Gunnar Heinsohn / 11.07.2016 / 13:10 / Foto: AMISOM / 5 / Seite ausdrucken

Fünf Jahre Südsudan: Die Ursachen der Geburtstags-Toten

Zum fünften Jahrestag der Unabhängigkeit Südsudans kommt es am 9. Juli 2016 in der Hauptstadt Juba zu Schießereien mit hunderten von Opfern. Krieger des Vizepräsidenten vom Stamm der Nuer geraten mit Dinka-Kämpfern des Präsidenten aneinander. Von daher ist verständlich, wenn fast alle Fachleute ethnische Rivalitäten als Ursache für das unfeierliche Gebaren ausmachen. Gelegentlich wird als Alternative für diese biologistische Deutung eine aktuelle Dürre oder gar der Klimawandel als solcher für die Erklärung der Unruhen herangezogen.  

Bei 34 Kernethnien mit 44 Nebenstämmen mag unmittelbar einleuchten, dass Gruppenegoismen zu Neid und irgendwann auch zu Blutvergießen führen. Da diese multikulturelle Vielfalt die Region zwischen Äthiopien und Zentralafrikanischer Republik aber schon seit Menschengedenken prägt, kann sie allein die Not und das Schießen nicht erklären. Sind weitere Treibsätze hinter der Gewalt denkbar? 

Kaum Beachtung findet in den Glückwünschen und Ermahnungen die Bevölkerungsentwicklung der Nation mit dem goldenen Fünfzackstern in der schwarz-rot-grünen Trikolore. Von rund 2 Millionen Einwohnern im Jahre 1945 springt sie auf knapp 13 Millionen im Jahre 2015.  Im Jahre 2050 sollen 27 Millionen erreicht sein. Hätte Deutschland dieselbe Dynamik entfaltet, stände es – nach 70 Millionen 1945 – heute nicht bei 81, sondern bei rund 450 und 2050 sogar bei 945 Millionen Menschen. Statt eines schon recht gebrechlichen Durchschnittsalters von knapp 47 Jahren genösse man vitale, womöglich aber auch zornige 17 Jahre.

Nach sudanesischen Wachstumsraten hätte Deutschland heute 450 Millionen Einwohner

Nun kann man die noch ganz besitzgeprägten Afrikaner nicht mit Ländern vergleichen, die Ökonomie treiben können und müssen, weil sie lange schon auf Eigentumsstrukturen für das Besichern von Kredit und Geld fußen. Weil der Südsudan beim Rechtssystem für das Wirtschaften erst ganz am Anfang steht, kann nicht überraschen, dass er 2015 bei der Leichtigkeit für das Gründen von Firmen auf dem 187. Platz endet.

Doch auch hochentwickelte Ökonomien würden sich schwer tun mit Südsudans Kriegsindex von 5. (Er misst die Relation zwischen 15-19-jährigen Jünglingen, die in den Lebenskampf eintreten, und 55-59-jährigen Männern, die der Rente nahe sind). Auf 1000 ältere Männer im Alter von 55-59 Jahren, die sich dem Ruhestand nähern, folgen 5000 junge Männer im Alter von 15-19 Jahren, die in den Lebenskampf eintreten. Im besten Fall rangeln fünf Ehrgeizige um einen Posten. In Deutschland liegt dieser Index bei 0.66. Auf 1000 Alte folgen nur 660 Junge. Haben die etwas gelernt, sind ihnen Karrieren sicher. Und selbst den Pechvögeln winken Transferzahlungen von den Erfolgreichen.

Im Südsudan dagegen haben selbst viele der Besten keinerlei Aussicht auf solche Optionen. Beim Herstellen eines Gleichgewichts zwischen Ambitionen und Positionen wird deshalb immer wieder auch das Beseitigen von Konkurrenten eingesetzt und mit dem Hinweis auf Treulosigkeit, Raffgier oder ähnliche Sünden auch gehörig gerechtfertigt. Bis ökonomische Rahmenbedingungen geschaffen und die Geburtentraten von 5-6 auf 2-3 Kinder pro Frauenleben herunter sind, bieten Auswanderung oder Asyl die größte Hoffnung für den Nachwuchs der 78 Stämme. Wer immer ihnen Willkommenskultur offeriert, kann Millionen zu sich locken.

Foto: AMISOM Flickr CC0 via Wikimedia

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Wolfgang Richter / 12.07.2016

Gerade im Südsudan könnte sich die angesprochene Raffgier im Verhältnis der Ethnien zueinander vor allem auf die immensen Erdöl- vorkommen beziehen, die überwiegend im Gegenzug zur aufzubauenden Infrastruktur von volksrepublikanischen Chinesen ausgebeutet werden. Und wenn man die massiven Expansionsanstrengungen der Chinesen in Südchinesischen Meer direkt vor der Haustür von Vietnam (gerade gehabte Charmeoffensive des Herrn Obama)  und den (US-amerikanisch gesponserten) Philippinen mit Abstand zum ureigenen Territorium von ca. 800 Km betrachtet, könnte man durchaus auf die Idee kommen, daß der Südsudan als erneutes Feld für einen Stellvertreterkrieg ausgeguckt ist, befeuert von den ethnisch verfeindeten Raffkes vor Ort, die jeweils versuchen, ihre Vorteile zu sichern, also alles wie gehabt und nur Folger von einer Unzahl bereits der Geschichte zugeschriebener Beispiele, aus der zu lernen niemand bereit ist. Das Elend trifft wie immer die Kleinen Leute vor Ort.

Martin Gerhard / 11.07.2016

Hervorragender Beitrag genau wie letzte Woche in der NZZ. Sudan ist ein schönes Beispiel um die Fundamentalursache zu beleuchten, die  Causa hinter all den vieldiskutierten Symtomen. Gerade klappe ich das letzte Buch von Jared Diamond zu und da ist es wieder das “Malthusian Dilemma” nur in anderem Gewandt. Linear- trifft Expotentialfunktion. Das Ergebnis ähnelt sich seit Jahrtausenden nur die Größenordnungen sind andere dank überreicher fossiler Energiesubventionen,  Antibiotika und Schutzimpfung. Unsere wohlgemeinten Afrikaspenden der letzten Jahrzehnte haben Füße bekommen und kehren zurück nach hause… Was für eine tragische Ironie der Geschichte.

Jens Hofmann / 11.07.2016

Der Artikel zeigt deutlich die ganze Aussichtslosigkeit des so gutgemeinten wie naiven Unterfangens, die “Fluchtursachen zu bekämpfen”. Ein Lehrer wird dort nicht lange genug leben, um irgendetwas anzuheben, so daß auch nur eine dünne Schulbuchseite darunter paßt. Wie war das gleich in Afghanistan mit Schulen und Brunnen bauen? Diese Stammesgesellschaften sind nach unseren westlichen Maßstäben nicht fremdentwicklungsfähig. Wollte man das ernsthaft angehen, müßte man ehrlicherweise über einen neuen, “guten” Kolonialismus reden. Da auch das nur mit “guter” Gewalt erreichbar wäre, ist der Ansatz politisch gleich chancenlos, zumal die dortige Bevölkerung inzwischen deutlich zahlreicher und agiler ist. Ganz schlechte Voraussetzungen für Europa, fürchte ich.

Marcel Seiler / 11.07.2016

Die Bevölkerungsentwicklung Afrikas ist in den westlichen Ländern (weitgehend) ein Tabu. Beispiel Völkermord in Ruanda 1994: Sowohl in Deutschland als auch in den USA wurde dieser als Genozid nach dem Muster der Judenmorde in Deutschland betrachtet - wie fies, dass sich Hutu und Tutsi nicht leiden konnten! Dass Ruanda seit dem Ende des zweiten Weltkriegs eine Vervielfachung der Bevölkerung erfuhr, die in der ruandischen Agrargesellschaft den Boden knapp und damit jeden anderen Menschen zum Rivalen um die begrenzte Ressource Boden machte, gab es hier nicht zu lesen (außer in einem Spiegel-Artikel irgend wann einmal). Stattdessen dominierten die moralischen Entrüstungen.—Solche moralischen Entrüstungen fühlen sich gut an für den, der sie hat, sie verewigen aber das Elend.

Klaus Klinner / 11.07.2016

Eine Information, die ich so noch nicht hatte, danke. Das Ergebnis der Berechnung zeigt aber eindeutig, dass die Politik der “Offenen Grenze"n und des “Freundlichen Gesichts” das Problem nicht lösen wird, im Gegenteil. Die einzige Möglichkeit um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern wäre allein eine konzertierte Aktion der Weltgemeinschaft um die Länder der Dritten Welt in ihrem Bildungs- und sozialen Niveau anzuheben. Aber wir beschäftigen uns ja viel lieber mit Kriegen in aller Welt, der “Rettung” der Boni unserer Superbanker,  die Steigerung des Profits der DAX-Unternehmen usw. Also wird es diese konzertierte Aktion nicht geben. Die Menschheit versagt.

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