Eran Yardeni
Am 3. Februar 2002 verabschiedete der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) „die Islamische Charta“, eine aus 21. Artikeln bestehende „Grundsatzerklärung zur Beziehung der Muslime zum Staat und zur Gesellschaft“. Es fragt sich natürlich, warum das Selbstverständliche feierlich erklärt werden muss, schließlich kennen wir keine parallelen Erklärungen zur Beziehung der Christen, Hindus oder Juden zum Staat und Gesellschaft. Deutschland ist ein Rechtstaat und im gesetzlichen Bereich darf man sich frei bewegen. Gesetzlich betrachtet ist die Frage, welcher Konfession man angehört, völlig irrelevant. Man soll sich nicht als Muslim, Christ oder Jude verantworten sondern als Bürger. Und wenn man gegen die Regeln des Spiels verstößt, muss man auch mit Konsequenzen rechnen. Sehr einfach. Warum denn sah sich der ZMD veranlasst eine solche Erklärung zu verabschieden?
Diese Frage wird schon im Vorwort beantwortet: „Die Mehrheitsgesellschaft hat Anrecht darauf zu erfahren, wie die Muslime zu den Fundamenten dieses Rechtsstaates, zu seinem Grundgesetz, zu Demokratie, Pluralismus und Menschenrechten stehen. Obwohl die Muslime diese Themen des Öfteren behandelten, blieben sie der Mehrheitsgesellschaft eine umfassende, klar formulierte und verbindliche Antwort schuldig.”
Die Anerkennung des moralischen Rechts der Mehrheitsgesellschaft zu wissen, wie die Muslime zur Demokratie und zum Grundgesetz stehen, klingt ziemlich revolutionär. Dass dieses Recht nicht nur anerkannt sondern sogar als eine Art von moralischer Pflicht verstanden wird, ist nicht minder als das erste Zeichen für das baldige Kommen des Massais. Was aber im Vorwort als vielversprechende Erklärung begann, ließ sich in den darauffolgenden 21. Artikeln völlig verwässern.
Dafür ist vor allem die innere Logik der Charta verantwortlich. Die ersten 10 Artikel sind die Visitenkarte der Muslime in Deutschland. Sie erzählen uns, was der Islam ist und wer die Muslime sind. Aber schon beim Lesen des ersten Artikels, unter dem Titel „Der Islam ist die Religion des Friedens“, fällt etwas Merkwürdiges auf: Der Zentralrat der Muslime in Deutschland spricht unverkennbar über „den Islam“ und liefert uns dadurch eine rosige und ziemlich unreflektierte Selbstdarstellung: „Islam” bedeutet gleichzeitig Friede und Hingabe. Der Islam sieht sich als Religion, in welcher der Mensch seinen Frieden mit sich und der Welt durch freiwillige Hingabe an Gott findet.“
Was soll die Mehrheitsgesellschaft mit dieser Aussage anfangen? Soll sie den Ausgangpunkt der Charta als Tatsache oder als Wünsch auslegen? Oder vielleicht einfach so hinnehmen, ohne zu hinterfragen? Aber wenn der Islam wirklich so friedlich sei, warum brauchen wir überhaupt eine islamische Charta? Dass im Namen des Islams blitzschnell hunderttausenden auf die Barrikaden gingen, nur weil eine kleine Zeitung ziemlich harmlose Karikaturen des Propheten veröffentlichte, das wissen sowohl Herr Schmitt als auch Frau Müller. Die Konflikte, die im Namen des Islams gekämpft werden, das lebendige Ethos von Gewalt und Unterwerfung in der islamischen Welt, dürfen nicht einfach ignoriert werden. Will der ZMD ernst genommen werden, muss er den ersten Artikel begründen und bewiesen. Anders verliert man seine Glaubwürdigkeit.
Man darf nicht vergessen, dass Religionen vordemokratische gesellschaftliche Erscheinungen sind und als solche enthalten die heiligen Schriften jeder Religion undemokratische und sogar diktatorische Elemente. Die Frage, was im Koran oder im Alten- und Neuen Testament steht, ist aber nicht so wichtig, wie die Frage, wie diese uralten Weltanschauungen praktiziert werden. Wenn aber der ZMD den Islam als Religion des Friedens vorstellt, wogegen nicht nur bestimmte Verse aus dem Koran sprechen sondern vor allem die politische und gesellschaftliche Realität, dann muss der ZMD erklären, was er damit meint, und vor allem welche Bevölkerung er eigentlich repräsentiert.
Die folgenden drei Artikel (2-4) handeln von dem Begriff „Gott“ und von dem Koran als „die verbale Offenbarung Gottes“. Artikel 3 ist für die Diskussion über die Kluft zwischen der islamischen gesellschaftlichen moralischen Ordnung und dem deutschen Grundgesetz von enormer Wichtigkeit: „Die Muslime glauben, dass sich Gott über Propheten wiederholt geoffenbart hat, zuletzt im 7. Jahrhundert westlicher Zeitrechnung gegenüber Muhammad, dem “Siegel der Propheten”. Diese Offenbarung findet sich als unverfälschtes Wort Gottes im Koran (Qur´an), welcher von Muhammad erläutert wurde. Seine Aussagen und Verhaltensweisen sind in der so genannten Sunna überliefert. Beide zusammen bilden die Grundlage des islamischen Glaubens, des islamischen Rechts und der islamischen Lebensweise“. Und es geht weiter in Artikel 8: „Der Islam ist weder eine weltverneinende noch eine rein diesseits-bezogene Lehre, sondern ein Mittelweg zwischen beidem. Als auf Gott ausgerichtet ist der Muslim und die Muslima zwar theozentrisch; doch gesucht wird das Beste beider Welten. Daher ist der Islam Glaube, Ethik, soziale Ordnung und Lebensweise zugleich.“
Erstaunlicherweise bestätigt der ZMD in diesen beiden Artikeln die These von der Soziologin Necla Kelek, die den Islam nicht nur als Spiritualität und Glaube versteht, sondern auch „als Kultur und politische Ideologie“. Nach den Artikeln 3 und 8 sind Religion (Islam Glaube) und Staat (soziale Ordnung) untrennbar – dieser gordische Knoten ist ein typisches Merkmale von religiösen Ideologien, die die physische Ebene als Fortsetzung der metaphysischen Ebene betrachten. Man muss ein guter Akrobat sein, um zu erklären, wie man das „unverfälschtes Wort Gottes im Koran“ mit den irdischen Worten des Grundgesetzes vereinbaren kann.
Der ZMD löst dieses Problem dadurch, dass er, im Rahmen der rosigen Selbstdarstellung, die Kluft zwischen dem Grundgesetz und dem „unverfälschten Wort Gottes“ einfach leugnet (Artikel 13): „Zwischen den im Koran verankerten, von Gott gewährten Individualrechten und dem Kernbestand der westlichen Menschenrechtserklärung besteht kein Widerspruch. Der beabsichtigte Schutz des Individuums vor dem Missbrauch staatlicher Gewalt wird auch von uns unterstützt. Das Islamische Recht gebietet, Gleiches gleich zu behandeln, und erlaubt, Ungleiches ungleich zu behandeln. Das Gebot des islamischen Rechts, die jeweilige lokale Rechtsordnung anzuerkennen, schließt die Anerkennung des deutschen Ehe-, Erb- und Prozessrechts ein.“ Mit anderen Worten: Die Spannung zwischen dem Islam als epistemologisches und moralisches System und dem Grundgesetz muss nicht aufgelöst werden, weil sie überhaupt nicht existiert.
Schon wieder soll man sich fragen, wer die Gläubigen sind und wer der Islam ist, in dessen Namen der ZMD spricht? Das ist die Kernfrage, weil der ZMD über „den Islam“ spricht, und wir wissen, dass die überwiegende Mehrheit der Muslimen in Staaten und Gesellschaften leben, in denen die westliche Weltanschauung, die dem deutschen Grundgesetz zugrunde liegt, als Bedrohung verstanden wird. Und wenn die Kluft nur eine vermeinte sei, warum stoßt man ausgerechnet in dem islamischen Kulturkreis auf Integrationsprobleme?
Ein anderes Beispiel für diesen widersprüchlichen Umgang bildet auch der 6. Artikel, der von der Gleichberechtigung von Mann und Frau handelt: „Der Muslim und die Muslima sehen es als ihre Lebensaufgabe, Gott zu erkennen, Ihm zu dienen und Seinen Geboten zu folgen. Dies dient auch der Erlangung von Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Geschwisterlichkeit und Wohlstand.“ Dieser Artikel besteht aus einer Reihe von verschwommenen Begriffen, die, je nach Bedarf, ganz unterschiedlich interpretiert werden können. Nur um ein Beispiel zu nennen: Folgt der Islam, wie er von der überwiegender Mehrheit seiner Gläubiger praktiziert wird, den Idealen der Gleichheit zwischen Mann und Frau oder dem Ideal der Freiheit? Es kommt darauf an, was der Gläubiger unter Gleichheit und Freiheit versteht. Und die Frage, die die Mehrheitsgesellschaft stellen muss, ist, was für eine Vorstellung der praktizierte Islam von diesen beiden Idealen hat, und ob sie mit der westlichen Vorstellung in Einklang zu bringen sind.
Die unüberbrückbare Kluft zwischen der Selbstdarstellung des ZMD und der politischen und gesellschaftlichen Realität zeigt sich auch im 14. Artikel. Nachdem wir schon erfuhren hatten, dass der Islam nach Frieden und Gleichberechtigung von Mann und Frau strebt und den westlichen Menschenrechten überhaupt nicht widerspricht, lernen wir jetzt etwas Neues: „Die europäische Kultur ist vom klassisch griechisch-römischen sowie jüdisch-christlich-islamischen Erbe und der Aufklärung geprägt. Sie ist ganz wesentlich von der islamischen Philosophie und Zivilisation beeinflusst. Auch im heutigen Übergang von der Moderne zur Postmoderne wollen Muslime einen entscheidenden Beitrag zur Bewältigung von Krisen leisten. Dazu zählen u.a. die Bejahung des vom Koran anerkannten religiösen Pluralismus, die Ablehnung jeder Form von Rassismus und Chauvinismus sowie die gesunde Lebensweise einer Gemeinschaft, die jede Art von Süchtigkeit ablehnt.“
Abgesehen davon, dass wir schon tief in der Postmoderne sind, was das kulturelle Chaos und die Akzeptanz des moralischen Relativismus gut erklärt, bin ich noch nicht ganz sicher, dass ich wirklich verstehe, über welchen Beitrag der ZMD redet. Es gibt heute kaum einen anderen gesellschaftlichen Faktor, der dem menschlichen Fortschritt einen heftigeren Widerstand leistet als die islamischen politischen Ideologien. Menschenrechte, Gleichberechtigung von Mann und Frau, der Kampf gegen den Analphabetismus und für die Institutionalisierung einer gesellschaftlichen demokratischen Ordnung sind nur ein paar Beispiele für das kolossale Versagen der islamischen Welt.
Die Charta schwebt in der grauen Zone zwischen bewusster Täuschung und unbewusster Selbsttäuschung. Als solche soll sie nicht als Lösung betrachtet werden sondern eher als Symptom.