Thilo Schneider / 15.12.2018 / 16:00 / Foto: Timo Raab / 22 / Seite ausdrucken

Friss oder stirb, eine Speisekarte von EuGH-Gnaden

Neulich traute ich meinen Augen kaum. Da öffne ich am Frühstückstisch die Post und da schreibt mir die „Schänke am Bahnhof“:

„Sehr geehrter Herr Schneider, für die zur Verfügungstellung unseres Angebots an Speisen erlauben wir uns, in den nächsten Tagen den Betrag von 17,50 Euro von Ihrem Konto einzuziehen. Mit diesem Service unterstützen Sie die kulinarische Vielfalt unserer Stadt. Bitte beachten Sie, dass laut Gastronomiegesetz Ihr Beitrag verpflichtend ist. Mit freundlichen Grüßen, das Team der Schänke am Bahnhof“.

Ich war verblüfft. Ich war seit Jahrzehnten nicht in der Bahnhofsschänke, weil mir da zu viele alte und zu viele etwas angesiffte Leute herumhocken und das Interieur, um es nett zu sagen, ziemlich abgeranzt ist. Was das Essen angeht – na ja. Ich glaube nicht, dass die dort angebotenen Hühnchen, Rindchen und Schweinchen ein glückliches langes Leben hatten. Ganz im Gegensatz zu ihren Leichnamen, die sind beim Servieren meist länger tot, als sie gelebt haben. Das Positivste, was sich über die Bahnhofskneipe sagen lässt, ist, dass alles billig ist und ihr Platzbedarf ein Nagelstudio an der Eröffnung gehindert hat. Wo sonst gibt es noch ein enttäuschendes Wiener Schnitzel mit alles anderem als frischem Salat für sechs Euro? 

Ich machte mich also auf, jenes Etablissement zu besuchen. Wenn ich schon zahlen müsste, dann wollte ich auch wissen, was ich dafür bekäme. Pflichtschuldig und ausnahmsweise lief ich also die 200 Meter und quetschte mich um die Mittagszeit in eine 70er Jahre Eckbank aus braunem Eichenholz. Es dauerte auch nicht lange, und die Bedienung kam an den Tisch. Allerdings nicht, um meine Bestellung aufzunehmen, sondern um mir Essen zu bringen. Wortlos stellte sie mir einen Teller mit einer tristen Bohnensuppe vor die Nase. Sie wollte sich gerade wieder umdrehen und gehen, aber ich hielt sie an einem Bändel ihrer Schürze fest:

„Entschuldigung, aber entschuldigen Sie bitte, sorry, aber was soll das sein?“, fragte ich Sie. Sie sah mich verblüfft an, als sei ich der erste Gast, der überhaupt diese Frage stellte. „Das ist unser Essen hier“, sagte sie, leicht empört. „Ja, aber das habe ich doch gar nicht bestellt“, erwiderte ich, „ich habe noch gar nichts bestellt!“ Sie sah mich an, als würde ich tibetisch reden: „Das hier ist unser Angebot, essen Sie es oder lassen Sie es!“ Ich war irritiert. Das kannte ich anders. „Moment: Sie buchen mir jeden Monat 17 Euro und, um sie nicht zu vergessen, 50 Cent ab für Bohnensuppe? Die ich nicht einmal mag? Ich hätte gerne eines Ihrer berühmt-berüchtigten toten Schnitzel für Salmonellenresistente!“

„Hier wird gegessen, was da ist“

Meine Servicekraft verzog das ältliche Gesicht. „Hier wird gegessen, was da ist. Wäre ja noch schöner, wenn die Gäste ein Mitspracherecht hätten. Sollen wir wegen Ihnen noch einen Koch einstellen?“, meinte sie biestig. Ich versuchte es versöhnlich: „Hören Sie: wenn Sie mir schon einfach Geld aufgrund eines Gesetzes abbuchen und mich so quasi zwingen, Ihren kulinarischen Tempel zu besuchen – sollte ich mir dann nicht wenigstens aussuchen können, was es zum Essen gibt?“ Sie seufzte laut: „Jeden Tag die gleiche Diskussion mit Euch Gästen. Ihr müsst doch nicht kommen, wenn Euch das Essen nicht schmeckt. Dazu wird ja niemand gezwungen!“ „Ja, aber ich muss ja trotzdem jedes Jahr über 200,- Euro latzen, ob ich komme oder nicht. Dazu bin ich ja auch gezwungen!“

Sie zog die Augenbrauen zusammen: „Ja natürlich. Oder wollen Sie in der Stadt nur noch Dönerbuden und Schnellrestaurants und Pizzerien und Asiaten und Griechen haben? Da wissen Sie doch gar nicht, was die ins Essen tun! Sie unterstützen mit Ihrem Beitrag die kulinarische und gastronomische Vielfalt in dieser Stadt. Das muss es Ihnen einfach wert sein!“

„Gastronomische Vielfalt? Mit Bohnensuppe? Die ich weder mag, noch vertrage und deren einziges Ergebnis Blähungen sein werden? Das bezeichnen Sie als kulinarische und gastronomische Vielfalt? Den Erhalt des schlechtesten Lokals der Stadt?“, ich schrie sie fast an, aber meine Servicekraft blieb die Ruhe in Person: „So ist nun einmal das Gesetz. Nehmen Sie es oder lassen Sie es. Aber Sie zahlen!“ „Ich will sofort den Geschäftsführer sprechen!“, insistierte ich. „Das geht nicht, der ist auf den Malediven zu einer Speisekartenbesprechung“, erklärte sie. „Aber Sie haben doch gar keine Speisekarte!“, gab ich trotzig zurück. „Doch. Morgen beispielsweise gibt es Blumenkohlsuppe, übermorgen Rosenkohlsuppe, am Dienstag dann Rotkohlsuppe, dann Erbsensuppe, danach Rübensuppe, dann Tomatensuppe und am Mittwoch dann wieder Bohnensuppe. Dann wiederholt sich das. Also ein breit gefächertes Angebot!“

„Das sind alles Gemüsesuppen!“, widersprach ich. „Ja, aber abwechselnd grün und rot. Von Einseitigkeit kann also keine Rede sein. Da ist für jeden Geschmack etwas dabei“, erklärte sie ohne einen Anflug von Lächeln oder Hauch von Ironie. „Und dafür fliegt Ihr Chef auf die Malediven?“ „Natürlich. Er kann sich das leisten. Läuft ja gut, unser Laden“, und jetzt lächelte Sie doch. „Ich schütte die verdammte Bohnensuppe weg!“, brüllte ich, „ich will keine Suppen, ich hasse Suppen, ich geh woanders hin zum Essen!“ Sie drehte sich um. „Wie Sie möchten. Wie gesagt, niemand zwingt Sie, unser Angebot zu essen oder zu kauen oder zu schlucken. Achten Sie nur immer auf Kontodeckung, sonst wird es teuer.“ Ich war stinkwütend: „Sie sind keine Schänke und keine Tränke, keine Gaststätte und kein kulinarischer oder wenigstens sympathischer Anbieter, sondern eine schlichte Piratenspelunke! Eine Diebeshöhle! Wo kann ich mich beschweren?“

Und jetzt lachte sie tatsächlich: „In Brüssel. Die haben uns das erlaubt.“ Ich sank in mich zusammen. Meine Bedienung legte mir die Hand auf die Schulter. „Seien Sie nicht traurig“, sagte sie, „nun lassen Sie es sich schmecken. Immerhin haben Sie ja dafür bezahlt.“ Und ich sah mich den Löffel nehmen, sah die alten Brotstückchen in der Suppe, die mir jemand eingebrockt hatte und dann löffelte ich brav diese geschmacksnervende Beleidigung aus Furzbohnen ganz allein aus. Immerhin tat ich etwas für die kulinarische Vielfalt und sicherte die Arbeitsplätze aller Angestellten. Das musste es mir einfach wert sein.

Foto: Timo Raab

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Sven Ronder / 15.12.2018

Schön Herr Schneider! Nach “Einmann” und diesem Artikel sind Sie wieder da! Da verzeihe ich Ihnen auch den FDP- Ausrutscher!

Roland Pressler / 15.12.2018

Das ist aber so was von AfD! Alle anderen Spelunken verfahren nämlich nach dem selben “Rezept”! Auch die FDP! Amen!

Helmut Bühler / 15.12.2018

Ja so ändern sich die Zeiten. Früher musste man die Suppe auslöffeln, die man sich selbst eingebrockt hatte. Heute löffelt man aus, was einem andere eingebrockt haben. Allerdings hat man diese Anderen zum Einbrocken ermächtigt weil sie ihre wahren Speisepläne verheimlicht haben. Das nennt man repräsentative Demokratie, die beste aller bekannten Regierungsformen.

Hans-Peter Dollhopf / 15.12.2018

Wieso hatte wohl unser lieber “zivilgesellschaftlich” linker Volkssturm bei der möglichen Bekämpfung dieser Zwangsabgabe den Ball immer derart flach gehalten? Warum juckt die das nicht?! Darum anders gefragt:  Was hat denn dieser brutalst-berechtigte öffentlich-rechtliche Rundfunk mit der verdammt erfolgreichen Anti-Atomkraft-Bewegung gemeinsam? Die Antwort ist diese verdammt überdurchschnittliche Anzahl *grüner* Mitstreiter*innen/Mitarbeiter*innen bei beiden! Durch mehr als eine Studie belegt: Roundabout 60 Prozent dieser GEZ-Rundfunk-Angestellten präferieren nachhaltig grünes Gedanken-Saatgut! Es juckt das Thema mit der Zwangs-Volksverarmung genau deshalb keine linke Sau, sondern im Gegenteil. “GEZ! Ja bitte!” Ein Strohhalm bleibt uns noch: Leute, bewerbt Euch in Massen bei ARD und ZDF um Jobs! Denn die “zivilgesellschaftlichen” Vernichtungsfantasien gegen die Zwangsdemokratieabgabe werden ganz von selbst er-grünen, sobald ihnen antikonformistische Denkerinnen und Denker anstelle der Claus Klebers auf den Mattscheiben erscheinen werden! Bewerbt Euch jetzt einfach, unterwandert. Ihr habt nichts zu verlieren als Indoktrination.

Michael Lorenz / 15.12.2018

Man muss das nur von der richtigen Seite aus sehen: den Fraß nicht essen zu müssen, ist ein echter demokratischer Fortschritt. In Nordkorea ist in jedem Haus ein Hahn, aus dem die Bohnensuppe kommt. Man kann ihn kleiner drehen, aber nicht abstellen. Essen ist da Pflicht! So gesehen, geht’ s uns doch richtig gut. Ja, ich möchte - in Adaption des letzten Satzes eines berühmten Romans (1984) - sogar sagen: Ich liebe den großen Klaus Kleber!

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