Vera Lengsfeld / 20.01.2018 / 12:27 / 1 / Seite ausdrucken

Frische Luft für den Geist

Ob Zinnowitz das schönste Seebad auf der Insel Usedom ist, darüber kann man trefflich mit den Anhängern von Ahlbeck und Heringsdorf streiten. Es ist aber unbestritten das mit der eigenartigsten Geschichte. Das slawische Tsyzwar war ein unscheinbarer Ort im Besitz des Frauenklosters von Kummerow und verschwand spurlos im Dreißigjährigen Krieg, der Urkatastrophe Europas. Viel später schickte der preußische König Friedrich II. acht Kolonisten mit dem Auftrag, auf der Wüstung einen neuen Ort zu errichten. Die kaiserliche Domäne bekam den Namen Zinnowitz. Das Domänenpächterhaus hat alle Stürme der Zeit überstanden und steht heute noch am Achterwasser.

Von seiner Hochzeit als Badeort zeugen die sorgfältig restaurierten Strandvillen an der nach dem Vorbild von Otto Niemeyer-Holstein gestalteten Strandpromenade und das Luxushotel „Preußenhof“, dessen Café heute noch ganz wilhelminisch daherkommt. Nicht weit davon das „Palace“, in dem so unterschiedliche Berühmtheiten wie Hedwig Courths-Mahler, Walter Rathenau, Hans Fallada und Wernher von Braun abgestiegen sind. In den Nullerjahren sichtete man hier Roman Polanski und Pierce Brosnan. It never rains in Southern California, aber mit dem feinen Sandstrand von Zinnowitz kann keine amerikanische Küste konkurrieren.

Der Zeitgeist hat dem Ort üble Streiche gespielt. In der Nazizeit wurde hier der „Zweckverband zur Freihaltung des Ostseebades für deutschblütige Kurgäste“ gegründet. Das rettete Zinnowitz nicht. Schon 1938 wurde das Ostseebad geschlossen. Neun Kilometer nördlich befand sich die Heeresversuchsanstalt Peenemünde, und der gesamte Norden von Usedom wurde militärisches Sperrgebiet. Noch heute sieht man die Reste von Raketen-Abschussrampen im benachbarten Zempin.

Im Arbeiter- und Bauernstaat erklärte der „Freie Deutsche Gewerkschaftsbund“ Zinnowitz zum „ersten und größten Seebad der Werktätigen“. In einer Nacht- und Nebelaktion mit dem unschuldigen Namen „Rose“ wurden alle Hotels und Pensionen entschädigungslos enteignet, ihre Besitzer verbannt oder inhaftiert. Die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut prägte das neue Flair des Ortes. Hier durften sich die Uranbergbauer von ihrer gefährlichen Arbeit erholen. Das ließ sich die DDR etwas kosten. Um die Wismut-Kumpel bei Laune zu halten, gastierte hier nicht nur das Russische Staatsballett, sondern auch das Ensemble der Mailänder Scala.

Zu den prägenden Resten der Wismut-Kultur zählt das heutige Hotel „Baltic“, das 1977 zum 60. Jahrestag des Oktoberputsches als „Roter Oktober“ das Licht der Welt erblickte. Heute ist das „Baltic“ nicht nur eines der größten, sondern auch eines der beliebtesten Sport- und Wellnesshotels der Ostseeküste. Aus dem sozialistischen Koloss ist ein angenehmer Ort geworden, mit elegantem Interieur, einer äußerst gelungenen Farbgebung und vielen Details, die vom guten Kunstgeschmack der Betreiber zeugen.

Aber es ist noch viel mehr: Seit ein paar Jahren ist es im Januar Treffpunkt für die Zeitung eigentümlich frei. In diesem Jahr wurde sie zwanzig Jahre alt. Die diesjährige Konferenz „Medien im Wandel“ war gleichzeitig eine Geburtstagsfeier. Ich mag keine Konferenzen, ich finde sie öde und langweilig. Meistens haue ich zwischendurch ab. Nicht bei dieser! Die war spannend und lehrreich vom ersten bis zum letzten Referat. Moderator Carlos Gebauer fasste am Ende der Konferenz das Ergebnis zusammen: Jede individuelle Stimme ist ein Mittel gegen die verordnete Meinungsgleichheit. Jeder unabhängige Text untergräbt die Herrschaft der Gesinnungsdespoten. Ich wünsche viel Erfolg für die nächsten zwanzig Jahre!

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Leserpost (1)
Rolf Lindner / 20.01.2018

Eigentlich sollte ich Zinnowitz mit einigen guten Erinnerungen an Urlaub, Sonne, Sand, Wellenrauschen, Sonnenuntergänge usw. verbinden. Meine letzter maßgeblicher Eindruck ist jedoch drei offensichtliche Kulturbereicherer oder Goldstücke, die sich am Strandaufgang neben der Seebrücke postierten, wahrscheinlich um für sie ja fast nackte, vorbeidefilierende deutsche Mädchen und Frauen zu beglotzen. Auf diese Weise wird uns nicht nur die Szenerie der deutschen Innenstädte, sondern sogar der Urlaub vermiest. Habe schon darüber Nachgedacht, den nächsten Urlaub im fast muslimfreien Polen zu verbringen.

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