Gastautor / 17.12.2016 / 11:05 / 0 / Seite ausdrucken

Faktencheck im Zeitalter der Postfaktizität

Von Josef Bordat.

„Für Journalisten sind Faktenchecks der neue Standard.“ Hm. Da fragt man sich natürlich unweigerlich, was der alte Standard war. Für Journalisten. Ansonsten ist das ein lesenswerter Kommentar von Sonia Mikich (Chefredakteurin des Westdeutschen Rundfunks WDR). Fazit: „Jeder hat das Grundrecht auf eine eigene Meinung. Aber nicht auf eigene Fakten.“ Was natürlich stimmt.

Andererseits sind Meinungen ihrerseits auch subjektive Fakten. Zu meinen, etwas sei der Fall, ist – einmal ausgesprochen – eine diskursive Tatsache.

Wer dann, wie Sonia Mikich, auf die Wahrheit rekurriert, darf nicht vergessen, dass es die seit den 1930er Jahren nicht mehr gibt. Seitdem gibt es „intersubjektive Bestätigungsfähigkeit im Diskurs“. Das ist die Wurzel des Übels, nicht die Fake-News im Facebook. Deren Aussender machen sich den Wegfall der Wahrheit im Denken der Moderne bloß zunutze.

Ich halte von dem Begriff „postfaktisch“ im übrigen nicht viel. Ich fand „postmodern“ schon nicht besonders treffend. Warum finde ich „postfaktisch“ nicht gut? Aus zwei Gründen.

1. Der Begriff beschreibt nichts Neues. Schon der griechische Philosoph Epiktet, ein Vertreter der Stoa, der 50-138 lebte, hatte festgestellt: „Nicht die Tatsachen bestimmen über das Zusammenleben, sondern die Meinungen über die Tatsachen“. Und genau das ist ja das Wesen des postfaktischen Zeitalters, wenn ich es richtig verstanden habe.

2. Er suggeriert eine Differenz von objektiven Fakten und subjektivem Befinden. Das ist sicher richtig und auch gut katholisch, übersieht aber eben doch, dass Gefühle ja auch faktisch wirken, auch Tatsachen sind. Und reale Folgen haben. Also, um an Epiktet bzw. an das, was ich oben bereits schrieb, anzuschließen: auch Meinungen über Tatsachen sind Tatsachen.

Ohne Maßstab kein Instrumentarium

Ganz so einfach werden wir also zur geprüften Faktizität nicht zurückgelangen. Zumindest dann nicht, wenn wir die Wahrheit weiterhin ausklammern, die Suche nach ihr für ein privates, gleichwohl sinnloses Vergnügen halten und jeden diskursiven Bezug auf Wahrheit unter Fundamentalismusverdacht stellen. Man kann nicht zur gleichen Zeit die Fahne der Beliebigkeit hochhalten und alles für gleich gültig erachten, und sich darüber beschweren, dass einige damit ernst machen und ihren Schwachsinn als des Pudels Kern verkaufen.

Wenn es jenseits des Textes nichts geben soll und auch die großen Erzählungen, aus denen sich Grundlagen für den Diskurs gewinnen ließen, nicht mehr zählen, dann müssen wir wohl damit leben, dass sich wahre und falsche diskursive Tatsachen im Netz tummeln und um Mehrheiten ringen. Das müssen wir hinnehmen. Schon deshalb, weil wir für wahr und falsch den Maßstab verloren haben und damit gar kein Instrumentarium mehr besitzen, um zur Wahrheit durchzudringen. Denn dazu braucht es mehr als den Text.

Wenn es dabei jedoch bleiben soll – und ein Zurück zur Wahrheit, über die man vernünftigerweise nicht diskutieren kann beziehungsweise soll, ist kaum vorstellbar –, so kommt es am Ende doch darauf an, wem man im Diskurs vertraut. Schade, dass dies in Sonia Mikichs Kommentar nur im negativen Modus angesprochen wird: als „Skepsis“.

Josef Bordat ist Philosoph und bloggt auf jobo72.wordpress.com

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