Thomas Rietzschel / 08.03.2018 / 17:46 / 6 / Seite ausdrucken

Frauen wacht auf, der Sozialismus ruft!

Immerzu gibt es irgendeinen Welttag, den Weltwassertag, den Welt-Nierentag, den Weltfernmeldetag, den Welt-Schildkrötentag, den Welthuren- und den Weltkatzentag. Nichts, das da unbeachtet bliebe, niemand, der bei der Tagesvergabe übersehen worden wäre. Jedem Tierchen sein Pläsierchen am Welt-Hallo-Tag, den Welttagen des Lächelns, des Hörens, des Radios, des Stotterns oder des Tanzes; nicht zu vergessen der Welttag der Feuchtgebiete. Manche dieser Gedenk- und Aktionstage wurden erst in den letzten Jahren ausgerufen, andere verdanken sich einer längeren Geschichte, allen voran der heute, am 8. März, begangene Weltfrauentag.

Wie seit Jahren üblich haben die Journalisten das Datum jetzt wieder genutzt, um eine Lanze für die Rechte der Frauen zu brechen, wieso auch nicht. Wer wollte etwas dagegen sagen. Werden doch in großen Teilen der Welt, vor allem in den islamisch geprägten Ländern, Frauen nach wie vor als Ware gehandelt oder ehelich versklavt, sind sie wie in grauer Vorzeit der Verstümmelung ihrer Genitalien und Schlimmerem ausgesetzt. Viel zu viel ist da noch anzuklagen. Dass das in den seltensten Fällen passiert, mag in den Zeiten der Willkommenskultur nicht verwundern. Die Ausblendung der ernsteren Probleme weiblicher Emanzipation entspricht dem politisch-medialen Mainstream. Schwamm darüber, könnte man sagen..

Geht es dann aber um die Einlassungen zur Geschichte des Internationalen Frauentages, will es unsereinem kalt den Rücken herunterlaufen, so etwa, wenn es im Darmstädter Echo heißt, „die Sozialistin Clara Zetkin“ habe „1910 die Einführung eines solchen Feiertages vorgeschlagen“.

Hand in Hand mit dem Proletariat

Zwar stimmt es, dass die Sozialdemokratin damals, auf der „Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz“ in Kopenhagen sich für einen Frauentag stark machte, doch heißt es in dem Beschluss dazu auch, dass dies „im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats“ geschehen müsse.

Und es war eben jene Clara Zetkin, die diese politische Abgrenzung von der bürgerlichen Frauenbewegung früherer Jahre durchsetze. Es ging weniger um die Emanzipation, als vielmehr um die Integration in den „Klassenkampf“. Indem sie für das Wahlrecht der Frauen eintrat, erhoffte sich Zetkins Partei, die SPD, vor allem einen Zuwachs der Wählerstimmen. Tatsächlich erwarben allein von 1910 auf 1911 mehr als 25.000 Frauen das rote Parteibuch.

Sehr viel mehr folgten der Parteifunktionärin dann noch, als sie 1918 zur KPD, der Kommunistischen Partei Deutschlands, überlief. Auch dort war es ihr übertragen, den Frauentag im Sinne parteipolitischer Propaganda zu inszenieren, zumal Lenin 1921 den 8. März zum „Internationalen Frauentag“ erklärt hatte. Nicht zuletzt im Kampf gegen die Sozialdemokratie, die ihren eigenen Frauentag ohne festes Datum beging, wurde der 8. März während der Zwanziger Jahre zu einem Hochamt des kommunistischen Glaubens ausgebaut.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verstand es die DDR, nahtlos an diese Tradition anzuschließen. Clara Zetkin, die 1933 im Moskauer Exil verstorben war, avancierte zu einer Säulenheiligen des Arbeiter-und-Bauern-Staates. Wie der Frauentag in DER Weimarer Republik von der KPD ausgerichtet worden war, wurde er nun von der SED zelebriert. Bereits 1948, ein Jahr vor der ostdeutschen Staatsgründung, stand eine der ersten Konferenzen im sowjetisch besetzten Sektor Berlins unter dem Motto „WIR FRAUEN TRETEN FÜR DEN ZWEIJAHRESPLAN EIN“.

Kaffee, Kuchen und Pralinen

Fortan wurden die „Frauen und Mädchen“ zum 8. März in den volkseigenen Betrieben mit Blumen empfangen. In der Kantine gab es Kaffee und Kuchen, manchmal Rotkäppchen Sekt und eine Packung Pralinen. In den Ansprachen ging es um den Aufbau des Sozialismus, über den sich die Geehrten glücklich zu schätzen hatten. Über die Emanzipation indes musste man nicht mehr reden, da man ohnehin im Paradies aller Werktätigen lebte.

Wie das den Leuten zunehmend auf die Nerven ging, wie sich viele schlichtweg verarscht und propagandistisch missbraucht fühlten, ist dem Westen nie aufgefallen. Es blieb so unbemerkt, dass sich die geschichtsvergessen Politiker und ihre journalistisch agierenden Gefolgsleute bis heute nicht entblöden, Clara Zetkin und ihren Internationalen Frauentag wieder hochleben zu lassen, indem sie die Rituale einer totalitären Ideologie aufgreifen.

PS. Dass die UN 1977 eine Resolution verabschiedete, die den „Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ auf den 8. März legte, bleibt als eine weitere Dummheit zu vermerken, passend zu der Ausrufung der meisten übrigen Welttage. Gibt es doch unterdessen sogar einen Weltlachtag.  

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Leserpost (6)
Christiane Brauckhoff / 08.03.2018

Lieber Herr Rietzschel, vielen Dank für Ihren Artikel. Vor einigen Stunden habe ich in einem der hiesigen Supermärkte einen Flyer der Rot-Revolutionären Jugend gefunden. Zunächst las ich nur die Überschrift „Frauen – wehrt Euch und kämpft!“ und dachte vor dem Hintergrund der Kölner Silvesternacht, dem Mord in Kandel etc.: „Jawoll!“ Dann entdeckte ich Hammer und Sichel und dachte: „Ach nee!“  Besonders Ihre Ausführungen im zweiten Absatz des Artikels kann ich nur bestätigen. In dem Text des Flyers wird u.a. Bezug genommen auf den Fall einer Frau in Hameln, die von ihrem Mann misshandelt, hinter ein Fahrzeug gebunden und mitgeschleift wurde. Ich glaube, dieser Fall erlangte bundesweit Aufmerksamkeit. Ursache für diese unfassbare Tat ist selbstverständlich das “imperialistische Unterdrückersystem” und nicht eine islamisch geprägte archaische Kultur, in der Frauen nichts wert sind. Lange Rede, kurzer Sinn. In dem Supermarkt lag ein ganzer Stapel dieser Flyer. Ich habe sie im Altpapier entsorgt, obwohl sie in meinen Augen eher in die Kategorie „Sondermüll“ gehören. Das war meine gute Tat am Weltfrauentag.

Andreas Rühl / 08.03.2018

Heute in b5 aktuell…. Ein Bericht ueber irgendeinen ʼwalkʼ in Nürnberg. Gefuehlt 15 Minuten. Am Ende…. Es werden 300 Teilnehmerinnen erwartet. Wooooooo.

Alexander Brandenburg / 08.03.2018

Ja, ich habe den Tag der Frau einfach deswegen vergessen, weil ich mich seit längerem selbst als Frau fühle und sich meine Frau zum Mann gegendert hat. Wenn wir uns demnächst für die weibliche Form der Homosexualität entscheiden, könnte der Frauentag vielleicht wieder Aufmerksamkeit bei uns finden. Vielleicht mache ich aber auch wieder auf Macho und halte mir mehrere Ehefrauen, die dann am Frauentag auch feiern dürfen. Es gibt so viele Möglichkeiten in unserer aufgeklärten Zeit! Ich sehe jedenfalls im Frauentag kein Ritual einer irgendwie totalitären Ideologie.

Helmut Driesel / 08.03.2018

Am 8. März ruft der Sozialismus nicht, er kichert nur leise. Fragen Sie Sich doch mal, welcher Logik der eigene Egoismus des Sozialistenfunktionärs folgen sollte. Ich behaupte, kein einziger Funktionär der Linken möchte im Sozialismus leben. Das ist ein Phantom, das nur in den Diskussionen offener Gesellschaften eine Sinn macht. Deshalb den Frauentag runtermachen, Herr Rietzschel? Bei der Erfindung des Valentinstages zur Vermeidung eines Monats der Produktivitätsflaute im Gärtnergewerbe gibt es wohl keine Bedenken, keine Häme, kein Spott?

Dirk Jungnickel / 08.03.2018

Nun werden unzählige Berufe auch mit Feiertagen geehrt, wobei ideologischen Wurzeln keine Rolle spielen. Es müssen ja nicht rote Nelken verteilt werden, wobei es mich kalt lässt wenn Lafontaine seine Sahra damit beglückt. Aber mein Lieblingssender Klassik - Radio hat sich was sehr Nettes ausgedacht. Da wurde kaum bekannte Musik von Komponistinnen herausgesucht und den ganzen Tag über versendet. Dabei durfte ich lernen, dass Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel, spätere Herzogin von Sachsen - Weimar - Eisenach, eine bedeutende Komponistin war und den Grundstock für das Weimarer klassische Kulturzentrum legte. Das ist doch was, oder ?

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