Cora Stephan / 09.02.2011 / 16:46 / 0 / Seite ausdrucken

Frauen, revisited

Was früher von der Männerwelt als radikalfeministische Forderung belächelt wurde, ist heute der letzte Schrei. Alle Welt will den Frauen helfen, wichtig, bedeutsam und mächtig zu sein. Der neueste Schrei: eine Frauenquote für Aufsichtsratspositionen, damit endlich Chanel No. 5 durch testosterongeschwängerte Konferenzräume weht. Norwegen hat sie schon, Spanien auch und nun droht auch Deutschlands Ursula von der Leyen damit:

“Angesichts der nur mit der Lupe erkennbaren Fortschritte der vergangenen zehn Jahre schließe ich eine gesetzliche Regelung über einen Mindestanteil von Frauen in Führungspositionen nicht mehr aus.” Schade, dass die Schweiz so ein Gesetz nicht hat. Ich würde umgehend Anspruch auf die Chefredaktion der NZZ erheben. Und dann ist aber was los!
Im Ernst: Obwohl Freund und Kollege Matthias Horx die Quote lobt, erkenne ich in alledem einen lediglich symbolischen Akt, mit dem Politiker sich beliebt machen wollen, zumal in der EU eine Quote für die Besetzung von Aufsichtsräten gar nicht statthaft wäre. Gewiss, als Entwicklungsmaßnahme für Männer mag die Anwesenheit von Frauen beim Führen ja geeignet sein, als Nachhilfeunterricht in Geduld und Manieren. Doch die Quotenkämpfer wollen nicht den Männern, sondern den Frauen etwas Gutes tun, so, als ob sie noch immer die armen Unterdrückten wären, die Opfer des Patriarchats. Und ausgerechnet dieser teuflische Gegner soll ihnen nun als Engel Flügel machen?
Frauen in Westeuropa haben schon seit längerem die freie Wahl, was Berufspositionen betrifft. Frauen sind bestens ausgebildet, mindestens ebenso oder sogar höher qualifiziert als die Männer. Sie können fast alles (und natürlich alles irgendwie besser). Und es wird ihnen immer öfter der rote Teppich ausgerollt: Entgegenkommen den Frauen gegenüber gilt mittlerweile nicht nur (angesichts des Fachkräftemangels) als notwendig, sondern auch als zeitgeistgemäß. Mit einer Quote können sich Betriebe und Institutionen als fortschrittlich schmücken, ebenso mit Betriebskindergärten, Zeitflexibilität und anderem Entgegenkommen. Und angesichts dieser perfekten Ausgangsposition soll es noch nötig sein, Frauen den Chefsessel zuvorkommend frei zu machen, als ob sie nicht selbst darum kämpfen könnten?
Denn Macht können sie. Man denke an Angela Merkel, die aus einer absoluten Außenseiterposition heraus zur mächtigsten Frau der Welt wurde. Das tapsige Ostmädel mit der Abneigung gegen Schminke und Styling hatte 1990 keinen blassen Schimmer von den Usancen im westlich dominierten Regierungsbezirk des frisch wiedervereinigten Deutschlands. Gewiss, „Angie“ hatte einen mächtigen Paten: Helmut Kohl. Doch ihr Weg zur ersten Bundeskanzlerin Deutschlands war mit männlichen Leichen gepflastert: sie erlegte all ihre Gönner, Kohl war der schwerste Brocken. Und danach räumte sie peu a peu die Konkurrenten aus dem Weg.
Frauen fehlt es heute weder an Qualifikation noch an den nicht ganz so sympathischen Eigenschaften, die man mitbringen muss, wenn man „Führungspositionen“ einnehmen will. Den meisten von ihnen (wie auch den meisten Männern) fehlt indes der Wille zur Macht.
Woran liegt’s? Bascha Mika, jahrelang Chefin der „taz“, empört sich feministisch korrekt buchseitenlang über die „Feigheit“ der Frauen, die sich entmachtet in die Weiblichkeitsfalle begeben hätten. Matthias Horx hingegen sieht das Problem in der „männerbasierten Präsenzkultur“, im Zwang zu permanenter Anwesenheit. Das aber dürfte der springende Punkt sein: Frauen haben andere Prioritäten.
Wer der Meinung ist, dass Frauen an die Macht gehören, muss zur Kenntnis nehmen, wer sie sind: anders als Männer, nicht, was ihre Fähigkeiten, sondern was ihre Wünsche betrifft. Englische und amerikanische Untersuchungen zeigen, dass Männer um Geld verhandeln, Frauen hingegen um Zeit. Und während Männer an ihrem Status arbeiten, indem sie bluffen oder Werbung in eigener Sache machen, wollen Frauen wegen ihres Könnens, ihrer Wertvorstellungen und ihrer inneren Qualitäten ernst genommen werden. Sie sind weniger flexibel, was einen Wohnortwechsel betrifft und möchten Rücksicht auf Heim und Familie nehmen können.
Das mag feige sein, aber frauenbewegtes Gezeter hilft da nicht weiter. Also sollen die Männer sich ändern, wie Horx fordert? Gute Idee, obzwar an dieser Aufgabe Millionen, ach was: Milliarden von Frauen seit Tausenden von Jahren mehrmals täglich scheitern.
Vielleicht hilft eine andere Perspektive. Soweit wir wissen, hatten noch nie in der Menschheitsgeschichte so viele Männer und Frauen die Chance, bei guter Gesundheit steinalt zu werden. Angesichts dessen kommt es einem einigermaßen paradox vor, dass Frauen ausgerechnet dann Karriere machen sollen, wenn sie jung sind und Kinder bekommen können (und möchten). Ab 40 hingegen sind sie im besten Alter (und durch Erziehungsarbeit in Autorität und Geduld geübt), um sich in der Berufswelt durchzusetzen. Wer junge Frauen gewinnen und die Geburtenrate erhöhen will, sollte von den älteren Frauen her denken, die mit 40 noch etwas vorhaben. Mensch lernt nicht nur in jungen Jahren dazu. Und Erfahrungswissen ist von unschätzbarem Wert.
Gewiss, die Konkurrenten haben einen Karrierevorsprung. Doch Männer neigen dazu, bereits in einem Alter ihre Rentenansprüche ausrechnen, in dem Frauen durchstarten. Auch dies haben Forscherinnen festgestellt: für Männer ist mit der Rente Schluss, Frauen aber haben auch nach dem Renteneintrittsalter noch zu tun.
Schickt also die Männer früher in die Rente, sie können sich als Opa nützlich machen! Den Frauen aber wird es womöglich gelegen kommen, im Job auf Jüngere zu treffen. Auf jüngere Männer. Viel Spaß dabei.

Von Cora Stephan, Publizistin aus Frankfurt am Main, erschien soeben das Buch „Angela Merkel. Ein Irrtum.“

© Cora Stephan 2011

 

 

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Cora Stephan / 15.06.2023 / 11:00 / 29

Die Stimme der Provinz: Gärtnern gegen rechts!

Fühlen Sie sich frei, wenn Sie im Garten hacken und jäten und morden und sengen! Blattläuse könnten verkappte Nazis sein und Schnecken ihre Schlägerbanden. Schluss…/ mehr

Cora Stephan / 25.05.2023 / 10:00 / 20

Die Stimme der Provinz: Dann lieber Macron!

Es ist nicht alles schön in Frankreich, zugegeben. Doch gegen den Scholzomaten ist Frankreichs Emmanuel Macron geradezu eine Lichtgestalt. Deutschland von außen betrachtet: man schwankt…/ mehr

Cora Stephan / 29.12.2022 / 11:00 / 14

Die Stimme der Provinz: „In den Häusern der Anderen”

Das Buch „In den Häusern der Anderen“ von Karolina Kuszyk, auf den „Spuren deutscher Vergangenheit in Westpolen“, lässt sich allen Geschichtsbesessenen ans Herz legen. Man…/ mehr

Cora Stephan / 03.11.2022 / 10:00 / 44

Die Stimme der Provinz: In den Untergang verliebt

Was für eine Vorstellung. Weltuntergang! Das ist es, was die Gemüter bewegt. Massensterben durch ein Virus hat sich mittlerweile erledigt. Faszinierender sind die apokalyptischen Visionen…/ mehr

Cora Stephan / 20.10.2022 / 10:00 / 89

Die Stimme der Provinz: Nonbinär ist das neue Verrucht

Die Verleihung des Deutschen Buchpreises, war – so das Medienecho – „spektakulär! Unvergesslich!“. Der Preisträger heißt Kim. Kim de l’Horizon, um genau zu sein. Und…/ mehr

Cora Stephan / 07.07.2022 / 10:00 / 68

Die Stimme der Provinz: Was wir vermissen werden

Die Verzweiflung an der Politik lässt eine neue Biedermeier-Epoche blühen. Und die EU wird sich bald nicht mehr auf ihren bislang größten Nettozahler verlassen können,…/ mehr

Cora Stephan / 09.06.2022 / 10:00 / 32

Stimme der Provinz: Pride Month auf dem flachen Land

Die Regenbogenbeflaggung am REWE ignorieren wir. Man darf bezweifeln, dass sie damit mehr Wurst verkaufen. Bunt und stolz und divers und queer, ist schon in…/ mehr

Cora Stephan / 21.10.2021 / 12:00 / 28

Die Stimme der Provinz: Berlin – eine toxische Beziehung

Was tun, wenn der Partner lügt und betrügt, sich nicht wäscht, seinen Mist überall rumliegen lässt, „Eigentum schändet“ sagt und einem das Fahrrad klaut, Gewalt…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com