Facebooks Libra: Viele spielen Kassandra

Politiker, Fachleute, Banker und alle sich dazu berufen fühlenden Warner haben ein Lieblingsthema gefunden: die angekündigte neue Währung Libra. Es werden Bedenken über Bedenken gestapelt; abgehandelt, wie gefährlich und unnütz sie sein könnte.

Ausbau seiner marktbeherrschenden Stellung, Dominanz auf dem Finanzmarkt, damit ebenfalls „too big to fail“. Staat und Gesellschaft könnten von Facebook erpresst werden, Regulierungen müssten her. Zudem sei die Libra gar keine Kryptowährung, also nach der fälschungssicheren Technologie der Blockchain aufgebaut, das Herausgeberkonsortium in Genf nur eine Alibiübung, um Facebook zu verstecken. Dann habe der Konzern oft genug gezeigt, wie er mit den Daten seiner Nutzer umgeht, wie er sie nicht schützen kann. Und schließlich sei Libra sicherlich eine weitere Möglichkeit für Terrorfinanzierung und Steuerhinterziehung.

Man könnte also meinen, hinter dem bubihaften Gesicht von Mark Zuckerberg verstecke sich der Leibhaftige, der mit Mammon die Menschen verführen will, zur dunklen Seite der Macht, wozu sonst. Ist das so?

Großbanken wollen ihre Privilegien schützen

Ziehen wir mal die Eigeninteressen aus der langen Liste der Bedenken ab. Wer einen Markt beherrscht wie die großen Finanzhäuser mit ihren Überweisungsplattformen Swift oder Sepa, will das Monopol behalten und warnt vor einem Konkurrenten, der wolle nur den Markt beherrschen.

Wer bereits „too big to fail“ ist wie alle systemrelevanten Großbanken auf der Welt, will auch in diesem Club natürlich keinen Neuzugang. Denn schließlich soll die Möglichkeit dieser Finanzhäuser, Staat und Gesellschaft zu erpressen, wie sie es in der Finanzkrise einst taten, deren exklusives Recht bleiben.

Bitcoin und andere Blockchain-Währungen haben diese Technologie etwas in Verruf gebracht. Aber unbestreitbar ist Blockchain die größte Entwicklung seit dem Internet. Denn Blockchains machen den Mittelsmann und den Garanten überflüssig. Das sehen Finanzdienstleister und Staaten sehr ungern. Also kritisieren sie Libra entweder als weitere Kryptowährung oder als normale Realwährung. Je nachdem, was gerade bessere Argumente liefert.

Kriminelle brauchen kein Libra

Die meisten Konsortien in der internationalen Finanzwelt sind Dunkelkammern. Und mehr als anfällig für Manipulationen. Selbst der Heilige Gral des Geldwesens, der Libor-Zinssatz, wurde von den ihn bestimmenden Banken manipuliert. Die ISDA, die den internationalen Zahlungsverkehr zwischen Banken regelt, ist eine US-Behörde, die im Steuerstreit damit drohte, Banken den Stecker zu ziehen, indem sie keine durch die ISDA formalisierten Interbanking-Geschäfte mehr machen könnten. Das „Global Forum“, das Länder auf schwarze, graue oder weiße Listen setzt, ist eine absolut undemokratisch zusammengesetzte Organisation. Und so weiter. Ob das Libra-Konsortium etwas Ähnliches wird, steht noch in den Sternen. Etwas Neues wäre es dann nicht.

Wirklich lachhaft wird es, wenn geunkt wird, dass bei Libra die Datensicherheit nicht gewährleistet sein könnte. Oder die Daten missbraucht würden. Das sagen Finanzdienstleister und Staaten, die den Handel mit Kundendaten geradezu zu einem blühenden Geschäft gemacht haben. Finanzdienstleister, indem sie nicht in der Lage sind, ihre Kundendaten auch gegen primitivste Raubzüge zu schützen. Staaten, indem sie den Verkäufer dieser Hehlerware belohnen, weil sie so mehr Steuersubstrat eintreiben können. Auch das Financial Stability Board (FSB) meldet sich zu Wort. Eine weitere Dunkelkammer der G20, die „Empfehlungen“ ausspricht. Wenn Libra tatsächlich komme, müsse man das dann ganz genau überprüfen, sagt der FSB-Präsident, der noch nie einen der bisherigen Finanzakteure genauer geprüft hat.

Und schließlich die Terrorfinanzierung und die Steuerhinterziehung. Bislang haben alle Datenleaks von Firmen, die Finanzkonstrukte auf kleinen Inseln oder in Panama anbieten, gezeigt, dass solche Vorwürfe erhoben werden, um unliebsame Konkurrenten zu verdrängen. Denn nicht nur stellte sich regelmäßig heraus, dass diese Konstrukte vergleichsweise blütenweiß sind, sondern dass die wahren Steueroasen und Geldwaschmaschinen, die in den USA, in England, in Deutschland, Frankreich und Spanien stehen, nicht tangiert wurden.

Also kann man auch hier sagen, dass die bisherigen Marktteilnehmer, die die Finanzflüsse der Unterwelt regulieren, keine Konkurrenz wollen. Und das ist ein Riesenmarkt, der Anteil krimineller Gelder am Weltbruttosozialprodukt von 85 Billionen Dollar wird auf über 5 Prozent geschätzt. Das wären 4,25 Billionen (4.250.000.000.000) Dollar im Jahr, die durch Drogenhandel, Zwangsprostitution, Menschenhandel, Erpressungen und so weiter umgesetzt werden. Und diese gewaltigen Summen, die natürlich nicht einfach in Cash bewegt werden können, finden ihren Weg durch das aktuelle Finanzsystem, ohne Libra.

Kritik aus weniger edlen Motiven

Zusammenfassung: Bislang wurde noch keine einzige Kritik geäußert, bei der sich der Absender nicht durch klares Eigeninteresse fragwürdig macht. Das heißt natürlich nicht, dass die Libra problemlos eine neue Weltwährung wird. Vielleicht wird sie auch ein Flop. Aber alleine eine Verbilligung des Zahlungsverkehrs, der sich im heutigen Finanzsystem beispielsweise in Europa mit einer Geschwindigkeit abspielt, die schon im Zeitalter der Postkutschen erreicht worden war, ein Ende der Abzockerei von Menschen, die kein Konto haben, das alleine wäre schon ein schöner Schritt in die richtige Richtung.

Der Widerstand des vorhandenen Finanzsystems ist verständlich. Ebenso der Widerstand der Staaten. Verlumpt wie sie sind, wollen sie den finanziell gläsernen Bürger, der sich auch durch die Flucht ins Ausland – dank FATCA und AIA – seiner Steuerpflicht per Pass nicht entziehen kann. Notfalls kann diese Pflicht auch zur Enteignung werden, wobei der Entzug des heute lebenswichtigen Passes ein starkes Argument ist, sich seiner Vermögenswerte entledigen zu müssen. Wenn aber Vermögenswerte – aus edlen oder weniger edlen Motiven – dem Zugriff des Staates entzogen werden können und er daran auch nichts verdienen kann, wenn es sich um ausländische Gelder handelt, dann ist er natürlich dafür, eine neue Währung zu Tode zu regulieren. Hinter dem Banner der Steuergerechtigkeit und dem Feldzug gegen Steuerhinterzieher verbergen sich meist entschieden weniger edle Motive.

Schließlich gibt es noch die professionellen Bedenkenträger; Datenschützer, Finanzwissenschaftler, Professoren, Think Tanks und Berater, die sich ebenfalls aus edlen oder weniger edlen Motiven in die Debatte einbringen. Aus echter Besorgnis oder um für sich selbst eine Scheibe der beiden wichtigsten Währungen der Welt abzuschneiden: Geld und Aufmerksamkeit. Also warten wir mal ab. Und warten wir auf das erste Argument mit Hand und Fuß, wieso Libra des Teufels sei.

China hat schon längst ein eigenes Libra

Wenn es aber den versammelten Bedenkenträgern und Gegnern einer neuen Währung von Facebook gelingen sollte, ihr so viele Knüppel zwischen die Beine zu werfen, dass sie nicht, wie geplant, nächstes Jahr in einer Testphase beginnt, was geschieht dann? Ist die Welt vor dem Zugriff Zuckerbergs und seiner Datenkraken gerettet?

Im Prinzip ja. Aber: Besser wird die Welt dadurch nicht. Dazu ein paar Zahlen. Amazon ist der größte westliche Onlinehändler. Er hat weltweit rund 300 Millionen aktive Nutzer. Darüber kann der chinesische Platzhirsch Alibaba nur mitleidig grinsen. 700 Millionen aktive Nutzer. Alibaba hat schon längst, was Facebook gerade entwickeln will. Einen eigenen Bezahldienst. 520 Millionen Nutzer. Geht’s noch größer? Locker, die Plattform WeChat mit ihrem Bezahlsystem Tencent. 800 Millionen Nutzer. Jeden Monat.

Aber das ist noch nicht alles. Diese Plattformen sind amerikanischen oder europäischen Diensten Welten voraus. Und Welten in sich selbst. Nicht zuletzt deswegen, weil Datenschutz in China wirklich ein Fremdwort ist. Daraus entsteht die absurde Situation, der Treppenwitz der Geschichte: Sollte es gelingen, Facebooks Währung zur Totgeburt zu machen – dann kommen die Riesenplattformen aus China und übernehmen den Markt auch in Europa. So gesehen: dann vielleicht doch lieber Zuckerberg? Obwohl leicht autistisch veranlagt, hat der immerhin eine Sozialisation in den USA erlebt. Wo die Freiheitsgrade, Menschenrechte und andere Kleinigkeiten doch eine etwas größere Rolle spielen als in China.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Leserpost

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S. v. Belino / 29.06.2019

Sehr gut analysiert. Danke. - Es bahnt sich wohl ein ebenso spannendes wie verbittertes Tauziehen um die Vorherrschaft auf dem globalen Finanzmarkt an. Allerdings klingt “Libra” ebenso verführerisch nach Ausgewogenheit wie auch nach deutlich mehr Freiheit. Insofern ist der Name der neuen Währung sehr klug gewählt. Selbst wenn der durch den Namen gezielt vermittelte Eindruck die Realität letztlich nicht abbilden wird. Ausgewogenheit und Freiheit sind Wunschvorstellungen (gerade in dieser Kombination), und sie werden dies immer bleiben. Auch und gerade auf dem globalen Finanzmarkt. Also abwarten, wie die Sache weitergeht. Wenn die Bauchschmerzen, welche die westliche Welt jüngst im Zusammenhang mit den Aspirationen von Huawei plagten, als Indikator gelten dürfen, muss man annehmen, dass man es im Westen tatsächlich als “irgendwie doch sicherer” betrachten wird, sich “finanz- und währungstechnisch”  einem Mark Zuckerberg & Co. anzuvertrauen, als sich in - vielleicht gar noch unwägbarere - Abhängigkeit der fernöstlichen Konkurrenz zu begeben.

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