News-Redaktion / 07.12.2022 / 13:39 / 0 / Seite ausdrucken

Fernsehsender zwischen den Fronten

Der russische Sender Doschd war dem Kreml zu kritisch und wechselte ins lettische Exil. Jetzt hat er auch dort seine Sendelizenz verloren. Warum?

Eine hitzige Debatte über Äußerungen eines Moderators hat zum Entzug der lettischen Sendelizenz des oppositionellen russischen Kanals Doschd geführt, berichtet nzz.ch. Doch der Reihe nach: Im März wurde es daheim in Moskau bedrohlich für den damals noch in Russland arbeitenden Sender. Grund war die offene Gegnerschaft zum Krieg. Hals über Kopf hatten nahezu alle Mitarbeiter Russland verlassen. Im Sommer habe Doschd dann eine Sendelizenz in Lettland erhalten und sein Programm neu gestartet.

Nun - so der NZZ-Bericht - sei das Projekt, als russischsprachiger Exilsender ein Millionenpublikum auf YouTube zu erreichen und den Zuschauern in Russland ein Gegenbild zur Propaganda anzubieten, erneut in akuter Gefahr. Der lettische Rat für elektronische Medien habe dem Sender am Dienstag die Lizenz entzogen und wolle sogar erreichen, dass dieser in Lettland auf YouTube blockiert werde, heißt es in verschiedenen Presseberichten. Grund wäre die «Gefährdung der nationalen Sicherheit». Und das bei einem Sender, der eine dezidierte Gegnerschaft zum Putin-Regime und zum Ukraine-Krieg pflegt? Wie konnte das passieren?

Alexei Korosteljow, ein langjähriger Mitarbeiter, soll am Donnerstagabend in der Hauptausgabe der Nachrichtensendung auf eine extra eingerichtete E-Mail-Adresse verwiesen haben, an die sich bei der Mobilisierung eingezogene russische Reservisten und ihre Angehörigen mit Berichten über Missstände und Verbrechen wenden könnten. In Anspielung auf die Tatsache, dass russische Behörden durchaus versuchen, auf öffentich allzu bekannte konkrete Fälle zu reagieren, damit sie nicht im Blickfeld bleiben, hätte er den verhängnisvollen Satz gesagt, so habe man schon manchem Militärangehörigen zu besserer Ausrüstung und mehr Komfort an der Front verhelfen können. In Lettland sei diese Äußerung als Beleg dafür gewertet worden, dass Doschd aktiv die russische Armee unterstütze.

Chefredakteur Tichon Dsjadko habe nun versucht, den umstrittenen Satz zum „Versprecher“ zu erklären und Korosteljow fristlos entlassen.  Im Sender hätte es daraufhin Empörung über die Entlassung des Moderators gegeben, weshalb drei weitere Mitarbeiter den Sender unter Protest verlassen hätten. Für die offizielle russische Seite war dies natürlich ein gefundenes Fressen, um Zweifel an den Berichten des Senders zu fördern. Wer glaube, im Ausland gebe es Freiheit und in Russland nicht, werde eines Besseren belehrt, habe Putins Sprecher den Vorgang kommentiert. Viele Beobachter halten die lettische Entscheidung für einen großen Fehler, weil sie eben nur dem Kreml nützt. Der Sender soll nun versuchen, weiterhin ein YouTube-Programm für seine russischen Zuschauer zu produzieren.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
News-Redaktion / 22.01.2023 / 13:00 / 0

Zahl der Asylanträge in der EU um 46,5 Prozent gestiegen

Nach wie vor werden mit Abstand die meisten Asylanträge in Deutschland gestellt Das berichtet die "Welt am Sonntag" unter Berufung auf einen vertraulichen "Situationsbericht zur…/ mehr

News-Redaktion / 21.01.2023 / 08:30 / 0

Neues von den peinlichen Puma-Pannen

Die meisten Schäden entstanden durch mangelnde Wartung und hätten von der Bundeswehr wohl binnen 30 Minuten behoben werden können, wenn es denn genug Personal und…/ mehr

News-Redaktion / 20.01.2023 / 15:30 / 0

Droht geflohenen Russen jetzt die Enteignung?

Viele Russen entziehen sich Moskaus Zugriff und setzen sich ins Ausland ab. Präsident Putins Regierung wollen den Exodus durch Druck auf die Flüchtlinge stoppen. Russlands…/ mehr

News-Redaktion / 20.01.2023 / 11:20 / 0

Norwegische Reederei befördert keine E-Autos mehr

Die auf der „Postschiff-Route“ verkehrende Havila verbietet Elektro- und Hybrid-Autos sowie Wasserstofffahrzeuge an Bord – wegen Brandgefahr. Als erste Reederei hat die norwegische Havila Kystruten laut Auto…/ mehr

News-Redaktion / 20.01.2023 / 11:10 / 0

Erdogans Türkei verdient an Umgehung der Russland-Sanktionen

Russland verdrängt offenbar Deutschland vom Platz des größten Handelspartners der Türkei. Die Türkei hat sich trotz der NATO-Mitgliedschaft seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die…/ mehr

News-Redaktion / 19.01.2023 / 13:50 / 0

Deutschlands Bevölkerung jetzt auf Höchststand

Eine Rekord-Zuwanderung, die jene von 2015 in den Schatten stellt, hat die Bevölkerung Deutschlands auf nunmehr 84,3 Millionen anschwellen lassen.  Zum Jahresende hat Deutschland eine…/ mehr

News-Redaktion / 18.01.2023 / 14:20 / 0

Erdogan will Wahlen vorverlegen

Als Präsident kann er sie per Dekret auf seinen Wunschtermin vertagen. In der Türkei werden vorgezogene Präsidentschafts- und Parlamentswahlen immer wahrscheinlicher, melden u.a. rnd.de und…/ mehr

News-Redaktion / 07.01.2023 / 09:00 / 0

Zwei weitere Demonstranten im Iran hingerichtet

Mehr Medienaufmerksamkeit fand allerdings zunächst ein als skurril beschriebenes Urteil gegen eine renommierte Fotografin. Im Zusammenhang mit den systemkritischen Protesten im Iran sind zwei weitere…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com