Manfred Haferburg / 21.04.2019 / 14:30 / Foto: Marind / 23 / Seite ausdrucken

Frankreich: Der kleine Unterschied

Karfreitag, in meinem Gastland Frankreich ein Arbeitstag. Gegen 15:00 Uhr höre ich plötzlich eine schöne weibliche Stimme draußen ein Kirchenlied singen und öffne das Fenster meiner Wohnung im fünften Stock über den Platanen, die schon junge Blätter haben. Durch das Grün sehe ich auf der Straße eine kirchliche Prozession. Der Lautsprecherwagen steht inmitten der sechsspurigen Avenue, beschützt vom Blaulicht eines Polizeifahrzeugs. Der Verkehr bewegt sich einfach um die Prozession herum, kein Hupen, viele fahren vorsichtig langsamer. Dem Sermon des Predigers zufolge ist direkt vor meinem Fenster die sechste Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch. Ich, der strenggläubige Agnostiker, freue mich plötzlich, in einem katholischen Gastland zu leben. Noch lange höre ich den Gesang, der die Zimmer meiner Haussmannischen Wohnung mit leiser Spritualität füllt.

Gestern wurden in Paris die Feuerwehrleute geehrt, die den Brand der Kathedrale Notre Dame unter Kontrolle gebracht hatten. Ein hochanständiger  Artikel in der Bildzeitung würdigt dieses Ereignis angemessen. Auf dem Bild stehen alle stramm, sogar der Innenminister hat die Hände an der Hosennaht. Nur Brigitte und der Prälat dürfen „rühren“. Die Pompiers haben diese Auszeichnung wahrlich verdient. Mit Vollschutz und Atemgerät die 60 cm breite Turmwendeltreppe 70 Meter hinaufzustürmen und dabei einen B-Schlauch hinter sich her zu ziehen – das nenne ich Kondition. Und Mut. 

In weniger als 30 Minuten hatten die Pompiers fast ein Dutzend Löschzüge im Einsatz, mehrere davon mit riesigen Hebebühnen, die über 40 Meter hochgefahren werden können. Zwei Löschboote sorgten für die nötige Wasserversorgung der Feuerlöschpumpen aus der Seine. Mit Lasern und Drohnen wurde der Löscheinsatz koordiniert, und ein ferngesteuerter Roboter löschte nicht nur Feuer, sondern erkundete das Innere der brennenden Kirche und lieferte Bilder ins mobile Einsatzzentrum. Liebe deutsche Hobbylöschmeister, das muss eine Stadt erst einmal in so kurzer Zeit hinbekommen.

Als eine erste Brandursache wird womöglich ein Kurzschluss angegeben. Die Arbeiten am Dach der Kathedrale hatten allerdings noch gar nicht begonnen. Lediglich ein großes Gerüst war außen und innen erstellt. Auf Grund der brandgefährdeten Holzkonstruktion gab es normalerweise im Dachbereich der Notre Dame aus Brandschutzgründen gar keine Elektroinstallation. Und natürlich gab es ein Brandschutzkonzept der Baustelle. Allerdings ist mir nicht bekannt, ob das Gerüst schon eine Baustrominstallation hatte. Der erste Brandalarm kam um 18:20 Uhr, eine Vor-Ort-Kontrolle ergab nichts. Um 18:43 Uhr stand dann das Dach in hellen Flammen. Die Feuerwehr konnte nur noch den Totalverlust der Kathedrale verhindern. Schon das war eine Heldentat. Menschenketten wurden gebildet, um unter Einsatz des eigenen Lebens Kunstschätze zu retten.

Eine Milliarde Euro nach drei Tagen

Nach nur drei Tagen wurde bereits eine Milliarde Euro für den Wiederaufbau gespendet. Ob das in Deutschland auch so schnell gegangen wäre? Das ist nämlich der kleine Unterschied. Notre Dame de Paris ist viel mehr als ein wunderschöner historischer Sakralbau. Sie ist ein Symbol für die Grande Nation. Sie symbolisiert den französischen Nationalstolz. So etwas lässt der Franzose nicht untergehen, ob reich, ob arm, „das kann nicht weg“. 

Die Notre Dame gehörte dem Staat und war daher nicht versichert. Den Baufirmen die Schuld nachzuweisen, um an deren Versicherung zu kommen, wird schwierig sein und dauern. Also muss schnell Geld her, viel Geld. Der Vatikan hat sich schon mal elegant weggeduckt. Ich bin davon überzeugt, dass die Franzosen trotzdem ihre Liebe Frau von Paris wiederaufbauen werden, koste es, was es wolle.

Von ganz links regt man sich auf darüber, dass reiche Menschen spontan Gutes tun wollen und unterstellt ihnen niedrige Absichten. Eine führende Dame der Links-Melenchon Partei „La France insoumise“, Manon Aubry (Tete de la Liste La France Insoumise Aux Européennes), behauptete gar, dass die Reichen ihre Steuern hinterziehen würden und daher jetzt großzügig spenden könnten – ganz so, als wäre Frankreich eine Steuer-Bananenrepublik. Ich kann ihnen aus eigener Erfahrung berichten, dass die Steuerbehörden in Frankreich ähnlich effizient sind wie die in Deutschland und man mit keinem Cent zu wenig davonkommt. Aber ich bin vielleicht nur nicht reich genug. Und auf die harsche Kritik reagierend, haben Reiche schon gemeinerweise verkündet, dass sie auf die Steuervergünstigungen ihrer Spenden verzichten wollen. Was werden die Linken erst sagen, wenn zu Ostern die Spendenaktion der kleinen Leute so richtig angelaufen ist? Wollen sie ihre Klientel etwa auch der Steuerhinterziehung bezichtigen? 

Pessimismus und Spott aus deutschen Qualitätsmedien

Macron hat verkündet, dass die Notre Dame bis zur Olympiade 2024 wieder in altem Glanz erstrahlen wird. Der hat leicht versprechen – ob es ihn nämlich in fünf Jahren als Präsident noch gibt? Aus deutschen Qualitätsmedien ergießt sich Pessimismus und sogar Spott. Von „Dauerbaustelle“ und 20 und mehr Jahren sprechen die deutschen „Experten“.  Der Ex-Fünfsterne-General Jean Lous Georgelin, Großkanzler der Ehrenlegion Frankreichs, wurde bestellt, um den Wiederaufbau der Notre Dame zu leiten. Er sagte dazu lakonisch: „Wenn Frankreich mich braucht…“ Schon ein paar Tage nach dem Brand stehen Organisationsstrukturen für den Wiederaufbau, es wird Tempo gemacht. Und ich traue den Franzosen genügend Geschmack und Stilsicherheit zu, ihr Nationaldenkmal nicht zu verhunzen

Der General Georgelin ist 70 Jahre alt, also muss er sich beeilen mit dem Projekt. Ich ziehe es daher vor, ebenfalls optimistisch zu sein und zu hoffen, dass ich noch zu Lebzeiten mein kleines Angnostikergebet in der Kathedrale Notre Dame verrichten kann. Ob nun in fünf oder in zehn Jahren, wird sich zeigen. Sogar die vom Papst neubestallte Umweltheilige Greta ist optimistisch. Zwar nicht für die ganze Welt – die wird ihr zufolge sicher untergehen - doch zumindest, was Notre Dame de Paris angeht. 

 

Manfred Haferburg ist Autor des Romans „Wohn-Haft. Der beängstigend aktuelle Roman beschreibt auf spannende Weise den aussichtslosen Kampf eines Einzelnen gegen das übermächtige politisches System. Ein Kampf, der in den Schreckensgefängnissen des sozialistischen Lagers endet. Ein Kampf, in dem am Ende doch die Liebe siegt. Wolf Biermann schrieb dazu ein ergreifendes Vorwort. Der 524-Seiten-Roman ist als Hardcover zum Verschenken für 32 €, als E-Book für 23,99 € und als Taschenbuch für 20 Euro erhältlich. (Amazon 40 Kundenbewertungen: 4,5 von 5 Sternen) 

 

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HaJo Wolf / 21.04.2019

Für die deutschen Schmierlappen und Politiker gilt: die Baukatastrophen in unserem Land sollten Anlass genug sein, das Maul zu halten. Die katholische Kirche verfügt alleine in Deutschland über ein Vermögen von rund 200 Mrd. Euro, die unermesslichen Kunstschätze, die die “Vertreter Gottes” auf Erden seit Jahrhunderten an sich gerissen haben, ist nicht zu beziffern - es beträgt weit über die Billiardengrenze. Es ist schon zum erbrechen, dass wir - wenn wir nicht aus der Amtskirche austreten - in Deutschland diese reichen Nichtsnutze und -tuer mit staatlich eingetriebener Kohle unterstützen, wenn sie sich jetzt wieder mal wegduckt, statt als Erste für den Wiederaufbau zu spenden, ist bezeichnend für die Verkommenheit der Amtskirchen. Wer braucht diese Pfaffen heute noch…

Anders Dairie / 21.04.2019

Aus der Liste der deutschen Sakralbauten (Kirchen) ,  die häufig 1944 zerstört oder beschädigt wurden, gehen die Sanierungszeiten hervor:  Im Schnitt 15 Jahre.  Auch die Chefs der Dombauhütten in D.  tippen auf eine längere Sanierungszeit als 5 Jahre.  Die reicht von den Schadensdokumentations-Arbeiten über Neu-Konzeption, Planung, Genehmigung, Bauausführung,  Baudokumentation bis zur Übergabe des Baues.  Addiert müssen die Denkmalschutz-Arbeiten im Inneren und die künstlerische Rekonstruktion.  Es ist sehr viel mehr zu tun als bei jedem Büroturm in Berlin oder Frankfurt.  Ich wüschen den Franzosen gutes Gelingen.  Presidenten sind auch dafür da,  neben den Heiligtümern , die Helden zu würdigen und Hoffnung zu vertiefen.  Das hat Macron getan, was sollte er sonst tun?  Alles wird gut, die Zeitdauer ist nicht primär, der Wille entscheidet.  Ein Engpass sind übrigens die Bauspezialisten, die überall fehlen und nicht nur in La France.

Anna Barbara Zahn / 21.04.2019

Ein sehr einfühlsamer Bericht über die Vorgänge in Paris. Es gibt sehr wohl einen großen Unterschied zwischen Franzosen und Deutschen. Die Franzosen kennen ihre große Geschichte genau, sie stehen auch zu den Fehlern. In Deutschland hingegen ist bei vielen - vor allem natürlich bei linken - kein Geschichtsverständnis vorhanden. Da fällt mir ein Beispiel ein: Brecht war im BE in einem denkmalgeschützten Theater untergebracht. An der Decke befand sich im Stuck das Wappen der Hohenzollern. Darauf wollte er, dass das Wappen unkenntlich gemacht wird. Das ging aber nun mal bei einem denkmalgeschützten Bau nicht. Daraufhin wurde das Wappen mit dem roten Kreuz versehen. Ich glaube, er ist auch so ein Vertreter der Geschichtsvergessenheit in unserem Land. Ja er sah ja noch nicht einmal, dass die Hohenzollern nun mal vor ihm in Berlin waren und das für die Geschichte bleiben würden. Darum sehe ich den Aufbau der Notre Dame mit großem Verständnis entgegen.

Karsten Dörre / 21.04.2019

Spender werden kritisiert und gedemütigt! Wie tief sinkt der “Qualitäts”-Journalismus, der sowas unkritisch und unkommentiert verbreitet? Wohin steuern die Wohlstandsbekämpfer und ihre willigen Helfer der schreibenden Zunft?

Gilbert Brands / 21.04.2019

Wenn man Bau und Kosten vom Super-Phenix (5 Jahre Bau, ca. 4 Mrd DM Kosten, ca. 25 Jahre in Betrieb) mit dem Schnellen Brüter Kalkar (ca. 20 Jahre Bau, ca. 10 Mrd. DM Kosten, Ergebnis: Freizeitanlage) vergleicht, könnten die Franzosen das durchaus hinbekommen.

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