Bernhard Lassahn / 11.04.2012 / 15:18 / 0 / Seite ausdrucken

Frühlingsgefühle

Nun, da der Frühling wieder sein blaues Band durch die lauen Lüfte wehen lässt, verführt es mich, an die Dichterworte des wohl bekanntesten und beliebtesten deutschen ...  Nein, ich meine nicht Günter Grass.

Kein lebender Dichter geht mir durch den Sinn, sondern einer, der nur noch in seinen Zeilen weiterlebt. Ich meine einen von jenen Schriftstellern, von denen Ulrich Schreiber – der Impressario des internationalen Literaturfestivals -, so gerne sagt, dass sie zu denen gehören, die „zu Unrecht verstorben“ sind. Ich meine Heinrich Hoffmann von Fallersleben.

Natürlich kann man bei der nach oben offenen Dichterskala nicht den Wert angeben, den jemand in Sachen Bekanntheit oder gar Beliebtheit einnimmt. Man kann auch schlecht nachprüfen, welcher der Poeten tatsächlich am häufigsten zitiert wird und wessen Verse am stärksten einen Widerhall finden in den dunklen Schluchten unserer Erinnerung. Das muss man auch nicht. Literatur ist kein Sport und braucht kein Ranking. Doch man kann wohl sagen, dass auf so einer imaginären und gleichwohl überflüssigen Skala Hoffmann von Fallersleben ganz weit oben steht – auch ohne das ‚Lied der Deutschen’, das ich an dieser Stelle außen vor lasse. Heinrich Hoffmann von Fallersleben ist, so überraschend das klingen mag, einer der ganz Großen. Auch wenn ich ihm nicht unbedingt die Führungsrolle in der deutschen Dichtung zuweisen will, so doch die Frühlingsrolle.

Bekannt und unsterblich ist er mit seinen Kinderliedern, von denen „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum“ womöglich sein größter Hit ist. „Über Stock und über Steine. Aber brich dir nicht die Beine.“ Das Lied enthält eine poetisch verkleidete Botschaft an selbstbewusste Kinder, all die gut gemeinten, aber eben doch vergeblichen Ratschläge besorgter Eltern nicht allzu ernst zu nehmen - Ratschläge in der Art wie „Pass gut auf dich auf“, „Sei immer schön vorsichtig“. Das alles darf man getrost überhören, wie auch die Biene nicht wirklich in Gefahr ist, sich bei einem Flug über Stock und Steine die Beine zu brechen. Verlachen wir also die unnötigen Sorgen, werfen wir den Ballast ab und fliegen wir auf und davon.

Ein weiteres Frühlings-Gedicht von ihm wirkt geradezu so, als hätte er die aktuelle Diskussion um den Vaterschaftstest vorausgesehen: „Der Kuckuck und der Esel, die hatten einen Streit, wer wohl am besten sänge, wer wohl am besten sänge, zur schönen Maienzeit.“ Leicht lässt sich hier eine Rollenverteilung zuschreiben: In der Figur des Kuckucks finden wir die Frau, die einem Mann ein Kuckuckskind unterschiebt - und wir denken auch an das Ansinnen der Quotenfrau, sich in ein gemachtes Nest zu setzen. Und ebenso leicht lässt sich hier die Rolle des Mannes als so genannter Zahlesel ausmachen.

Doch das ist nicht alles. Die wahre Eselei liegt im Streit, sie liegt in dem Vergleich, dem sich die beiden aussetzen. Es ist nämlich gerade dieser „Vergleich“, mit dem - nach Rousseau - das Übel in die Welt gekommen ist. So ein Vergleich hat sich hier als ungute Konkurrenz zwischen zwei Ungleichen eingeschlichen. Wer kann besser singen? Das ist die falsche Frage, die einen falschen Wettbewerb einleitet. „Der Kuckuck sprach: Das kann ich, und fing gleich an zu schreien. Ich aber kann es besser, ich aber kann es besser, fiel gleich der Esel ein.“

Was fällt dem Esel ein?! Wie dumm ist das denn?! So möchte man die beiden sofort unterbrechen. Warum erkennen sich die beiden nicht in ihrer Verschiedenheit an und respektieren ihre jeweiligen Möglichkeiten und Grenzen? Was soll da herauskommen? Fallersleben lässt die beiden schließlich im Gleichklang enden und meint, dass es von „nah und fern“ sogar „lieblich“ klänge, wenn sie sich einfach abwechseln, und so endet das Lied mit den Lauten: „Kuckuck, Kuckuck, I-a, Kuckuck, Kuckuck, I-a“. Doch ist so eine Gleichstellung wirklich die richtige Lösung? Wäre es nicht besser, die Eselei des Streites aufzugeben?

Unser Frühlingsdichter hat ein feines Gespür für diese Themen, was sich schon an der Wahl seiner Figuren zeigt, die wir ganz automatisch mit Fortpflanzung und Paarung in Verbindung bringen. Eine besondere Sensibilität für die Geschlechterfrage beweist er auch in dem Lied: „Auf unserer Wiese gehet was, watet durch die Sümpfe“. Oh ja, da geht noch was, denken wir sogleich und erhalten gleich weitere Hinweise. „Es hat ein schwarzweiß Röcklein an und trägt rote Strümpfe.?Fängt die Frösche, schnapp, schnapp, schnapp.?Klappert lustig, klapperdiklapp. Wer kann das erraten?“

Nun, das ist leicht, sollte man denken – und hat sich schon getäuscht. „Ihr denkt: das ist der Klapperstorch, watet durch die Sümpfe.“ So führt uns die Dichter in die Irre. Aber nein. Ohne versöhnlichen Reim überrascht er uns in der letzten Zeile mit der richtigen Lösung: Nein, das „ist Frau Störchin.“ Lange also bevor uns Günter Grass mit der „Rättin“ überrumpelte, führt hier Fallersleben die „Störchin“ in den Wortschatz der Deutschen ein. Doch damit geht eine herbe Enttäuschung einher; denn hatten wir mit dem Klapperstorch einen Kindersegen erwartet, so tritt nun ersatzweise die Feministin mit der angehängten „-in-Endung“ in Erscheinung und verhagelt uns den Kindersegen.

Meine Tochter, mit der ich, als sie noch klein war, die Lieder gesungen habe, kannte das Wort „waten“ nicht und hielt es für „warten“, was verdächtig ähnlich klingt und ihr selbst in der transitiven Form geläufig war. Immer wenn sie im Kindersitz hinten im Auto saß, hieß es: „Warte noch, gleich sind wir bei der Oma“. Und so war das Warten für sie stets mit einer Bewegung verbunden; man konnte also durchaus „durch“ etwas hindurch „warten“, etwa durch einen Verkehrsstau hindurch.

Und dieses Lebensgefühl „durch etwas hindurch zu warten“ - wie Aussitzen im Rollstuhl - ist es auch, das mich nun aufs Neue beflügelt, aber auch irgendwie bedrückt. Heinrich Hoffmann von Fallersleben hat ja nicht nur Günter Grass, sondern auch Charlotte Roche vorweggenommen; denn was sind diese Sümpfe anderes als „Feuchtgebiete“? Und ist es nicht gerade der Gedanke an Feuchtgebiete in denen es lustig klapperdiklapp macht, der uns die verwirrenden Frühlingsgefühle beschert? Und so spüren wir den frischen Lufthauch, atmen tief durch und seufzen still: Da müssen wir durch!

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