Kennen Sie das? Sie stehen auf einem Bahnsteig und warten auf den Zug. Sie mustern die anderen Wartenden und sehen eine Person, die ihnen auf Anhieb unangenehm ist. Ausgerechnet diese Person scheint es darauf abgesehen zu haben, Sie mit unerträglichen Belanglosigkeiten in ein Gespräch zu verwickeln. Um dem zu entgehen, planen Sie einen sportlichen Sprint, weil sie bemerkt haben, daß sich diese abstoßende Person nur langsam und schwerfällig bewegt. Sobald also der Zug einfährt, spurten Sie den ganzen Bahnsteig entlang, um in den hinterletzten Wagen, der von der ursprünglichen Stelle Ihres Wartens am weitesten entfernt ist, einzusteigen. Dann beginnt die Reise, und Sie sind froh, sogar ein leeres Abteil zu finden. Doch wer erscheint nach zwanzig Minuten Fahrt schnaufend und grunzend vor genau diesem Abteil? Das widerliche Wesen hat sich während der ganzen Zeit im Inneren durch den Zug gearbeitet, mit schwarzmagischer Beharrlichkeit, von ganz vorne nach ganz hinten, um sich schließlich neben Ihnen hinzusetzen.
Ungefähr so fühlen sich jetzt manche Passagiere der Bundestagsbahn: die Dauerkarteninhaber des Schulzzugs und des Merkelzugs sowie die Neueinsteiger des Lindnerzugs nebst grünen und linken Mitreisenden. Sie haben die AfD schon auf dem Bahnsteig gesehen und sind so weit wie möglich weggerannt. Aber die AfD hat von den Wählern Platzkarten bekommen, und zwar genau im selben Wagenabteil wie alle anderen Parteien. So funktioniert nun mal der Bundestag: alle sitzen in einem Raum.
Der Raum ist relativ groß und gut klimatisiert, sodaß Körpergerüche, sofern sich die Politiker nicht gerade eingenäßt haben, eine untergeordnete Rolle spielen. Wer wen nicht riechen kann, ist also eher symbolisch zu verstehen. Doch da es um Symbolik mehr als um alles andere geht, möchten die FDPler auf keinen Fall nahe oder gar neben den AFDlern sitzen. Dabei unterscheidet sie nur ein Buchstabe. Man könnte also rein sitzungstopographisch vom AFDP-Block sprechen. Aber schon der Gedanke, in Riechweite der Kollegen von der 12,6 Prozent-AfD arbeiten zu müssen, scheint für die Parlamentarier der 10,7 Prozent-FDP unerträglich zu sein, weshalb sie eine andere Sitzordnung fordern. Dabei hätten ja wohl vom demokratischen Zahlengewicht her die AfD-Abgeordneten vor denen der FDP das Recht zu bestimmen, wo sie im Bundestag plaziert werden möchten.
Das Kindergartengehabe in der Stühlchenfrage paßt allerdings zu dem kindischen und zugleich demagogischen Versuch des vorigen Bundestagspräsidenten Lammert, die AfD durch eine hastige Geschäftsordnungsänderung auszutricksen, damit sie bloß nicht den Alterspräsidenten, der die erste Sitzung leitet, stellen kann. Es fehlt nicht viel, und die Oberdemokraten der Altparteien beschließen eine gänzlich neue Sitzordnung des Parlaments: sie bilden einen großen Stuhlkreis, und die AfD kriegt einen Katzentisch in der hinteren rechten Ecke des Saales. Dabei gilt das berühmte Wort der Kanzlerin zum Thema „Flüchtlinge“ auch im Hinblick auf die parlamentarischen Mandatsträger der verfemten Alternativpartei: „Nun sind sie halt da.“
Beitragsbild: Craig Howell Flickr CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

Wenn denn niemand im Bundestag neben der AfD sitzen will (wissen wir, welche Begehrlichkeiten bezüglich der Sitzordnung noch auftauchen?), dann wird es doch recht nett für die AfD Abgeordneten. Freie Platzwahl bei jeder Sitzung und der Rest drängelt sich im Foyer, in der Kantine, im Keller oder wo auch immer. Diese Konstellation böte dann auch die Möglichkeit im sowieso schon personell "überblähten" Bundestag weitere hochdotierte Stellen für "reitende Boten" zu schaffen, die die diversen Debattenbeiträge zwischen Plenarsaal und "sonstig" hin- und hertransportieren. Ansonsten kann ich nur sagen: dem Bundestag ist ein exzellent ausgestatteter Kindergarten angeschlossen. Vielleicht sollte Herr Lindner sich dort schnellstmöglich um einen Platz bemühen!? Es könnte sein, dass er dort das kleine Einmaleins des demokratischen Handelns lernt. Eine demokratisch gewählte Partei hat sich neben jede andere demokratisch gewählte Partei zu setzen. Ist sie dazu nicht bereit, zeigt sie damit nur die eigene Demokratieun(!)fähigkeit!
Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Aufstiegsgeschichte der AfD: diejenigen, die befürchten, dass sie nicht durch Argumente überzeugen können, greifen auf Sandkasten-Kämpfe a la "ich spiel nicht mit dir", "du stinkst", "ich mag nicht neben dir sitzen" zurück. Die Verweigerung von wichtigen Diskussionen aus persönlichen moralischen Gründen nehmen zum Glück immer mehr Bürger übel. Wir können uns solche infantilen Spielchen nicht mehr leisten. Die Themen sind zu ernst, die Zeit drängt.
was anderes erwartet? Die FDP reiht sich doch schon gemütlich ins Koalitionsbündnis ein und will natürlich die bequemsten Plätze in der Wohl fühl-Oase. So funktioniert eben die neue Selbstauflösung. Gut so wenn das gleich am Anfang der Fall ist. Nebenbei erwähnt, ein Kindergarten ist doch eher etwas lebendiges, natürliches und reines........im Gegensatz zur Politik! b.schaller
Da fällt mir nur eins ein:' Ticket für zwei' oder im amerikanischen Original 'Planes,Trains&Automobiles;'. Am Ende haben sie zueinander gefunden. Das läßt hoffen.
Der auf seine Werbeplakate so (peinlich) cool erscheinend wollende Herr Lindner läßt diese Eigenschaft bei der erste sich bietende Gelegenheit grandios vermissen! Hier zeigt sich wieder das muffige, dumpfbackige, unsouveräne Verhalten Demokratielehrlinge!
Es ist eben unerträglich, als Politprofi neben einem Volksvertreter zu sitzen. Vergleichen Sie doch nur mal die Wahlplakate, das sind doch Klassenunterschiede! Und während sich die FDP anschickt, routiniert wieder das Zünglein an der Regierungswaage zu spielen, wird die AfD als Schmuddelkinder ignoriert. Hurra, die Nassauer sind wieder da!
Das Demokratieverständnis der etablierten Parteien muss einem Angst machen. Abzusehen ist es aber schon seit die AfD die politische Bphne betrat und Erfolg hat.