Wir dokumentieren im Folgenden einen Briefwechsel zwischen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Freiburg und der Badischen Zeitung bzw. deren Israel-Korrespondentin Inge Günther. Auslöser war ein Bericht von Inge Günther (“Die Herren der Wüste”) über die Lage der Beduinen im Negev.
Sehr geehrter Herr Hauser, sehr geehrte Damen und Herren,
die Deutsch-Israelische Gesellschaft Freiburg bittet um Richtigstellung von Angaben, die Ihre Korrespondentin Inge Günther in ihrem Bericht “Die Herren der Wüste”, BZ vom 19.6.13 , machte:
1. In ihrem Artikel behauptet Frau Günther, Beduinen würden in Israel offiziell als “Eindringlinge” bezeichnet werden. Dies entspricht nicht den Tatsachen. Dokumente israelischer Regierungen, Rechtsprechungen, Zeitungen, Rundfunkanstalten usw. - sie alle sprechen von Beduinen, nicht aber von Eindringlingen.[1] Es gibt zwar Gerichtsverfahren, in denen einzelnen Beduinen das widerrechtliche Eindringen auf ein Gelände vorgeworfen wird, weshalb in solchen speziellen Fällen auch das Wort “Eindringling” fällt. Aber aus solch fallbezogener Verwendung des Wortes “Eindringling” zu schließen, Beduinen würden in Israel offiziell als “Eindringlinge” bezeichnet werden, ist falsch.
2. Frau Günther stellt in ihrem Artikel den Staat Israel dar, als ginge es ihm nur um Profit im Negev und als würden die Beduinen bei diesem Streben nach Profit stören, weshalb man deren „Existenz“ angeblich „strikt zu regulieren“ habe, wozu wiederum der Praver-Plan dienen solle.
Nicht nur die Ausdrucksweise „zielt darauf ab, ihre Existenz strikt zu regulieren“ ist fragwürdig.
Zu hinterfragen ist auch, warum Frau Günther verschweigt, dass der Praver-Plan nicht mehr aktuell ist, sondern –nach Gesprächen zwischen dem früheren Minister Benny Begin und Beduinen und NGOs– zum Vorteil der Beduinen geändert wurde. Im Mai 2013 bestätigte das zuständige Knessetkomitee den von Herrn Begin vorgelegten neuen Plan[2] mit geringen Änderungen.
Demnach wird nun der Großteil der Beduinen, die in illegalen Behausungen wohnen, nach deren Legalisierung dort weiterleben können. 20.000 – 30.000 Beduinen (nicht „bis zu 70.000“, wie Frau Günther sagt) werden umgesiedelt. Alle (und nicht nur ein Teil derer), die umgesiedelt werden, erhalten Entschädigung.
Außerdem sollen auch die wirtschaftliche Entwicklung, die Beschäftigung, die Infrastruktur und die Bildung für die Beduinen im Negev gefördert werden.[3]
3. Frau Günther behauptet in ihrem Artikel: „Erst durften sie (die Beduinen) den Pinienwald (gemeint ist der Yatirwald) nicht mehr betreten.“ Entgegen der Äußerung von Frau Günther, ist der Yatirwald ein öffentlich zugänglicher Mischwald, den jeder betreten darf, auch Beduinen. Der Jüdische Nationalfonds, der für die Pflege des Yatirwaldes zuständig ist, organisiert dort sogar Baumpflanzungen und Waldsäuberungsaktionen auch mit Kindern aus Beduinenschulen. Und er hat beduinische Mitarbeiter für die Pflege des Yatirwaldes beschäftigt.[4]
4. Frau Günther schreibt, der Wasserpreis habe sich für Beduinen erhöht und sie zahlten fast achtmal mehr als „reguläre Privathaushalte in Israel“. Nun wurde der Wasserpreis in Israel in den vergangenen Jahren nicht nur für Beduinen erhöht sondern für alle Haushalte. Dies wird von Frau Günther nicht erwähnt. Darüber hinaus ist es in Israel ähnlich wie in Deutschland: die Wasserpreise sind regional und kommunal unterschiedlich. Und Wasser in der Wüste ist grundsätzlich teurer als in einer wasserreichen Gegend.[5]
5. Frau Günther erwähnt ausschließlich Bürgerrechtsorganisationen, die gegen die Regierungspläne sind, weil diese ihrer Meinung nach den Beduinen zu wenig entgegenkommen. Wie aber z. B. israelischen Medienberichten entnommen werden kann, gibt es auch eine Anzahl von Organisationen, die ebenfalls gegen die Regierungspläne sind, jedoch weil diese ihrer Meinung nach den Beduinen zu weit entgegenkommen.[6] Eine Erwähnung dessen hätte zu einem ausgewogeneren Bild und zu einer ausgewogeneren Meinungsbildung beigetragen.
Als Konsequenz aus diesem Artikel ist gemäß Ziffer 2 des Pressekodex[7] dringend mehr journalistische Sorgfaltspflicht geboten. Denn wie das BZ-Onlineforum zeigt, fühlen sich nicht wenige Leser durch solche irreführende Darstellungen in ihrem negativen Bild über Israel bestätigt – ein Schwarz-Weiß-Bild, das nicht der vielschichtigen Realität in Israel gerecht wird.
Mit freundlichen Grüßen
im Namen des Vorstandes
Ursula Fiedler
Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Freiburg
[1] z. B. http://www.mfa.gov.il/mfa/mfa-archive/1999/pages/the%20bedouin%20in%20israel.aspx; http://mfa.gov.il/MFA/PressRoom/2013/Pages/Cabinet_approves_status_Bedouin_settlement_Negev_27-Jan-2013.aspx
[2] Begin-Plan, Englisch: http://adalah.org/Public/files/English/Legal_Advocacy/Discriminatory_Laws/Begin-Report-English-January-2013.pdf Begin-Plan, Hebräisch: http://www.pmo.gov.il/MediaCenter/SecretaryAnnouncements/Documents/bedu270113.pdf
[3] z. B. http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4337613,00.html; http://www.haaretz.com/news/national/israeli-ministers-endorse-controversial-plan-to-relocate-bedouin.premium-1.519576
[4] http://www.kkl.org.il/eng/tourism-and-recreation/forests-and-parks/yatir-forest.aspx
[5] http://www.jpost.com/Opinion/Editorials/Water-price-hike-is-all-wet; http://en.wikipedia.org/wiki/Water_supply_and_sanitation_in_Israel#Fees_and_tariffs; SEMIDE/EMWIS - Local Water Supply, Sanitation and Sewage – Country Report Israel November 2005
[6] z. B. http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4337613,00.html
[7] http://www.presserat.info/inhalt/der-pressekodex/pressekodex.html
Sehr geehrte Frau Fiedler,
Herr Fricker hat mir Ihren Brief zu meiner Beduinen-Geschichte weiter geleitet. Ich möchte Ihnen daher gerne direkt antworten. Wie Sie wahrscheinlich wissen, ist der Prawer-Plan Montagabend in erster Lesung in der Knesset mit 43 zu 40 Stimmen verabschiedet worden, an seiner Aktualität ist insofern nicht zu zweifeln. Es versteht sich, dass mit dem Prawer-Plan die letzte Fassung gemeint ist, die im Mai vom Kabinettsauschuss gebilligt wurde, was in meinem Artikel erwähnt ist. Auf die gesamte Vorgeschichte des Gesetzesentwurfes, inklusive der Überarbeitung von Benny Begin, konnte ich in meiner Reportage leider nicht eingehen, weil dafür der Platz fehlte. Sie ist vielleicht auch nicht ganz so interessant für den deutschen Leser. Ich hatte mich daher auf den Begriff Prawer-Plan beschränkt, wie es auch viele israelische Kollegen tun.
Zu Punkt 1: Der Begriff „Eindringlinge“ wird natürlich nicht für alle Beduinen verwandt, aber jene in Um al-Hieran wurden bereits von offizieller Seite so bezeichnet. Darauf beziehe ich mich.
Zu Punkt 2: Sie stoßen sich an dem Ausdruck: die Existenz der Beduinen „strikt zu regulieren“. Mag sein, dass die Formulierung „strikt“ etwas zugespitzt ist. Aber sowohl bei Prawer als auch in den Anmerkungen von Begin heißt es, dass die Beduinen-Siedlungen reguliert werden sollen. Da weder klar definiert ist oder noch eindeutige Karten vorliegen, in welchen Gebieten nicht anerkannte Dörfer legalisiert werden sollen, gibt es auch keine eindeutige Zahl, wie viele Beduinen am Ende umgesiedelt werden. Bürgerrechtsorganisationen leiten jedenfalls aus den aufgestellten Kriterien ab, dass es zwischen 40 000 und 70 000 treffen könnte.
Zu Punkt 3: Es stimmt, der Yatir-Forest steht für Besucher offen. Mir wurde aber von den Beduinen aus Um al-Hieran versichert, sie dürften ihn nicht mehr betreten. Wenn ich ihre Schilderung richtig verstanden habe, wurden sie mehrfach weggeschickt, offenbar weil sie Tiere dabei hatten. Unstrittig ist, dass jüdische Nationalreligiöse sich in Um al-Hieran niederlassen wollen.
Zu Punkt 4: Die Klage der Beduinen über den hohen Wasserpreis bezieht sich darauf, dass sie Wasser in Containern oder anderen Behältern kaufen müssen, weil ihre Dörfer ja nicht an ein Leitungsnetz angeschlossen sind. Es handelt sich dabei um normales Trinkwasser, das bis zu achtmal teurer sein kann als zum Beispiel subventioniertes Wasser, das ein israelischer Farmer bekommt. So wurde es mir zumindest von verschiedener Seite, sowohl von Beduinen als auch von NGOs, die sich damit befassen, erklärt.
Zu Punkt 5: Bei den Organisationen, denen der Prawer-Begin-Plan zu weit geht, handelt es sich um Leute aus dem ultranationalistischen Lager. Besagter Joel, der im letzten Absatz vorkommt, gehört dazu. Zum Glück allerdings gibt es im Negev andere Gruppen, wie das jüdisch-arabische Forum, das auf gute Nachbarschaft setzt. Viele Israelis, die ich gesprochen habe, hoffen jedenfalls darauf, dass Prawer-Plan noch mal in den Vermittlungsausschuss kommt und nicht in jetziger Form umgesetzt wird.
Mit freundlichen Grüßen,
Inge Günther
Sehr geehrte Frau Günther,
vielen Dank für Ihr Schreiben, zu dem wir noch einige Anmerkungen haben:
1. Infolge der Aussagen Ihres Artikels verstand es sich eben nicht, dass der „Begin-Praver“-Plan in seiner aktuellen Fassung gemeint war, da Sie keine Fakten aus dieser aktuellen Fassung verwendeten, wie wir in unserem Schreiben vom 23.6.13 bereits aufzeigten.
2. Erfreulicherweise sagen Sie nun selbst, dass der Begriff „Eindringling“ „natürlich nicht für alle Beduinen verwandt“ wird. Im Kontext Ihres Artikels wurde dies noch suggeriert.
3. Sie sagen, eine Umsiedelung „könnte zwischen 40.000 und 70.000“ Beduinen treffen. Ha’aretz z. B. zitierte jedoch einen Brief von Beduinenvertretern und Menschenrechtsorganisationen an Premierminister Netanyahu, in dem es hieß, der Plan würde eine Umsiedelung von 20.000 bis 30.000 Beduinen erfordern (http://www.haaretz.com/print-edition/news/netanyahu-s-office-promoting-plan-to-relocate-30-000-bedouin-1.365409).
4. „Wenn ich ihre Schilderung richtig verstanden habe, wurden sie mehrfach weggeschickt, offenbar weil sie Tiere dabei hatten.“ So lautet nun Ihre Erklärung für Ihre Behauptung, die Beduinen dürften den Yatir-Wald nicht mehr betreten. Leider ließen Sie in Ihrem Artikel dieses wichtige Detail „offenbar weil sie Tiere dabei hatten“ weg. Denn es geht hier offensichtlich nicht darum, dass die Beduinen den Wald nicht betreten dürfen, sondern darum, dass ihre Herden den Wald nicht betreten dürfen. Ein Schäfer in Deutschland kann seine Herde auch nicht weiden, wo er will. Daraus zu schließen, er selbst dürfe z. B. einen Wald nicht betreten, wäre jedoch falsch.
5. „Die Klage der Beduinen über den hohen Wasserpreis bezieht sich darauf, dass sie Wasser in Containern oder anderen Behältern kaufen müssen, weil ihre Dörfer ja nicht an ein Leitungsnetz angeschlossen sind“. Leider erwähnten Sie diesen Grund in Ihrem Artikel nicht, sondern dort hörte es sich so an, als ob die israelische Regierung den Wasserpreis erhöht habe, um die Beduinen zu vertreiben. Dies war eine Verfälschung der Tatsachen.
6. Sie machen es sich unseres Erachtens zu einfach, diejenigen Organisationen, die den aktuellen Begin-Praver-Plan ablehnen, weil er ihrer Meinung nach den Beduinen zu weit entgegenkommt, generell als „ultranationalistisch“ abzuurteilen. Zu einer guten Berichterstattung gehört es jedenfalls, beide Seiten gleichermaßen und ohne Bewertung zu Wort kommen zu lassen. Dies war in Ihrem Beduinen-Artikel nicht der Fall. Man merkte deutlich, welche Tendenz Sie als Autorin haben und in welche Meinungsrichtung Sie den Leser führen wollten. Die Regierung selbst ließen Sie leider überhaupt nicht zu Wort kommen. Da Sie über einen Regierungsplan schrieben, wäre dies angemessen gewesen.
Insgesamt ist es erfreulich, dass Sie in Ihrer Erklärung kein Wort mehr darüber verlieren, dass der Begin-Praver-Plan angeblich dem Profit jüdischer Israelis im Negev dienen soll, wie Sie in Ihrem Bericht noch fälschlicherweise suggerierten. Fakt ist: Der Plan soll der Verbesserung der Lebenssituation der Beduinen dienen (http://www.hagalil.com/archiv/2013/01/28/beduinendoerfer/).
Wenig erfreulich ist allerdings, dass der Großteil Ihrer Berichterstattung Israel in einem negativen Licht erscheinen lässt. Die positiven Seiten erwähnen Sie in der Regel nicht. Dadurch entsteht hier in Deutschland eine Anti-Stimmung im Blick auf Israel. Dies wird nicht zuletzt im BZ-Forum offensichtlich. Wir hoffen, dass diese Anti-Stimmung weder von Ihnen noch von der BZ-Redaktion gewünscht ist.
Mit freundlichen Grüßen,
Ursula Fiedler, im Namen des Vorstandes der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Freiburg
Hübsch, nicht wahr? Natürlich hat die Badische Zeitung nicht reagiert und nichts richtig gestellt. Frau Günther ihrerseits, die entzückt wäre, wenn eine Beduinen-Familie ihre Zelte direkt vor dem Haus der Korrespondentin aufschlagen würde, wird demnächst in den Negev ziehen, um ganz nah an den Objekten ihrer Fürsorge dran zu sein und ihnen Abos der Badischen Zeitung anzudrehen.