschaftlichkeit, jeder Konsequenz. Sie existiert.
Die Straße führt weiter in das Lichtermeer. Acht Spuren schnurgerade und leer. Am Ende ein Fluchtpunkt als Auge des Zyklons. War das ein PKW? Verschwinde, Du störst. War wohl auch Einbildung. Der strahlende Horizont formt eine Welle, die über uns hinweg schwappt.
Aus der Ferne hören wir den Guide sagen: „Bevor Sie Ihre Kommentare abgeben wegen Energieverschwendung, möchte ich in aller Bescheidenheit sagen, dass in Deutschland pro Kopf 10 Einheiten Energie verbraucht werden, in Turkmenistan nur 3,5. Wir verbrauchen also dreimal so viel.“ Hab ich was gesagt? Und wer sind „wir“? Gut vorbereitet, der Mann. Wer ist das eigentlich? Er spricht deutsch ohne Akzent. Allerdings auch ohne jede Mundart, die einen Hinweis geben könnte, dass er ein Landsmann wäre.
Von fast jedem Haus schaut einen Saparmyrat Nijasow an, Turkmenistans Autokrat. Genannt Turkmenbaschi, Kopf aller Turkmenen. Vor zwei Jahren verstorben, hier lebt er noch. Für immer.
Manchmal wird das Land, das er geprägt hat, mit Nordkorea verglichen. Angesichts dieser Eindrücke erübrigt sich das. Pjöngjang ist die einzige Hauptstadt der Welt, in der nachts die Lichter ausgehen. Hier ist der Ort, an dem keine Dunkelheit herrscht. Nie.
Wir kommen am Hotel an. Hotel President. Akkurat aufgereihte Koniferen. Dann ein riesiger Wasserfall. Dann ein Kronleuchter. Die Lobby gibt uns eine Ahnung davon, was uns in den Zimmern erwartet.
Könnte, ein kurzer Gedanke, dies ALLES für uns vorbereitet sein? Eine riesige Kulisse nur für die Touristen? Selbst die Frauen, die durch die Eingangshalle flanieren, sind perfekt bis ins Detail. Haben Sie ein Leben, eine Lebensgeschichte? Und vor allem: Wird morgen, wenn wir wieder weg sind, all das Licht ausgeschaltet? Alles Makulatur?
Aber was heißt das überhaupt: Makulatur? Die weltweite Finanzkrise (der Welt da draußen, muss man hinzufügen!) hat uns doch vor Augen geführt, wie sehr bislang unumstößliche Vorstellungen von Gütern und Reichtum sich plötzlich als spröde Fassade entpuppen können. Wo hört die Substanz auf, wo beginnt die Fassade? Verschmilzt hier nicht alles in einem Meer von Pracht? Liegt nicht jeder Reichtum im Auge des Betrachters? Und: Gibt es denn ein anderes Auge? Wird nicht Macht schon dadurch konstituiert, dass zehn Leute vor Ehrfurcht auf die Knie fallen?
Mein Blick fällt wieder auf den Kopf des großen Bruders, der über die Hotelhalle wacht. In diesen Momenten ist er nicht Nijasow. Für uns ist er natürlich der Turkmenbaschi, der Führer der Turkmenen, niemand sonst. Draußen ist sein Gesicht das einzig Lebendige, das einzig Warme inmitten der Kälte. Das einzige Indiz von Menschlichkeit – der Diktator.
Die Flure sind mit zahlreichen Bildern verziert. Keine Kunstdrucke, sondern meisterhafte handwerkliche Arbeiten. Aber die Motive sind beliebig. Alles, was schön ist.
Schließlich komme ich im Zimmer an. Ein Saal aus Goldbordüren und Empire-Dekors. Empire. Oui. Empire. Right!
Im Badezimmer Armaturen aus waswohl. Vor dreißig Minuten saß ich noch im Zug auf einer gesundheitsgefährdenden Blech-Latrine, die ich mir eine Woche lang mit der Hälfte der Reisegruppe geteilt hatte. Der Zug hieß übrigens Zarengold. Und hier ist es. Das Gold des Zaren. So muss sich Marco Polo gefühlt haben, als er in Catay ankam, im Reich des Khans.
Ich schaue vom Balkon im elften Stock. Sinnlos. Egal, aus welcher Höhe man das Lichtermeer betrachtet – es ist, als liege man auf dem Boden.
Ich beschließe, ein paar Schritte zu laufen. Im Aufzug begegnet mir eine Geschäftsfrau? Angestellte? Führungskraft? Dobry vecher. Statt einer Antwort lächelt sie nur mitleidig.
An der Rezeption wird mir mein Pass ausgehändigt, nachdem die Empfangsdame zig Formulare ausgefüllt hat. Soviel Papier, dass ich fast ein schlechtes Gewissen bekomme, weil ich wirklich nur ein paar Schritte laufen will. Die Rezeptionistin wird zwischen ein paar Scherzen sehr ernst: Ohne Pass und alles dürfen Sie nicht das Hotel verlassen. Ja, es ist gefährlich.
Draußen laufe ich in die Leere. In die Stadt, die niemals schläft. Schlafen kann nur, was lebt.
Bei Tageslicht verblasst der Prunk etwas. Es gibt übrigens nur eine einzige Moschee im Großraum Aschchabad, die aber die größte Mittelasiens sein soll. Auf ihren Minaretten stehen Sätze aus – dem Koran? So ähnlich. Aus der „Ruhmana“, dem Leitfaden des Turkmenbaschi.
