Wenn in den kommenden Monaten erneut größere Flüchtlingsbewegungen Richtung Europa einsetzen, wird man hierzulande wieder überrascht tun. Politiker werden Krisensitzungen einberufen, Experten werden erklären, warum niemand das vorhersehen konnte, und in den Nachrichten wird von einer „unerwarteten Entwicklung“ die Rede sein. Dabei liegen die Entwicklungen seit Monaten offen auf dem Tisch. Der Iran hat seine Politik gegenüber afghanischen Migranten massiv verschärft. Mehrfach wurden Fristen gesetzt, bis zu denen Afghanen ohne gültigen Aufenthaltsstatus das Land verlassen müssen. Der entscheidende Termin lag beim 6. Juli 2025. Bis zu diesem Datum sollten alle undokumentierten Afghanen den Iran verlassen oder mit Festnahme und Abschiebung rechnen. Für einige Regionen – etwa die Provinz Chorasan Rasawi – wurde diese Frist später bis zum 6. September 2025 verlängert, um den Grenzverkehr besser steuern zu können. Doch die eigentliche Dimension dieser Maßnahmen wird erst deutlich, wenn man das erklärte Ziel der iranischen Behörden betrachtet. Der iranische Polizeichef Ahmadreza Radan kündigte an, dass bis zum Ende des iranischen Kalenderjahres im März 2026 rund zwei Millionen illegal aufhältige Ausländer abgeschoben werden sollen. Gemeint sind überwiegend Afghanen.
Die Größenordnung ist enorm. Nach Angaben der Vereinten Nationen haben allein in der ersten Hälfte des Jahres 2025 bereits mehr als 1,2 Millionen Afghanen den Iran verlassen, viele von ihnen nicht freiwillig. Gleichzeitig verschärfte die iranische Regierung ihre Kontrollen im Inland. Arbeitgebern und Vermietern drohen Strafen, wenn sie Afghanen ohne gültige Papiere beschäftigen oder beherbergen. In der politischen Rhetorik tauchen zunehmend Sicherheitsargumente auf. Afghanische Migranten werden teilweise mit Spionagevorwürfen oder Sicherheitsbedenken in Verbindung gebracht – eine Entwicklung, die sich nach der militärischen Eskalation zwischen dem Iran und Israel zusätzlich verschärft hat.
Damit entsteht eine Dynamik, die sich geografisch fast zwangsläufig nach Westen verlagert. Die Grenze zwischen dem Iran und der Türkei ist rund 534 Kilometer lang. Nach Berichten türkischer Medien gelten etwa 200 Kilometer dieser Grenze als schwer kontrollierbar oder nur unzureichend gesichert. Wer glaubt, dass diese Route kaum genutzt wird, kennt die Realität nicht. Ich selbst kenne mehrere Menschen, die genau über diesen Weg nach Deutschland gelangt sind. Dank professioneller Schleppernetzwerke gelangten sie über die Grenze, teilweise ohne auch nur einem Grenzbeamten zu begegnen. Schlepperbanden sind längst ein fester Bestandteil dieser Realität. In türkischen Fernsehsendungen wurden zuletzt sogar Werbevideos von Schleusern gezeigt, die gezielt Afghanen und Iraner ansprechen, die den Iran verlassen möchten. Rechnet man nüchtern nach, wird klar, dass sich hier eine größere Bewegung vorbereitet. Wenn Millionen Menschen den Iran verlassen müssen oder wollen, wird ein erheblicher Teil zwangsläufig über diese Route gehen.
Drei potenzielle Migrantengruppen
In der europäischen Debatte wird meist nur über die Afghanen gesprochen, die aus dem Iran abgeschoben werden. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Es gibt mehrere mögliche Fluchtbewegungen, die sich gleichzeitig entwickeln können. Die erste Gruppe sind tatsächlich die Afghanen, die aus dem Iran verdrängt werden. Für viele von ihnen ist eine Rückkehr nach Afghanistan keine realistische Option. Wer seit Jahren oder Jahrzehnten im Iran lebt, hat dort häufig seine wirtschaftliche Existenz aufgebaut. Für diese Menschen erscheint der Weg über die Türkei nach Europa oft attraktiver als eine Rückkehr in ein Land, das sie kaum noch kennen.
Die zweite Gruppe könnten die Iraner selbst sein. Sollte sich die politische Lage im Iran gegen das Mullah-Regime wenden oder sollte das Regime ernsthaft ins Wanken geraten, müssten viele seiner Anhänger das Land verlassen. In autoritären Systemen folgt auf einen Machtwechsel häufig eine Phase der Vergeltung. Wer gestern noch Teil der Machtstruktur war, kann morgen zum Ziel von Rache werden. Doch auch das gegenteilige Szenario führt zu Migration. Bleibt das Regime bestehen – vielleicht geschwächt, aber weiterhin an der Macht – werden viele Regimegegner versuchen, das Land zu verlassen. Unternehmer, Studenten, Intellektuelle oder politische Aktivisten sehen dann häufig keine Perspektive mehr im eigenen Land. In beiden Fällen entsteht Bewegung.
Der Krieg selbst wirkt dabei als zusätzlicher Beschleuniger. Militärische Eskalationen zwischen dem Iran und seinen Gegnern erhöhen den wirtschaftlichen Druck, verschärfen die politische Repression und verstärken die Unsicherheit innerhalb der Gesellschaft. Für viele Menschen wird die Entscheidung zur Auswanderung dann nicht mehr zu einer langfristigen Überlegung, sondern zu einer unmittelbaren Notwendigkeit.
Der Westen wird mal wieder „überrascht“
In der Türkei wird diese Entwicklung längst aufmerksam beobachtet. Medien berichten von erweiterten Kapazitäten entlang der Grenze. Neue Notunterkünfte sollen Platz für rund 90.000 Menschen schaffen. Gleichzeitig wird in türkischen Debatten immer wieder auf die große Zahl afghanischer Migranten im Iran verwiesen. Viele Beobachter gehen davon aus, dass ein erheblicher Teil der geschätzt zwei Millionen Afghanen im Iran eher die Route über die Türkei wählen wird, statt nach Afghanistan zurückzukehren.
Eine andere Entwicklung ist in Europa kaum bekannt. Iraner gehören inzwischen zu den größten ausländischen Immobilienkäufern in der Türkei. Tausende Wohnungen und Häuser befinden sich in iranischem Besitz. Niemand weiß genau, wer hinter diesen Käufen steht. Handelt es sich um Regimeanhänger, die sich eine Rückzugsoption sichern? Oder um Regimegegner, die sich frühzeitig ein Exil aufgebaut haben? Wahrscheinlich beides. Auch der türkische Teil Zyperns hat sich zu einem Zufluchtsort entwickelt. Experten schätzen, dass sich zwischen 30.000 und 50.000 iranische Staatsbürger dauerhaft oder zumindest zeitweise im Norden der Insel aufhalten. Bei einer Bevölkerung von rund 400.000 ist das eine bemerkenswerte Größenordnung.
Während viele Iraner mit Kapital eher in der Türkei bleiben, gilt für einen großen Teil der Afghanen etwas anderes. Ihr Blick richtet sich weiter nach Westen. Und dort steht – wie so oft – Deutschland auf der mentalen Landkarte. Am Ende lässt sich die Lage erstaunlich einfach zusammenfassen. Fällt das Mullah-Regime, fliehen seine Anhänger. Bleibt das Mullah-Regime bestehen, fliehen seine Gegner. Und währenddessen werden Millionen Afghanen ohnehin aus dem Land gedrängt. In allen drei Fällen zeigt die Migrationsrichtung nach Westen. Der Nahe Osten hat den Westen in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder überrascht. Nicht weil die Entwicklungen unvorhersehbar gewesen wären, sondern weil man ihre Konsequenzen nicht sehen wollte. Die nächste Flüchtlingsbewegung könnte deshalb weniger ein plötzlicher Sturm sein als eine Entwicklung, deren Vorzeichen längst sichtbar sind.

Noch mal eine Nummer wie 2015 und hier brennt die Hütte…
Fliegt sie ein, wir haben Platz.
Da wäre mir die dritte Variante noch die liebste, auch wenn ich den Iranern eine Befreiung vom Mullah-Regome wünsche.
Wohin? Na, in die Türkei, nach Afghanistan, den Golf, was weiß mich. Asyl ist streng auf Europäer zu beschränken, spiegel:/politik/die-reichen-werden-todeszaeune-ziehen-a- …. (1982!).
@Sam Lowry: Ja, ich kenne auch Perser mit den von ihnen genannten Eigenschaften. Wir sind aber dicht, was unsere Aufnahmekapazitäten angeht, da sollte man alles vermeiden, was weitere Flüchtlingsströme nach sich zieht.
Secular refugees welcome! Vielleicht bitter nötiger Ausgleich nach der Einladung an zahlreiche Reaktionäre durch eine schreiend verantwortungslose Politik, die noch immer mit Orden behängt wird (von SED und weiten Teilen der Grünen nicht zu reden).
Der Unterschied zwischen Iranern und Afghanen in Europa ist gering. Die Sprache ist fast identisch. Das persische Farsi und das afghanische Dari stehen etwa so zueinander wie deutsch und schweizerdeutsch. Die Vertreibung der Dari sprechenden Afghanen erfolgte durch die Bevölkerungsexplosion der Paschtunen, die kulturell eher Pakistan nahestehen.
Anders formuliert, entweder regieren die Taliban oder die Mullahs. (PS: Wir können noch froh sein, dass die Turboeinbürgerung der SPD nicht geklappt hat, denn dass die Goldstücke ihre Sippen nachholen war immer klar).