Ich bin wirklich erschrocken, entsetzt und auch erschüttert über das Ausmaß der Gewalt gegen friedliche Demonstranten. Sie sind zusammengeknüppelt worden mit Tränengas, Pfefferspray, mit Wasserwerfern. Sie werden wie Feinde behandelt. Und man muss sich nicht wundern, dass der Protest sich auf eine solche Art und Weise ausgeweitet hat. Es ging in der Tat zuallererst um das Verhindern, dass die wenigen oder eine der letzten grünen Oasen in der Metropole Istanbul zerstört wird im Yildiz-Park. 600 Bäume sollen dort gefällt werden, es soll ein Einkaufszentrum errichtet werden und dagegen haben sich Grüne, Umweltbewegungen, auch die Architektenkammer gewandt. Und haben dagegen protestiert, gegen eine ökologische Zerstörung, gegen eine Ignoranz, was Umweltschutz angeht, aber auch gegen die Zerstörung von historischem Erbe. Dafür steht ja auch die Regierung Erdogan: Sie wollen eine dritte Bosporus-Brücke bauen mit erheblichen ökologischen Auswirkungen, sie bauen eine Brücke, die die Sicht auf die historische Altstadt versperrt. Es reiht sich ein in die Gewalt gegen Umweltschützer und die Kriminalisierung von Umweltschützern, die ja auch beispielsweise protestieren gegen die Pläne, neue Atomkraftwerke in der Türkei zu errichten.
Aber eigentlich ist der Westen schuld:
Das Problem war ja, dass Frau Merkel, dass Herr Sarkozy, dass man die Türkei tatsächlich nicht gleichberechtigt mit anderen Beitrittskandidaten behandelt hat. Dass man deutlich gemacht hat immer wieder mit der sogenannten privilegierten Partnerschaft, dass die Türkei eigentlich gar nicht nach Europa gehört. Wir haben immer argumentiert, wir wollen einen offenen Weg der Türkei in die Europäische Union und diesen Weg verknüpfen mit dem Eintreten für Demokratie, für Rechtsstaatlichkeit, für Menschenrechte. Viele in der Türkei, nicht zuletzt Erdogan, haben wahrscheinlich den Eindruck, dass Europa es gar nicht so ernst meint, dass Europa die Türkei nicht will. Also muss man sich auch um solche demokratischen Prinzipien und Kriterien gar nicht mehr kümmern. Ich glaube, Europa hat einen Riesenfehler gemacht, diesen Weg, der ein Weg von mehr Demokratie, mehr Rechtsstaat in der Türkei ist, glaubwürdig zu begleiten. http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/2129309/