Cora Stephan / 20.06.2018 / 06:15 / Foto: Tim Maxeiner / 22 / Seite ausdrucken

Frauen das friedliche, Männer das gewalttätige Geschlecht?

Frauen das friedliche, Männer das gewalttätige Geschlecht? Obwohl Frauen als Mörder und Totschläger statistisch weniger auffällig werden, ist die Sache weitaus komplexer. 

Gewalt ist kein Charaktermerkmal ausschließlich von Männern, auch Frauen sind, auf je spezifische Weise, zu Grausamkeiten aller Art in der Lage. Auch waren und sind sie weder nur Opfer noch Unbeteiligte. Zu allen Zeiten und in allen Kulturen applaudierten Frauen männlicher Gewalt, forderten Männer und Söhne dazu auf, in die Schlacht zu ziehen, zur Verteidigung von Clan, Stamm oder Vaterland. Oder sie amüsierten sich in den Arenen bei blutigen Schaukämpfen.

Sie waren, als diejenigen, die für den Erhalt der Gattung zuständig waren, begehrte Beute und kostbare Ressource. Sie waren Anstifterinnen, Ursachen, Ziele und Opfer zugleich. Und nicht nur Jeanne d’Arc war aktiv beteiligt am Krieg, wie eine Ausstellung im Militärhistorischen Museum in Dresden zeigt. 

Sie spielten ihre Rolle im Tross, als Prostituierte und Marketenderinnen, sie versorgten als Krankenschwestern Verwundete, sie leisteten Dienste hinter der Front, sie waren ausschlaggebend in der Kriegsproduktion.

Sie waren mitnichten vor allem Opfer. Bis ins 20. Jahrhundert stellen Männer die meisten Opfer des Krieges, so wie vor allem Männer Opfer von männlicher Gewalt sind. Selbst sexualisierte Gewalt gegen Frauen wird von Männern oft als Demütigung anderer Männer verstanden und eingesetzt – das gilt für Massenvergewaltigungen durch die Sieger im Krieg ebenso wie für sexuelle Übergriffe von Männern aus stark paternalistisch geprägten Kulturen, wie man sie zu Silvester 2015 in Köln und anderswo erlebt hat. Männer demütigen andere Männer, indem sie ihnen handgreiflich demonstrieren, dass sie nicht in der Lage sind, ihre Frauen, Schwestern und Töchter zu beschützen.

Ein Heckler & Koch verallgemeinert Krieg

Ohne Männer gäbe es keinen Krieg? Sicher. Dasselbe lässt sich von den Frauen sagen. 

Teilen wir uns also den Schaden, möchte man denken. Im Verteidigungsfall müssen eben beide Geschlechter ins Gefecht ziehen. Noch nie waren die Bedingungen dafür so günstig wie heute. Gewaltausübung im Kriegsfall bedarf keiner besonderen Befähigung oder eines aufwendigen Trainings mehr, jedenfalls nicht mehr so wie einst, als das Kriegshandwerk ein Monopol derjenigen war, die körperliche Kraft besaßen und die nicht, etwa durch Schwangerschaften, am beständigen Üben gehindert waren. Menschliche Kulturen haben über tausende von Jahren das Waffenmonopol einer Kriegerkaste gekannt, in Japan mit den Samurai sogar bis ins 19. Jahrhundert hinein. 

Warum? Schwertkampf will ebenso geübt sein wie Reiten und Bogenschießen. Das ist das eine. Das andere: Gewaltausübung und Krieg durch Stellvertreter entlastet die Gemeinschaft, die sich ja auch noch um anderes kümmern muss, etwa um Behausung und Lebensmittel. Und nicht zuletzt beschäftigte das Kriegshandwerk all die jungen Männer, die als dritte, vierte, fünfte Söhne weder erben noch heiraten durften und frustriert in hellen Scharen durchs Land marodierten, ein Problem, das an der Wiege des mittelalterlichen Rittertums stand. 

Das ist heute anders. Moderne Waffen sind im Wortsinn kinderleicht zu bedienen. Ihre Handhabung ist also nicht mehr auf jene beschränkt, die das mühevoll lernen mussten – man denke an so anspruchsvolle Waffen wie das Schwert, den Bogen oder die Muskete. Die modernen Massenkriege des 19. und 20. Jahrhunderts wurden ermöglicht durch einfach zu bedienende und in Massen produzierte Waffen. 

Ein Heckler & Koch verallgemeinert Krieg. Weder Waffenkunst noch Tradition stehen Frauen also heute noch im Weg. Ein Sieg der Gleichberechtigung ist das weniger als vielmehr der Mangel an männlichem „Menschenmaterial“. Unser „Kriegsindex“ ist historisch niedrig. Eine im Schnitt ältere Gesellschaft ist schon deshalb eine friedfertigere.

Kultur des Krieges? – Genau!

Es gibt immer weniger wehrtaugliche junge Männer, während junge Frauen nicht mehr dazu verurteilt sind, ihre Tage schwanger oder im Kindbett zu verbringen. Nichts scheint also dagegen zu sprechen, die Armee für Männer wie Frauen zu öffnen, zumal es auch hinter der Front reichlich zu tun gibt. Und nichts spräche gegen eine allgemeine Wehrpflicht auch für Frauen. Darüber aber ist im Gleichstellungsdiskurs merkwürdigerweise selten die Rede.

Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld erkennt im Zustrom von Frauen zum Militär allerdings keinen Sieg für die Frauen, sondern hält das für ein Zeichen dafür, dass die entwickelten Länder keine Kriege sui generis mehr führten. Dort, wo das noch der Fall sei, in Gesellschaften mit vielen jungen Männern, gäbe es in den Streitkräften so gut wie keine Frauen. 

Die israelische Armee wäre als Gegenbeispiel zu nennen. Andererseits signalisiert dort die Beteiligung der Frauen, wie sehr sich das Land im permanenten Verteidigungszustand befindet. Eine ganze Gesellschaft unter Waffen ist kein wünschenswerter Zustand, höchstens eine bittere Notwendigkeit. Und in Zeiten sogenannter „Volkskriege“ erscheinen männliche Stellvertreterkriege erst recht als nachgerade zivilisatorische Errungenschaften. Deshalb sei hier eine Lanze für die Männer gebrochen – eine Lanze für eine männliche Kultur des Krieges. 

Kultur des Krieges – genau. Männliche Gewalt hat ihre dunkle und ihre helle Seite. Denn es ist Männern, nicht Frauen, gelungen, der Kriegsgewalt eine Form zu geben, die sie bremst, die sie einhegt, die sie beschränkt und die dazu beigetragen hat, dass die Menschheit sich noch nicht ausgerottet hat, was geschehen wäre, wenn es in Kriegen immer schon und generell um die möglichst gründliche Vernichtung des Gegners ginge.

Tatsächlich gab es kriegerische Kulturen, denen es weit vor der kriegsvölkerrechtlichen Kodifizierung im 19. Jahrhundert gelang, einen stellvertretenden Krieg nach Regeln zu führen, der das Gewebe der jeweiligen Gesellschaften nicht zerstörte. 

Man muss sich die Sache äußerst brutal vorstellen

So verabredeten sich die freien Bauern im Griechenland des 7. bis 4. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung im Streitfall zum Kampf auf einem abgelegenen Schlachtfeld. Eine Hopliten-Phalanx umfasste vielleicht 100 Mann in einer Reihe, 4 bis 25 Mann tief, in Brustpanzer, Helm und Beinschienen, in der Linken den Schild, mit dem zugleich die rechte Seite des Nebenmannes geschützt wurde, in der Rechten den Speer. Jeder Mann zwischen, sagen wir: 16 und 60 konnte sich in diese Phalanx einreihen, es gab keine Hierarchie und erst recht kein individuelles Heldentum, Alleingänge hätten die Phalanx gesprengt und alle in Todesgefahr gebracht. 

Man muss sich die Sache äußerst brutal vorstellen: Unter sengender Sonne rannten die gerüsteten Männer aufeinander zu. Nach dem Zusammenprall begannen sie in fest geschlossenen Reihen mit aller Kraft zu drücken, um die Phalanx des Gegners zu sprengen. Wenn eine Phalanx brach, war die Schlacht vorbei – eine Entscheidung, so einfach und so klar wie ein demokratischer Mehrheitsentscheid. Darin lag ihr Vorteil: die Schlacht kostete nicht viel Zeit, man brauchte keine besondere Ausbildung dafür, also gab es kein Spezialistentum und damit auch keine Kriegerkaste, deren Unterhalt kostspielig gewesen wäre.

Auch die mittelalterlichen Ritter stehen für den erfolgreichen Versuch, Krieg und Gewalt einzuhegen. Sie sind vielleicht das beste Beispiel für die Selbstdisziplinierung gewalttätiger Männer – nämlich genau jener „überflüssigen“ Söhne, die im frühen Mittelalter weder das Erbe antreten noch zum Klerus gehen konnten, stattdessen auf Raubzüge gingen und zu einer Landplage wurden. Ritterturniere holten die jungen Männer von der Straße, das Reiterspiel galt nicht nur der Ausbildung gepanzerter Reiter, es bot auch den Erfolgreichen unter den Rittern eine legale Einnahmequelle. Man kämpfte dabei nach strengen Regeln und um die Gunst der Damen, Vorteilsnahme und Distanzwaffen galten als unritterlich, da sie, man staune, „tödlich“ seien. Denn der Sinn der Schlacht lag nicht im möglichst effizienten Töten des Gegners, sondern in der Herbeiführung einer Entscheidung, die den Charakter eines Rechtsverfahrens hatte.

Die offene Feldschlacht ersparte überdies der Bevölkerung die kriegerische Aktion, sie erfüllte das Diktum Friedrichs des Großen, wonach der Bürger nicht merken solle, wenn der König seine Bataillen schlägt.

Napoleon hielt sich nicht an die Regeln

Seinen Höhepunkt erlebte der eingehegte Krieg in den sogenannten Kabinettskriegen der Zeit nach dem verheerenden 30-jährigen Krieg. Man ersetzte im späten 17. Jahrhundert die undiszipinierten Söldnerscharen durch wohlausgebildete Soldaten stehender Heere und fragte sich, ob man dieses herrliche Spielzeug der Könige wirklich in etwas so blutigem wie einer Schlacht aufs Spiel setzen sollte. Da diese Heere sich zwecks Schonung der Bevölkerung nicht mehr vom Land ernährten, durch das sie zogen, sondern sich mit Proviant aus Depots entlang der Aufmarschrouten versorgen mussten, genügte es, den Gegner von seinen Nachschublinien abzuschneiden, und schon war die Sache entschieden, ohne dass das „Spielzeug der Könige“ Schaden nahm.

Napoleon machte diesem (von Clausewitz als unernst verachteten) „bloßen“ Spiel ein Ende – wie so oft in der Geschichte siegt auch hier derjenige, der sich an die Regeln nicht hält. Die Kosten trugen die von ihm „befreiten“ Völker – so wie es auch selbsternannte Befreiungskämpfer im „Volkskrieg“ halten. 

Ja, Männer und Frauen unterscheiden sich. Im Unterschied zu Frauen haben Männer Kulturen der Selbstdisziplinierung entwickelt und als Stellvertreter den Frauen manches erspart. Manch schriller Angriff auf den Mann, insbesondere den „alten weißen Mann“, erinnert heute eher an das unfreundliche Diktum Friedrich Schillers in seiner „Glocke“: „Da werden Weiber zu Hyänen und treiben mit Entsetzen Scherz“. 

Männer und Frauen sind nicht gleich, aber sie kooperieren im Guten wie im Schlechten. Das macht die Frauen weniger edel und die Männer weniger schurkisch. Mit dieser banalen Einsicht wären wir einen großen Schritt weiter. 

Der Text beruht auf einem Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung „Gewalt und Geschlecht“ im Militärhistorischen Museum in Dresden am 26. April 2018, zuerst in der NZZ vom 11. Juni 2018.

Foto: Tim Maxeiner

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Christoph Ernst / 20.06.2018

Schöner Beitrag. Klug und weitsichtig. Ich entsinne die Warnung eines Freundes vor einer drohenden Prügelei, zu der eine angetrunkene Frau einlud: “Lass dich von der Braut nicht zum Helden machen.” Die Kräfteverhältnisse waren ungünstig… Auch der Umgang mit Gewalt will gelernt sein, die variierenden Eskalationsstufen, der Grad der Härte - deshalb befördert gewaltsam gewaltfrei letztlich nur mehr Gewalt. Wenn kein Mensch mehr den Unterschied zwischen einer Ohrfeige und einem Tritt gegen die Schläfe kennt, wird es rasch garstig. Si vis pacem para bellum. Und ja, die Tugenden des mittelalterlichen Ritters gelten auch heute - die kann man guten Gewissens seinem Sohn oder seiner Tochter vermitteln - denn sie gelten genauso für erwachsene Frauen.

Mike Höpp / 20.06.2018

Herzlichen Dank für diesen Text! Dabei sollte das Thema auch im Alltag beleuchtet werden, nicht allein im Ausnahmezustand eines Krieges, beginnend schon in der Familie. So war es meine Mutter, die mich mit dem Rohrstock prügelte bis ich still war, nicht mein Vater. Ebenso wird viel geschrieben über “Gewalt in der Pflege” und aus eigenem Erleben kann ich versichern, dass Pflegepersonal von Bewohnern weitaus häufiger attackiert wird als umgekehrt.  Auch hier mindestens ebenso häufig von Frauen wie von Männern, sexuell übergriffig werden beide Geschlechter dem Personal gegenüber, anteilig beinahe gleich. Dabei etwas weiter differenzierend, werden Frauen seltener physisch gewalttätig, sie nutzen oft die Mittel seelischer Grausamkeiten, lassen z.B. ihrer Notdurft freien Lauf um den Pfleger zu ärgern- und sprechen diese Absicht, den Vorsatz, auch ganz offen aus. Keineswegs möchte ich hier nun Männer zu Opfern stilisieren! Wünschte aber innig, dass ohne allen #Aufschrei etc. das Thema nüchtern und sachlich betrachtet wird. Vielleicht endlich auch analysiert, statt mit “emotionalen Keulen” jede differenzierende Sicht niederzumachen. Denn letztlich ist die Frage von Gewalt keine rage des Geschlechts, sondern eher eine von Macht und Ohnmacht und dem Spiel mit den daraus entstehenden Rollen, wozu wiederum Geschlechterrollen gehören. Herzliche Grüße, Mike Höpp  

Marc Hofmann / 20.06.2018

Mit Merkel als Bundeskanzlerin haben wir doch in Deutschland das Paradebeispiel…wie ein “freundliches Gesicht” den Teufel in sich tragen kann.

Andreas Horn / 20.06.2018

Das wird Vielen nicht schmecken, Frau Stephan, aber vollkommen zutreffend ! Die von Ihnen angedeutete “Unkultiviertheit”  kann zur weiteren Radikalisierung führen ! Und Die,die die “Kultur” verlernt oder ausgeblendet haben, werden vom Sog mitgerissen werden.

HaJo Wolf / 20.06.2018

Kleine Korrektur: es waren nicht nur streitbare Bauern, die sich in der griechischen Antike gegenüberstanden, denn sehr wohl gab es schon damals stehende Heere, zum Beispiel in Sparta oder in Persien.

Walter Knoch / 20.06.2018

Danke, Frau Stephan! By the way, eine derzeit noch amtierender Minister der Verteidigung (so der amtliche Titel) sprach von den toten Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan. In Afghanistan fiel keine einzige Soldatin, es waren (und sind) Männer, die ihre Haut zu Markte trugen, für Ziele und Zwecke, die Männlein und Weiblein im Hohen Haus zu Berlin definieren. Männlein und Weiblein schicken durch Parlamentsbeschluss in den Krieg. Meine Wenigkeit, im hohen Maßen qua Geschlecht gewaltaffin, durfte 18 Monate im blauen Rock (Luftwaffe) für 3 DM täglich für den Krieg üben. Meine Altersgenossen und ich haben das gern tun müssen dürfen. Dafür wurde später durch Urteil des BVG unter Vorsitz einer Frau für zulässig erklärt: “Soldaten sind Mörder.” Die herrschenden Überzeugungen haken an vielen Ecken und Enden.

Brigitte Miller / 20.06.2018

Eine gute Exegese der Realität. Erst so betrachtet kann man von Gleichwertigkeit trotz Andersartigkeit sprechen und daraus folgend Gleichberechtigung proklamieren.

Herwig Mankovsky / 20.06.2018

Erst den siegreichen Truppen zujubeln, aber wendet sich das Kriegsglück sich als arme Zivilisten, als Opfer aus der Verantwortung stehlen.

Monika Rosenberg / 20.06.2018

Seit meiner Kindheit gilt für mich, dass Männer brutal sind, aber Frauen grausam. Während Jungs sich körperlich messen und dabei auch mal einen Zahn verlieren oder sich die Nase brechen, aber nur selten nachtragend sind, ist die weibliche Natur ganz anders geartet. Kaum jemand wird bestreiten, dass Mobben eher eine Eigenschaft von Mädchen und Frauen ist. Ich betreue Zwölfjährige, die tagtäglich Außenseiterinnen, per whatsapp oder direkter Kommunikation, den Tod wünschen und wenn das Opfer sogar von Suizid spricht, stachelt dies in den meisten Fällen noch den teuflischen Ehrgeiz dieser boshaften Schülerinnen an. Es ist fast unmöglich dem entgegenzuwirken. In den meisten Fällen hilft nur ein Schulwechsel um dieser gnadenlosen, weiblichen Gewalt zu entkommen.

Monique Basson / 20.06.2018

Es war den Hochkulturen schon vor 4.000 Jahren klar, dass es ohne Frauen keine Kriege geben würde. Neid und Besitzgier sind bei Frauen viel stärker ausgeprägt als bei Männern, was böse Worte über die Nachbarin und Shopping-Exzesse deutlich machen. Die meisten Kriege waren nicht religiös bedingt und wurden auch nicht wegen Frauenmangel geführt. Es ging um Ressourcen und Besitz und Frauen motivierten schon immer Männer zu diesen Beutezügen.

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