Wolfgang Röhl / 29.04.2011 / 07:53 / 0 / Seite ausdrucken

Fang den Doktor! Die Stunde der Wikizianten

Es gibt wahrscheinlich nicht viele Menschen, welche den Gutti noch sehr beweinen. Nicht mal Konservative. Die Klügeren unter ihnen ächzten schon, als er anfing, hemmungslos mit den Illus ins Bett zu steigen. Das roch zu sehr nach Scharping. Das konnte nicht gut gehen. Gewisse Posen macht man einfach nicht, wenn man kurzzeitig in aussichtslose Kriegszonen einfliegt. Ein gutes oberstes deutsches Frontschwein war der mürrische SPD-Mann Struck. Ebenso prima passt der Helm jetzt dem stocknüchternen CDU-Mann de Maizière. DSDS in Afghanistan, das braucht keiner.

Und, klar, an seiner finalen Dekonstruktion war Gutti selber schuld, sowieso. Wie andere, die jetzt in den Fokus rücken, weil ihr akademischer Lorbeer wohl nicht blütenrein ist. Etwa die FDP-Europafrau Silvana Koch-Mehrin und ein paar weitere Titelträger. Sicher heult keiner, wenn auch sie demnächst ohne ihren „Dr.“ rumlaufen.

Doch die Art, wie eine selbst ernannte „Schwarmintelligenz“ (eine dieser hübschen, mir immer leicht faschistoid vorkommenden Phantasien der Internetszene) über sie herfällt, diese Art kommt so erbärmlich eifernd rüber, so erbsenzählerisch, korinthenkackend und denunziationsselig, dass es jedenfalls mich gruselt.

Man muss sich mal in diese Community versenken, und es wird einem schlecht, als ginge man durch die Berliner Kanalisation. Etwa http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/WieKannIchHelfen anklicken, um ein Gerüchle von dem wichtigtuerischen Anschwärzwillen zu bekommen, der dort grassiert. Menschen, denen offenbar ein richtiger Job oder ein wahres Leben fehlt, kriegen da die Mütze aufgesetzt. Aufruf an die anonyme Aufklärungswühlmausszene:

„Wir brauchen ganz allgemein Leute die bei Google Books sich einzelne Seiten der Dissertation heraussuchen und dann nach Plagiaten suchen. Wenn ihr etwas gefunden habt, legt bitte einfach hier eure Funde auf der jeweiligen Seite (Silvana Koch-Mehrin, Matthias Pröfrock oder Veronica Saß) ab, nennt die Seite und die Quelle etc.“

Wenn der Blogwart dreimal klickt.

Aus http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/WieKannIchHelfen: „Für die Qualitätssicherung suchen wir Leute, die sich als Sichter bewerben. Sie sollen Guttenberg-2006/xxx prüfen, ob die Quellen stimmen (...) Inzwischen haben hunderte Benutzer viele mögliche Plagiate in das Wiki eingetragen. Jetzt müssen wir diese Plagiate ordentlich dokumentieren und einordnen. Hier bist Du gefragt, möglichst gewissenhaft die gemeldeten Plagiate zu überprüfen. Dazu brauchst Du nur eine oder mehr Stunden Zeit und eine Kopie der Doktorarbeit.“

Das akademische Proletariat und der hilfswillige Nerd vom Dienst: begeistert! Wie kann ich helfen? Was kann ich sichten? Wem kann ich was melden aus dem Arbeitsleben der Anderen? Wie erreiche ich schnellstmöglich meinen Wiki-Führungsoffizier, wenn aus „ersten Verdachtsmomenten“ (Wiki-Sprech) plötzlich „erdrückende Plagiatsbeweise“ werden? Gibt es noch mehr Verbrecher, die gefälscht haben? Jawoll, bin dabei, die Entlarvung dieser Wissenschaftsschädlinge voran zu treiben!

Vorausgesetzt immer, die Zielpersonen sind bei der CSU, der CDU, der FDP in Funktion. Denn wo was mit Wiki draufsteht, wird ja nicht einfach frei in der politischen Landschaft herum denunziert. Schon der Mann, über den Gutti stolperte, war nicht nur irgendein geschockter Akademiker, der zufällig in der Diss des Freiherren geschmökert und darin Schreckliches aufgespürt hatte. Der Jurist Andreas Fischer-Lescano, so heißt der Meisterdetektiv,  ist u.a. Mitgründer des „Instituts Solidarische Moderne“. Ziel seines Vereins: „Erarbeitung von gesellschaftspolitischen Ideen und von Handlungskonzepten im Sinne der allgemeinen und gleichen Menschenrechte und der freiheitlichen Demokratie auf der Grundlage einer sozialpflichtigen und ökologisch nachhaltigen Wirtschaftsordnung zur Anregung und Beeinflussung der öffentlichen Meinungs- und politischen Willensbildung.“ Mit von der Partie sind ausgewiesene Friedens-, Kinder- und Fortschrittsfreunde von Franz Alt bis Andrea Ypsilanti.

Aber arbeitet nicht auch jeder bezahlte Journalist so? Anfangsverdacht gegen einen missliebigen Politiker gesteckt kriegen (aus welcher Ecke auch immer), dann fleißig buddeln, Leute anrufen, das Stück abliefern. Gewiss, so läuft das. Aber selbst eine großenteils ideologisch auf Vordermann ausgerichtete Truppe wie die des „Spiegel“ würde sich wohl nicht scheuen, auch mal die Dissertation eines, sagen wir, Gewerkschafters oder Grünen oder Linken-Politikers zu zerpflücken. So professionell arbeiten die Jungs von der Brandstwiete denn doch. Wenn dabei eine Klappermeldung abfällt.


Dem schwärmenden Internet-Mob hingegen kommt es darauf an, die üblichen Verdächtigen auf den Grill zu legen - Neoliberale, Rechte, Kapitalistenknechte. Doktorarbeiten, deren Titel bereits wie ein Witz klingen (etwa Gregor Gysis „Zur Vervollkommnung des sozialistischen Rechtes im Rechtsverwirklichungsprozeß“) werden Wikizianten keiner genaueren Prüfung unterziehen.

Sehr wahrscheinlich würden sie darin auch keine Plagiate finden.

Nur unglaublichen Quatsch. Und daraus besteht ja, konservativ geschätzt, die Hälfte aller Dissertationen.

 

 

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