Nach Tagen ziemlich ratloser Berichterstattung über die Ausschreitungen in britischen Städten stellen unsere Medien nun die Frage, ob sich so etwas auch in Deutschland ereignen könnte. Der Innenminister dementiert naturgemäß, der Sprecher der Polizeigewerkschaft hingegen hält es durchaus für möglich.
Beide sprechen nicht etwa aus der Kenntnis der Lage, sondern im Interesse des eigenen Amtes. Der Innenminister ist Politiker, für Politiker aber gibt es ein Problem erst als Problem, wenn es zu Tage tritt. Die Polizeigewerkschaft wiederum sucht bereits prophylaktisch darauf aufmerksam zu machen, dass der Polizei die Hände gebunden seien, und dass die Tatsache, dass sie gegen solche Ausschreitungen nur wenig unternehmen könne, nicht an ihr selbst, das heißt an ihrem freien Willen liege, sondern an der Gesetzgebung, und vielleicht auch nur an der Haushaltssituation.
Sicherlich wird es Ausschreitungen, wie jene in Großbritannien, in Deutschland so nicht geben. Deutschland ist nicht Großbritannien. Das ist auch den deutschen Medien bekannt. Weshalb also die Idee des Vergleichs? Der Grund wird ein ganz anderer sein. Man will den Zuschauer für das interessieren, was in England passiert, und man steht vor dem immer gleichen Problem, dass, sobald es sich um ein Auslandsereignis handelt, das Interesse daran beim eigenen Publikum schnell erlahmt.
Den Bürger interessiert im Grunde nur die Innenpolitik. Deshalb versucht man in unserer Öffentlichkeit allem und jedem was in der Welt passiert, eine innenpolitische Note zu geben.
Jede Gesellschaft verhandelt ihre Krisenphänomene, auch wenn es solche im Rahmen des allgemeinen Zeitgeistes sein sollten, in eigener Form. Wenn auch die Fragen die gleichen sein sollten, sind die Antworten doch sehr verschieden. Dass in Berlin seit Jahr und Tag Autos angezündet werden, ist ein gewissermaßen kontrolliertes Phänomen. Nicht weil die Polizei es kontrollieren würde, sondern weil die Täter sich bei ihren Aktivitäten Grenzen setzen. Es werden nicht zu viele Autos angezündet, aber regelmäßig. Die Tat ist kriminell, doch wegen ihres geringen Ausmaßes fällt sie gesellschaftlich nicht allzu sehr ins Gewicht. Hinzu kommt, dass weder die Beteiligten noch die Betroffenen das Thema allzu sehr politisieren wollen. Die einen weil sie, wie der Innenminister, den gesellschaftlichen Konsens nicht gefährden, die anderen, weil sie sich nicht selbst entlarven, oder, was heute eher sportiv gemeint ist, sich nicht outen wollen, sondern ihre kleine heimliche Freude am Zündeln gegen den Reichtum haben, und auch behalten wollen. So liegt über Deutschland mehr der Duft von unerlaubtem Grillen, als von brennendem Dachgestühl.
Was ist nun die Randale tatsächlich? Sollte es ein Protest sein? Ist Plündern Klassenkampf, immer noch? Man staunt darüber mit welchem Mut junge Männer sich in den Straßenkampf stürzen, um letzten Endes aus einem brennenden Geschäft mit iPod, Mobiltelefon und dem entsprechenden Zubehör zu flüchten. Dazu muss man sagen, dass es sich bei dem Geklauten nicht nur um Gebrauchsgegenstände handelt, oder um bloße Ware, sondern um Träger einer starken Symbolik.
Die Gesellschaft des Westens hat ihre Leitkultur in den letzten Jahrzehnten Schritt für Schritt entwertet. Zu den Ergebnissen gehört auch die Banalisierung von Gerechtigkeit und Freiheit. Gerechtigkeit heißt heute, in aberwitziger Verkürzung , einen Anspruch auf die Standards aller Art zu haben, und Freiheit bedeutet letzten Endes, zu meinen, sich frei bedienen zu können.
Das, was sich in den britischen Städten abspielt, aber auch die Untat des Osloer Attentäters, ist natürlich auch Ausdruck einer Krise der westlichen Gesellschaft, vor allem einer Krise der Werte. Denn sowohl Gerechtigkeit als auch Freiheit können nur sinnvoll wirken, wenn sie von denen, die sie in Anspruch nehmen, in ihren Grenzen wahrgenommen werden. Der gesellschaftliche Konsens ist die Folie der Autorität in einer Gesellschaft. Autorität kann sich aber nur auf Werte berufen. Werte, die von allen Beteiligten akzeptiert werden.
Die westliche Gesellschaft hat ihr Autoritätsproblem selbst geschaffen. Die Eliten und die politische Klasse haben alles getan, um den liberalen Grundsätzen und mehr noch den diesen zugeordneten Phantasien zu entsprechen. Man hat sich zur offenen Gesellschaft der Büßer und Versteher gemacht und jede abendländische Sinngebung ins Lächerliche gezogen. Im Ergebnis haben wir es mit einer so genannten Erlebnisgesellschaft zu tun, in der die Langeweile herrscht. Die Langeweile aber ist unberechenbar