Ministerin Warken sitzt gedankenversunken an ihrem Schreibtisch, ermattet von den vielen Kritiken, die von allen Seiten auf sie niederprasseln. Heute stellte jemand den Nussknacker, der ihr zum Amtsantritt zum Knacken großer Probleme überreicht wurde, auf ihren Schreibtisch. Während Frau Warken sich wundert, wer den Nussknacker dorthin gestellt hat, fallen ihr erschöpft die Augen zu. Sie hört im Traum die knorrige Stimme des Nussknackers:
„Ich bewundere Sie, denn wer Gesundheitsministerin wird, weiß, dass er sehr leidensfähig sein muss. Die Wahrscheinlichkeit, zwischen den Fronten der verschiedenen Interessensgruppen zerrieben zu werden, beträgt 100 Prozent. Alle Gesundheitsminister vor ihnen sind daran gescheitert, das System so zu reformieren, dass nicht nach der Reform schon wieder vor der Reform ist. Stellen Sie sich vor, ich reiche Ihnen eine Pille, die den Mut gibt, sich mit allen anzulegen, die vehement ihre jeweils eigenen Interessen im Gesundheitsmarkt vertreten. Danach beeindruckt Sie nicht mehr die übliche Kritik der Lobbyisten, seien es Ärzte und ihre Organisationen, Krankenhäuser, Kostenträger oder Firmen, die nur eine noch größere Geldsumme für sich herauspressen wollen. Sie haben jetzt den Mut und die Einsicht, dass ein optimales Gesundheitssystem dasjenige ist, das allen Bürgern die beste Versorgung zukommen lässt, die wissenschaftlich erwiesenermaßen möglich und wirksam ist.
Ein Teil der Einsparungen kann genutzt werden, um die im Gesundheitssystem Tätigen so gut zu bezahlen, dass sie aus dem sich immer schneller drehenden Hamsterrad herauskommen. Dann gibt es keinen Grund mehr, in andere Länder auszuwandern oder den Beruf zu wechseln. Ihr großer Schritt: Sie haben erkannt, dass nicht die Finanzierung, sondern die für Patienten relevante Leistung das Ziel Ihrer Reform sein sollte. Sie vertrauen darauf, dass dies mit geringeren als den bisher eingesetzten Mitteln möglich ist, weil andere Länder mit besserer Versorgungsqualität bei geringeren Ausgaben uns vormachen, dass Einschränkung aufgrund von Evidenz besser und billiger ist.
Sie haben erkannt, dass die Medizin erst vom Brimbamborium, von den aufgetakelten Kleidern der Interessensgruppen entkleidet werden muss. Die dann erhaltene „Nackte Medizin“ ist eine Medizin mit nur einem einzigen Ziel: Menschen zu helfen. Dafür nutzt sie Kriterien, die zwischen bewiesenermaßen und nicht bewiesenermaßen wirkend unterscheiden helfen. Für die Unterscheidung zwischen wirksam oder sogar besser wirksam und nicht wirksam haben Sie sogar schon eine funktionierende Institution: Das „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“, abgekürzt IQWiG. Da Sie jetzt verstanden haben, dass Wirtschaftlichkeit automatisch eintritt, wenn man der Evidenz folgt, werden Sie das Institut in „Institut für Qualität und Wissenschaftlichkeit im Gesundheitswesen“, IQWG, umbenennen."
Frau Warken wacht kurz auf und schaut den Nussknacker an:
„Was soll das? Dieses Institut macht doch nur Ärger. Die Fachgesellschaften, Ärzte und Pharmafirmen laufen regelmäßig Sturm und im Gemeinsamen Bundesausschuss, dem G-BA, wird dann ein mühsamer Kompromiss gefunden, der es erlaubt, dass alle zufrieden sind.“
Oft kein Interesse an wissenschaftlicher Beweiskraft
Der Nussknacker klappt sein großes Gebiss laut klackend auf und zu:
„Stimmt. Das zeigt Ihnen, dass das System nicht funktioniert. Wenn die Interessen der Lobbyisten und Interessensgruppen, wie die Ärzte, Krankenkassen und Apotheker und nicht die wissenschaftliche Evidenz bestimmen, was in der Praxis umgesetzt wird, dann dürfen Sie sich nicht wundern, dass die Ausgaben stetig steigen und die Qualität, für die sich niemand wirklich interessiert, sinkt. Ich sehe Ihrem Gesicht an, dass Sie mir nicht glauben, dass Ärzte und ihre Verbände leider oft kein Interesse an wissenschaftlicher Beweiskraft haben. Doch das können Sie relativ einfach an den sogenannten „Individuellen Gesundheitsleistungen“, sogenannte IGeL, erkennen. Es gibt nur drei Möglichkeiten: Etwas wirkt, dann muss es erstattet werden. Etwas wirkt nicht, dann soll es nicht erstattet werden. Oder die Sachlage ist unklar, dann muss es erforscht werden.
Wie verroht und unehrlich die Argumentation im Gesundheitssystem und von den Berufsgruppen ist, kann ich Ihnen an einem Beispiel erläutern: Als 60 IGeL aus dem Fachgebiet der Orthopädie vom Medizinischen Dienst der Kassen untersucht wurden, wurde nur bei drei IGeL wenigstens eine fragliche Wirksamkeit entdeckt. Bei 31 fand sich kein Hinweis auf einen Nutzen, bei 26 war die Lage unklar. Das Deutsche Ärzteblatt berichtete, was der Bundesverband der Orthopäden und Unfallchirurgen darauf antwortete: Er warf dem Medizinischen Dienst vor, komplexe Studienlagen einseitig darzustellen, die Arbeit der wissenschaftlichen Fachgesellschaften zu ignorieren, verwies auf Leitlinien, wehrte sich gegen das Ärzte-Bashing und forderte, dass die Patienten sich auf die Empfehlungen der Ärzte verlassen sollen.
Leider forderte der Bundesverband nicht bessere Studien, um, wenn die bisherigen Studien nicht ausreichen, eine Wirksamkeit eindeutig nachzuweisen. Der Berufsverband zeigte seine Verachtung der evidenzbasierten Medizin dadurch, dass er festhielt, dass ein Schaden der IGeL ja auch nicht bewiesen wäre. Weiterhin abrechnen zu können, ist wichtiger als der Nachweis des Patientenwohls. Das ‚nihil nocere‘ von Hippokrates ist längst vergessen. Übrigens auch bei den Sportmedizinern, von denen einer forderte, Prävention ins Grundgesetz aufzunehmen, obwohl selbst in auf Beobachtungsstudien beruhenden Modellierungen der Effekt gering ist.
Das freie Spiel der Kräfte wird ausgehebelt
Sie sehen: In den Organisationen der Ärzteschaft gibt es keinen ernsthaften Rückhalt für die Nutzung von Evidenz, wenn es den eigenen Vorteil gefährden würde. Von denen dürfen Sie sich keinen Rückhalt erhoffen, wenn es um die Einführung der „Nackten Medizin“ geht. Auch von den Kassen nicht. Schauen Sie sich doch an, was der Konkurrenzkampf zwischen den viel zu vielen Kassen in Deutschland bewirkt: Einerseits regulieren sie die Ärzte, verlangen viel Bürokratie, die mit Patientenversorgung nichts zu tun hat und sind angeblich nur bereit, Tätigkeiten zu erstatten, für deren Wirksamkeit es Belege gibt. Doch einen Moment später erstatten sie homöopathische Therapien, Kurse zur Gewichtsreduktion (von denen man weiß, dass sie ebenso wenig eine klinisch relevante Langzeitwirkung haben wie die Ernährungsberatung) und vieles mehr, für die es keine belastbaren Studien gibt. Sie haben keine Chance, mit einem Runden Tisch eine sinnorientierte, von Fremdinteressen nackte Medizin zu organisieren, wenn alle Spieler im System unehrlich und wissenschaftsfern argumentieren, einer ideologisierten Medizin das Wort reden und nicht den Patienten im Blick haben.“
Frau Warken schaut erstaunt den Nussknacker an:
„Es entspricht doch gar nicht der Ideologie meiner Partei, nicht dem freien Wettbewerb der Kräfte die Entscheidung zu überlassen?“
Der Nussknacker antwortet mit einem Beispiel:
„Neulich erzählte mir ein Freund eine Fabel, die Ihnen zeigt, dass das freie Spiel der Kräfte ausgehebelt wird, wenn der Staat als Schenker das Prinzip der Leistung untergräbt: Eine Frau geht in ein Autohaus und möchte für den Stadteinkauf das kleinste Auto, dass 100er Modell kaufen. Doch der Verkäufer sagt, zu Ihnen passt viel besser der 200er, oder sogar der 300er, denn die können noch viel mehr als der 200er. Die Frau antwortet, dass dafür ihr Budget nicht ausreiche und der 100er reiche vollkommen aus. Der Verkäufer schüttelt den Kopf: Alle Autos kosten gleich viel, denn die Preisdifferenz zahlt entweder eine Kasse oder der Steuerzahler. Das wäre eine Frage der Gerechtigkeit. Daraufhin fragt die Frau, ob sie auch einen 600er kaufen könne. Frau Warken, verstehen Sie jetzt, warum das System aus dem Ruder laufen muss und alle Gesundheitsreformen Ihrer Vorgänger und die Ihrige das Problem nicht beseitigen?“
Frau Warken fleht:
„Was soll ich denn nur machen?“
Der Nussknacker lacht fröhlich:
„Sie müssen ein auf wissenschaftlicher Evidenz basierendes Patientenwohl-zentriertes-Medizin-Gesetz auflegen, ein Gesundheits-Evidenz-Gesetz, ein GEG, das auf einer „Nackten Medizin“ basiert. Eine echte, eine inhaltliche, den Sinn der Medizin für Menschen berücksichtigende Reform! Ihre einzige Chance liegt im Vertrauen auf eine objektiv ihre Grenzen einschätzende Wissenschaft, die sich ihrer Erkenntnislücken bewusst ist. Sie kann Ihnen sagen, was Patienten eher nutzt, eher schadet und wo Forschungsbedarf besteht. Damit können Sie die modernste und beste Medizin umsetzen und gleichzeitig mehr einsparen als mit Ihrem jetzigen Gesetz. Dafür müssen Sie akzeptieren, dass die Wissenschaft Ihnen keine endgültig richtigen Antworten bietet, aber Korridore, innerhalb denen die Politik die Verantwortung für Entscheidungen tragen kann. Das ist doch besser, als den Behauptungen der Interessensvertreter zu folgen, die mehr an den eigenen Nutzen, als den für Pateinten denken und viel anbieten, was man nicht braucht. Machen Sie sich frei vom oben geschilderten Denken des Autoverkäufers!
Evidenzlage unabhängig beurteilen!
Der Weg dafür ist schon geebnet: Um das Konzept der von Interessen der Berufsgruppen, Organisationen und Firmen befreiten „Nackten Medizin“ umzusetzen, müssen Sie das IQWiG ermächtigen, unabhängig von Fachgesellschaften und anderen Interessensgruppen, die Evidenzlage zu beurteilen. Seien Sie konsequent und benennen Sie das IQWiG um. Künftig sollte es heißen: Institut für Qualität wissenschaftsbasierter Medizin, also IQWM. Vergessen Sie die Firmen und deren Mitläufer, die versuchen, mit dem Slogan „Real World Evidenz“ und dem fadenscheinigen Argument, dass man nur durch schnelle Einführung von Medikamenten den Patienten die neuesten Therapien anbieten könne, die mühsamen, aber Sicherheit und Wirksamkeit beweisenden Therapiestudien zu ersetzen. Vergessen Sie die Kassenärztliche Vereinigung und den Gemeinsamen Bundesausschuss, die zu sehr das Wohl ihrer Klientel und das Funktionieren des jetzigen Systems im Auge haben und bisher einen Beitrag dazu leisteten, dass wir Geld im Gesundheitssystem verschwenden und die wissenschaftlichen Bewertungen des IQWiG umgehen. Wenn Sie dann noch vorschreiben, dass eine niedrige Evidenzlage gleichbedeutend mit keiner Evidenz ist, wird auch dem Trick das Wasser abgegraben, mit niedriger Evidenz in Leitlinien etwas zu schreiben, das dann als pseudo-evidenzbasiert in die Praxis umgesetzt wird.
Aber dann gibt es noch eine wichtige Hürde: Es kann nicht sein, dass klinische Studien hauptsächlich von Firmen finanziert werden. Sie brauchen das neue IQWiG auch, um feststellen zu lassen, wo Wissenslücken und Forschungsbedarf bestehen. Der Staat muss sich dann verpflichten, Forschung zu finanzieren, um diese Wissenslücken, am besten auf europäischer Ebene, zu schließen. Es ist fahrlässig, klinische Forschung überwiegend den Firmen zu überlassen, oder den Stiftungen der Firmen, die wie jetzt die Stiftung von Novo Nordisk die Wissenschaft zu dominieren drohen. Nur wenn die klinische Forschung stärker in den Mittelpunkt gerückt wird, erhalten Sie für eine echte Reform die notwendige Glaubwürdigkeit. Wenn sie diesen Weg einschlagen, werden Sie feststellen, dass es in der Ärzteschaft und unter den Wissenschaftlern viele gibt, die bereit wären, den Weg der nüchtern die Wirksamkeit prüfenden „Nackten Medizin“ mit Ihnen zu gehen.“
Frau Warken denkt:
„Du kleiner Kerl bist heute aber aggressiv. So schlimm kann es doch nicht sein.“
Der Nussknacker schüttelt seinen Kopf:
„An zwei Dingen können Sie erkennen, wie schlimm es um uns steht: Von Philipp Russ und Mitarbeitern wurde in Scientific Reports 2026 eine Studie publiziert, in der Studenten bis Chefärzten und Experten medizinische Fragen gestellt wurden. Deren Antworten wurden mit denen von Large Language Modellen, also einer KI, verglichen. Während die KI in 90 Prozent die richtige Antwort gab, erreichten die Studenten 46 Prozent, Chefärzte 50 Prozent und Experten nur 52 Prozent. Also: Das Wissen unserer Mediziner ist viel zu gering. Sie kommen nicht umhin, das Studium zu akademisieren.“
Frau Warken:
„Und was hältst Du von meiner Idee, mittels KI und anderer, neuer Berufsgruppen Ärzte zu entlasten?“
Der Nussknacker holt sehr tief Luft:
„Von alleine werden Ärzte nie Teile ihrer Tätigkeiten an andere Berufsgruppen oder gar eine KI abgeben, selbst wenn sie dann mehr Zeit für jeden Patienten hätten. Wie verroht die Argumentation um Ihre Reform ist, erkennen Sie an dem, was die Kritiker gegen Ihre Reform vorbringen: Jeder der Berufsgruppen und Interessensvertreter, wie Ärzte und Krankenhäuser, argumentiert, wie nicht anders zu erwarten: Es gäbe nach einer Reform noch weniger Sprechstundentermine, das Krankenhaussterben würde beschleunigt und so weiter. Als ob es Beweise gäbe, dass das, was jetzt stattfindet, das Optimum wäre und man durch Einsparungen nicht auch die Qualität verbessern könne.
Stimmungsmache erhält Vorrang vor dem gesundheitlichen Wohl
„Alles, was nicht mehr bezahlt wird, kann auch nicht mehr gemacht werden“, sagte Dr. Tappe vom Berufsverband niedergelassener Gastroenterologen. „Das betrifft auch gerade und in erster Linie das über die Servicestellen vermittelte zusätzliche Terminangebot.“
Eine Drohung, wie die der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dass Millionen von Terminen wegfallen, oder die der Deutschen Krankenhausgesellschaft, die die Kürzungspläne maßlos nannte. Nur leere Drohungen, statt einer Reflektion über Möglichkeiten, nur noch das anzubieten, was wirklich Patienten nutzt. Da andere Länder mit geringerem Aufwand pro Bürger ein besseres Outcome für die Patienten erzielen, ist diese Argumentation verlogen. Das erkennen Sie auch an einer Stellungnahme der stellvertretenden Vorsitzenden der Krankenhausgesellschaft DKG, Frau Neumeyer. Sie forderte die Einführung einer Zuckersteuer, um mehr Geld für die Kliniken zu erhalten. Der Konsument soll zahlen, obwohl es keinen belastbaren Beweis für die gesundheitsfördernde Wirkung einer Zuckersteuer gibt.
Sie sollten wissen, dass die Berechnungen über den finanziellen und gesundheitlichen Nutzen einer Zuckersteuer nur auf Daten aus Modellierungen beruhen, die aus Beobachtungsstudien stammen. Die höherwertigen Interventionsstudien zeigen, dass der Entzug von übersüßten Getränken keinen relevanten Einfluss auf das Gewicht hat. Außerdem kann man durch eine Lebensstilintervention das Auftreten einer Typ 2 Diabetes zu 50 Prozent reduzieren, leider hat dies jedoch keinen Effekt auf die diabetischen Folgeschäden, die die größten Kosten verursachen. Der Gesundheit wird eine Zuckersteuer nichts nutzen. Das zeigt auch ein genauerer Blick auf die Studie aus England, denn wenn Sie den Verlauf der Adipositas dort mit Deutschland bei den 11- bis 13-jährigen Mädchen vergleichen, schnitt Deutschland ohne Zuckersteuer besser ab.
Eine Ausnahme ist da die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Natascha Hövener vertritt den Standpunkt: Nutzen zählt – Evidenz vor Eigeninteresse. Das sollte auch für das Thema Prävention gelten.
Endgültig erkennen Sie, dass Ihr Ansatz einer auf das Finanzielle, statt auf das Wirksame orientierten Gesundheitsreform ins Leere laufen muss, wenn Sie sich die Kritiken der Parteien ansehen: Alle benutzen mit kleinen Variationen das Argument der Benachteiligung der jeweiligen Wählergruppe. Der Sprecher der AfD, Martin Sichert, spricht sogar von einem Kahlschlag und suggeriert, dass diese Reform Arbeitende noch kränker machen würde. Das ist Populismus pur. Keine Partei wagt es zu hinterfragen, ob denn die Art, wie Medizin heutzutage in Deutschland gelebt wird, gemessen an anderen Ländern das Optimum dessen ist, was für die Gesundheit der Bürger erreichbar wäre. Es ist interessant zu beobachten, dass die Stimmungsmache Vorrang vor dem gesundheitlichen Wohl erhält.“
Frau Warken blickt auf den Nussknacker:
„Kleiner Mann, meinst du wirklich, dass ich mich mit allen anlegen soll? Soll ich die Richtigkeit und Wirksamkeit im Sinne des Patienten, statt der Mehrheitsfähigkeit in den Mittelpunkt stellen? Als Politikerin suche ich nach Mehrheiten. Nur Wissenschaftler haben den Auftrag, durch Forschung sich ausschließlich der nie vollständig erkennbaren Wahrheit zu nähern.“
Wir müssen nicht sparen, sondern nur das Richtige tun
Der Nussknacker wackelt bedenklich auf seinem grünen Sockel:
„Die bürgerlich-liberalen Parteien haben nur dann eine Chance gegen die rechten und linken Populisten, wenn sie den Mut haben, die Sache in den Mittelpunkt zu stellen. Mehrheit und Lufthoheit sind keine Werkzeuge, um zu erkennen, was inhaltlich die richtige politische Entscheidung ist. In einem modernen Staat ist einem jeden Bürger das Optimale anbietendes Gesundheitssystem die Voraussetzung dafür, dass die Bürger darauf vertrauen, mit harter Arbeit das umzusetzen, was in ihnen steckt. Die Enttäuschten und Verzweifelten hingegen folgen den falschen Versprechungen von Populisten. Wenn die Angst groß genug ist, folgen sie sogar den Heilverkündungen autoritärer Führer. Das Thema Gesundheitsreform ist ein Spielfeld, auf dem entschieden wird, ob eine offene, plurale, von Bürgern getragene freie Gesellschaft Bestand hat, die jedem die Möglichkeit gibt, sich zu entfalten. Als Zivilisation, die in der abrahamitischen Tradition steht, sind wir dazu verpflichtet.
Um zu erkennen, welche Möglichkeiten wir mit unseren qualifizierten Mitarbeitern und dem vorhandenen Geld haben, schauen Sie sich einige wenige Kennzahlen (auch wenn sie, je nachdem wer sie erhebt, sehr variieren können) im Vergleich mit Ländern an, die ein sehr gutes Gesundheitssystem haben. Dann erkennen Sie: Wir müssen nicht sparen, sondern nur das Richtige tun. Wir haben mehr als genug Geld im Gesundheitssystem! Da in verschiedenen Qualitätsindikatoren die Schweiz und die Niederlande vor Deutschland stehen, kommt man immer zum gleichen Ergebnis. Wenn wir so effizient werden wie in den Niederlanden und die Qualität unserer Versorgung so steigern, wie es möglich ist, können wir gemessen am BIP circa 80 Milliarden Euro pro Jahr sparen. Allein die Angleichung der Intensivbetten bringt fast 10 Milliarden Euro pro Jahr. Anders formuliert: Die Versorgung wird erst so gut wie in den führenden Nationen, wenn wir uns statt auf das Sparen und die administrative Kontrolle auf das besinnen, was Menschen nutzt. Das gibt den Mitarbeitern im Gesundheitssystem den Sinn zurück, erlaubt bessere Bezahlung für qualifizierte Leistungen.
Wir haben genug Ärzte pro Bürger, aber zu viele Arztbesuche, so dass wegen der immer kürzeren Transitzeit die Qualität der Sprechstunde leidet. Ändern Sie die Anforderungen und Vergütungsregeln und holen Sie die im Gesundheitssystem Tätigen aus dem Hamsterrad des immer schneller Arbeitenmüssens heraus! Zu viele nicht evidenzbasierte Arztbesuche wegen Vorsorgeuntersuchungen, zu viele und zu lange Krankenhausaufenthalte und zu viele teure und nicht immer mit ausreichender Qualität (die nicht nur an der Anzahl der Fachärzte festgemacht werden kann, sondern auch am Wissen) betriebene Intensivbetten kosten viel und nutzen weniger, als sie schaden.
Nirgendwo in Europa sterben so viele alte Menschen beatmet auf Intensivstationen wie in Deutschland. Sie sehen, das viele Geld, das wir in das Gesundheitssystem schütten, kann auch schaden. Daher wird ein Spargesetz bestenfalls ein kurzes Strohfeuer zünden. Aber mit einem Gesundheits-Evidenz-Gesetz, das die Evidenz in den Mittelpunkt stellt und den Menschen die Sicherheit gibt, dass der Staat durch Forschung (statt durch Konsens der Betroffenen) die bis jetzt klinischen Fragen klärt, wird Bestand haben.
Und lassen Sie sich nicht ins Boxhorn jagen: Die Qualität der in der Tabelle gezeigten Zahlen ist zwar schlechter, als man denkt, daher kursieren je nachdem, wer sie erstellt, ganz unterschiedliche Zahlen. Aber das ist nicht wichtig, denn die Tendenz ist so überwältigend, dass selbst wenn nur 50 Prozent des Unterschiedes zwischen Deutschland und den führenden Nationen in Europa bestünden, es immer noch mehr ist, als Sie sich an Einsparvolumen pro Jahr erträumen. Alles ändert sich, wenn Sie statt aufs Geld auf die Nachweisbarkeit der Qualität und des Nutzens einer medizinischen Maßnahme aus Patientensicht schauen.“
Frau Warken wacht endgültig aus dem Traum auf. Der Nussknacker schweigt. Er bewegt sein großes Gebiss nicht mehr. Frau Warken bittet ihre Büroleiterin ins Zimmer. Sie möge ihr doch sofort ein Exemplar des Buches „Nackte Medizin“ besorgen, sie wolle es noch heute lesen. Dann ruft sie ihre Mitarbeiterin Katja Kohfeld an und bittet sie, mit dem Mitarbeiter des Bundeskanzlers, Herrn Doktor Philipp Birkenmaier, Kontakt aufzunehmen. Es ginge um einen Termin mit dem Kanzler. Auf die Frage von Frau Kohfeld nach dem Inhalt des Gespräches antwortet Frau Warken: „Die erste am Patientenwohl orientierte Gesundheitsreform, ein GEG – oder sagen Sie einfach: Nackte Medizin!“
Prof. em. Dr. Dr. h.c. Peter Nawroth, geb. 1954, war Ärztlicher Direktor der Inneren Medizin I und Klinischen Chemie an der Universität Heidelberg. Er war Stellvertretender Leitender Ärztlicher Direktor und kommissarischer Leitender Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender, Präsident nationaler und internationaler Kongresse, Mitglied etlicher Fachgesellschaften und ist Mitglied der Leopoldina. Durch diese Tätigkeiten hat er einen ungewöhnlich tiefen Einblick in die Medizin und Überblick über die Medizin. Sein Anliegen ist die Offenlegung der Ideologisierung und des Missbrauchs der Medizin zum Nutzen von allen, nur nicht den Patienten.
Im Achgut-Buchshop erhältlich:
„Nackte Medizin – Bloßstellung einer ideologisierten Wissenschaft“ von Peter Nawroth, Achgut Edition 2025, hier bestellbar.

Beitragsbild: Jacek Durskipl.wiki: Durskicommons: Durskie-mail: jacek (at) durscy.plwww: jacek.durscy.pl - Own work, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Frau Warken, die angeblich auf Evidenz soviel Wert legt, versucht gerade am Bundestag vorbei ohne jeglichen Beweis für Evidenz den Kassen verpflichtend die Übernahme der Operationen für alle aufzuhalsen, die sich als trans identifizieren, ggfs. auch für diejenigen, die sich als „non-binär“ verstehen. Das Bundessozialgericht hatte 2023 gefordert, dass der Bundestag dafür erst die gesetzliche Grundlage schaffen müsse, *auf der Grundlage wissenschaftlicher Evidenz*. Nun ist es zweifellos so, dass es schwer bis gar nicht nachzuweisen ist, dass Operationen bei Transpersonen deren psychische Befindlichkeit verbessern, vgl. die neue große finnische Studie zum Thema (Birgit Kelle hatte dazu vor zwei Tagen hier dazu geschrieben), eher ist das Gegenteil der Fall. Nach einer kurzen Phase der Euphorie nach der OP verschlechtert sich dann u.U. der psychische Zustand und ist bei vielen oft schlechter als vor der OP. Besonders zweifelhaft scheint mir auch die Übernahme der Kosten für „Non-Binäre“, die sich alle äußeren Geschlechtsmerkmale wegoperieren lassen wollen. Angeblich leidet ja niemand mehr unter einer psychischen Störung, der trans ist, wieso sollen dann die Krankenkassen überhaupt dafür aufkommen? Ein Teil der transidenten Männer lässt sich zudem nur Silikon einsetzen, weil sie einen Fetisch haben, keine Dysphorie (Unwohlsein mit dem eigenen Körper), da ist es aus meiner Sicht überhaupt nicht mehr vertretbar, dass wir alle dafür aufkommen sollen. Dies alles auch vor dem Hintergrund, dass an allen Ecken und Enden Kassenleistungen gespart werden sollen, hier aber weitet man sie aus, wenn es nicht noch mehr öffentlichen Widerstand dagegen gibt. Wieso?
Das ist es. Der Fokus gehört auf den Patienten, seine Krankheit und wie man sie schnell und effizient heilt und nicht darauf, wieviel irgendwer mit der Behandlung des Patienten maximal verdienen kann. Denn letzteres ist nicht im Interesse der Gesundung des Patienten, sondern nur im Interesse des Behandlers und der Dicke seines Portemonnaies. Genau diese fatale Wechselwirkung kann die Gesundung des Patienten sogar aktiv verhindern, denn ein dauerkranker Patient spült natürlich permanent Geld in die Kasse, ein gesundeter nicht. Jetzt muss man sich fragen ob ein derartiges System, gleich welcher Forderungen von Interessen/Lobbygruppen auch immer, nicht nur gegen den hippokratischen Eid, sondern vielleicht sogar gegen das Strafrecht und das Grundgesetz verstößt. Und nach meiner Beobachtung ist das klar der Fall. Das Wohl und der Wille des Patienten haben im Vordergrund zu stehen, nicht das Wohl und der Wille des Behandlers. Alles andere ist klar verfassungswidrig.
Die Gesundheitsminister der letzen Jahe waren entweder Bürokraten oder stramme Parteisoldaten und das, ohne irgendwie von medizinischem Wissen belastet zu sein. Wenn dann auch noch Bürokrat und Partei zusammenkommen, ist der Ofen endgültig aus. Oder warum beschäftigt sich niemand aus der Polit-Crew mit der überbordenden Anzahl der Krankenkassen? Brauchen wir wirklich 96 gesetzliche Krankenkassen mit jeweils riesigen Verwaltungsapparaten? Im Übrigen habe ich noch nie – solange sie bestehen – eine „IGeL“ in Anspruch genommen bzw. mich vehement gewehrt, wenn wir diese Leistung aufgedrängt wurde. Trotzdem lebe ich immer noch!
Ich nehme an, dass der Autor, erkennbar politisch auf der richtigen Seite stehend, das durchaus wichtige Thema der SV, hier KV und ihrer Grundsätze und Prinzipien , ihrer Logik bewusst weglies, weil extrem vermint. Die Logik einer Versicherung , die auf Beiträge zur konkreten Abspruchsbegründung beruht. Im Unterschied zu Steuern z.B. . Wenn nur ein kleiner werdender Teil für immer mehr zahlt, wird es bereits mathematisch schwierig. Wenn ein Regime nur noch Menschen kennt, über 8 Mrd , und keine ( deutschen) Bürger, ist das Ende nahe. Nicht nur der SV übrigens. Was das dysfunktionale System und die richtigen alternativlosen Ansätze betrifft, trifft der Autor ins Schwarze. Ein derartiges System ist untauglich und kontraproduktiv. Es schafft unter anderem völlig falsche Anreize. Eine Reform darf nicht vom Geld ausgehen, sondern vom Sinn und Zweck, welche zur Leitlinie aller ! Massnahmen werden muss. Hier wird schlicht verschwendet, weil die Politik nicht konsequent dem Interesse des Bürgers folgt, sondern denen, die sich bedienen und dieses zum alleinigen Ziel machen, auch weil der Topf zwangsbefüllt wird. Die logische Folge ist klar: Das System wird teurer und im eigentlich entscheidenden Ergebnis schlechter, weil ineffizient und uneffektiv. Keine Spezialität der KV übrigens. Hier aber dramatisch. Jeder Orga- System – und Strukturkundige sieht die Probleme und könnte sie lösen. Nur wird er es wegen des erbitterten, erpresserischen Widerstandes der Frösche im Sumpf nicht schaffen. Da sind „interessante “ Massnahmen zur Umsetzung notwendig.
@Ludwig Reiners: Der Elefant im Raum ist nicht Benjamin Blümchen mit Migrationshintergrund.
Benjamin Blümchen war jahrelang Beitragszahler, nachdem er aus fernen Landen immigriert war und sich assimiliet hatte.
Er hatte sogar seine Stoßzähne abgegeben, und zwar freiwillig.
Soweit ich sehe, ist das System – so wie es sich heute darstellt – ganz ohne Zutun von „Populisten“ entstanden. Auch an den Reformen, die Sie hier kritisieren, sind allenfalls konservative (aber nicht wirklich bürgerliche) und linke Faktenverweigerer (in Gestalt der SPD) beteiligt. Die Anbiederung bei den Brandmauerparteien entwertet Ihre Argumentation: Offensichtlich schlage Sie auf die Falschen ein. Ist Ihre Argumentation dann im Übrigen redlich? Ich denke, dass Sie in der Sache – solange Sie sich nicht in die Parteipolitik verirren – durchaus beachtliche Einwände und Anregungen vortragen. In der Tat bemisst sich die Qualität der medizinischen Versorgung eben nicht an der Geldmenge im System. Aber auch ein strenger als bisher an der evidenzbasierten Medizin ausgerichtetes System, braucht in einer Demokratie Zustimmung und muss überzeugen – schon deshalb ist Ihr politischer Kreuzzug gelinde gesagt nicht hilfreich, sondern ohne Not und Anlass spalterisch. Bleiben wir sachlich, denn (nur) so gewinnt man Zustimmung und gerade in der Krise haben wir dann die Chance auf einen Neuanfang.
Sehr geehrter Herr Magiera,
ich kann Ihren Frust über die lange Wartezeit verstehen. Wer täte es nicht.
Ich begrüße Sie auch in der großen Gruppe derjenigen, die nun endlich den gemeinen Rentner als Wurzel allen Übels ausgemacht haben und wissen, wem sie alles Schlechte in der Welt verdanken. Und wer die Wohnungen blockiert. Und wer freitags wagt, einzukaufen …und … und …
Ungeachtet dessen, dass auch Rentner Krankenkassenbeiträge zahlen und zahlten (und dies nicht zu knapp) – was machen wir denn nun mit denen?