Sonja Nientiet, Jahrgang 1970, ist Krankenschwester aus Hamm in Nordrhein-Westfalen. Sie hatte bereits seit 2014 für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Krisenregionen gearbeitet, darunter Syrien und die Demokratische Republik Kongo. Seit Januar 2018 war sie in Somalia tätig, wo sie im dortigen Zentrum des Internationalen Roten Kreuzes als Ausbilderin für Erste Hilfe arbeitete.
Am Abend des 3. Mai 2018, gegen 20:00 Uhr Ortszeit, verlässt Nientiet das außerhalb der Hochsicherheits-„Grünen Zone“ gelegene Rotkreuz-Büro, als sie auf dem Gang von einem bewaffneten Wachmann überwältigt wird. Der Wachmann, eigentlich zum Schutz der Mitarbeiter eingeteilt, zerrt die 47-Jährige durch den Hinterausgang, wo ein Komplize und ein Fluchtauto warten. Gemeinsam mit ihr wird kurzzeitig auch ein kenianischer IKRK-Mitarbeiter als Geisel in den Wagen gezwungen. Wenig später finden somalische Sicherheitskräfte am Stadtrand ein aufgegebenes Fluchtfahrzeug mit Reifenpanne. Der kenianische Kollege kann während der Reifenpanne fliehen, von Sonja Nientiet fehlt jede Spur.
Es verdichtet sich rasch der Verdacht einer Insider-Entführung: Somalische Behörden erklären, ein Angehöriger des IKRK-Sicherheitsdienstes habe mit den Kidnappern kollaboriert. Wenige Tage nach der Entführung fordern die Kidnapper über Mittelsmänner 20 Millionen US-Dollar Lösegeld und drohen, die Geisel andernfalls zu ermorden oder an den sogenannten Islamischen Staat weiterzuverkaufen. Ab diesem Zeitpunkt wird die Bundesregierung informiert.
Verdacht einer Insider-Entführung
Berichten zufolge war eine Befreiungsaktion durch deutsche Behörden geplant, fand jedoch aufgrund einer Entscheidung des damaligen Bundesaußenministers nicht statt. Zu groß war die Sorge, die Operation könne in einem Blutbad enden.
Lange gab es Mutmaßungen, Nientiet sei tot. Im Frühjahr 2025 tauchte ein Video auf: Im schwarzen Tschador sitzt sie vor der Kamera, sieht müde und erschöpft aus. An der Echtheit bestehen keine Zweifel. Sie fleht die Bundesregierung an, für ihre Freilassung zu kämpfen, und sagt auf Englisch, nur für ihre Liebsten zuhause würde sie weiterleben.
Was die Videoaufnahme besonders erschütternd macht: Sonja Nientiet ist offenbar nicht an einem isolierten Ort. Hintergrundgeräusche lassen auf ein ganz normales Dorfleben schließen. Immer wieder schließt sie die Augen, trocknet an einer Stelle die Tränen mit einem Taschentuch. Familienangehörige, die sich für Nientiets Befreiung einsetzen könnten, hat die Deutsche nicht mehr. Ihre Mutter Christel starb im Juni 2024, ohne ihre Tochter je wiedergesehen zu haben.
Deutschland, hol sie heim!
Seit acht Jahren steht ihr Leben in einem somalischen Dorf still, während die Welt um Sonja Nientiet herum einfach weiterläuft. Sie hatte den Mut, das sichere Deutschland zu verlassen, um in Syrien, dem Kongo und Somalia Entwicklungshilfe zu leisten. In Kriegsgebieten lehrte sie Erste Hilfe und sitzt nun seit acht Jahren in Geiselhaft. Doch die Bundesrepublik Deutschland schweigt.
Das Auswärtige Amt sagt, man bitte um Verständnis, dass man sich „grundsätzlich nicht zu Entführungsfällen deutscher Staatsangehöriger im Ausland äußert“. Die Antwort des Auswärtigen Amts auf Nachfragen kommt stets rasch, sie lautet stets gleich. Stille Diplomatie, heißt es. Man wolle keine Nachahmungstäter animieren, keine Erpressbarkeit demonstrieren. Das ist nachvollziehbar als Grundsatz, jedoch kein dauerhafter Ausweg für eine konkrete Frau in konkreter Not. Es wirkt wie eine Formel, hinter der man sich versteckt.
Die Bundesregierung hat das Recht, Verhandlungsstrategien für sich zu behalten. Sie hat jedeoch nicht das Recht, eine Bürgerin in Vergessenheit geraten zu lassen. Denn genau das ist geschehen: Diese Stille führte dazu, dass der Fall Nientiet in Vergessenheit zu geraten drohte. Freunde dürfen keine Presse einschalten, man habe ja Verhandlungen. Aber nach acht Jahren fragt man sich, was genau dort verhandelt wird. „Was kann denn noch schlimmer werden? Dass Sonja in Gefangenschaft stirbt. Durch Krankheit. Durch militärische Auseinandersetzungen in Somalia. Sonja läuft die Zeit davon“, sagt ihre Freundin Olga Platzer.
Es gibt Hebel
Dabei gäbe es genügend Ansatzpunkte: Eine abgebrochene Befreiungsaktion, den BND, diplomatische Kanäle, Entwicklungszusammenarbeit mit Somalia, eine EU-Militärmission auf somalischem Boden. Somalia ist immerhin ein Schwerpunktland der Entwicklungszusammenarbeit und des sicherheitspolitischen Engagements der EU, unter anderem durch die Militärmission EUTM Somalia und die Kapazitätsmission EUCAP Somalia. Was jedoch fehlt, ist der politische Wille, diese Hebel für eine einzelne Frau einzusetzen. Offenbar weil eine einzelne Frau kein Geopolitikum ist und ihre Befreiung nirgendwo eine Lobby hat.
Der Kern dieser Geschichte ist, dass Deutschland sich für jene, die in seinem Namen Entwicklungshilfe leisten, nicht genug einsetzt. Sonja Nientiet hat humanitäre Arbeit geleistet, die den Staat entlastet, die das Ansehen Deutschlands mehrt, die in Teilen staatlich mitfinanziert wird. Wer Menschen in Krisengebiete schickt oder es billigend in Kauf nimmt, dass sie dort tätig sind, trägt auch eine Verantwortung für das, was ihnen dort widerfährt.
Die NGO HÁWAR.help plädiert an dieser Stelle für eine Mischung aus stiller Diplomatie und lautem Aktivismus, eine Kombination, die in anderen Fällen bereits Erfolg hatte. Denn Öffentlichkeit schützt, erzeugt Druck und erinnert die Entführer und die Verantwortlichen in der Politik daran, dass die Welt zuschaut.
Sonja Nientiet hat keine Familie mehr, die für sie streitet. Ihre Mutter ist tot. Die wenigen Freunde, die noch kämpfen, tun es gegen den Widerstand einer Bürokratie, die aus angeblicher Fürsorge schweigt. Ihr einziges Lebenszeichen nach sieben Jahren: ein Video, in dem eine sichtlich kranke Frau darum bittet, dass man sich an sie erinnert.
Deutschland erinnert sich gern an seine humanitären Werte. Es inszeniert sich als verlässlicher Partner, als Land, das für Menschenrechte eintritt. Dies erscheint unglaubwürdig, solange eine Frau, die für genau diese Werte ihr Leben riskiert hat, in einem somalischen Dorf sitzt und wartet. Holt sie heim. Free Sonja!
Wer helfen möchte: hier ist der Link zur Petition
Hören Sie dazu auch den Podcast mit Malca Goldstein-Wolf und Birgit Kelle.

@Ralf Pöhling THX. Wikispooks Le Cercel mal nachsehen.
Merz und diese Regierung ist mit anderen Inhalten beschäftigt. Wenn die Meldung die ich gestern gelesen habe stimmen sollte, bastelt das Merz Deutschland an Atombomben. Etliche Institute involviert, auch NATO Experten schlagen Alarm. Hoffentlich nur eine Fake Meldung. Ansonsten könnte man die Regierung gesamt geschlossen im Knast unterbringen.
Politik und ihr Handeln ist nicht nachvollziehbar.
Wonach wird entschieden, eine Krankenschwester oder einen leitenden Angestellten zu befreien? Ekelhaft.
Ich hoffe, niemand, und ich meine niemand, geht mehr für irgendwelche Entwicklungshilfe Projekte irgendwohin. Diese Länder und ihre kriminelle Korruption haben es nicht verdient, Hilfe zu bekommen.
Ich kann es nicht zuende lesen. Ich kann nur noch schreien.
Wenn die Bundesregierung sämtliche Geldflüsse an die HAMAS, Hisbollah, Antifa und andere Terrororganisationen einstellt, hat sie das Lösegeld innerhalb von ein paar Stunden beisammen.
Verhandlungsgeschick kann man sich von Whatafool und Konsorten nicht erwarten. Da wäre zu zahlen die bessere Lösung.
Na ja, es wird schon nicht so schlimm sein.
Immerhin sind wir ja alle Menschen und der Islam ist ja bekanntlich die Religion des Friedens …
INSHALLAH bedeutet ja, dass alles gut wird.
Wie kam es zu diesem Video? Auf welchem Weg gelangte es an die Unterstützer? Weiß man, wo es aufgenommen wurde? Sind Geodaten enthalten?
Ein lobenswertes Unterfangen, das hoffentlich Erfolg hat. Und nun zur Politik bzw dem Problemverständnis. Ich weiss nicht, ob ein „ Fall“ wie dieser irgendjemanden überrascht, falls ja, hat dieser das Grundproblem nicht verstanden. Herr Gille hat es zugegeben drastisch, aber realpolitisch benannt. Wer in dieser Welt, wie sie nun einmal ist und bis auf weiteres bleiben wird, nationale Interessen bzw., was auf das Gleiche hinausläuft, die vitalen Interessen „ seiner“ Bürger vertreten will, wird um eine Baerbock‚ sche 360 Gradwende nicht herumkommen. Es beginnt bei der realistischen Sicht auf andere Länder und deren Personal resp Motive, deren „ Einstellung“ zu den Dingen des Lebens und zu dem, was man Zivilisation nennt. Und siehe da, schon wird das vor allem spezifisch deutsche Problem erkennbar, nicht nur im Umgang mit Somalia. Dabei muss man die eigene Position nicht einmal öffentlich herumposaunen, man sollte sich allerdings nicht permanent vor Allen in den Staub werfen. Natürlich würde ein psychisch Normaler den Gangstern nicht auch noch Mio in den Rachen werfen, Neurotiker wie die Michel schon. Man würde alle Zuwendungen naheliegenderweise mit gefälligem, jedenfalls nicht feindlichem , Verhalten verbinden. Man würde alles unter dem Aspekt des nationalen Nutzens evaluieren und Nutzloses bzw Schädliches nicht mit Mrd entlohnen. Man würde natürlich auch den Archaikern klarmachen, dass es sehr unangenehm wird, falls sie sich an deutsche Bürger vergreifen sollten. Kurz, man würde als Nation auftreten. So wie andere auch. Keine Ahnung, warum man ein „ shithole “ – Regime wie das in Somalia derart rücksichtsvoll behandelt. Vielleicht wegen seiner Piraterie. Auch das ein ebenso typisches wie erstaunliches Phänomen. Bei „ deutscher“ Aussenpolitik fallen einem nur noch die Beninbronzen und die Verschwendung von Steuergeldern in Mrd ein. Wobei das Problem nicht in Somalia beginnt, sondern in der alimentativen Unterwerfung in der EU. Es geht ums Nationale, verehrte Damen