Gastautor / 27.11.2022 / 16:00 / Foto: Tim Maxeiner / 10 / Seite ausdrucken

Faktencheck: Des Kaisers neue Kleider

Von Michael Seeber.

Kaum ein sogenanntes Märchen eines selbsternannten Dichters sorgt aufgrund seiner fragwürdigen Message für manipulative Diskussionen wie die Geschichte von „Des Kaisers neuen Kleidern“. Wer Geschichten für Kinder schreibt, sollte auch dazu qualifiziert sein. Endlich entlarven hier Faktenchecker die falsche Moral, die seit der Erstausgabe des Märchens gelehrt wird.

Nach herkömmlicher Lesart handelt die Geschichte – stark gerafft – von zwei innovativen Webern, die dem Kaiser für angeblich teures Geld neuartige Textilien herstellen, welche jedoch bei ihrer erstmaligen öffentlichen Präsentation durch den Ausruf eines Kindes als inexistent gebrandmarkt werden; seither gilt das nicht kontextualisierte Zitat „Der Kaiser ist ja nackt!“ (ein literarisch verbürgter Fall früher Hatespeech, Resultat fehlender language compliance) unter Kleidungsleugnern als Schlachtruf und Geheimcode zugleich. Was ist dran an dieser Geschichte?

Zunächst: Die Weber bekamen für ihre Arbeit reichen Lohn. Aber würden sie tatsächlich viel Geld bekommen haben, wenn sie nichts geleistet hätten? Aufgrund des hier zitierten Märchens müssen nun Stiftungen, Parteien und gewisse Uni-Institute bis in die Gegenwart mit dem Vorwurf kämpfen, dass sie viel Geld bekämen und nichts leisten würden. Aber: Was viel kostet, muss doch auch viel wert sein! Man sieht also schon an diesem Detail, dass das gesamte Narrativ vom angeblich nackten Kaiser ganz einfach falsch sein muss.

Außerdem erhebt das Märchen den Manipulationsvorwurf, dass die Weber Kaiser und Hofstaat nur glauben gemacht hätten, Kleider zu sehen, indem die Weber ihnen eingeredet hätten, dass dumme Menschen die neuartigen Textilien nicht sehen könnten, folglich hätten Kaiser und Hofstaat, indem sie nicht als dumm gelten wollten, dieser Suggestion folgend Dinge zu sehen vorgegeben, die es gar nicht gegeben habe. Sofern Sie dieser Gedankenkette folgen können, werden Sie, da Sie ja nicht dumm sind, sofort erkennen, dass hier eine weitere manipulative Interpretation von den Tatsachen ablenken soll. Vielmehr ist es ja umgekehrt: Wir sind täglich mit dummen Menschen konfrontiert, die angeblich Dinge sehen, die es aber gar nicht gibt (Messermorde im Namen des Propheten, Nebenwirkungen angeblich experimenteller Therapeutika usw.).

Nur ein Kind tätigte den Ausspruch

Mit Kaiser und Hofstaat meinen diejenigen, die das Märchen für vordergründige, tagespolitische Zwecke missbrauchen, natürlich politische Führungskräfte auf höheren und höchsten Ebenen. Und auch dadurch entlarvt sich die fragwürdige Moral des Märchens als falsch. Denn es mag zwar sein, dass früher einmal Kaiser und Könige irrten, aber demokratisch mehr oder weniger gewählte Repräsentant*Innen irren nie (außer Donald Trump), wie Ihnen die Leitmedien seit den ersten Tagen der Prawda immer wieder bestätigen.

Und: Wer tätigte laut Märchen den Fake-News-Ausruf „Der Kaiser ist ja nackt!“? Ein Kind. Klar: Damals gab es keine Kitas und kindgerechte Informationsprogramme, die den Kids dabei halfen, die Welt richtig zu sehen. So konnte es damals passieren, dass Kinder Querdenker-Thesen, die sie zuhause in hetero-binären Verhältnissen (Mutter und Vater als Identifikationsfiguren!) aufgeschnappt hatten, einfach nachschwurbelten.

Es zählt außerdem natürlich schon lange zu den reaktionär-manipulativen Tricks, Zitaten durch falschen Kontext einen anderen (falschen) Sinn zu geben. Beim Zitat „Der Kaiser ist ja nackt!“ handelt es sich nach der gängigen Lesart „um den Ausruf eines Kindes“. Richtig gelesen handelt es sich aber nur um den Ausruf eines Kindes. Also um eine Mindermeinung. Die Mehrheit sah ja doch die neuen Kleider, und die Mehrheit hat eben recht.

Der verbreitete Text ist somit eine komplette Falschbehauptung.

Fazit: Die „traditionelle“ Interpretation des genannten Märchens ist eindeutig verschwörungsreaktionäre Desinformationshatespeech von querschwurbelnden Fakenewstheoretikern mit Aluhut und ist hiermit widerlegt. 

Lesen Sie in der nächsten Ausgabe: Soziale Konstrukte – Warum Sie sich Ihr Geschlechtsteil tatsächlich nur einbilden.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog des Autors.

 

Michael Seeber ist Rechtsanwalt in Österreich, schreibt in seinem Blog gelegentlich u.a. über die heimische Covid-19-Rechtspraxis und sammelt alte Filme.

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost

netiquette:

Gerhard Hotz / 28.11.2022

Eine andere (tiefenpsychologische) Interpretation dieses Märchens stammt von Erich Fromm: “Die Geschichte befasst sich mit unserer Bereitschaft, an die eingebildeten wunderbaren Eigenschaften von Autoritätspersonen zu glauben, und unserer Unfähigkeit, ihr wahres Format zu erkennen. Das Kind, das noch nicht von dieser Ehrfurcht vor der Autorität durchdrungen ist, kann allein sehen, dass der Kaiser nackt ist und keine unsichtbaren Kleider trägt. Alle anderen, die unter der unausgesprochenen Drohung stehen, dass sie nicht zu den Guten und Treuen gehörten, wenn sie die Kleider nicht sähen, unterliegen dieser Suggestion und glauben, sie sähen etwas, das ihre Augen unmöglich sehen können. Das Märchen handelt von der Entlarvung der irrationalen Ansprüche von Autoritätspersonen.” (zitiert aus: Erich Fromm: “Märchen, Mythen, Träume: Eine Einführung in das Verständnis einer vergessenen Sprache”).

Daniel Kirchner / 27.11.2022

@Luhmann - Greta ist von den Webern bestellt und bewundert die prächtigen Gewänder. Das aufmüpfige Kind wird rasch von der Entourage entfernt.

Sam Lowry / 27.11.2022

Faktencheck “Impfnebenwirkungen”: “Plötzlicher Herztod, Schlaganfall, Demenz - Die unheimlichen Spätfolgen einer längst vergessenen Coronainfektion” (Spei-Gel). Wenn es im Spei-Gel steht (hinter Bezahlschranke), dann MUSS es einfach so sein. Das Spei-Gel lügt NIE!

Ulla Schneider / 27.11.2022

F A B E L H A FT E Interpretation !!!!

Helmut Steinig / 27.11.2022

Man stelle sich vor,  Ricarda Lang, die Kaiserin der Grünen, (alterrnativ Claudia Roth, Renate Künast ,Katrin Göring, Fancie Naeser, Angelique Merkel,,...) würden ähnlich wie der Kaiser damals neu ausstaffiert werden sollen. Die Dummheit der Zuschauer ist ja nun durch diese Personen hinreichend belegt, da mach einer aus dem staunenden Publikum nicht so recht glaubt, dass das Abschaltung von Kraftwerken , besonders in der langen Winternacht, vom Nachtsonnenschein ausgeglichen wird, das Zerhacken der Sprache gegen Diskriminierung wirkt und die Suche nach fünfundsechzig Geschlechtern, nachdem zwei gefunden sind, weitergeführt werden sollte. Was aber würde das erschrockene Kind ausrufen, wenn es die Ricarda im kompletten Transparenz-Köstum auf der Bühne sehen würden.  Mit “Ricada ist dünn”  würde sich das Kind sicher nicht zufrieden geben. Wir sollten an dieser Stelle mal den Märchenonkel Robert ranlassen, der ja schon dunkle Abende nach Stromausfall beschrieben hat und sicher auch spannend schildern kann, wie sich die Ricarda im Adamskostüm so macht. Sprachliche und sachliche Ungenauigkeiten, die dem Robert immer mal wieder unterlaufen, seien schon im Voraus verziehen.

Peter Zinga / 27.11.2022

” Richtig gelesen handelt es sich aber nur um den Ausruf eines Kindes. Also um eine Mindermeinung. Die Mehrheit sah ja doch die neuen Kleider, und die Mehrheit hat eben recht.” Kamm ein Märchen eine Wirklichkeit abbilden? Die heutige?! Nicht nur in Deutschland?!

Dr. Joachim Lucas / 27.11.2022

“Hans im Glück” ist auch so ein Märchen. Die Moral der Geschichte ist ja nicht Hansens Dummheit, mit der er sich Stück für Stück in die Armut tauscht. Nein, vielmehr bedeutet, dass wir Menschen all unsere Goldklumpen in ganz tolle Targetsalden tauschen, alle damit auf unseren Deckel saufen lassen und alles bis auf ein Hemd verschenken an andere Länder bis wir mit Klaus Schwab gesprochen alle ganz dolle glücklich sind. Also ist auch dieses Märchen perfide Kapitalistenpropaganda über die menschliche ökonomische Dummheit. Heißt ja auch deswegen “Hans im Glück”.

Wilfried Cremer / 27.11.2022

Guten Abend Herr Seeber, waren Sie nicht früher der Chauffeur von Helmut Kohl? Und auch dabei, als der mit Jelzin in der Sauna war? Sie schreiben sich da wohl was von der Seele.

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