Wer am Folgetag einer Talkshow die Rezensionen liest, fragt sich so manches Mal, ob der Autor möglicherweise eine andere Sendung gesehen hat. So auch diesmal nach „Maybrit Illner“. Bei ihr ging es am Donnerstagabend erwartbar um Chemnitz. Nicht minder erwartbar lief die Empörungsmaschine auf Hochtouren, die „Hetzjagden“ wurden einhellig verurteilt und allgemein der Untergang des Abendlandes beschworen.
Justizministerin Katarina Barley, irgendein unvermeidbarer „Rechtsextremismus-Experte“, ein stammelnder CDU-Mann und eine Rassismus-Zeugin reihten Phrase an Phrase und Stanze an Stanze. Eher nachdenklich präsentierte sich Matthias Manthei, ehemaliger AfD-Landesvorsitzender, jetzt im Landtag Mitglied der Fraktion „Bürger für Mecklenburg-Vorpommern“.
Einzig die Ex-Grüne Antje Hermenau stemmte sich deutlich gegen den Strom des Generalverdachts, der sich über die angeblich so besorgten, abgehängten, rechtsextremen Ossis ergoss. Ruhig, aber bestimmt ging sie gegen pauschale Sachsen-Diffamierung an, wies auf tatsächliche Probleme der Massenzuwanderung hin, die jahrelang als „gefühlt“ abqualifiziert wurden („Der Bürger erlebt, dass seine Kritik nicht gehört wird“), und stellte klar, wo hier eine Mitverantwortung liegt: „Der besorgte Bürger wurde verspottet.“ Kurz: Antje Hermenau war die Entdeckung des Abends.
Barleys „besonderer Moment“
Nicht so beim „Stern“. Unter der Überschrift „Illners Sendung hätte diesmal besser ,Katarina Barley‘ geheißen“ überschlägt sich der Rezensent mit Liebeserklärungen an die SPD-Frau: „Die Ministerin zeigte, wie emotional Politik sein kann, wenn es ums Ganze geht.“ Mehr noch: „Mit ihren engagierten Analysen avancierte die Bundesjustizministerin zum Star des Abends.“
Anschließend widmet „Stern“-Autor Dieter Hoss der Hochgejubelten einen Abschnitt unter der Zwischenüberschrift „Der besondere Moment“:
Dass ihr die Debatte um Chemnitz und Neonazi-Aufmärsche nahe geht, war der Ministerin in der gesamten Sendung anzumerken. Plötzlich aber wurde Katarina Barley emotional: „Was mich auf die Bäume und wieder runter treibt ist, dass es den Rechten gelungen ist, aus den zwei Worten ,gut‘ und ,Mensch‘ ein Schimpfwort zu machen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. (…) Das ist wirklich eine Strategie, das muss man sich klar machen, die wollen, dass wir uns fühlen wie in einer Gesellschaft von Schafen und Wölfen, das sagen die auch.
Und wer ein guter Mensch ist, der ist doof, das Schaf, wird gefressen. Das ist deren Ziel, so eine Gesellschaft wollen die haben; das hatten wir schon mal. Und dann muss man sich klar machen, dass das ganz geplante Schritte sind. Und wir sind jetzt wieder an einem Tiefpunkt angekommen, wo sich jeder Mensch in unserer Gesellschaft entscheiden muss: will ich das oder will ich das nicht. Und wenn ich das nicht will, dann muss ich jetzt aufstehen.“ Das Publikum applaudiert.
Upps, es waren die Linken!
„WeLT“ erhob Barleys emotionalen Rant gegen Rechts heute sogar zur Überschrift: „Rechten ist es gelungen, ,Gutmensch‘ in etwas Schlechtes zu verwandeln.“
Leider kam weder einer der Talk-Teilnehmer noch der Rezensenten auf die Idee, aus Barleys Analyse von „wirklich eine Strategie“ mit einem Stich die Luft herauszulassen. Dies sei hiermit nachgeholt, auf dass die Bundesjustizministerin nicht ewig ein „doofes Schaf“ bleibe:
Nein, liebe Frau Barley, den „Gutmenschen“, einer der Kandidaten für das "Unwort des Jahres“ 2011, haben „die Rechten“ weder erfunden noch zum Schimpfwort erhoben. Es waren scharfzüngige, ausgewiesene Linke, die sich mit diesem Begriff über die gutmeinende Einfalt in den eigenen Reihen lustig machten.
Bereits vor einem knappen Vierteljahrhundert erschien nämlich „Das Wörterbuch des Gutmenschen. Zur Kritik der moralisch korrekten Schaumsprache“ von Klaus Bittermann, Gerhard Henschel und Wiglaf Droste. Das Buch der Satiriker aus dem „Titanic“-Umfeld wandte sich gegen „Betroffenheitsjargon und Gesinnungskitsch“.
Klingt, wie für Katarina Barley gemacht. Bitte hier entlang, Frau Ministerin.
Beitragsbild: Superbass CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Prima! So muss Journalismus sein !!!
"SAchsen" wären rülpsende Pimmel mit Ohren und Sonnenbrille, sagt der gute Mensch Jakob Augstein. Ob solche Schmähungen indes gut für die gute (->linke ) Sache sind, ist höchst zweifelhaft. Zudem identifiziere ich persönlich Gutmenschen schlicht und einfach als banale Gesinnungsethiker. Punkt!
Meine Güte, was ist die Frau do...ch für ein guter Mensch. Und sie hat recht: wer diesen ganzen grünsozialistischen Wahnsinn nicht mehr will, sollte jetzt aufstehen.
Frau Barley bestätigt hier, natürlich ungewollt, die angeblich so böswillige Gutmenschen-Definition: Verdrehung und Verleugnung von Fakten zugunsten von Scheinmoral, Niedermachen von Andersdenkenden aufgrund von Fake-News und selektiver Wahrnehmung, Verweigerung jeglicher Realitäten, wenn sie nicht dem eigenen Bild entsprechen. Und wieder das Furchtbare: Sie wird dafür von den Mainstream-Medien in den Himmel gelobt, die Journalisten halten es mal wieder nicht für nötig, einen moralintriefenden Erguß aus der linksgrünen Ecke kritisch zu hinterfragen. Aber das wird der ARD-Faktenchecker schon erledigen /Ironie off
Namen sind Schall und Rauch, zeitgeistig und somit ephemer. Im Englischen gibt es den schönen Begriff von der „euphemism treadmill“. Konstant bleibt das Bedürfnis, prägnante Wörter für die Dinge zu finden, was bei emotional aufgeladenen Sachen zu einer Karussellfahrt immer neuer Wörter führt. Gassenhauer, Schlager, Hit; Mohr, Neger, Farbiger; Idiot, Kretin, Schwachsinniger und so weiter. – Vorgestern sagte man Pharisäer, gestern Heuchler, heute Gutmensch. Der getroffene Hund bellt und verwahrt sich gegen das Wort. Aber er spürt sehr genau die Ablehnung in der Sache, auch wenn er zu sehr „intellectually challenged“ ist um den springenden Punkt zu begreifen.
Ja, die Protagonisten der Rest-Sozialdemokratie überbieten sich in um sich selbst kreisender Betroffenheit und moralinsaurer Empörung. Allein Ihre Handlungsanweisungen sind für die Wirklichkeit unbrauchbar, haben Sie sich doch dieser qua Parteikarriere oder sonstiger Tätigkeit im õffentlich-rechtlichen Bereich kommod entzogen. Zumindest sind Sie dieser nie voll ausgeliefert. Das Berufen auf den Geist Ihrer Urväter, entbehrt nicht einer gewissen Komik, ist aber nichts anderes als der geistige Offenbarungseid. Sie haben keinen Biss und keinen Schneid - aber immerhin Ihr Auskommen!
Einen bestimmten Menschentypus ironisch als "Gutmensch" zu bezeichnen ist doch besser als Depp, Idiot, Denkverweigerer, Opportunist, Heuchler zu sagen. Die Charakterisierung "der gehört zu den Leuten, die wahrscheinlich studiert haben, aber den Unterschied zwischen Gemüts- bzw. Gesinnungsethik und Verantwortungsethik nicht kennen" ist zu umständlich. Also sagen wir: das ist auch so ein Gutmensch! Aber generell wird es in Zeiten, in denen es keine Rassen, Nationalitäten, Geschlechter, ja überhaupt keine Zuschreibungen mehr geben soll, mit sinnvollen Gesprächen schwer. Wie sollen wir Menschen denn beschreiben? Ein sinnvolles Gespräch beinhaltet immer auch Charakterisierungen. Das krampfhafte Bemühen, jegliche wertende Aussage über jemanden zu vermeiden, führt zu sinnlosem blabla. Aber auch der Versuch, Wertungen ganz bewusst zu vermeiden und nur Fakten sprechen zu lassen, kann einen Menschen erbärmlich aussehen lassen.