Burkhard Müller-Ullrich / 24.11.2017 / 14:30 / Foto: Pixabay / 3 / Seite ausdrucken

Frankreich ohne Pünktchen

In jeder Sprache tobt der Geschlechterkampf ein bißchen anders. Während wir uns im Deutschen mit Sternchen und Binnen-I abquälen, um es den Genossinnen, den Landsmänninnen und vielleicht auch weiblichen Gästen in Form von Gästinnen sowie den Trans- und Intersexuellen, den geschlechtlich Unentschiedenen, den Ambivalenten und den Geschlechtslosen recht zu machen, haben die Franzosen, Französinnen und die immer zahlreicher und kämpferischer auftretenden Franzo/ö*sIn_en in ihrer Sprache eine drollige Pünktchenschwemme eingeführt. Die allgemeine Anrede „liebe Freunde“ wird so zu: „Cher.e.s ami.e.s“. Man findet dergleichen in den sogenannten progressiven Milieus, das heißt in linken Gewerkschaftskreisen, an Universitäten und bei der Sozialistischen Partei.

Man findet die sogenannte Inklusivschreibung jedoch nicht unter Blinden. Deren Dachverband beschwert sich energisch über die Pünktchenschwemme, die in der bekanntlich aus Pünktchen bestehenden Blindenschrift nach Braille zu völliger Unverständlichkeit führt.

Überhaupt sind ja die neuen, von feministischen Akademiker*Iinnen_x ersonnenen Codes für alle, die schon mit dem Erlernen der bisherigen Normalsprache Mühe haben und deren Anzahl erschreckend zunimmt, eine zusätzliche Hürde. Es steht also Inklusion gegen Inklusion. Die feministische Inklusivschreibung macht nicht nur allen das Leben schwer, sondern den Schwächsten ganz besonders.

Sprache diente mal dazu die Kommunikation zu erleichtern

Dabei läuft die Sprachentwicklung eigentlich immer auf Vereinfachung hinaus, denn Sprache dient naturgemäß dazu, die Kommunikation zu erleichtern und nicht zu erschweren. Abkürzungen setzen sich durch; lautliche Mehrdeutigkeiten werden problemlos akzeptiert, wenn nur inhaltlich keine Verwechslungsgefahr besteht. So ist das generische Maskulinum entstanden – als Ergebnis eines linguistischen Vereinfachungsdruckes und nicht als frauenfeindliche Geschlechterpropaganda.

Im Französischen, das überhaupt kein Neutrum kennt, tritt die Thematik am deutlichsten zutage. Denn hier zwingt jedes Hauptwort zu einer Reflexion über seine Männlich- oder Weiblichkeit, ohne daß dies etwas mit biologischen Männern oder Frauen zu tun hätte. Die feministischen Sprachkämpfer behaupten das nur, um ihr Geschlechter-Esperanto zu rechtfertigen. Doch anders als im Deutschen gibt es im Französischen eine zentrale Autorität, über die man sich bloß bei uns gerne lustig macht: die Académie Française.

Sie prangert die Sexualisierung des grammatischen Geschlechts, die künstliche Feminisierung und die Verhunzung von Texten durch Pünktchen als eine „tödliche Gefahr“ an. Und diese Auffassung war jetzt für einen Regierungserlaß maßgebend. Der französische Premierminister hat nämlich alle offiziellen Stellen angewiesen, in amtlichen Texten auf die absurde Inklusivschreibung zu verzichten. Weibliche Amtsbezeichnungen wie „la ministre“ oder „la procureure de la République“ – gerne, auch bisher befremdlich klingende weibliche Berufsangaben wie „reportrice“ sind akzeptiert, aber die Pünktchen nicht. Der Premierminister heißt übrigens Edouard Philippe – zwei eindeutig männliche Namen, damit ist ja alles klar.

Foto: Pixabay

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Roland Stolla-Besta / 24.11.2017

Mir als bekennendem Frankophilen war die „clarté“ der französischen Sprache und Denkweise immer ein Vorbild. Und wieder einmal hat sich diese im vorliegenden Fall des Gender-Irrsinns durchgesetzt. Bravo!

Gertraude Wenz / 24.11.2017

Läuft die Sprachentwicklung tatsächlich immer auf Vereinfachung hinaus? Wäre das nicht auch schrecklich und eine Verunstaltung und Verkümmerung? Wo ist die Grenze? Wer will am Ende Pidgin-Deutsch? Manchen grammatikalischen Endungen ist das ja schon passiert: Man lässt sie der Einfachheit halber weg. Man sieht nicht mehr” jemanden” (Akkusativ), sondern “jemand”(Nominativ). Es gäbe der Beispiele viele. Man denke nur an den sprachlich eleganten Genitiv, der nur noch ein kümmerliches Dasein fristet. Ich weiß, den meisten Leuten ist das egal. Genau wie Rechtschreibung und Zeichensetzung. Man vergisst, dass dabei Lesefreundlichkeit undVerständnis beeinträchtigt werden.

Jochen Lindt / 24.11.2017

Der Genderquatsch hat die deutsche Sprache vollends unlesbar gemacht, insbesondere für Franzosen.  Unsere Mitarbeiter aus der romanischen Ecke (alles Akademiker), hatten schon vorher Probleme, doch Gender ist eine Handgranate in die Rechtschreibung.  Hier ein paar Beispiele: DER Baum ist DIE Pflanze. DER Mercedes, obwohl das ein Frauenname ist. Überhaupt ist DER Mercedes DAS Auto. DAS Mädchen, aber DIE Frau.  DIE Mahlzeit ist DAS Gericht und es ist DER Hamburger. Und jetzt gendern wir das Ganze noch mal durch. Haha. (Ehrlicherweise muß man sagen, das den Müll auch in D kein Mensch kapiert, dafür ist Genderspeak ja auch nicht gemacht. Es geht nur um Planstellen für akademische Versagerinnen).

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Burkhard Müller-Ullrich / 19.01.2020 / 06:29 / 56

Zum Tod von Roger Scruton: Wie man einen Denker erledigt

Für einen 24-Jährigen, der 1968 mitten im Pariser Quartier Latin die Mai-Revolte miterlebte, gehörte eine riesige Portion geistiger Eigenständigkeit dazu, die Ereignisse als das zu…/ mehr

Burkhard Müller-Ullrich / 30.12.2019 / 06:24 / 236

Kommunikations-Desaster beim WDR – Der Originaltext im Wortlaut

Die deutsche Rundfunkgeschichte bekommt in diesen Tagen ein neues Kapitel, das man noch lange studieren und diskutieren wird. Wie so oft, kam alles unverhofft. Ein…/ mehr

Burkhard Müller-Ullrich / 16.11.2019 / 07:59 / 62

Hundert Aufrechte - Französische Wissenschaftler gegen Meinungsterror

Sicherheitsbedenken sind das Gift, an dem die Meinungsfreiheit stirbt. Wegen Sicherheitsbedenken werden Konferenzen und Kongresse annulliert, Reden abgesagt und Bücher nicht verlegt. Dabei geht es…/ mehr

Burkhard Müller-Ullrich / 15.11.2019 / 08:07 / 134

Mob gewinnt – Wie Aktivisten einen wissenschaftlichen Kongress behindern

Das Umweltinstitut München e.V. ist ein gemeinnütziger Verein. Es ruft zum „Klimastreik“ am 29. November auf, möchte den Betriebsbeginn eines slowakischen Atomkraftwerks verhindern und warnt…/ mehr

Burkhard Müller-Ullrich / 10.11.2019 / 06:14 / 35

Wikikafka und ich – Ein Korrekturversuch

Kürzlich bekam ich eine E-Mail von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales mit folgendem Wortlaut: „Mit Ihren sechs Spenden seit 15. November 2012 haben Sie ermöglicht, dass Wikipedia…/ mehr

Burkhard Müller-Ullrich / 27.09.2019 / 13:00 / 73

Close-up auf den Pimmel – Wie die Tagesschau die AfD bloßstellt

Es sind nur drei Sekunden in einem 96 Sekunden langen Tagesschau-Beitrag. Aber drei Sekunden von besonderer und vor allem neuer Qualität im öffentlich-rechtlichen Kampf gegen…/ mehr

Burkhard Müller-Ullrich / 17.05.2019 / 14:00 / 2

Er ist wieder da. Eine kleine Sozialgeschichte des Heuschnupfens

Krankheiten sind immer demütigend, aber es gibt Unterschiede. Was ist zum Beispiel mit einem Leiden, das so unseriös erscheint wie eine Blütenpollenallergie? Im Gegensatz zu…/ mehr

Burkhard Müller-Ullrich / 23.03.2019 / 10:00 / 32

Genderzip Präsens

Das Zeitalter des Partizips ist angebrochen, liebe Lesende! Das Partizip, auch Mittelwort genannt, gehört zu den subtilsten Elementen in der Sprachtrickkiste. Denn das Partizip ist…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com