Paul Nellen / 19.06.2016 / 09:42 / Foto: Tomaschoff / 1 / Seite ausdrucken

Gabriel und die Gnade der ganz späten Geburt

Wie dem Rechtspopulismus begegnen? SPD-Chef Sigmar Gabriel fordert im SPIEGEL ein Bündnis der progressiven Kräfte.

Vor allem auf den Philosophen Peter Sloterdijk (Jg. 1947) hat Gabriel es in seinem Beitrag abgesehen – als ein angeblicher Stichwortgeber für die AfD. Er rückt ihn mit Blick auf seine eigene Familiengeschichte in die Ecke von Rechtsradikalen: "Diese ganzen Sprüche kenne ich nur zu gut: von meinem Vater - und der war ein unverbesserlicher Nazi."

Ein überraschendes und sehr persönliches Motiv bewegt den SPD-Chaf da offensichtlich. Gabriel trägt seinen einst (wie man weiß: erfolglosen) Antifa-Kampf gegen den Vater heute anscheinend nachträglich und mit unaufgearbeiteten Schuldgefühlen aus der Position des Vizekanzlers heraus in der Öffentlichkeit aus. Vielleicht spielt dabei ja auch noch Neid auf die 68er eine Rolle, die, einschließlich des 12 Jahre vor Gabriel geborenen Sloterdijk, das Thema der deutschen Schuld familiär und gesellschaftlich schon lange mit Caracho angefasst hatten, als Klein-Sigmar noch in Lederhosen mit der Zwille auf Karnickel schoss. 

Jetzt holt Sigmar öffentlich nach, wozu ihn qua später Geburt sein Nachzüglerkomplex drängt. Was ihm privat als Sohn beim Vater nicht gelang, die Aufarbeitung der Vergangenheit, soll jetzt wenigstens in der Gegenwart bei jenen gelingen, die er für sich heute und stellvertretend für seinen Nazi-Vater als "Rechtsradikale" ausgemacht hat. Er rächt sich dabei noch en passant an den 68ern dafür, dass sie sich wie Sloterdijk und andere Gleichaltrige aus ihrer damaligen "unkorrekten" Vorreiterrolle heraus das Recht herausnehmen, noch nach 50 Jahren querständig und autonom wie ehedem Kritik an gesellschaftlichen Fehlentwicklungen zu üben. Auch wenn dabei, das sei betont, sicher nicht alles, was sie sagen oder schreiben, jedes Mal daumen-hoch-pflichtig ist.

Aber zu differenzieren ist Gabriels Sache ohnehin nicht. In der Bewertung der friedlichsten Religion aller Zeiten etwa liegen nicht unbedingt alle, die heute Gabriels Zorn erregen, per se falsch – manchen muss er sogar in seiner eigenen Partei ertragen.

Foto: Tomaschoff

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Andreas Rochow / 20.06.2016

Der reflektorisch unreflektierte Rückgriff auf die immer gleichen Versatzstücke des “klassischen Antifaschismus” ist bequem und bereits im gefühlten Verdachtsfall politisch korrekt. Einen acht- und streitbaren Philosophen in dieser Weise zu denunzieren, fällt aber auf den Denunzianten zurück. Ich habe Zweifel, ob Sigmar Gabriels Attacken wirklich mit seinem Vater zu tun haben. In seiner prekären Situation sucht er in erster Linie Applaus.

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