Thilo Schneider / 31.05.2020 / 10:00 / Foto: Timo Raab / 15 / Seite ausdrucken

Fensterkauf

Wer sich ein Gebrauchthaus kauft, der erhält ein Haus, das genau das ist: gebraucht. Dafür ist es in der gleichen Regel günstiger, als wenn man sich bei einem Familienausflug in die Musterhaussiedlung ein nagelneues Haus zum Selberbasteln hat aufschwatzen lassen. Und da stehen wir nun vor unserem Gebrauchthaus aus dem Jahre 1946, und ich frage mich, wer irre genug war, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein Haus zu bauen. Und dabei will ich lieber nicht fragen, woher er das Baumaterial genommen hat. Es dürfte genug herumgelegen haben.

Also, es geht zuerst einmal um die Fenster. Die Fenster wurden gewechselt, als Michael Jackson mit „Beat it“ einen Riesen-Hit landete. Die „Augen des Hauses“ sind aus schnödem Kunststoff mit Thermoverglasung, und der Schatz meint, dass das „leider so gar nicht geht“. Mir genügen sie, ich kann durchgucken, aber mit dem Schatz zu diskutieren, ist in etwa so sinnvoll, wie Claudia Roth von den Segnungen der Atomkraft überzeugen zu wollen. Was also liegt näher, als sich die alten Baupläne anzusehen und siehe da: Die ursprünglichen Fenster waren zweiflüglig mit einem Oberlicht. Sehr hübsch, sehr 40er Jahre, sehr passend. Solche sollen es wieder werden, passend zum Style des mutmaßlich ersten Mansardenhaus-Neubaus der neuen Bundesrepublik.

Also auf zu einem Fensterbauer in seinem Fensterladen und sich dort wegen schnöder Fenster verraten lassen. „Fenster-Feinbein“ im Nachbarort gilt als heißer Tipp und Typ. Schon am Eingang empfängt uns der angenehme Geruch von Kaffee und Kunststoff, und auf einem Podest steht ein abgesägtes Fenster, damit man den Aufbau, die Schließmuskeln und die Gummilamellen bewundern kann. Herr Feinbein, ein Typ mit einem Goldkettchen und dem Gesichtsausdruck eines Pegida-Mitmarschierers, der versehentlich vor eine Kamera gelatscht ist, kommt aus einem Eckchen und fragt, was denn unser Begehr sei. „Ich will bitte ein Fenster kaufen“, gebe ich die korrekte Auskunft. Er grinst und sagt: „Wie viel Gramm dürfen es denn sein?“ Und da hat er bereits verloren. Wenn hier einer schale Witzchen macht, dann bin ich das!

Er weiß schon, mit wem er sprechen muss

Der Schatz geht schlichtend dazwischen: „Wir haben ein Haus gekauft und wollen da die Fenster wechseln. Wir dachten da an zweiflügelige Fenster mit einem Oberlicht.“ Das stimmt zwar nicht ganz, weil nur sie daran dachte, aber als Ehemann zieht man ja auch mit! „Sehr gerne“, sagt der Fensterfeinbein, bittet uns an einen Tisch und möchte wissen, um wie viele Fenster es geht. Ich zähle kurz in Gedanken nach und komme auf die unsympathische Zahl Sechzehn. „Prima“, sagt Feinfensterbein, „und hatten Sie da an 68, 78 oder 88 Millimeter gedacht?“ Tatsächlich habe ich an Fenster gedacht, aber weil doch das Haus von 1946 ist, sage ich einfach mal: „Achtacht kenne ich. War ein gutes Geschütz“. „Wir dachten an 78 Millimeter, es ist eine verschwiegene Seitenstraße in einem Ort, in dem wir Zuwandernde sind“, ergänzt der Schatz und Fensterfeinbein sagt „Aha“.

„Gut, Holz oder Kunststoff?“, will er wissen. „Holz“ sagt der Schatz, „Kunststoff“ sage ich, beides gleichzeitig. „Also Holz“, interpretiert Herr Feinbein. Er weiß schon, mit wem er sprechen muss. Ich bin nur dabei, weil ich die Autoschlüssel einstecken habe. „Wollten Sie da eine Dreh-Kipp-Kombination für einen oder zwei Flügel und soll das Oberlicht kippbar sein?“, erkundigt er sich. „Zum Aufmachen“, antworte ich. „Was gibt’s denn alles?“, fragt der Schatz nun seinerseits.

„Nun“, erläutert Herr Fensterbein, „wir könnten mit Oberlicht-Fest-und-Dreh-Links-Stulp-Dreh-Kipp-Rechts machen, oder aber auch mit Oberlicht-Fest-und-Dreh-Links-Stulp-Dreh-Kipp-Links, alternativ kann ich Ihnen aber auch Dreh-Links-Pfosten-Dreh-Kipp-Rechts oder Oberlicht-Fest-plus-Dreh-Links-Stulp-Dreh-Kipp-Links oder gerne auch Oberlicht-Fest-plus-Fest-Dreh-Kipp-Rechts oder Oberlicht-Fest-und-Dreh-Kipp-Links-Stulp-Dreh-Rechts oder, wenn es ganz exklusiv sein soll, Oberlicht-Kipp-und-Dreh-Kipp-Links-Pfosten-Dreh-Kipp-Rechts anbieten, dann haben Sie quasi alles.

„Was soll das denn kosten?“

„Kann ich das im Mittelteil noch einmal hören?“, frage ich, aber der Schatz knufft mich in die Seite. „Die Fenster sollen sich nach innen öffnen, daher fände ich eine Oberlicht-Fest-plus-Dreh-Kipp-Links-Pfosten-Dreh-Kipp-Rechts-Kombination ganz gut. Oder was meinst Du?“, evaluiert sie in meine Richtung. Da ist sie aber am Richtigen: „Ich wäre für eine Oberlicht-Drehpfosten-Stulp-Linksrechtskombination-mit-Aufwärtshaken-und-Nierenschlägen, wenn Du mich schon so fragst“, gebe ich Auskunft und sie antwortet leicht genervt mit „oh, echt jetzt?“

„Kein Problem“, mischt sich das Feinbein ein, „bleiben wir also bei der Oberlicht-Fest-plus-Dreh-Kipp-Links-Pfosten-Dreh-Kipp-Rechts-Kombination. Wir können, wenn Sie möchten, noch Sprossen in die Fenster setzen und die Fenster außen weiß und innen in „Kastanie“ gestalten, dazu noch Designgriffe mit Schließoliven und wenigstens 41 Dezibel Lärmschutz bei vier Beschlägen und einem Falzschnitt innen und außen.“ „Oh ja!“, jubelt der Schatz und ich sende das Kaufsignal: „Was soll das denn kosten?“

Herr Fensterbein lächelt. „Wir wären da bei rund Eintausenddreihundert Euro!“ „Für alle Fenster? Das ist nicht viel“, freue ich mich zu früh. „Nein, pro Fenster, ohne Mehrwertsteuer, ohne Montage“, korrigiert mich der Fensterpirat. Und das war der Augenblick, in dem bei mir die Oberlichter ausgingen und ich in einer Dreh-Kipp-Links-Dreh-Kipp-Rechts-Pfosten-Kombination vom Stuhl rutschte, wo mich am Boden eine gnädige Ohnmacht umhüllte.

(Weitere Dreh-Links-Kipp-Rechts-Kombinationen des Autors auch unter www.politticker.de)

Foto: Timo Raab

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Rolf Menzen / 31.05.2020

Gibts auch vernickelte Spannmuffen?

Rolf Mainz / 31.05.2020

Im Schwäbischen - und der dortige Menschenschlag gilt durchaus als nicht ungeschickt im Umgang mit Geld - gibt es ein griffiges Sprichwort: “Wer viel Geld hat und ist dumm, der kauft ein altes Haus und baut es um.” PS: Der Spruch mit dem “Pegida-Mitmarschierer” war nur peinlich.

Claudius Pappe / 31.05.2020

Nun kommt dem Thema entsprechend Werbung ; fenster24.de. Sind wir schon bei James Bond ? Nun mach ich mal Pause bei AchGut……………...statt AfD kommt nun Pegida ins Spiel. Handwerker mit Goldkettchen ? Wohl beim Türken gewesen .

Sabine Heinrich / 31.05.2020

Köstlich, Herr Schneider! - Als fröhlicher, hilfsbereiter Mensch tue ich Ihnen den Gefallen uns springe über das hingehaltene Stöckchen [...ein Typ mit…dem Gesichtsausdruck eines Pegida-Mitmarschierers, der versehentlich vor eine Kamera gelatscht ist…], indem ich Ihnen versichere, dass mir das Fehlen eines kleinen Auskeilers von Ihnen in diese Richtung arge Sorgen - Ihren Gesundheitszustand betreffend - bereitet hätte…Ihnen und Ihrem Schatz wünsche ich fröhliche Pfingsten! S.H.

Ulla Schneider / 31.05.2020

Hahaha, Herr Schneider, auch vor dem Fensterbau macht das “Mäusekino” des Autos nicht halt. Alles Männerspielplätze. Spässken ist wichtig für die Seelenlage. Irgendwie hat das auch eine interessante pol. Variante, vor allen Dingen der Drehmoment. 360 Grad auch möglich? Teuer natürlich unter der Prämisse ” ..wie kommt dein Geld in meine Tasche…”.  Ich hatte vor 20 Jahren ein Bauernhaus gekauft, im Sommer, da sieht man die Reparaturen nicht, der Garten war so schön. Alte Häuser sind ein Lebenswerk wenn man die Kohle nicht so flüssig hat. Ich kann Sie aber beruhigen. der Luftaustausch für Ihre Gesundheit ist eindeutig besser in diesen alten Häusern. Der Charm ist unübetrefflich! Wenn es in den Sommermonaten heiss wird, kommt die ganze popelige Verwandtschaft, da es nur bei 23 Grad bleibt, um mal durchzuschlafen. Sie lernen enorm über alte Handwerkkünste! Ansonsten bei “Holzwurm” schauen. Fertig auf den Tisch legen ( BIld natürlich), so und nicht anders….. das Mäusekino klappt dann zu. @Frank Stricker…...warum bin ich nicht auf die Idee gekommen hahaha, bei mir um die Ecke wohnen welche…..

Heike Richter / 31.05.2020

Machen Sie es wie die Schildaer, tragen sich das Licht in Eimern rein, ist genau so lustig, danke für den großen Spaß beim Lesen.

Gabriele H. Schulze / 31.05.2020

Schwerst Loriotwürdig, besonders der Mittelteil! Der Tipp von Frank @Stricker ist zeitgemäß - sicher auch anderweitig zu verwenden.

Jens Kruse / 31.05.2020

@Martin Steinmetz, die alte Weisheit stimmt Heute nicht mehr. Schauen Sie sich mal an wieviele Auflagen Heute bei einem Neubau zu beachten sind, einschließlich Plastikmüll an den Wänden. Selbst die Farbe der Dachzeigel ist geregelt. Das Zauberwort bei alten Häusern, sofern sie nicht als Denkmal geführt werden, heißt BESTANDSSCHUTZ. Nur “Ein” Beispiel: Will ich mein Dach neu eindecken brauche ich mich an die Auflage der einheitlichen Dächer nicht zu halten im Gegensatz zu meinem Nachbarn der gerade 100m weiter neu baut. @Thilo, Der Preis für die Komfortfenster ist nur leicht überzogen und für neue Fenster geht man nicht in den Laden sondern läßt den Fensterbauer ins Haus kommen. Da kann er gleich messen und dann ein realistisches Angebot abgeben.

T. Weidner / 31.05.2020

Oh, Herr Schneider - wollen Sie in der Wohnung Pilze züchten? Vor dem Fensterkauf sollten Sie erst googeln, wieviel Wasser der Mensch (plus dessen Aktivitäten, Duschen, Kochen) in 24h an die Raumluft abgibt - und wo dieses Wasser verbleibt, Stichwort “Raumluftwechselzahl”...

Jochen Becker / 31.05.2020

Herr Schneider, ich hoffe Sie sind, im Interesse Ihres emotionalen Gleichgewichts im wirklichen Leben nicht der Pantoffelheld, den sie hier persiflieren. Ich kann aber aus eigener Beobachtung bestätigen, dass dieser Typus Mann, wenn auch nicht so offensichtlich, in meiner Umgebung mehrheitlich aufscheint. Diese „Schoßhund-Attitüde“ hat vermutlich solide biologische und evolutionäre Wurzeln und dient dem Erhalt der menschlichen Spezies. Bemerkenswert daran ist, dass diese Beziehungsstruktur im zeitgeistigen Diskurs über Geschlechtergerechtigkeit völlig ausgeblendet wird und kein Forschungsgegenstand der „gender sciences“ ist. Deshalb sollten Sie auch weiterhin Licht in dieses Dunkelfeld weiblicher Herrschaft werfen.

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