Erich Wiedemann / 30.03.2018 / 12:00 / Foto: Pixabay / 7 / Seite ausdrucken

Facebook: Viel nichts passiert

Ich bin beliebt. Ich habe 428 Freunde. Das hat mir Facebook vergangene Woche mitgeteilt. Seit ich dort User bin, ersaufe ich in Freundschaften.

Knapp jeder zweite ist mir namentlich bekannt. Einige stammen aus alten Seilschaften. Es sind auch welche darunter, vor denen ich auf die andere Straßenseite ausweiche, wenn ich ihnen im Ort begegne. Rätselhaft, wie ich zu deren Sympathieadressen komme. Aber es hilft nichts. Bei Facebook muss man die Freunde nehmen, wie sie kommen.

Ich werde täglich mit neuen News überschüttet. Immer mit demselben pompösen Einstieg: „Seit deinem (warum duzen die mich eigentlich) letzten Besuch ist viel passiert.“ Und dann kommt ein Sturzbach von Banalitäten, Fotos und Freundschaftsanträgen. In Wirklichkeit ist nie was passiert.

Auf meiner Friendship-Liste stehen auch Promis. Zum Beispiel mein früherer Chefredakteur Stefan Aust. Ich habe ihn gleich nach Erhalt der frohen Botschaft angemailt. Was wir denn nun mit der neuen Freundschaft anfangen sollten. Er hat nicht geantwortet. Ich meine daraus ersehen zu haben, dass unser Verhältnis noch immer so schlecht ist wie damals, als er mir sagte, ich hätte ihn in einem Cicero-Interview in die Pfanne gehauen, und er würde mit mir kein Bier mehr trinken.

Was machen diese Zinker mit meinen Mails?

Und nun also der sogenannte Facebook-Skandal. Die Datenanalyse-Gesellschaft Cambridge Analytica, Sitz New York City, soll sich 50 Millionen Datensätze erschlichen und zur gefälligen Verwendung an Donald Trumps Wahlkampfteam weitergereicht haben. Wenn es so war, dann ist es unerhört. Ich bin zwar Trump-Fan. Aber das geht mir auch zu weit.

Nur, ich frage mich auch, was haben die damit gemacht, mit meinen Mails, diese abgefeimten Zinker? Ja, und da hakt es schon. Geschätzte 90 Prozent der Facebook-Mails sind so trivialen Inhalts, dass man sie am besten gleich wegklickt. Herzliche Grüße, Wie geht es dir? Mir geht es gut. Vielfach mit allerlei englischen Imponiervokabeln verbrämt und einem „Like“ oder einem doofen Emoji dahinter. Nachrichtenwert gleich null.

Es ist Kommunikation für die Primitiven. Die Botschaften in der Keilschrift der Sumerer waren anspruchsvoller als die der digitalen Plattformen (mit Betonung auf „platt“). Soziologieprofessor Rudolf Richter hat in seiner „Analyse sozialer Interaktionsformen“ festgehalten, dass viel weniger Leute mit Abitur Facebook nutzen als Leute ohne Abitur. Ein Lichtblick?

Die Zeitungen und die Blogs toben

Was kann man überhaupt Arglistiges mit so einem arglosen Medium anstellen? Welchen Nutzen kann ein Präsidentschaftskandidat in Amerika aus der Kenntnis ziehen, dass ein App-Nutzer wie ich, den er nicht kennt, einem anderen, den er auch nicht kennt, schöne Grüße schickt? Und was die Ausländer unter den weltweit fast zwei Milliarden Usern, die in den USA eh nicht wählen dürfen, von Trump halten, kann Trump doch sowieso egal sein. 

Trotzdem, die Printzeitungen und die Blogs haben getobt. „Facebook zähmen“, schlagzeilte „Focus“. Der notorische Brandbeschleuniger Georg Diez menetekelte auf „Spiegel online“: „Facebook ist eine Gefahr für die Demokratie.“ Größter Skandal in der Digitalgeschichte, meldete die „Süddeutsche“ mit dickem Hals. Cambrige Analytica wolle die Gesellschaft radikalisieren. Das System verleite die Deutschen dazu, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollten. Ja, sind die denn ein Volk von Debilen?

Wenn es denn vorwiegend Fake News gewesen wären, die dabei verbreitet wurden, könnte man die Aufregung vielleicht verstehen. Doch davon ist nicht die Rede. Nur, im Zusammenhang mit Trump wird gleich alles zum Skandal.  

Die Affäre ist eine Pseudoaffäre

Tatsächlich sind die Storys über den millionenfachen Missbrauch "nutzerspezifischer Daten" so nichtssagend wie die ganze Anklage. Sie geben auf die entscheidenden Fragen keine Antwort. Es darf deshalb geargwöhnt werden, dass es sich nicht um eine Affäre handelt, sondern um eine Pseudoaffäre. Ein Skandal bezeichnet ein Aufsehen erregendes Ärgernis und die damit zusammenhängenden Ereignisse oder Verhaltensweisen. Die Sache hat zwar Aufsehen erregt, aber nicht wirklich Ärgernis.

Inzwischen drohen Konzerne mit Werbeboykott. Der Tesla-Hexer Elon Musk hat seine Seite bei Facebook gelöscht, ebenso Hamburgs Justizsenator Till Steffen von den Grünen und viele tausend andere auch. Sie sind jetzt gottlob sicher. Niemand weiß so recht, wovor.

Firmen-Cheflobbyist Richard Allan aus Dublin musste dieser Tage bei der deutschen Justizministerin Katarina Barley zum Rapport antreten. Sie sagte hinterher, es sei schwierig gewesen, mit Mr. Allan zu reden. Ob sie verstanden hat, warum sie ihn überhaupt einbestellt hatte? Dabei hat sich Facebook mit seinen Zensurallüren dem bisherigen Justizminister Heiko Maas gegenüber ja durchaus kooperativ gezeigt.

Die EU-Kommission gab Netzwerkmogul Mark Zuckerberg zwei Wochen Frist, um Fragen zu beantworten. Welche Fragen, das sagte sie nicht. Sie will schon im Mai mit einer „Datenschutzgrundverordnung“ auf die Affäre reagieren. Was drinstehen soll, das weiß sie auch noch nicht

Ein Datenkrake der weniger sympathischen Art

Was nicht heißt, dass Facebook nicht öfter mal danebengegriffen hätte. Zuckerberg hat sich erstmal artig, aber unverbindlich entschuldigt. Und es käme nicht wieder vor.

Was ist denn nun wirklich vorgekommen? Facebook ist ein hocheffizienter Datenkrake der weniger sympathischen Art, das ist wahr, Mag sein, dass die Firma sich über die Interessen seiner Klientel hinweggesetzt hat. Aber die Art seiner Verfehlungen ist schwer zu definieren.

So sind sie, die Oligarchen aus Silicon Valley. Sie sind so leicht nicht zu fassen. ''Man ist libertär eingestellt gegen den Staat“, erklärte Facebook-Ex-Manager Garcia Martinez aus gegebenem Anlass. Das war kein Lob und kein Tadel. Er wollte wohl sagen, dass da irgendwie gekungelt wurde, aber nicht in böser Absicht. Kurzum: ein Sturm im Wasserglas, um nicht zu sagen, in den Echokammern?

Nicht wegen des allgemeinen Protestlamentos, sondern wegen der damit verbundenen nervtötenden Belanglosigkeiten würde ich meinen Facebook-Account auch gern  auflösen. Aber ich weiß nicht, wie es geht. Um über Facebook zu kommunizieren, kommt man mit einem Intelligenzquotienten von 70 aus. Zum Löschen braucht man aber offenbar über hundert. Und die habe ich nicht. 

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Leserpost

netiquette:

Stephan Lüno / 30.03.2018

Ich weiß gar nicht mehr wie viele Accounts ich im Laufe der Jahre bei Facebook erstellt habe, zur Zeit nutze ich jedenfalls zwei aber nicht sehr oft, hab absolut kein Problem die öfters mal zu ignorieren, mich nicht zu presentieren oder mitzuteilen und ständig analysierbar zu machen. Manche vergessen anscheinend Ihre eigenen Interessen und Meinungen und werden zum Algorithmus in Person was eigentlich der Errungenschaft des Internets überhaupt nicht gerecht wird!

Karla Kuhn / 30.03.2018

Gehen Sie in einen Computer- Laden, oh Verzeihung, das heißt doch Shop und lassen ihn löschen.

Emmanuel Precht / 30.03.2018

Zum deaktivieren geht man ins Goggele und goggelet “facebook account löschen link”. Dann sucht man sich einen der ergoggeleten Verweise (links) aus und schon wird die Schritt für Schritt Betriebsanleitung zum Löschen angezeigt. Das kann sogar ich, der nie eine Anmeldung in der “Stasiakte zum selbermachen” hatte. Und da ich das nie hatte, finde ich unter meinem Namen auch fast keine Spuren bei Goggele ;OP Na dann, wohlan…

Frank Stricker / 30.03.2018

Lieber Herr Wiedemann, ihre erfrischend direkte Art mit Platitüden umzugehen fällt angenehm auf. Ich halte Facebook auch für deutlich überbewertet, Freundschaften bzw. Kontakte jeglicher Art führt man nicht im “öffentlichen Raum” ,  um eben auch die eigene ,  sowohl auch die Privatspähre des Gegenüber zu schützen. Dieses Prahlen mit angeblichen Freunden bzw. Likes mag vielleicht für exibitionistisch veranlagte Personen von Bedeutung sein. Es interessiert mich auch herzlich wenig wenn ein ehemaliger Klassenkamerad gestern einen versalzenen Schweinsbraten im Restaurant “zum röhrenden Hirsch” zu sich genommen hat.  Natürlich leben die Datenkraken Facebook oder Google von der freizügigen Datenfreigabe ihrer Nutzer , aber die meisten Dinge sind so relevant wie das Hornberger Schießen.

Manfred Haferburg / 30.03.2018

Lieber Erich Wiedemann, ich stimme vollumfänglich Ihrer Meinung zu, dass die Facebookaffäre eher eine Fakebookaffäre ist, ein Orkan im deutschen Wasserglas, der viel mit dem Trump-Tourettsyndrom der Journalisten zu tun hat. Den Facebook-Account brauchen Sie noch, um mal nachzusehen, was die Facebooker und ihre “Freunde” so zu Ihren Achse-Beiträgen schreiben. Das kann ganz erhellend und amüsant sein. Ich bezweifle ein Wenig, dass auf Facebook mehr Schwachköpfe unterwegs sind, als einem so im Leben begegnen, dafür aber gibt es durchaus helle Geister mit Witz und klugen Ideen. Und zu guter Letzt: wollen wir nicht Facebookfreunde werden?

Uta Buhr / 30.03.2018

Ein prachtvoll ironischer Artikel - und in allen Details so wahr!. Danke, lieber Autor. Auch ich bekomme jeden Tag X Freundschaftsanfragen von Leuten, die ich nicht kenne und von denen ich viele sicherlich auch nicht kennen lernen möchte. Die auf Facebook verbreiteten Eitelkeiten und Banalitäten gehen mir buchstäblich am verlängerten Rücken vorbei - um das böse A-Wort nicht zu benutzen. Was interessiert es mich, dass X,  Y oder Z seinen/ihren Status aktualisiert hat. Weil es mir, lieber Herr Wiedemann, trotz Studiums nicht möglich ist, meinen Account bei FB zu löschen, ignoriere ich die täglichen “news”  und Anfragen schlicht. Hat nicht irgendwer dieses Medium einmal “Fratzenbuch” genannt? Eine Bezeichnung,  die mir gut gefällt.

Jürgen Grandeit / 30.03.2018

Hallo Herr Wiedemann, geben Sie in die Suchmaschine doch einmal Folgendes ein: “Facebook Account löschen” Viel Spaß bei der Schritt für Schritt Anleitung!

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