Gastautor / 05.06.2019 / 12:00 / Foto: Via Wikimerdia Commons / 4 / Seite ausdrucken

Fidel Castro: Das unverschämte Glück eines Diktators (5)

Von Manuel Menéndez.

Glück ist als wesentlicher Begleiter beim Aufstieg eines Politikers nichts Ungewöhnliches. Der glückliche Zufall half allen Politikern zum Erfolg. Die Geschichte besteht ausschließlich aus Zufällen. Stets resultieren die logischen Konsequenzen aus vorhergegangenen Zufällen, glücklichen wie unglücklichen. Hätten die Engländer nach der Vernichtung der französischen Flotte vor Abukir Napoleon bei seiner Flucht über das Mittelmeer nicht abfangen können? In der Geschichte wäre ein französischer Kaiser unbekannt geblieben. 1981 wurden Margaret Thatcher keine Chancen bei der nächsten Unterhauswahl eingeräumt. Mit dem Falklandkrieg kam 1982 das Glück zu ihr zurück, und 1983 errang sie den größten Sieg der Konservativen seit 1945. Im Frühjahr 1989 rumorte es in der CDU, ein Sieg bei der nächsten Bundestagswahl schien mit Kohl nicht mehr sicher. Rechtzeitig kam der Zufall des 9. November. Kohls energisches Vorgehen stellte alle Prognosen auf den Kopf. Hätte eine Frau Merkel ohne den Spendenskandal in der CDU an die Macht kommen können? Wurde später ihre Macht nicht durch die Arbeitsmarktreformen von Schröder gefördert, zu denen sie sich selber niemals hätte aufraffen können?

Indessen ist es Glück niemals allein. Der Glückliche muss sein Glück auch nutzen können. Friedrich Merz hatte keine Chance, wieder in der Politik aufzusteigen. Das Glück gab sie ihm trotzdem, aber er war unfähig, sie zu nutzen. Der Besuch des Reporters der New York Times in Castros Versteck war ein Glücksumstand, der sich nur aus dem Wettbewerb amerikanischer Medien um die größte Sensation heraus erklären lässt. Aber wie Castro dieses Glück für sich ausbeutete, findet in der neueren Geschichte kaum seinesgleichen. Erst drei Monate nach dem amerikanischen Reporter kamen die ersten kubanischen Journalisten in die Sierra Maestra.

Castros „Die Geschichte wird mich freisprechen“ entsprach der Mentalität der Kubaner für pathetische Posen, insbesondere der inzwischen selbstbewussten Mittelschicht, die endlich demokratisch regiert werden wollte. Die Naivität der bürgerlichen Führer gegenüber Castro war ein Glücksumstand für ihn. Mühelos hätten sie seinen wahren Charakter erkennen können. Bereits im März 1959 gründete Castro unter den Augen bürgerlicher Minister seinen Geheimdienst. Wozu gründet ein Politiker wohl einen eigenen Geheimdienst? Castro nutzte sein Glück solange, bis keiner seiner Gegner mehr in Kuba verblieben war.  

Die Unfähigkeit der Amerikaner in der Schweinebucht war Castros Glück, und er ließ es nicht einfach liegen, sondern quetschte es aus, bis nichts mehr ging. Castro war seinen Gegnern an Intelligenz und Gerissenheit weit überlegen. Es war der letzte Baustein in der Sicherung seiner persönlichen Macht. Nach 1961 war sein Name weltweit ein Nimbus.

Demokratie verursacht Skrupel

In der Kubakrise von 1962 nutzte ihm dieser Nimbus jedoch überhaupt nichts. Hatte ihn sein Glücksbegleiter verlassen? Durchaus nicht, aber kein persönliches Glück agiert allein. Es existiert nur innerhalb eines unentwirrbaren Zusammenwirkens zahlloser anderer persönlicher Glücke. Als die Amerikaner den allerersten Baubeginn der sowjetischen Atomraketen nicht bemerkten, beruhte dies auf ihrer Unfähigkeit, aus den zahlreichen sowjetischen Schiffen in kubanischen Häfen, dem Auftauchen tausender sowjetischer Soldaten, der umfangreichen Konzentration von Baumaterialien, dem Ausbau einzelner Transportwege und vielem anderen mehr zutreffende Schlüsse zu ziehen. Bekanntlich basieren Geheimdienstinformationen äußerst selten auf einem Top-Spion, sondern auf Puzzlearbeit. Kennedy war bereit, einen Krieg zu riskieren, weil er ohne den Abzug der sowjetischen Atomraketen zu einer Unperson im eigenen Land geworden wäre. Aber er hatte das Glück, dass sein sowjetischer Widerpart einen solchen Krieg nicht riskieren konnte, weil dann sein gesamtes Imperium vernichtet worden wäre, was sowieso passierte, aber erst drei Jahrzehnte später. 

Bis zu seinem letzten eigenen Glück in der Schweinebucht wies Castros Lebensweg eine weltweit einzigartige Ansammlung von Glücksfällen auf. Jeder andere Politiker wäre mit einer derartigen Ansammlung gleichfalls dem Größenwahn erlegen. Indessen war es bei Castro nicht nur Größenwahn. Er hatte Instinkt für die Schwächen seiner Feinde, ebenso wie für die seiner Potentaten, und er verfügte über die Fähigkeit, sein Glück zu benutzen, indem er Schwächen der Anderen ausnutzte. Zudem hatte er niemals Bedenken, Gewalt einzusetzen. Demgegenüber scheitern westliche Politiker oftmals an ihren durch die Demokratie verursachten Skrupeln. Zu seinem Glück, seinem Instinkt und seiner Skrupellosigkeit kamen noch über etliche Jahrzehnte eine robuste Gesundheit hinzu, und seine Fähigkeit, Menschen zu beeindrucken. Zu seinen Charaktereigenschaften, die für seinen Aufstieg zur Macht und danach zu seiner Machterhaltung unumgänglich waren, gehört auch sein Charisma, seine Fähigkeit, andere Menschen in seinen Bann zu schlagen. Wie oft haben die Bundeskanzler von Adenauer bis zu Merkel das Volk belogen, aber keiner verfügte über die Ausstrahlung eines Castro, der dem Volk die dreistesten Lügen als die reinsten Wahrheiten einredete.

Um den Erfolg Fidel Castros nachvollziehen zu können, ist es unumgänglich, das Wechselverhältnis zwischen seinen physischen Eigenschaften, seinen charakterlichen Prägungen und den glücklichen Zufällen zu berücksichtigen. Seine Physis hatte ihm die Natur verliehen. Zweifellos war sie hilfreich für seine Entwicklung bis hin zum Diktator; in einzelnen Phasen überlebte er nur auf Grund seiner Physis. Seine charakterlichen Prägungen, soweit nicht auch schon durch die Natur angelegt, erhielt er unter den Bedingungen Kubas in den 1930ern und 40ern. Sie lassen sich nicht mit denen demokratischer Länder der damaligen Zeit vergleichen. Grenzenloser Enthusiasmus, unbegrenzte Selbstüberschätzung und bedenkenlose Gewaltbereitschaft waren nichts Spezifisches für Castro. In den 50ern gewann er die Überzeugung, von der Vorsehung auserwählt zu sein. Erst die Kombination von dieser Überzeugung mit seinen typisch kubanischen Prägungen formte den Charakter Fidel Castros für die folgenden fünf Jahrzehnte.

Physis, Intelligenz, Charakter und Glück haben Fidel Castro zu der Persönlichkeit geformt, wie sie historisch bleiben wird. Das machte ihn zu einer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweit herausragenden politischen Gestalt. Wie auch bei Künstlern, können an einen Diktator nicht die Maßstäbe eines Normalmenschen angelegt werden. Nur ein Maßstab ist unverrückbar: Mord bleibt Mord, und Massenmord verjährt nicht. 

Auf die Größe Kubas geschrumpft

Zu diesen Eigenschaften kommt noch eine weitere hinzu, die in westlichen Darstellungen nur nebenbei angeführt wird, aber für Lateinamerika erhebliche Bedeutung ausübt. Castro war ein Frauenheld. Bereits kurz nach seiner Hochzeit gewann er eine der bekanntesten Schönheiten Havannas zur Geliebten. Seine wichtigste Helferin in der Sierra Maestra wurde seine Sekretärin und zugleich seine langjährige Geliebte. Erst nach ihrem Tod heiratete er die Mutter von vier seiner Kinder. Mit sechs Frauen soll er wenigstens zehn Kinder gezeugt haben. Im damaligen Kuba brachte ihm das die Bewunderung seiner Anhänger ein. 

Als er die Macht errungen hatte, wollte er über Kuba hinauswirken. Westliche Publizisten sonnten sich gelegentlich in ihrer Behauptung, dass dieser Castro für die kleine Insel zu groß gewesen wäre. Er wird es gern vernommen haben. Indessen ist Größenwahn nicht mit politischer Größe zu verwechseln. Dreißig Jahre lang wollte Castro über Kuba hinaus auf der großen politischen Bühne mitspielen, zumeist, indem er auf den verschwiegenen kleinen Bühnen unfassbar hinterhältige Terroraktivitäten organisierte. Letztlich finanzierte dies alles die Sowjetunion. Immer spielte Castro dabei mit hohem Einsatz, aber stets mit fremdem Geld. 1990 war es aus damit. Fidel Castro war auf die Größe Kubas geschrumpft. 

In wohlwollenden Biographien wird er als ein Genie bezeichnet. In der Geschichte waren politische Genies häufig auch Zerstörer. Alexander eroberte ein Weltreich und hinterließ ein zerstörtes Griechenland. Napoleon eroberte fast ganz Europa und hinterließ ein darniederliegendes Frankreich. Stalin schuf ein kommunistisches Reich und hinterließ ein einfaches Russland. Castro schuf kein Reich, initiierte auch nicht die Weltrevolution, aber mit seinen Ambitionen zerstörte er eine wohlhabende Insel. Unter allen historischen Genies war er eine einzige Tragödie. 

Von Stalin wird gesagt, dass er drei Sorten politischer Gegner beseitigte. Diejenigen, die gegen seine Machtergreifung waren; diejenigen, die ihm gegenwärtig hätten gefährlich werden können; und diejenigen, von denen zukünftig eine Bedrohung ausgehen könnte. Castro hat nicht alle Gegner aus diesen drei Kategorien physisch vernichtet. Tausende ließ er erschießen, zahlreiche vernichtete er im Gefängnis, die meisten jedoch zwang er zur Emigration. Für die Masse seiner potenziellen Gegner sagte ihm sein Instinkt, dass es besser sei, hunderttausende unzufriedene Kubaner ziehen zu lassen, als sich mit ihnen im Land herumzuschlagen.  

Castro war gewiss kein kühler politischer Rechner, aber er war berechnend. Erst baute er den kubanischen Plebs in seine Machtergreifung ein, später berechnete er die Gefahren, die ihm von seinem einzigen erfolgreichen General drohen könnten. Stets kämpft unter einem Diktator die zweite Ebene um Macht. Das Machtstreben der zweiten Ebene nutzte Castro aus, um neben ihm keine echte Macht aufkommen zu lassen. Zweifellos war er belesener und fleißiger als seine Umgebung, aber niemals hätte er einen ihm ebenbürtig intelligenten Untergebenen an seiner Seite geduldet.

Für das Übermorgen kein Geld

Glückliche Zufälle begleiten auch den Aufstieg demokratischer Politiker, indessen strebte kaum einer von ihnen die absolute Macht an, und die es versuchten, scheiterten. Zudem begingen sie in ihrem politischen Leben unglaubliche Fehlentscheidungen. Churchill traf als Minister in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und in den Jahren danach katastrophale Fehlentscheidungen. Roosevelt ließ sich von Stalin einlullen. Kennedy schätzte die Fähigkeiten Allen Dulles falsch ein. Margret Thatcher ließ auf dem Höhepunkt ihrer Macht ihre Partei hinter sich. Helmut Kohl wurde vom üblichen politischen Größenwahn befallen. Insofern mag es als unsinnig erscheinen, demokratische Politiker mit einem Diktator wie Fidel Castro zu vergleichen. Nachdem seine absolute Macht abgesichert war, bestand seine Wirtschaftspolitik ausschließlich aus verheerenden Fehlentscheidungen. Jede einzelne davon hätte einen demokratischen Politiker umgehend zu Fall gebracht, einen Diktator nicht. 

Warum verließ ihn – außer zwei Ereignissen von außen – das Glück, als er die absolute Macht erreicht hatte? Diese Frage provoziert eine andere Frage: Was hätte das Glück noch zusätzlich bewirken können? Die Beseitigung des alten Diktators und die Erringung der Macht lag in seinen eigenen Fähigkeiten, begleitet von einer kaum vorstellbaren Menge an Zufällen. Als er die Macht ergriffen hatte, war ihm bewusst, dass er sie nicht gegen die alte Oberschicht oder die Mittelschichten oder die damaligen Gewerkschaften oder irgendeine Partei hätte behalten können. Niemals wollte er Entscheidungsgewalt obskuren Gremien überlassen, sondern ausschließlich ihm allein, ausschließlich er wollte entscheiden. Das war tatsächlich konsequent, denn nur damit konnte er seine Macht bewahren. Das bedeutete, die Teilhaber an der Macht von der Macht zu verdrängen, und wenn erforderlich, auch physisch zu beseitigen. Dafür benötigte er die Unterstützung der unteren Volksschichten. Die hatten keine Führer, mit denen er hätte paktieren und verhandeln müssen, die hatten außer Essen und Trinken und Wohnen keine speziellen Ziele, die waren mit seinem Charisma leicht zu begeistern; sie waren die graue Masse, die jedem bereitwilligt folgt, der ihr das Himmelreich verspricht.

Bereits mit seiner ersten wirtschaftspolitischen Maßnahme, mit der radikalen Absenkung der Mieten, versprach es Castro ihnen. Jeder logisch denkende Mensch hätte die zerstörenden Konsequenzen einer solchen Maßnahme ausrechnen können. In seiner geistigen Verfassung war Fidel Castro nicht fähig, die Konsequenzen auszurechnen, und wenn ihm später ein Mitarbeiter Konsequenzen beabsichtigter ökonomischer Entscheidungen vorrechnete, entfernte er diesen aus seiner Umgebung. Nachdem die Eigentümer der Häuser, die Mittelschichten, geflohen waren und die Häuser verfielen, waren dem Volk die früheren Versprechungen schon gleichgültig geworden. Das einfache Volk denkt nur von heute auf morgen, für das Übermorgen hat es kein Geld. 

Fidel Castro ist Geschichte!

Jede einzelne seiner darauffolgenden wirtschaftspolitischen Aktionen war nicht langfristig geplant, sondern Konsequenz aus den vorhergegangenen, mit einer Ausnahme, der Agrarreform. Diese stammte jedoch nicht von Castro, sondern von Guevara und folgte bereits marxistischen Vorbildern, endete aber genauso katastrophal wie die Enteignung der Mietshäuser. Binnen zwei Jahren brach die landwirtschaftliche Produktion zusammen, worauf die Lebensmittel rationiert werden mussten. Wie hätte das Glück dabei eingreifen können? Castro und sein ökonomischer Einflüsterer Guevara konnten nicht die normale ökonomische Regel akzeptieren: Enteignen kann man nur einmal, sind die Früchte daraus aufgegessen, verdorrt das Feld. Castro wollte an der Macht bleiben und nicht ökonomischen Regeln folgen. Das unterschied ihn von Guevara und trennte ihn letztlich von diesem. Guevara war ein ideologischer Phantast, der glaubte, zur Rettung der Welt berufen zu sein. Castros einziges Ziel bestand darin, an der Macht zu bleiben. Er war politischer Realist, zwar nicht immer, aber immer in den Situationen, in denen es um seine Machtbewahrung ging. Der Machtergreifung folgen die Zwänge der Machtbewahrung, und die laufen am Ende immer auf Wirtschaft hinaus, da existiert kein Glück mehr, und das kann dauern.

Es war ihm gleichgültig, wie es mit Kuba und den Kubaner weiterging. Es war ihm gleichgültig, wie viele Menschen er dabei opferte. Die Zerstörung der Wirtschaft und der Kultur Kubas sowie die der Seelen der Kubaner interessierten ihn nicht. Es war ihm gleichgültig, was nach seinem Tod mit dem Land passieren würde. Wer so denkt, baut keine Nachfolger auf, denn in seiner Welt kommt ihm niemand gleich. Niemandem wird er zutrauen, über ähnliche Fähigkeiten, wie er selber besitzt, zu verfügen. Wer in der Welt interessiert sich nach seinem Tod noch für Kuba! Für die USA ist Kuba außenpolitisch nicht bedeutend und außenwirtschaftlich noch weitaus weniger. Für Kuba sind die USA als wichtigster Gegner innenpolitisch wesentlicher Bestandteil der sozialistischen Ideologie/ Propaganda, gleichzeitig vertritt die kubanische Regierung die Position, dass ohne westliche Investitionen die kubanische Wirtschaft nicht gesunden kann. Fidel Castro ist Geschichte! 

Marxist oder nicht?

Bereits frühzeitig wurde Castro vorgeworfen, Kommunist zu sein. Als Beleg wurden dafür etliche seiner Forderungen für wirtschaftliche Veränderungen Kubas herangezogen, insbesondere die nach der misslungenen Revolte von 1953. Diese unterschieden sich jedoch nicht von wesentlichen Positionen sozialdemokratischer Parteien Westeuropas. Die SPD ging damals mit ihren Forderungen nach Vergesellschaftung der Produktion sogar noch viel weiter. Es ist jedoch fraglich, ob Castro zu jener Zeit über die Situation in Westeuropa informiert war. Später lehnte er öffentlich vehement ab, Kommunist oder Marxist zu sein. Auch während der ersten zwei Jahre nach seiner Machtübernahme verhielt er sich ambivalent dazu, 1965 jedoch gründete er die kommunistische Partei Kubas neu und ließ sich gern das Etikett „Marxist“ anhängen. Für antikommunistische Biografen ist dies ein Beleg seiner generell antidemokratischen Einstellung, für kommunistische Biographen ist dies ein Beleg für seine generell fortschrittliche Einstellung, unparteiische Biographen bemühen sich, das Pro und Kontra abzuwägen, um sich nicht festlegen zu müssen.

Es ist müßig, die Bezeichnung „Marxist“ für eine Charakterisierung von Fidel Castro zu bemühen. Mit der Zustimmung der europäischen Sozialdemokratie zum Ersten Weltkrieg wurde der Begriff „Marxist“ obsolet. Seit dem russischen Bürgerkrieg und der stalinistischen Prägung der Sowjetunion ist ein Marxist ein (potenzieller) Verbrecher. Der Begriff dient zur Verschleierung diktatorischer Absichten. Die von Marx aufgestellten sogenannten gesellschaftlichen und ökonomischen Gesetze sind schon bald nach ihrer Entstehung durch Logik und Geschichte hinfällig geworden. Auch theoretische Marxisten sind unwissenschaftlich, weil sie der Geschichte einen Sinn hinterlegen wollen. Castro behauptete später, dass er bereits an der Universität Marx und Lenin gelesen habe. Auch dies ist für die Charakterisierung seiner geistigen Einstellung belanglos. Theorien interessierten ihn nicht. In seinen von der kubanischen Regierung herausgegebenen Schriften sind keine theoretischen Reflexionen enthalten. 

In einer großen Rede im Mai 2000 erklärte er seine Vorstellung von Revolution, die heute in Kuba überall in öffentlichen Gebäuden aushängt. Danach bedeutet ein Revolutionär zu sein „Bescheidenheit, Uneigennützigkeit, Interessenlosigkeit, Solidarität, Heldenhaftigkeit, Mut, Intelligenz, Realismus, niemals zu lügen und niemals ethische Prinzipien zu verletzten“. Damit sind so ziemlich präzis seine theoretischen Ansprüche ausgedrückt. Jeder Marxist beruft sich auf die Demokratie, aber noch niemals ist ein Marxist durch demokratische Wahlen an die Macht gelangt. Im Dezember 1959 erklärte Castro einem amerikanischen Magazin, dass Wahlen reine Zeitverschwendung seien, noch ein Jahr zuvor hatte er in der Sierra Maestra wortgewaltig Wahlen angekündigt. Er hatte nur ein einziges Ziel in seinem Leben, die alleinige Macht über Kuba.

Lebenszeiten

Fidel Castro lebte fast 91 Jahre. Ausgenommen Kindheit und Jugendzeit sowie seine letzten zehn machtlosen Jahre in Siechtum, durchlebte er vier Phasen, in denen ihm das Glück in unterschiedlicher Weise beim Überleben half. Diese vier Phasen umfassen einen Zeitraum von sechs Jahrzehnten, so umfangreich, wie bei keinem anderen Politiker seiner Zeit.

1. Phase, 1947-1958: Weg zur Macht durch glückliche Zufälle. Intelligenz, Instinkt und körperliche Robustheit waren die Voraussetzungen dafür.

2. Phase, 1959-1961: Machtsicherung durch Glück von Außen. Die Unfähigkeit seiner Gegner nutzte er konsequent aus.

3. Phase, 1962-1989: Macht und Größenwahn. Er wurde ein Weltführer und war doch nur ein Spielball der Sowjetunion. 

4. Phase, 1990-2006: Machtsicherung und Wandel. Er war auf Kuba geschrumpft und kämpfte erfolgreich um sein politisches Überleben.

Geschichte urteilt niemals von ihrem Anfang. Die Ziele des Anfangs interessiert sie nicht. Geschichte urteilt immer nur von ihrem Ende. 

Dies ist der letzte Beitrag einer mehrteiligen Serie. Leicht gekürzte Übertragung aus dem Spanischen.

Teil 1 finden Sie hier.

Teil 2 finden Sie hier.

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Leserpost

netiquette:

peter jkoljaiczek / 05.06.2019

Hätte Kuba nicht die letzten 15 Jahre wie ein Blutegel an Venezuelas Erdöl Ader gehangen, dann wären sie heute wirtschaftlich auf der Höhe Haitis. Jetzt, wo Venezuela als einziges Land der Welt ohne Krieg in einer nachkriegsähnlichen wirtschaftlichen Situation sich befindet, muss Kuba schauen an wem sie sich anhängt. Meine Wette ist Mexiko. Fidel ist ein Mörder, der eine Insel mit 11 Millionen versklavten Bürgern mit eiserner Faust regiert hat, mit der ganzen Welt handelnd aber von der bösen Blockade jammernd. Cienfuegos und den Che hat er entsorgt, und wollte in der Raketenkrise 1962 das ganze Land atomar in die Luft fliegen lassen. Dazu gibt es seinen veröffentlichten Brief. Weil er nicht kappierte, dass der schlaue Nikita Chruschtschow ihn nur dazu missbrauchte, die Amerikaner dazu zu bewegen, keine Raketen in der Türkei zu stationieren. MIt Propaganda die Mär erhaltend, das Land sei Vorreiter in allen humanistischen Indizes, während sich ihr Volk unterernährt mit Reis mit Tomaten über Wasser hält. Wie kann man nur so einen verklärten Bericht über einen Tyranen und Mörder schreiben? Er hatte zweifelsohne glückliche Schicksalsfügungen, aber der Weg zu diesem scheinbaren Glück, ist mit dem Blut tausender gepflastert.

sybille eden / 05.06.2019

Herr Menendez, toller Artikel ! Vieles habe ich nicht gewusst. Allerdings eine kleine Korrektur. Sie schreiben “...noch niemals kam ein Marxist durch demokratische Wahlen an die Macht.” Und wie war das mit Salvatore Allende ? Oder irre ich mich? Ist nicht mehr wichtig, aber der Richtigkeit halber geschuldet.

Ulv J. Hjort / 05.06.2019

Castro war ein verdammter diktator ! Nicht mehr und nicht weniger . Diesen typen jetzt mal wieder durch beschnacken zu ehren ,ist dumm und naiv . Der liegt unter der erde ,wo er hingehørt und das ist gut so . Møge er ruhen in seinem kommunistischen paradies bis zu aller tage ende. und ueberlasst ihn der vergessenheit ...

Markus tho Pesch / 05.06.2019

Bitte auch mal einen Artikel über das Glück der geistigen Totalversagerin AM

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