Henryk M. Broder / 06.01.2011 / 18:28 / 0 / Seite ausdrucken

Für den tierischen Ernst

Falls Sie ab und zu deutsches Fernsehen schauen, wird Ihnen nicht entgangen sein, dass derzeit der Karneval in Deutschland tobt. Dabei werden Sie bestimmt auch bemerkt haben, dass der deutsche Karneval, im Gegensatz zur Politik, eine todernste Sache ist. Karnevalisten verstehen keinen Spass. Machen Sie mal die Probe aufs Exempel und sagen Sie einem der Narren ins Gesicht, dass Sie ihn überhaupt nicht witzig finden. Dann bleiben Ihnen noch fünf Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Am besten in einen ehemaligen Bunker, den Sie von innen verriegeln können.

Natürlich hat der Karneval viele Nuancen. Die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten und die Neujahrsansprache der Kanzlerin machten die ganze Bandbreite des Phänomens deutlich. Trocken und spröde der eine, spröde und trocken die andere. Wulff stehend im Kreise handverlesener Bürger, Merkel allein an einem Schreibtisch.

Und wenn es mal richtig lustig wird, dann muss es ein Betriebsunfall sein, wie neulich in Mainz. Da gibt es eine Karnevalsgesellschaft, die “Ranzengarde”, die alle zwei Jahre einen Preis verleiht. Im Jahre 2009 ging er an Thilo Sarrazin, damals noch Vorstand bei der Bundesbank. Dieses Jahr wurde der Mainzer Kabarettist Lars Reichow ausgezeichnet. Und Sarrazin sollte die Laudatio auf seinen Nachfolger halten.

Nun ist die Frage, wer einen Preis der Mainzer “Ranzengarde” bekommt und wer die Rede auf den Preisträger halten darf, etwa so wichtig wie die Frage, welche Hausfrau zur Schönheitskönigin im hinteren Kandertal gewählt wird. Da aber inzwischen allein der Name Sarrazin ausreicht, um eine Welle der Hysterie auszulösen, bildete sich unter der Führung des “AK Protest” an der Uni Mainz eine Volksfront, die für den letzten Sonntag zu einer Demo “gegen Sarrazins und den allgemeinen Rassismus und den Hass auf die Armen” aufrief. In dem Aufruf heisst es u.a.:?“Thilo Sarrazin und andere sprechen keine unbequemen Wahrheiten aus, sie brechen keine Tabus und sind keine Verteidiger der Meinungsfreiheit. Im Gegenteil: Nichts von dem, was Sarrazin beschreibt, ist eine Bereicherung für die Diskussion, geschweige denn neu, originell, oder ein ‘Tabubruch’. Seine Lösungsvorschläge sind bestenfalls unbrauchbar, schlimmstenfalls menschenverachtend.”

Unterzeichnet hatten den Aufruf zahlreiche Gruppen aus der alternativen Szene, u.a. der Verein Armut und Gesundheit e.V., das Mädchenhaus Mainz, die grüne Jugend Mainz, der Verein für Freiheit und Solidarität e.V. Mainz, die Feministische Einzelkämpferinnen Gruppe (FEG) Mainz.

Wer immer den Aufruf formuliert und in Umlauf gebracht hatte, er bzw. sie muss in der Hitze des Gefechts einiges übersehen haben. Wenn “Sarrazin und andere” keine unbequemen Wahrheiten aussprechen, wenn sie keine Tabus brechen, wenn nichts von dem, was sie sagen, neu, originell oder eine Bereicherung für die Diskussion ist, dann ist doch alles, was Sarrazin und andere von sich geben, kalter Kaffee - und nicht wert, dass man sich darüber aufregt.

Aber auf solche Überlegungen kommt es im Karneval nicht an. Da wird das Wort zur Tat und die Tat zum Spektakel. Und so marschierten letzten Sonntag einige hundert Demonstranten vom Mainzer Hauptbahnhof zum Mainzer Schloss, wo die “Ranzengarde” ihr Fest feierte, um gegen den “Volksverhetzer Sarrazin” zu demonstrieren. Sarrazin, so war auf Transparenten zu lesen, gehöre “in den Knast, nicht in die Bütt”, Rassismus sei “keine Meinung sondern Feigheit und Verbrechen”; sie demonstriere, erklärte eine junge Frau, weil ein Buch geschrieben wurde, mit dem sie nicht einverstanden sei und das sie für gefährlich halte.

Und während drinnen im Schloss ältere Herren in bunten Phantasieuniformen Thilo Sarrazin und die Meinungsfreiheit hochleben ließen, demonstrierten vor dem Schloss grüne und rote Alternative gegen Thilo Sarrazin und die Meinungsfreiheit, zumindest seine Freiheit, ein Buch zu schreiben, das sie für gefährlich halten. Beide Kundgebungen waren zwei Seiten derselben Medaille: Karneval. Die Party geht demnächst in Aachen weiter, wo Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg den Orden “Wider den Tierischen Ernst” bekommt. Für seine “vorbildliche Volksnähe” und sein Credo: “Mir ist vor allem wichtig, ich selbst zu bleiben.”

© Weltwoche 1/11

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