Ginge es nicht um Krieg oder Frieden und damit um das Leben vieler Ukrainer und russischer Soldaten, wäre es leichter, die am Totensonntag in Genf begonnenen Verhandlungen zu kommentieren. Jeder Kommentator könnte seine Fähigkeiten in bissigem Spott beweisen, denn dazu lädt die kuriose Konstellation geradezu ein. Da wird aus den USA – einst größter Unterstützer der Ukraine und entscheidender Waffenlieferant – ein Ukraine-Friedensplan bekannt, der den russischen Kriegszielen weit entgegenkommt. Jene europäischen Staaten, die die Ukraine engagiert unterstützen, zuvor aber niemals konkrete eigene Kriegsziele, geschweige denn einen Friedensplan formulierten, zeigten sich überrascht bis entsetzt. Vor allem fühlten sich ihre Staatslenker übergangen. Dass sie der US-Präsident offenbar für nicht wichtig genug hielt, um seine Friedenspläne zuerst mit ihnen zu besprechen, traf die zarten Spitzenpolitiker-Seelen sicher tief.
Dass der US-Plan mit seinen weitgehenden Zugeständnissen an Wladimir Putin in Kiew natürlich nur Bestürzung auslösen würde, hätte wohl niemand anders erwartet. Die ukrainische Regierung muss sich jetzt wohl an jeden diplomatischen Strohhalm klammern, der vielleicht noch zu für sie etwas erträglicheren Friedensbedingungen führt.
Darüber haben gestern in Genf nun Verhandlungen begonnen. US-Außenminister Marco Rubio flog dazu nach Europa. Noch bevor er mit jemandem verhandeln konnte, verhandelten aber die Europäer mit sich selbst und der Ukraine über einen eigenen Friedensplan, mit dem sie wiederum in die Verhandlungen mit den USA eintreten könnten, um dann vielleicht mit einem gemeinsamen Friedensplan in der Tasche auch Gespräche mit Russland beginnen zu können.
Kurz gefasst, der Westen verhandelt ohne Russland mit sich selbst über die Bedingungen eines Friedens in der Ukraine. Dagegen ist grundsätzlich nichts zu sagen, aber so schön das Ergebnis vielleicht sein wird, entscheidend ist, dass sich ein Verhandlungsfrieden nur mit dem Feind aushandeln lässt. Man muss in diesem Fall irgendwann mit dem Kriegsgegner reden. Wie soll man es angemessen bezeichnen, wenn eine Seite zuvor erst auf offener Bühne das Verhandlungsziel aushandeln muss? Eines erreicht man auf diese Weise wohl nicht: eine starke Verhandlungsposition für die eigentlichen Gespräche mit dem Kriegsgegner.
Scheibchenweiser Rückzug
Es ist anzunehmen, dass es hinter den Kulissen derzeit einige deutlich konkretere Gespräche der Amerikaner mit den Russen gibt. Insofern gleicht der Genfer Verhandlungsmarathon wohl eher jener Gesprächsaufführung im August in Washington, die Donald Trump den Möchtegern-Weltpolitikern aus Berlin, Paris und Brüssel bot, die sich auch bei den Gesprächen des US-Präsidenten mit Putin in Alaska ausgebootet fühlten.
Vielleicht ist diese Inszenierung zur Gesichtswahrung nötig. Die europäischen Politiker können sich so scheibchenweise von ihren Positionen zurückziehen. Zuerst in ihrem Friedensplan, mit dem sie in die Gespräche mit den USA gegangen sind. Der will zwar wichtige Fragen vertagen, die Zahl erlaubter Soldaten fürs ukrainische Militär höher setzen und Russland nicht sofort die ganze territoriale Kriegsbeute gönnen, erkennt aber das Grundprinzip ukrainischer Zugeständnisse an den Aggressor an. Das hatten die Regierenden aus Berlin, Paris und London in ihren großspurigen Ukraine-Solidaritätsreden bislang ausgeschlossen. Egal worauf sich deren Unterhändler mit dem US-Außenminister einigen können, es wird weitere Zugeständnisse beinhalten. Und von dieser vereinbarten Verhandlungsposition aus wird es wohl in den Friedensverhandlungen mit Russland ein weiteres Entgegenkommen geben.
Kein Krieg lässt sich ohne Friedensverhandlungen mit dem Feind beenden, es sei denn, eine Seite kapituliert bedingungslos. Da Letzteres nicht der Fall ist, sollten ernsthafte Verhandlungen bald beginnen. Das ist eine Erkenntnis, die langsam offenbar bei immer mehr politischen Verantwortungsträgern zu reifen scheint. Dass Putin nicht als Geschlagener vom Platz geht, sondern sich von seiner Propaganda als Sieger feiern lassen kann, mag für viele bitter sein, ist jedoch wohl nicht zu vermeiden. Aber es gibt weiterhin einen eigenständigen ukrainischen Staat ohne ein aus Moskau eingesetztes Marionettenregime. In den ersten Tagen nach dem russischen Angriff hätten die meisten der jetzt Enttäuschten darauf wahrscheinlich auch keine größeren Beträge gewettet.
Außerdem: Gerade diejenigen, die engagiert vor den Gefahren für den Westen warnen, die von einem aggressiven Kreml-Herrscher mit einer hochgerüsteten Armee ausgehen, sollten ein Interesse an einem baldigen Waffenstillstand oder Friedensschluss haben. Gerade die baltischen Staaten sehen sich besonders bedroht. Doch wer dieser Gefahr begegnen will, aber zugleich erkennen muss, dass die europäischen Staaten nicht hinreichend militärisch verteidigungsbereit und -fähig sind, sollte finanzielle und militärische Ressourcen nicht in einem Abnutzungskrieg in der Ukraine verschleißen. Sie sollten besser dafür eingesetzt werden, Europas NATO-Staaten militärisch so auszurüsten, dass jeder Machthaber im Kreml oder anderswo von vornherein davon abgeschreckt wird, eventuellen aggressiven Gelüsten nachzugeben.

Was dem Deutschen, selbst wenn er sich konservativ oder rechts schimpft nicht in den Kopf will, ist die in den Militärakademien Amerikas als auch Russlands verinnerlichte – preußische – Weisheit Clausewitz, nach derer Krieg eine bloße Fortführung der Politik mit anderen Mitteln sei.
Wenn Krieg herrscht, ist die „redende Politik“ am Ende ihres Latein, und die Kampfhandlungen bestimmen darüber, ob und wenn ja, welche Worte, die „redenden Politiker“ in den Mund nehmen. Sämtliche diplomatischen Optionen sind durch die Kriegsmathematik vorgegeben – und nicht anders herum.
Und da Russland diesen Krieg gewinnen wird, hat es keinerlei Zwang sich an den Verhandlungstisch zu setzen, sitzt diese gerne aus, sonnt sich im Anschein Friedens-bereit zu sein.
Deutsche Konservative operieren auf einer naiven Ebene, wenn sie sich an ihren moralischen Impuls klammern und meinen, Recht zu haben reiche aus um die Ukraine zu retten. Dann liest euch doch den Osthold bis zum Moralin-saurem Delirium. Aber möchte man die Ukraine wirklich vor der völligen Vernichtung retten (die geflohenen Ukrainer kommen nicht einfach wieder, die Toten auch nicht), muss man einen tiefen Knicks vor Russland machen. Lieber eine freie Rumpf Ukraine, als gar keine.
Und wir sollten schleunigst die wirtschaftliche Kooperation mit Russland suchen, anstatt in alte Maidan-Muster zu fallen. Warum? Ich frage Sie: Stünden Sie lieber der Russischen Armee von 2014 auf dem Schlachtfeld gegenüber, oder der von 2025?
So mancher Leser wird hier diesen feinen Unterschied so wenig verstehen, wie die Tatsache dass jedes NATO-Trainingslager absolute Zeitverschwendung für ukrainische Soldaten war – und es im Gegenteil wir sind, die von den Ukrainischen Veteranen lernen werden.
Ich hege schon lange den Verdacht, dass die Äußerungen und das Verhalten europäischer Politiker keine Reaktion auf eine allmählich verblendete und verblödete Presse darstellt, sondern originär dilettantisch ist. Anstatt sich aktiv um eine Friedenslösung zu bemühen, die – selbstverständlich – nur als Kompromiss denkbar ist, hat man eine Position eingenommen, die Hitler im Bunker („Ich kapituliere nicht, niemals“) und Goebbels Gebrüll vom totalen Krieg sehr, sehr nahe stand. Nun können diese Nichtskönner, die sich an Personen (Putin, Trump, Orban) „abgearbeitet“ haben, anstatt realistisch sich auf die Sache zu konzentrieren und konstruktiv auf einen Frieden hinzuwirken, noch froh sein, dass die amerikanische Regierung sie immerhin mal fragt, wie sie die Dinge sehen. Offenbar kennt man in Washington noch so etwas wie Höflichkeit. Solche „Staatenlenker“ als Hanswurste zu bezeichnen, dürfte den Staatsanwalt auf den Plan rufen, daher liegt es mir fern, solches zu tun. Ist ja auch ganz unnötig, denn was offen auf der Hand liegt, muss man nicht auch noch aussprechen.
@ Jakob Cornides Es war einmal – die KSZE-Schlussakte von Helsinki, nachdem Helsinki der NATO beitrat. Es wird als Sternstunde der Geschichte betrachtet werden. Wo? An welchem neutralen Ort wird man sich treffen? Istambul oder Katar. Ist Wien oder Genf noch möglich? Vielleicht Belgrad. Es haben sich einfach zu viele „Diplo maden“ durch einen gehegten Park gefressen. Minsk-verrat.
@Jakob Cornides: Bin ganz Ihrer Meinung und wundere mich, wie oft man den als Straßenschläger aufgewachsenen Putin (was er bis heute geblieben ist) mit einer Art Heiligenschein umgibt.
Aber Herr Geisemann, heut gehts so richtig ab mit Copy und Paste: „Richtig!! Weil sie den Trump-“Frieden„ mit Sicherheit gar nicht wollen – die wollen alles, die ganze UA. Die Gründe habe ich mehrfach dargelegt zur gefälligen Beachtung. Der Kreml wäre vom Affen gebissen, sich eine von der EU attraktiv gemachte UA direkt an seine eigene Westgrenze zu setzen. DAS wäre das Ende Russlands in seiner jetzigen, unanständigen Form. Wer will das schon, in Moskau … . Die brauchen ihr perverses Militär, ihre kriminellen Geheimdienste, die Kleptokraten, um das russische Volk auszurauben. Sollte jedem klar sein, dafür kämpfen die nämlich. Eine Kooperation mit dem Westen wäre zwar einkömmlicher, aber genau das wollen sie nicht, aus Hass, Neid, Minderwertigkeitskomplexen. Arme, dumme Schweine. “
Ich wette mit ihnen, dass wenns so weiter geht, wir in 10 jahren Carepakete aus Moskau bekommen.
Um es kurz zu machen: Die Europäer haben es mal wieder geschafft, unter der Führung ihrer 15/16-Prozent-Männer Merz, Starmer und Macron den US-Friedensplan, einschließlich des darin enthaltenen „donaldschen Deals“ zugunsten der USA, zu versenken. Der neue europäische Plan spricht eine klare Sprache: Die Einsicht, dass der Krieg verloren ist, ist noch nicht durchgesickert, und es wird so getan, als könne man die Russen übers Ohr hauen – was inzwischen schwierig sein dürfte.
Ich will gar nicht ins Detail gehen, aber der Philosoph Alexander Dugin hat es so zusammengefasst, dass der Vorschlag wohl für Moskau inakzeptabel sein wird und dass das genau in das Skript des Kreml passen dürfte.
Was wird passieren? Man verhandelt wieder herum, bemerkenswerterweise ohne die Russen, die einfach abwarten, einen definitiven Kommentar hinauszögern und ihre Militäroperation munter fortsetzen dürften. Im Ganzen: ein Sturm im Wasserglas.
Putin hat Zeit: Europa zerlegt sich wirtschaftlich ganz von allein, und Ankündigungen, man würde die Russen unter Umständen wieder in die „Weltgemeinschaft“ aufnehmen, beweisen nur eines: ein etwas unterkomplexes Verständnis von Welt. Die „Welt“, von der da geredet wird, besteht aus Pleitiers und ist deutlich in der Minderheit. Der Drops ist, wie man so schön sagt, gelutscht: Putin weiß, dass der Westen auf mittlere Sicht nicht ohne russische Energie und chinesische Seltene Erden weitermachen kann. Er braucht nur zu warten, bis hier die wirtschaftlichen Verhältnisse untragbar werden.
Mein lieber Jungnickel, Ihre Lebensleistung ist zu schätzen, Ihre Einlassungen zum RUS-UA-Konflikt sind es leider nicht. Sie sind ein alter Mann und haben unter gewissen DDR-Bedingungen schlechtes erlebt. War ja auch schlecht, unstrittig. Aber neutralisieren Sie endlich Ihre Scheuklappen und Blockaden – wir leben nicht mehr in Sowjetzeiten von 1980. Meine Empfehlung: rezipieren Sie den gestrigen Beitrag von Landgrebe zum besagten Konflikt. Ein kluger, ein umfassender, ein differenzierter Beitrag. Ich weiß, es ist schwer, Irrtümer (die sich möglicherweise seit einigen Jahren zu Lebenslügen entwickelt haben) kritisch zu hinterfragen und ggfs. aufzugeben. Aber es ist der einzige Weg der Reifung. Auch im höheren Alter.