Henryk M. Broder / 02.07.2010 / 18:58 / 0 / Seite ausdrucken

Für das Vergessen

“Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung”, sagte der ehemalige israelische Botschafter Avi Primor in einer Vorlesung zu Ehren der Geschwister Scholl, die von den Nazis ermordet worden waren. Wem das Copyright für diesen Satz, der fast täglich in zahllosen Variationen gebraucht wird, zukommt, ist unklar. Er wird zumeist dem Rabbiner Baal Schem Tov (“Herr des guten Namens”) zugeschrieben, einem jüdischen Mystiker in der Ukraine, der im 18. Jahrhundert gelebt hat.

Der Satz ist so konsensfähig wie das Sprichwort “Lieber reich und gesund als arm und krank”: Niemand stellt ihn in Frage, niemand mag auch nur den Gedanken zulassen, dass Erinnerung nicht das Geheimnis der Erlösung, sondern das Gegenteil sein könnte - ein Fluch, der aus der Vergangenheit in die Zukunft reicht und die Menschen zu Gefangenen ihrer Geschichte macht. Wer dem Vergessen das Wort reden würde, käme automatisch in den Verdacht, ein “Revisionist” zu sein, der aus den Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt hat und dazu verdammt ist, sie zu wiederholen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,704318,00.html

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