Gideon Böss (Archiv) / 28.03.2016 / 06:30 / Foto: Scott Lynch / 13 / Seite ausdrucken

Die westliche Meisterschaft der Selbstanklage

Nach den Anschlägen von Brüssel geht alles seinen routinierten Gang. Es gibt die frechen Cartoons und Symbolbilder, mit denen „das Netz“ auf den Terror reagiert und die mittlerweile doch zunehmend auch mehr hilflos als souverän wirken. Es gibt die Statements aus der Politik, die einen Angriff auf „unsere Werte“ feststellen, die wir aber gerade deswegen umso entschiedener Verteidigen werden.

Und vor allem gibt es die immer gleichen Versuche, Schuldige zu suchen und Erklärungen für den Terror zu finden. Sehr beliebt ist dabei die Warnung davor, Moslems ins gesellschaftliche Abseits zu stellen, weil sie das radikalisieren könnte. Das ist gut gemeint, aber trotzdem auf gleich mehreren Ebenen falsch. Genauer: dieses Denken ist Teil des Problems, statt Teil der Lösung. Es geht damit los, dass gesellschaftlich abgehängten Moslems damit (entschuldigend) unterstellt wird, dass sie eben zu Terroristen werden, wenn sie von der Mehrheitsgesellschaft nicht offen aufgenommen werden. Warum passiert das anderen Abgehängten denn nicht? Ist das wirklich ein spezielles muslimisches Ding, gar nicht anders zu können, als zur Gewalt zu greifen, wenn der soziale Aufstieg nicht klappt?

In Wahrheit ist das eine rassistische Haltung gegenüber Moslem, denen man nicht zutraut, wie zivilisierte Menschen den minimalen Konsens einzuhalten, bitte keine Terroranschläge durchzuführen, wenn Lebensträume platzen. Zumal schon der 11.September von Moslems durchgeführt wurden, die alles andere als sozial abgehängt waren. Es handelte sich um gut ausgebildete Studenten, denen beruflich die Welt offen gestanden hätte. Wer trotzdem auf die Formel beharrt, dass soziale Ausgrenzung und Terror zusammenfallen, will vor allem die Schuld für den Terror beim „Westen“ sehen. Das ist natürlich bequem, denn wenn „die Gesellschaft“ schuld ist, kann man sich in das Vertiefen, worin es der Westen ohnehin zur Meisterschaft gebracht hat: Selbstanklage.

In Wahrheit ist die Sache relativ einfach. Nicht die (tatsächliche oder eingebildete) soziale Ausgrenzung ist Grundlage für Terror, sondern die erfolgreiche Verbreitung von theologisch begründetem Hass auf Nichtmoslems. Belgien hat auf unverantwortliche Weise dem radikalen Islam aus (unter anderem) Saudi-Arabien Tür und Tor geöffnet, saudische Hassprediger beeinflussen seit Jahrzehnten die muslimischen Milieus in diesem Land und auch ein Großteil der muslimischen Infrastruktur dort wird aus Riad finanziert und gesteuert. Saudi-Arabien sieht für jeden Verstoß gegen die Regeln des Islam drakonische Strafen vor, lässt Homosexuelle hängen, steinigt Frauen und köpft seine Kritiker. Saudi-Arabien ist eine Vorfeldorganisation der Hölle. Ihr zu erlauben, sich in Belgien auszubreiten, war an Blauäugigkeit und Ignoranz kaum zu überbieten. Belgiens Behörden und Regierungen gehören damit zu denen, die sich einer Mitverantwortung für das Entstehen einer blutdurstigen Islamistenszene nicht entziehen können. Man wird nicht aus Verzweiflung zum Gotteskrieger, sondern aus Überzeugung. Und hassvolle Imame und andere religiöse Autoritäten sorgen dafür, dass diese Überzeugungen reifen können.

Wenn Islamisten sich zu ihren Taten bekennen, reden sie schließlich nicht über kränkende Zurückweisungen durch die Mehrheitsgesellschaft, sondern sie sprechen umgekehrt voller Verachtung über den dekadenten Westen, dessen Werte sie zerschlagen wollen. Sie wollen gar nicht dazu gehören. Ihr Ziel ist es, unsere Werte durch ihre zu ersetzen. Das ist ein Krieg der Ideen, der von ihnen blutig ausgetragen wird. Das zu begreifen, ist notwendig, um diesen Krieg zu gewinnen.

Von Gideon Böss ist aktuell erschienen: Deutschland, Deine Götter – Eine Reise zu Tempeln, Kirchen, Hexenhäusern

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Horst Jungsbluth / 29.03.2016

Mit dem “Islamismus” soll das in den westlichen Demokratien erreicht werden, was dem “Kommunismus” letzten Endes nicht gelang, wobei auffällt, dass gerade viele der kommunistischen Funktionäre, die die christlichen Kirchen brutal unterdrückt haben, keine Berührungsängste mit fanatischen islamistischen Glaubensbrüder haben. Das war übrigens bereits zu Zeiten des sogenannten kalten Krieges so und auch der persische Schah wurde 1979 mit vereinten Kräften von religiösen Fanatikern und Kommunisten gestürzt. Der Trick, um die Bevölkerung sicherlich nicht nur in Deutschland in Schach zu halten, ist der, dass jegliche Kritik an den üblen Machenschaften sofort mit den Todschlagargumenten Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus im Keim erstickt wird, wobei die Medien eine ganze üble Rolle spielen.  Dass wirklich unterdrückte Minderheiten (meist) nicht zum Terrorismus neigen, beweisen die Erfahrungen mit den Juden in unserem Land und mit den Juden und Christen in islamischen Ländern.

Thomas Krefeld / 28.03.2016

Schlagzeile: “Türkei zitiert deutschen Botschafter ins Außenministerium” wegen Satire von extra3.  Grund ist ein kurzer Song. Ein Auszug: “Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast.” Bei Facebook diskutierten Freunde und Feinde Erdogans engegiert darüber. So viele ausländische Namen waren da zu sehen. Wo waren die, als man hier die Terroranschläge verurteilt hat? Da hätte ich mir diese Deutlichkeit unserer Mitbürger gewünscht, aber etwas in der Machart wie ” Die Attentäter sollen in der Hölle schmoren” kam einfach nicht vor. Und die Verurteilung des nächsten Attentats wird wieder ne “biodeutsche” Veranstaltung? Das Phänomen ist nicht neu: Letztes Jahr fand ein Attentat auf den Thalys Schnellzug nach Amsterdam statt. Ein Gläubiger stand plötzlich mit Kalaschnikow (und 270 Schuss Munition) im Zug, der mit 540 Reisenden besetzt war. Der schaltet die Waffe auf Einzelschuss und geht durch den Zug. Wäre sein Plan aufgegangen, hätte er als One-Man-Show ohne Weiteres 200 Menschen getötet und die Franzosen erneut ins Mark getroffen. Zum Glück klemmt die Knarre nach dem ersten Schuss und drei mutige Männer (GIs auf Heimreise) sind sofort auf den Gläubigen los, der sich noch wie irre mit einem Teppichmesser wehrte. Die Männer konnten den jungen Mann überwältigen und bekamen von Hollande den höchsten Orden der Nation. Über die Ordensverleihung berichtete z.B. die SZ, mit Foto auf Facebook. Die Kommentare waren voll des Lobes für die “wahren Helden”, soweit klar. Interessant ist, wer bei dem Fanclub fehlte, welche Gruppen auf Tauchstation wahren. Es gab einen Kommentar mit 82 Likes, da hätte ich gern ein paar Cans, Karas, Ferrits oder so gesehen.

Hans Meier / 28.03.2016

In den europäischen Koranschulen müssen die Kinder der Gläubigen arabisch in Wort und Schrift lernen, die Gesetze der Scharia befolgen und ihre Schwestern bewachen. Das macht viele extrem sauer und führt zu wütenden Abgrenzungen gegenüber der westlichen freien Individualität und Wertschätzung, die diese autoritäre Religions-Diktatur verrückt-machend findet. Da liegt dann der verzweifelte Versagerausweg im neurotisch egoistischen Abgang mit einem großen Knall, als zorniger Ausweg im „do-it-yourself-event“ quasi in der Luft dieser religiösen Sprengmeister. Sie rächen sich für ihr persönliches Schicksal als aktive Teufel ihrer höllischen Hintermänner.

Gerhard Eberlein / 28.03.2016

Sehr geehrter Herr Böss, zwei Dinge sollten Ihnen klar sein: Noch nie wurde ein Krieg gewonnen. Seit der Antike hat jeder Krieg auf allen Seiten nur Verlierer zurückgelassen. Terroristen sind Verbrecher und die werden von unseren Strafverfolgungsbehörden ermittelt und von unserer Justiz verurteilt. Militärische Optionen sind bei der Bekämpfung des Terrorismus nicht gegeben. Das Militär verfügt nicht über die Mittel, eine Verbrechensbekämpfung oder eine Prophylaxe durchzuführen. Also kann von Krieg keine Rede sein. Der Begriff ist für die Beschreibung der Situation völlig ungeeignet. Dieser Begriff verschleiert nur Konflikte, die auf ganz anderen Ebenen gelöst werden müssen.

Hjalmar Kreutzer / 28.03.2016

Sehr geehrter Herr Böss, Ihre Beschreibungen mögen alle den Tatsachen entsprechen, angesichts der Herkunft der Pariser und Brüsseler Attentäter auch irgendwo verständlich sein. Aber gibt es diese jahrzehntelange Blauäugigkeit nicht auch im Westen Deutschlands und in Berlin zur Genüge? Dient Deutschland den Islamisten nicht als Rückzugsgebiet, gibt es hier keine saudischen Hassprediger in Moscheevereinen? Haben wir nicht Vereinigungen, über welche direkt die türkische Religionsbehörde in die deutsche Politik hineinregiert wird. Werden mit diesen Vereinen nicht für die Integration der aktuellen Migranten die Böcke zu Gärtnern gemacht?

Gerd Brosowski / 28.03.2016

Der Krieg gegen den Westen, vom dem hier die Rede ist, wird von eben diesem Westen selbst finanziert: Durch die Abgaben der ölfördernden Firmen. Wenn der Ölpreis weiterhin im Keller bleibt, weil andere Anbieter auf den Markt drängen oder weil die Bemühungen um niedrigeren Verbrauch des Rohstoffs Früchte tragen, dürfte es damit zu Ende gehen. Der Zusammenbruch des selbsternannten Kalifats in Syrien und Irak mag eine erste Folge davon sein. Wenn dem so ist, dann wäre der Niedergang des Ölpreises ein wirksames Mittel gegen den Terror. Leider kommt diese Entwicklung viel zu spät für die Opfer in Paris, in Brüssel, in Pakistan und wer weiß wo noch immer. Aber wir dürfen nicht nachlassen in dem Bemühen,  weg vom Öl zu kommen.

Wolfgang Joensson / 28.03.2016

Überzeugend analysiert, gut geschrieben.

Christian Weinheimer / 28.03.2016

Danke! Genau auf den Punkt gebracht!

Johannes Koch / 28.03.2016

Vielen Dank für den recht klaren Artikel. Wenn unsere Politiker unsere Werte so verteidigen würden wie sie es vorgeben und verkünden hätten wir weniger Probleme. So lange saudische, DITIB und sonstige radikale Prediger hier Visa bekommen um ihre intolerante Weltanschauung zu verbreiten müssen wir uns über nichts wundern.

Judith Jannach / 28.03.2016

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