Thomas Eppinger, Gastautor / 28.03.2019 / 11:00 / Foto: IDF / 17 / Seite ausdrucken

Ganz Israel ist eine Siedlung

Auf eines ist so gut wie immer Verlass: Wenn sich die Welt um den Nahen Osten sorgt und sich über das dortige Geschehen empört, dann gilt die Sorge nicht der Sicherheit Israels und die Empörung nicht den Angriffen auf seine Bürger. Vielmehr empört man sich, wenn Israel politisch gestärkt wird und sorgt sich, wenn der jüdische Staat sich wehrt. So war es, als der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer so „traurig und zornig“ über die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem war, dass er wutentbrannt in die Tasten griff, und so ist es heute, wenn sich die Welt empört, weil Donald Trump Israels Souveränität über die Golan-Höhen anerkennt. Dass gestern nacht im Sekundentakt Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel niedergingen, besorgt oder gar empört außerhalb Israels niemanden. Exemplarisch dazu der Bericht auf ORF Online, der mit diesem Absatz beginnt:

„Streit um Golan. Sorge und Empörung nach Trump-Dekret

US-Präsident Donald Trump hat am Montag wie angekündigt formell Israels Souveränität über die Golanhöhen anerkannt. Die Unterzeichnung des Dekrets erfolgte während eines Besuchs von Israels Premier Benjamin Netanjahu im Weißen Haus. Netanjahu befindet sich mitten im Wahlkampf – und einer militärischen Eskalation: Israel flog am Montag Luftangriffe im Gazastreifen.“

Man beachte den Doppelpunkt: Für den ORF beginnt die militärische Eskalation mit israelischen Luftangriffen, nicht mit Raketen aus dem Gazastreifen. Wo so viel Objektivität und Sachverstand zuhause sind, kann es schon mal passieren, dass ein unterbezahlter Online-Redakteur ganz Israel für eine „Siedlung“ hält (siehe Screenshot hier).

Netanyahu droht mit Vergeltung

Zur Erinnerung: Das „Siedlungshaus“ steht in Mishmeret, einer kleinen Ortschaft nördlich von Tel Aviv, mitten in Israel. Es wurde von einer Rakete getroffen, die aus 120 Kilometern Entfernung in Rafah abgefeuert worden war. Sieben Menschen wurden verletzt, darunter ein Baby, ein drei Jahre alter Junge und ein 12-jähriges Mädchen. Das bei dem Angriff schwer beschädigte Haus gehört britisch-israelischen Doppelstaatsbürgern aus London, der Familie Wolf. Robert Wolf sagte, dass er mit seiner Frau Susan, seinem Sohn, seiner Schwiegertochter und seinen Enkelkindern zu Hause gewesen sei, als die Rakete einschlug: „Ich habe beinahe meine Familie verloren. Wenn wir nicht rechtzeitig zum Luftschutzbunker gekommen wären, würde ich jetzt meine ganze Familie begraben.“

Inzwischen hat der ORF den Eintrag korrigiert und aus dem „Siedlunghaus“ ein „Haus“ gemacht. Unverändert blieb die Formulierung, Netanjahu habe nach dem Treffer „Vergeltung angekündigt“. In Wirklichkeit sagte er „we will respond with force“. Nun kann man „to respond“ mit allen möglichen Varianten von „antworten“ übersetzen, „Vergeltung üben“ gehört freilich nicht dazu. Und obwohl der ORF den Satz Netanjahus in einem anderen Beitrag korrekt übersetzt – „Es gab hier einen bösartigen Angriff auf den Staat Israel, und wir werden mit Nachdruck reagieren“ – darf die Formulierung „Vergeltung üben“ in keinem Beitrag fehlen. Ohne das Bild vom rachsüchtigen Juden geht es einfach nicht, ob man es nun mit „Vergeltung“ malt oder mit „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – ein Wunder, dass die „Gewaltspirale“ nicht vorkommt. Vielleicht habe ich die aber auch nur übersehen.

Die Empörten und Besorgten

Immerhin erfährt der geneigte Leser auch, wer sich aller über Donald Trumps Dekret empört. Syrien zum Beispiel habe die Entscheidung einen „abscheulichen Angriff auf die Souveränität und territoriale Integrität Syriens“ genannt, der Beschluss des US-Präsidenten sei der höchste Grad an Missachtung und ein Schlag gegen die internationale Gemeinschaft. Nun, nach Giftgas und Fassbomben auf die eigene Bevölkerung, einer halben Million Toten und sechs Millionen Flüchtlingen hat Assad zweifellos eine gewisse Expertise darin, was ein „Schlag gegen die gegen die internationale Gemeinschaft“ ist. Bleibt nur die Frage, was er mit „territorialer Integrität Syriens“ gemeint haben könnte.

Rührend auch die Sorge Russlands, „dass diese Entscheidung … die Lage in der Region insgesamt verschärfe“. Der russische Außenminister Sergej Lawrow habe seinen US-Kollegen Mike Pompeo am Telefon vor einer „schweren Verletzung des internationalen Rechts“ gewarnt. Also ich wäre als amerikanischer Außenminister nach dieser Warnung sicher total geknickt gewesen, um nicht zu sagen moralisch tief getroffen. Schließlich zeigt Russland in der Ukraine vorbildlich, wie man internationales Recht umsetzt, da hätte man sich doch ein Beispiel nehmen und am Golan wenigstens ein Referendum abhalten können. 

Rakete als Geste der Völkerverständigung

Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin schließlich twitterte, dass diese Entscheidung und die Tatsache, dass Israel zugleich den Gazastreifen bombardiere, Ausdruck einer „friedensfeindlichen“ Gesinnung sei. „Von wem auch immer das unterstützt wird, die Besetzungs- und Kriegspolitik ist nicht legitim und unmenschlich.“ Gute Beweisführung, zugegeben. Kaum schickt man als kleine Geste der Völkerverständigung eine Rakete, zeigt der Adressat seine friedensfeindliche Gesinnung. Ich finde das auch empörend und googel zur Beruhigung „türkei+kurden+syrien“, um mich mit der türkischen Friedenspolitik zu trösten.

Wenn Israel an der Gewaltspirale dreht und Donald Trump den Nahostfrieden gefährdet, ist es gut, wenn wenigstens einer kühlen Kopf bewahrt. Wer, wenn nicht er: Heiko Maas, der deutsche Außenminister, der wegen Auschwitz in die Politik gegangen ist. Wer könnte mehr um die Sicherheit Israels besorgt sein, die ja bekanntlich deutsche Staatsräson ist. Und tatsächlich: „Heiko Maas erkennt die Sicherheitsinteressen Israels auf den annektierten Golanhöhen an“. Da haben die Israelis noch mal Glück gehabt. Und ebenso konsequent wie folgerichtig lehnt Maas die völkerrechtliche Anerkennung der Annexion ab, weil einseitige Schritte eine Konfliktlösung erschwerten.

Wer jetzt verwirrt ist, kennt die Prinzipien der europäischen Nahostpolitik nicht: Wenn die USA Israel politisch den Rücken stärken, erschwert das die Konfliktlösung, wenn iranische Raketen an der Grenze zu Syrien auf Israel zielen, macht das nichts. Muss man nicht verstehen, ist einfach so. Nicht nur in Deutschland.

Zuerst erschienen auf mena-watch.com

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Bernhard Freiling / 28.03.2019

“Muss man nicht verstehen, ist einfach so. Nicht nur in Deutschland.” Doch, Herr Eppinger, muß man verstehen. Ganz besonders in Deutschland. Hochwahrscheinlich wurde diese Rakete, wenn nicht mit deutschem Geld alleine, dann mit EU-Geld, bezahlt.  Daher verstehe ich die Rücksichtnahme, die auch durch Ihre Äusserung durchscheint, des Zentralrats der Juden in Deutschland nicht. Das Verhalten der deutschen Regierung gehört permanent angesprochen und durch die Medien gejagt. . Bis auch der letzte dummdreiste Deutsche, der dem Narrativ folgt, die Nazis säßen bei der AfD, aufzuwachen bereit ist. Zu erkennen bereit ist, daß die wahren Nachfolger der Holocaust-Inszenierer auf der Regierungsbank sitzen. Durch sie (und die rotlinksgrüne Opposition) werden jegliche antisemitischen Umtriebe unserer Kulturbereicherer gedeckt. Sie camoufliert sich als Israel-Freund und finanziert gleichzeitig die Hamas und macht gute Geschäfte mit den Ayatollahs der großen Friedensreligion. “Der Deutsche” ist ziemlich gewiß kein Antisemit (mehr). Er läßt sich aber nur ungern in seiner Ruhe stören. Würde der Mossad (oder ein Whistleblower), der die Kapitalströme aus der EU und aus Deutschland mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haargenau kennt, diese mittels des Zentralrats bekannt machen, stünde schlagartig die gesamte Springer-Presse in Habacht-Stellung. Den anderen Medien bliebe nichts Anderes übrig als zu folgen. Alleine dieses Verhalten der Bundesregierung wäre in der Lage, eine der Wahrheit entsprechende Öffentlichkeitsarbeit vorausgesetzt, sie hinweg zu fegen. Ob es dann besser würde, weiß ich nicht. Schlimmer kann es m.E. kaum werden. Aber: das sind müßige Gedanken. Es wird nichts dergleichen geschehen, Kleine jüdische Presseorgane werden schimpfen, Blogs wie achgut oder Tichys werden berichten - an denen, die es angeht, die mit ihrer Stimme etwas ändern könnten, wird dies Alles vorbei gehen. Da sitzt mein Frust tief.

Thomas Taterka / 28.03.2019

Es gehört jetzt vielleicht nicht ganz hierher ( oder vielleicht doch? ), aber soeben las ich einen Beitrag von Julia Bernstein in der Jüdischen Allgemeinen zur Ausstellung ” Welcome to Jerusalem”, den ich für sehr mutig halte. Könnte auch hier auf der Achse gebracht werden. Als Ergänzung zu Ihrem Beitrag, Herr Eppinger. Den ich ebenfalls weiterempfehlen werde. Vielen Dank.

Gabriele Klein / 28.03.2019

.... PS: Seltsam die Empathie, d.h nichts anderes als die Vorstellung dass es sie (beim Kaffee schlürfen)  an Stelle des “Andern” jederzeit auch treffen könnte geht der heutigen “Intelligenz” völlig ab und damit auch die Voraussetzung zur Logik und Fähigkeit zum abstrakten Denken überhaupt, womit diese “Intelligenz” aufhört eine solche zu sein….........(1) In diesem Zusammenhang sei vermerkt dass es sicher kein Zufall ist dass lt. Piaget die Fähigkeit ethische Fragen zu stellen sowie logisch und hypothetisch zu denken zeitgleich in der letzten, 4. Phase einsetzen

Robert Korn / 28.03.2019

Was soll das Geschixx? Nachdem die Anliegerstaaten drei von ihnen jeweils angezettelte Kriege einen nach dem anderen gegen die wackeren Juden verloren haben, werden sie halt die Folgen zu akzeptieren haben. Die sind so alt wie der Wald: doryktetos, speererworben hieß das schon bei den alten Griechen.

Frank Stricker / 28.03.2019

Wieviel Resolutionen gegen Israel hat die Bundesregierung nochmal   unterstützt ? Es dürften in letzter Zeit ca. 2 dutzend gewesen sein , wo man sich zum Handlanger von Syrien, Iran oder den Palästinensern gemacht hat. Alles Staaten , die die Menschenrechte quasi erfunden haben……………...Finde es immer wieder erstaunlich , wie Deutschland und große Teile von Europa es schaffen , sich an antisemitischen Resolutionen zu beteiligen ohne rot zu werden. Die unerträgliche Frau Mogherini setzt sich mit Schleier ins iranische Parlament und spricht von “vertrauensvollen Gesprächen” mit Vertretern eines Regimes , die Kinderehen klasse finden und kein Problem damit haben, regelmäßig Frauen an Baukränen hochzuziehen……….

Gabriele Klein / 28.03.2019

Eigenartig, dass der Antisemit genau das dem Judentum unterstellt was dieses explizit und im Kern verbietet wie z.B. die Rache die im Grunde nichts anderes ist als die Verletzung des 1. Gebots. Heißt es nicht “mein ist die Rache, spricht der Herr? Das Verbot der Rache durchzieht das Judentum wie ein Roter Faden . ( H. Netanjahu ist ein frommer Jude). D.h. jene die dieses Gebot ablehnen um am Ende selbst auf dem himmlischen Thron Platz zu nehmen , projezieren ihre Schuld just auf jene die ihr Leben in den Dienst an jenem Gebote stellten. Darauf hingewiesen sei auch, dass Aug um Aug Zahn um Zahn sicherstellt dass man aus “Rachsucht” nicht ein ganzes Gebiß für einen Zahn einschlägt. (So (sinngemäß) ein Rabbi, dessen Name ich vergaß) Das Niedermetzeln der Belegschaft eines Krankenhauses samt seinen Neugeborenen irgendwo am Ende der Welt, weil halt da das Meucheln am besten klappt , um auf eine vermeintliche Ungerechtigkeit anderswo aufmerksam zu machen wäre z.B. nicht im Einklang mit “Aug um Aug Zahn um Zahn”  und ist Ausdruck just jener Rachsucht die man sodann auf den “Gegner” projeziert. Seltsam, das Mühen um Gerechtigkeit verursacht dem Westen die allergrößten Schwierigkeiten, wohingegen ihn das Gemetzel um seiner selbst willen bei Kaffee und Kuchen übehaupt nicht stört….........

Lars Bäcker / 28.03.2019

Schon perfide, wie die Staatsmedien sich heute ungeniert auf Israel stürzen und Opfer zu Tätern machen. Ich würde gerne einmal einen einzigen (deutschen) Politiker in Verantwortung hören, der sich uneingeschränkt zu Israel bekennt und die Angriffe aus den Palästinensergebieten als das benennt was sie sind: Terrorismus. Und auf diesen kann es nur eine Antwort geben: Stärke zeigen. Nicht klein beigeben und auch die andere Wange hinhalten. Wozu appeasement führt, sieht man auf den Straßen und in den Polizeistatistiken deutscher Großstädte.

Wilfried Cremer / 28.03.2019

Von “Siedlungen” ist normalerweise im Zusammenhang mit “Illegalen Siedlungen” die Rede. Das weiß auch dieser widerliche Netiquetten-Asylant.

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