In Deutschland nimmt die journalistische Erregtheit mit der Entfernung vom Ort des Geschehens scheinbar zu. Wenigstens bei all dem, was man in den letzten Tagen über Chemnitz sieht, liest und hört, scheint das so zu sein. Ausnahme ist die Bluttat, die am Anfang stand: Mit dem Messerangriff von Asylbewerbern, bei dem ein Chemnitzer starb und zwei schwer verletzt wurden, gehen Medienvertreter, wie Politiker mit äußerster Zurückhaltung um.
Das Problem ist, dass viele deutsche Journalisten heutzutage glauben, es sei wichtiger „Haltung“ zu zeigen, als seine Arbeit möglichst gut und professionell zu erledigen. Und im allgemeinen Haltungswettbewerb haben Kollegen, die sich um eine unvoreingenommene Beobachtung bemühen, kaum eine Chance.
Vielleicht kann man aber jenseits unserer offenen Grenzen gelassener mit offenen Augen und ohne Haltungsdruck auf die allseits erregenden Ereignisse blicken. Der kurze Bericht aus Chemnitz von Peter Voegeli für den Schweizer Rundfunk ist da tatsächlich wohltuend nüchtern. Ein kleiner Auszug:
„Ich hatte etwas ganz anderes erwartet. Nämlich, dass draussen vor dem Fussballstadion die rechtspopulistische Bewegung «ProChemnitz» an ihrer Demonstration hässliche Parolen ruft und drinnen in einem grossen Saal – nach den Ausschreitungen und all den heftigen Emotionen der letzten Tage – nun die ruhige und besonnene Mehrheit der Stadt zu Wort käme und das Gespräch mit dem Ministerpräsidenten sucht.
Doch offenbar auch die ganz normalen Bürger von Chemnitz sind ausser sich. Sie sehen sich zu Unrecht in einen Topf mit Rechtsextremen geworfen. […]
Auslöser aller Ausschreitungen sei der Tod eines deutschen Festbesuchers am letzten Wochenende gewesen, betonte ein Mann und ergänzt: «Die Wahrheit ist, es ist jemand gestorben und zwei wurden abgestochen. Und das Schlimmste, so kommt es mir rüber was am Wochenende anscheinend passiert ist, war ein Hitlergruss.»“
