Bischof Werner Leich schlägt vor, auf die Formel „Kirche im Sozialismus“ zu verzichten. Damit will er ein Kapitel peinlicher Nähe zum DDR-Regime beenden. Begonnen hatte es nach dem Machtantritt von Erich Honecker. Auf seinen Wunsch war mit dem damaligen Konsistorialpräsidenten Manfred Stolpe eine Vereinbarung zwischen Staat und Evangelischer Kirche ausgehandelt worden. Mit der Anerkennung, „Kirche im Sozialismus“ zu sein, wurde die Evangelische Kirche zur wichtigsten nichtkommunistischen Legitimationsstütze des SED-Staates. Fortan konnte sich Honecker im In-, und Ausland mit dem guten Verhältnis von Staat und Kirche brüsten. Was als Festigung seiner Macht geplant war, erwies sich bald als zweischneidiges Schwert. Denn in der Vereinbarung, die am 6. März 1978 geschlossen wurde, war die Kirche formal als eigenständige gesellschaftliche Größe anerkannt worden. Das hieß, dass sie in ihren eigenen Räumen alleiniges Hausrecht hatte. In den Räumen der Kirche konnte die Staatssicherheit keine Verhaftungen vornehmen, keinen Veranstaltungen verbieten, keine Ausstellungen abbauen, keine Versammlungen auflösen. So lange eine Kirchgemeinde solche Aktivitäten duldete musste sich die Staatssicherheit darauf beschränken, mit ihren inoffiziellen Mitarbeitern heimlich dabei zu sein. Sie konnten beobachten, berichten, heimlich Einfluss zu nehmen versuchen. Verhindern konnten sie nichts. Die Räume der Evangelischen Kirche boten der Opposition der 80er Jahre, ihre Aktivitäten zu entwickeln und zu entfalten. Was sie mit wachsendem Erfolg tat.
Die SED versuchte, Druck auf die Kirchenleitung auszuüben, oppositionelle Aktivitäten in ihren Räumen zu verhindern. Tatsächlich gab es Kirchenleute, die verkündeten, dass die Kirche kein „Oppositionslokal“ sei und „für alle, aber nicht für alles“ offen stünde.
Da eine Gemeinde aber selbst bestimmen konnte, was sie dulden wollte, oder nicht, blieb der Einfluss solcher Kirchenleitungsmitglieder beschränkt. Schließlich verschärfte die SED ihren Ton: Das Politbüromitglied Werner Jarowinsky sprach vom „Missbrauch der Kirche als trojanische Pferd“, ohne zu ahnen, dass die DDR wie Troja dem Untergang geweiht war.
