Fabian Nicolay / 19.11.2009 / 15:28 / 0 / Seite ausdrucken

Fabian Nicolay: Leben mit und ohne Standards (2)

Das waren Zeiten, als man für “Made in Germany” noch bewunderndes Kopfnicken einheimste. Die Marke war geradezu ein Schutzschild im Umgang mit unbequemen Denkmustern, die sich auch beim wohlwollenden Ausland bezüglich der jüngeren Geschichte festgesetzt hatten. “Made in Germany” konnte auf technischem Wege ein verlässliches Renommee darstellen, das moralisch unwiederbringlich in Scherben lag. Produkte, die dieses Label trugen, hatten den Nimbus der Unfehlbarkeit.

Mit “Made in Germany” sieht es heute nicht mehr so gut aus, weil die Priorität “Güte” der Priorität “Menge” weichen musste, oder es einfach nicht mehr gelingt, Gutes teuer zu verkaufen. Könnte man meinen. Trotzdem halten die Deutschen an diesem System institutionalisierten Besserwissertums fest – und im Ausland kauft man ihnen das ab. Leider handelt es sich hier um Nischenprodukte wie Umwelttechnik, Sicherheits-Standards und zertifizierte Prüfverfahren, Risikofolgenabschätzung oder Bewertung von Planungssicherheit sowie Mahnwesen oder Steuergesetzgebung.

Die Sicherheit von Lebensmitteln wird noch gerne in deutsche Hände gegeben. Also werden die Wasser des Himalaya vom deutschen Institut Fresenius zertifiziert. Natürlich nur, wenn sie an der Quelle in Flaschen abgefüllt wurden. Die wirklich epochale Aufgabe wäre ja beispielsweise, den großen Fluss der Inder, den Ganges, wieder sauber zu bekommen. (Denn im Wiederherstellen nationaler Flussdenkmäler sind die Deutschen auch noch Weltmeister.) Leider wollen die Inder das noch nicht einsehen.

Wir begnügen uns mit der Gewissheit, dass deutsche Gründlichkeit auf Einweg-Wasserflaschen zu finden ist: In Form eines Prüf-Instituts und eines Recycling-Emblems. Das allerdings steht im Widerspruch zu einem darunter befindlichen Hinweis: Nach Entleerung solle man die Flasche zerknüllen, um zu verhindern, dass die Flasche mit schlechtem Leitungswasser befüllt erneut ihren Weg in die Straßenshops findet. Es ist doch klar, welchem Rat der Inder in diesem Fall folgt. Recycling geht immer vor Kaputtmachen, das ist doch ein deutsches Mantra. Oder habe ich da etwas missverstanden?

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