Felix Schnoor, Gastautor / 31.03.2013 / 16:51 / 0 / Seite ausdrucken

Freibier für alle, der letzte zahlt

Felix Schnoor

Stellen Sie sich vor, Sie besuchen mit zehn guten Freunden Ihr Lieblingslokal. Es ist klar, dass jeder seine Bestellung selbst zahlt. Sie schauen also in die Speisekarte und haben dabei Ihre finanzielle Situation und Ihre geschmacklichen Vorlieben im Hinterkopf. Sie werden – da Sie derartige Abende öfter veranstalten und Ihr Gehalt zwar gut, aber nicht sehr gut ist – ein mittelteures Gericht nehmen.

Jetzt stellen Sie sich einmal folgende Situation vor: Sie haben mit Ihren Freunden verabredet, dass jeder die Rechnung eines anderen aus der Runde begleicht. Beim Blick in die Speisekarte hätten Sie diesmal nicht Ihre eigene finanzielle Situation im Hinterkopf, sondern die ihrer Freunde, eventuell die ihres ärmsten Freundes, denn auf diesen könnte ja Ihre Rechnung zukommen. Sie werden weiterhin Maß halten bezüglich Ihrer Auswahl, da Sie Ihren Freunden unter normalen Umständen nicht zu viel zumuten möchten.

Um das Bild zu komplettieren, stellen Sie sich bitte ein drittes Szenario vor: Sie sitzen mit 100 Ihnen völlig unbekannten Personen in einem Restaurant und es ist vorgesehen, dass wieder – durch Zufall bestimmt – Ihre Rechnung von einer der übrigen 99 Personen beglichen wird und Sie dafür im Umkehrschluss die Rechnung einer anderen Person begleichen müssen. Wie hoch wird die Rechnung ausfallen? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird diese Rechnung deutlich höher ausfallen, als bei Szenario eins oder zwei. Und auch Sie selbst werden wohl ein teureres Gericht auswählen. Warum ist das so?

Dafür gibt es (mindestens) drei Gründe. Der erste besteht darin, dass Sie wissen, dass Ihre eigene Bestellung keine Auswirkungen haben wird auf die Rechnung, die Sie erhalten. Also gibt es für sie keinen Anlass, sich ein Limit zusetzen.

Der zweite Grund ist der, dass Sie davon ausgehen müssen, dass die übrigen Personen den eben genannten Aspekt ebenfalls im Hinterkopf haben und – genau wie Sie selbst – auch keinen Grund sehen, etwas Günstigeres zu bestellen. Da Sie dies wissen, bestellen Sie etwas möglichst teures, weil Sie davon ausgehen, eine hohe Rechnung begleichen zu müssen, aber dennoch auf Ihre Kosten kommen wollen.

Der dritte Grund liegt in der Tatsache, dass Ihnen die Personen völlig fremd sind und Sie keine moralischen Bedenken hätten (oder zumindest deutlich geringere), Ihrem Gegenüber eine hohe Rechnung zuzumuten.

Lässt man unterschiedliche Geschmäcker einmal außen vor, wäre eine Situation, in der jeder das teuerste Gericht bestellt, nicht abwägig. Völlig unabhängig von der durchschnittlichen finanziellen Situation der Teilnehmer an diesem Experiment. Würden diese 100 Menschen auf Dauer so verfahren, wären sie gewiss bald insolvent. Es ist also wohl kein Zufall, dass derartige Vorgehensweisen, wie das dritte Szenario sie beschreibt, nicht sehr verbreitet sind.

Der letzte Satz stimmt nicht ganz. Sie selbst würden derartige Vorgehensweisen wahrscheinlich ablehnen. Und mit dieser Haltung wären Sie nicht allein. Umso erstaunlicher ist es, dass sie in unserer Gesellschaft weit verbreitet sind.

In unserer Gesellschaft wimmelt es nur so von Lebensbereichen, in denen Menschen Entscheidungen treffen, aber die Kosten, die diese Entscheidungen verursachen, von Dritten beglichen werden (müssen). Das führt – analog zum Szenario drei – dazu, dass häufig unverantwortliche Entscheidungen getroffen werden.

Es fängt in jungen Jahren an: Der Jugendliche, der die Entscheidung trifft, sich in der Schule nicht anzustrengen und in der Konsequenz anschließend auf Kosten der Gesellschaft lebt. Hätte er auch so entschieden, wenn es keinen Sozialstaat gäbe und er nur auf seine Familie und Freunde bauen könnte? Er hätte wohl deutlich mehr Skrupel, auf deren Kosten zu leben als auf Kosten der Allgemeinheit, die für ihn kein Gesicht hat. Auf der anderen Seite wäre der Jugendliche für Freunde und Familie aber auch nicht nur eine Nummer in den Akten (wie er es im Arbeitsamt wäre), sondern ein Mensch, mit Wünschen und Befürfnissen.

Aber auch der Bankmanager, der eine stattliche Abfindung erhält, nachdem er hochriskante und undurchsichtige Finanzprodukte für sein Institut erwarb, die bald darauf wertlos wurden, ist zu nennen. Ebenso die Aktionäre dieser Bank, die die Entscheidung getroffen haben, diesen Bankmanager einzustellen und nun vom Staat (besser: vom Steuerzahler) und von den Notenbanken (besser: vom Sparer) gerettet werden. Hätten die Aktionäre diesen Manager eingestellt, wenn sie nicht auf die Hilfe des Staates hätten setzen können?

Oder der kettenrauchende unsportliche Couchpotato, der die medizinischen Kosten, die sein Lebensstil verursacht, auf die Beitragszahler abwälzt. Würde diese Person einen gesünderen Lebensstil pflegen, wenn sie die Kosten für die Folgen selbst begleichen müsste?

Es sind auch die Politiker, die mit Sozialprogrammen und großen Infrastrukturprojekten ihre Chancen auf Wiederwahl und ihr Ansehen erhöhen wollen, die Kosten dafür aber zu einem Großteil denjenigen aufbürden, die in unserer Gesellschaft am leichtesten zu schröpfen sind, nämlich den Steuerzahlern. Schlagen derartige Projekte fehl, haftet kein Politiker persönlich.

Es ist aber auch unsere Gesellschaft als ganzes, die auf Kosten ihrer Kinder und Enkel lebt und diesen somit ihren eigenen Gestaltungsspielraum nimmt. Häufig wird argumentiert, dass ja beispielsweise Infrastrukturprojekte auch unseren Nachfahren zugute kämen. Diese Argumentation hat aber etwas Anmaßendes, denn wir können diesen Generationen durchaus zutrauen, für sich selbst zu entscheiden, wie viel Autobahnen, Schulen und Flughäfen sie brauchen. Staatsschulden sind zukünftige Steuern, nur dass diejenigen, die davon betroffen sind, keine Chance hatten, sich gegen sie zu wehren.

Als ein Mensch, der sich selbst als liberal beschreibt, bin ich natürlich für niedrigere Steuern, sprich dafür, dass diejenigen, die sich etwas erarbeiten und gute Entscheidungen getroffen haben, auch davon profitieren sollen. Mindestens genauso wichtig ist aber die Frage der Haftung. Das eigene Handeln muss in einer intakten Gesellschaft auch negative Konsequenzen für die handelnde Person ermöglichen.

Angesichts der derzeitigen Zustände in unserem Land erscheint es mehr als fraglich, ob wir unseren Wohlstand noch lange aufrecht erhalten können. Schließlich stiftet unser System in sehr vielen und bedeutenden Lebensbereichen geradezu dazu an, unverantwortliche Entscheidungen zu treffen. Anschließend werfen wir dann gern diesen Personen ihre Verantwortungslosigkeit vor, ohne zu erkennen, dass diese nur menschlich handeln und in Wahrheit nicht einzelne Menschen Schuld an den Missständen sind, sondern das derzeitige System, sprich die Mehrheitsgesellschaft, die dieses System will oder zumindest duldet. Der Wohlfahrtsverlust, der dadurch entsteht, dürfte jedenfalls schwindelerregend hoch sein. Die Konsequenzen fangen langsam an sich bemerkbar zu machen. Wir sollten also schleunigst über dieses Thema nachdenken. Und handeln.

Felix Schnoor, 22 Jahre, Student der Wirtschaftswissenschaften

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